Die geraubte Zeit 1

08.03.2011
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Zeit.tiffIn ganz Deutschland streiten sich Politiker, Krankenkassen und Ärzteverbände ums Geld. In den einzelnen Landesverbänden geht es um die Honorare für niedergelassene Ärzte im Allgemeinen und Hausärzte im Besonderen. Bei letzteren sollen vor allem immer wieder Anreize für die angespannte Situation auf dem Land geschaffen werden.

Meiner Meinung nach verdient die Diskussion die alte Schulnote: Thema verfehlt.

Die Landflucht des neuzeitlichen Hausarztes liegt meines Erachtens nicht vorrangig an der Bezahlung, die ist vergleichsweise nicht so schlecht. Problem ist, man muss als Arzt wissen, aus welchen Töpfen man das Geld zu holen hat. Aber das ist genau einer der springenden Punkte.

Rückblick

Honorarabrechnung in einer Praxis für Allgemeinmedizin lief bis Ende der 80er-Jahre so: Sie schrieben als Arzt Ziffern auf die Rückseite des vom Patienten zuvor abgegebenen Krankenscheins. Von diesen Honorarziffern gab es einige wenige, sie betrafen hauptsächlich Beratung und Untersuchung in kurzen und ausführlichen Varianten, dazu kamen ein paar Ziffern für EKG, Bestrahlung, Injektionen und dergleichen - das war‘s. Jedes Mal wenn der Patient den Arzt kontaktierte wurde eine entsprechende Honorarziffer abgerechnet.

Vom Arzt musste lediglich darauf geachtet werden, dass er tatsächlich eine Abrechnungsziffer eintrug und zumindest eine Diagnose auf dem Krankenschein stand. Was da aufgeschrieben wurde, war relativ unerheblich, kein Mensch kümmerte sich darum. Ein älterer Kollege von mir hat mal die Diagnose „Pfannkuchen“ eingetragen, das ging auch durch.

Das war die Abrechnung früherer Tage, dazu kamen die Privatpatienten - fertig.

Sprich: Der Verwaltungsaufwand strebte gegen Null. Dafür haben wir damals mehr Patienten behandelt und haben viel mehr Hausbesuche gemacht als heute, trotzdem hatten wir mehr Zeit und umgerechnet würde ich sogar sagen, hatten wir damals einen etwas höheren Verdienst (aber darum geht es in diesem Artikel nicht).

Zeitverlust durch Geldbeschaffung

Heutzutage müssen Sie als Hausarzt, um das Honorar auf Niveau zu halten (nicht um es zu steigern), nicht nur mit der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen, sondern sie müssen sich um unzählige Sonderhonarartöpfe kümmern. Da gibt es Regelleistungen, Qualitätszuschläge, außerbudgetäre Leistungen, Vorsorgeleistungen, Honorare für Disease-Management und für hausarztzentrierte Verträge. Angeboten wurde sogar schon eine Bezahlung einzelner Diagnoseeintragungen - pro Diagnose ein Euro. Sie können sich sicher auch als Laie vorstellen, wie krank die Menschen plötzlich wurden.

Fazit: Im Prinzip gibt es heutzutage am Ende jeden Quartals gleich mehrere Abrechnungen, um jeden der einzelnen Honorartöpfe zu öffnen. Dies bedeutet teils einen erheblichen Verwaltungsaufwand, es geht da vom Knopfdruck per Computer bis hin zu unendlichen Stunden neben der normalen Praxistätigkeit.

Ein Kollege, von mir gefragt, wann er denn eigentlich die neuen Diagnose-Richtlinien in die Tat umsetzen will, antwortete mir: Das habe ich mir für Ostern vorgenommen, da habe ich dieses Jahr keinen Notdienst.

Lesen Sie weiter im nächsten Teil dieser kleinen Themenreihe

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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