Appell an die Denker im Gesundheitswesen

07.02.2011
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Logo-verkleinert.jpgEiner ist schlauer als der andere

In der Politik hagelt es Vorschläge, wie dem Ärztemangel begegnet werden soll. An sich ist Einfallsreichtum in der politischen Führung nichts Verkehrtes, aber was im Moment an Ideen geliefert wird, ist ein Armutszeugnis. Wenn es noch eines Nachweises bedurft hätte, warum es im deutschen Gesundheitswesen hakt und klemmt, dann sind es die derzeitigen Pressemitteilungen aus den Reihen der Gesundheitspolitiker und Krankenkassenmanager.

Da will ein Minister lange Wartezeiten auf einen Termin einfach verbieten, ein Krankenkassenmanager will die Enteignung von Praxisinhabern in überversorgten Gebieten, ein Abgeordneter will das Bevorzugen von Privatpatienten drakonisch bestrafen.

Das klingt so, als wollte man den Sonnenaufgang befehlen, wenn es zu lange dunkel ist. Oder will man alte Planwirtschaftsspiele, wie seinerzeit im Kombinat Schwarze Pumpe wieder aufleben lassen? Gescheiterte Wirtschaftsprinzipien werden nicht dadurch besser, dass ihr Scheitern schon lange zurückliegt.

Wie wär‘s mal mit Konstruktion statt mit Destruktion?

Wie wär‘s mal mit Steinen wegräumen, statt immer neue in den Weg zu legen?

Wer anderen Steine in den Weg legt, muss sich nicht wundern, wenn der andere neue Wege sucht und findet.

Im deutschen Gesundheitswesen führen diese neuen Wege der Jung-Mediziner eben nicht in Hausarztpraxen aufs Land oder in die Kleinstadt. Das liegt nicht daran, dass diese Wege zu wenig befohlen würden. Das liegt auch nicht nur daran, dass zu wenig Geld verdient wird. Im Gegenteil - ich behaupte auf dem Land lässt sich als Hausarzt mehr verdienen als in der Stadt.

Es liegt an den Steinen, die im Weg liegen, sagen wir besser an den Felsbrocken. Endlose Vorschriften, hanebüchene Bürokratie, nur eines ist beständig, die Honorarunsicherheit. Es wird gedroht und reglementiert, was das Zeug hält, mit Regressen, weil man ein Rezept überhaupt oder falsch ausfüllt, mit Honorarabzügen, weil man nicht die richtigen Fortbildungen besucht hat, mit RLV, QZV, HZV, DMP, QM.

Bei all diesem Unsinn wird den Jungärzten der Blick darauf verstellt, dass ein Hausarztleben noch immer Freude machen und eine Familie gut ernähren kann. Noch immer ist ein Landarztleben gekennzeichnet von einem guten und intensiven Patienten-Arzt-Verhältnis. Dies ist ganz sicher ein Trumpf gegenüber dem Leben als Großstadt-Hausarzt, dessen Existenz doch um so vieles begehrter zu sein scheint. Der Landarzt hält noch mehr Asse in der Hand, erwähnt sei die Wertschätzung in der sozialen Gemeinschaft und das deutlich angenehmere Umfeld für die Gründung einer Familie.

Es liegt nicht am Beruf des Hausarztes

Nehmen wir unser Beispiel im HausarztZentrum in der Lüneburger Heide: 

Sechs Ärzte nutzen die Möglichkeiten, die der Gesetzgeber bietet und arbeiten harmonisch zusammen. Gerade sind wir dabei, zusätzlich eine Zweigpraxis inmitten von 30 Dörfern zu gründen. Viele tausend Patienten in der Kleinstadt und auf dem Land werden so versorgt, und das mit Zukunftsperspektive. Das Durchschnittsalter der Ärzte in unser Praxis liegt bei 43 Jahren und nicht bei über 60 wie in vielen ländlichen Gebieten. Die Arbeit ist nicht leicht und man wird nicht reich, aber sie ist befriedigend, man hat ein gutes Auskommen und vor allem - man hat auch Freizeit.

Zwar gibt es in unserem HausarztZentrum nicht weniger Vorschriften, Bürokratie und Drohungen als anderswo, aber es gibt sechs Rücken, die die Belastungen und den täglichen Ärger abfangen. Da lässt es sich leichter mit allerlei Unsinn und mit den beinahe wöchentlichen Anordnungs-Updates leben als ganz allein.

Drei Appelle an die Verantwortlichen in der Gesundheitspolitk für eine positive Lösung der hausärztlichen Unterversorgung in ländlichen Gebieten:

1. Fördert Gemeinschaften mit vielen Ärzten und hemmt sie nicht. Ärzte arbeiten gern in der Gruppe und tauschen sich aus. Das lindert Verantwortung und Unsicherheiten, das ist kein geringes Argument gegen den Alptraum der Einzelkämpferei gerade auf dem Land.

Helft den jungen Medizinern bei der Gründung einer Praxis und bindet erfahrene Ärzte in die Planung mit ein. Das Rad muss nicht neu erfunden werden.

Erleichtert Antragsverfahren und vermindert Bürokratie, gerade in der Gründungsphase.

Gebt für zehn Jahre Honorarsicherheit. Das heißt nicht, dass faule Socken nicht arbeiten müssten und bekämen trotzdem Geld. Nein, das hieße nur, eine Summe X pro Patient pro Quartal als Honorar zu sichern, inklusive Inflationsausgleich, für zehn Jahre zu garantieren.

Führt Transportsysteme für Hausbesuchspatienten ein. Der Patient muss zum Arzt kommen können, wenn er kann. Die Notwendigkeit eines Hausbesuches muss sich nach der Krankheit richten, nicht nach den Umständen.

2. Befreit uns Ärzte von artfremden Aufgaben. Wenn Qualitätsmanagement sein soll, dann schickt Qualitätsmanager, aber lasst sie nicht drohen, sondern helfen und bezahlt sie selbst.

Wenn Krankenkassen eine Praxisbetretungsgebühr haben wollen, dann sollen sie sie auch kassieren.

Wenn Arzneimittel nach Rabatt und nicht nach Güte rezeptiert werden sollen, dann lasst uns Ärzte aus dem Spiel. Lasst uns Grundsubstanzen verschreiben und überlasst den Rest den Krankenkassenmanagern, Medikamentenherstellern und Apothekern. Genauso läuft es ohnehin. Was sollen wir Ärzte noch in diesem Markenfindungsstreit.

Wenn die Krankenkassen Geld aus einem Risikostrukturausgleich bekommen wollen und sollen, dann sollen sie auch die Patienten selbst einschreiben und führen. Sie können von mir aus die fälligen Termine mit uns Ärzten vereinbaren. Wir kümmern uns dann um Medizinisches und nicht um Formalitäten

3. Befreit uns Ärzte von der Bürokratie. Ein Formular einer definierten Größe, ohne Durchschreibeverfahren für alle ärztlichen An- und Verordnungen ist vollkommen ausreichend. Es müssen nicht 60 und mehr sein.

Wenn ihr ärztlichen Anordnungen und Verordnungen skeptisch gegenübersteht, erhöht nicht den Formularaufwand, sondern richtet eine unabhängige Prüfungskommissionen ein. Das schafft freie Ärztezeit und mehr Vertrauen bei den Patienten, weil der Arzt nicht mehr der Überbringer schlechter Nachrichten ist, deren Verursacher er ohnehin nicht ist.

Schafft unsinnige Zeitfresser - Ärztezeitfresser ab. Viele hundert Arztstunden könnten frei werden.

Eines zum Schluss 

Wenn dann tatsächlich positive Veränderungen kommen sollten, hängt es an die große Glocke. An die Glocken, die von Jung-Ärzten gehört werden.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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