Habe Schmerzen am Rücken, äh Po

01.10.2017
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Und da war nun mein alleiniger Trost, die Übersetzerin, welche genauso verwirrt erschien wie ich. Der Patient, dessen Stärken auch nicht unbedingt im kohärenten Erzählen logischer Zusammenhänge lag, schaute uns hilflos an.

Nach einer gefühlt halbstündigen Anamnese waren wir etwa soweit:

Immerhin hatte Herr Gozolowsko aber sehr ausführlich dargestellt, warum er keinen Hausarzt habe. Außerdem sagte er, dass Schmerzen bestünden. So überall, zum Beispiel im Bauch und im Rücken. Zehn Jahre lang. Oder seit fünf Jahren. Man habe auch mal operieren wollen. Was wüsste er nicht. Wäre er etwa Arzt? Nein. Also. Dann wäre alles besser gewesen und jetzt aber auch nicht mehr. Deswegen wäre er ja auch hier! So!

Da die Befragung nun schon viel zu lange chaotisch zwischen der Frage, warum der Patient keinen Hausarzt habe, seiner mysteriösen Operation und den nicht weniger unspezifischen Schmerzen hin und her driftete, beschloss ich mich nochmals auf den Bauch als, äh, Standardinternistengebiet zu konzentrieren.

Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Besonderheiten bei Wasserlassen oder Stuhlgang? In zähen Verhandlungen kamen wir auf fünf Mal Nein. Vielleicht Blut im Stuhlgang? Nach einer weiteren längeren Diskussion mit der Übersetzerin meinte diese schließlich hilflos: „Der Stuhlgang wäre ohne Blut, aber es kam mal Blut aus dem Rücken.“

„Aus dem Rücken?!“

„Öh, ja.“

„Eine Verletzung?“

„Ich weiß es auch nicht!“, sagte die Übersetzerin und warf die Arme in die Luft.

Ich beschloss den Patienten einfach mal ausführlich zu untersuchen. Die Aufnahmeschwester reichte mir schon mal den Bogen voller unauffälliger Laborwerte durch die Tür. Immerhin etwas. Also los. Der Bauch war weich und Herr Gozolowsko deutete an, dass er im Augenblick auch gar keine Bauchschmerzen hätte.

Hm. Auf zum Rücken, aus dem Blut käme. Vielleicht ein aufgeplatzter Pickel? Der Rücken war pickel-, verletzungs- und narbenfrei. Zumindest die genaue Schmerzlokalisation am Rücken wollte ich nun wissen: „Herrn Gozolowsko, WO tut es denn sonst immer weh?“

„Weiter unten.“

„Hier?“ 

„Nein, noch weiter unten.“

„Da?“

„Noch weiter unten.“

„Hm, also jetzt müssen Sie doch gerade mal die Hose ausziehen.“

Und da, wo dann schon kein Rücken mehr war, lugte ein hässliches pickelartiges Gebilde hervor, welches der Grund für Herrn Gozolowskos allgemeines Unwohlsein, die Schmerzen und das Blut war. Pilonidalsinus nennt man das. Sehr unangenehm in der Tat.

Kein Plan, ob Herrn Gozolowsko das alles einfach zu peinlich gewesen war oder ob „Rücken“ aufgrund der Sprachschwierigkeit eine kreative Umschreibung für Gesäß gewesen war. Wir stellten den Patienten den Allgemeinchirurgen vor, die solche Dinge professionell und diskret behandeln.

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Artikel letztmalig aktualisiert am 04.10.2017.

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Medizin, Innere Medizin
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Im allgemeinen fällt mir bei Medizinern auf, dass sie erwarten dass Betroffene die Diagnose selbst stellen.Auch bei 'Deutschen' wird kaum eine ordentliche Anamnese abgenommen , geschweige denn der Patient angefaßt(Infektionsgefahr!- oder Berührungsängste?) um nachzugehen wo es denn wirklich genau weh tut. Schmerz macht in der Regel panisch und selbst medizinisches Personal hat oft Mühe ihren Schmerz genau zu lokalisieren. Mein 'Hausarzt' schreibt mich am liebsten krank. Nur dass mir das nicht hilft. Oder es fängt der Arztkreislauf an(mit langen Wartezeiten) - jeder tut was er kann, aber es interessiert nicht was man hat, mit dem Ergebnis, dass man gar nicht mehr weiß wie lange das Problem schon besteht, das immermal ziemlich akut wird. Und dann flattert wiedermal das Blättchen zur Krebsvorsorge(gratis) in den Briefkasten - ohne Wartezeiten. Krebs bringt Geld. Schön dass ihr echt nachgeschaut habt. Patienten sind halt immer etwas blöd.
#7 vor 47 Tagen von bc Gabriele Schenk (Heilpraktikerin)
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Frau Zorgcooperations, Ich freue mich immer über jeden neuen Artikel. Nach langjähriger Tortour als Intensivpfleger und jetzt gegen Ende des Studiums muss ich jedesmal über den alltäglichen Wahnsinn in Beteigeuze schmunzeln. Manchmal denkt man ja, dass es nur in der eigenen Klinik so verrückt zugeht, aber anscheinend ist jedes Krankenhaus ein Irrenhaus :)
#6 vor 49 Tagen von cand. med. Stephan Brockenauer (Student der Humanmedizin)
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Auf die Aussage einer Begleiterin: Er würde sich schon bemühen hochdeutsch zu sprechen. Und die Sprachbarriere kam aus dem tiefsten Allgäu. Aber ich erinnere mich noch gut an unsere Verzweiflung amerikanische Soldaten verstehen zu wollen, die aus den Südstaaten zur Behandlung in unser kleines Akutklinikum kamen. Es war immer wieder ein Highlight. Erklären sie denen mal, dass sie ihm auf englisch antworten, aber seinen Slang nicht verstehen.
#5 vor 49 Tagen von HP Annette Uebach (Heilpraktikerin)
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Gast
Und wieviel zusätzliche Ärzte und medizinisches Personal ist eingestellt worden, um die vielen extra Menschen mit Sprachbarrieren zu behandeln? Richtig - NULL!
#4 am 04.10.2017 von Gast
  5
Gast
Na na, Sprachbarrieren gibt es auch bei Leuten, wo man das nicht primär erwartet: bei den Bayern geht der "Fuß" auch bis Hüfte ; )
#3 am 04.10.2017 von Gast
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Gast
Allerdings. So mancher wegen "Nierenschmerzen" vorstellige Patient deutet dann gerne einmal auf den Iliosakralbereich... für Urologen und Internisten immer ein Highlight.
#2 am 04.10.2017 von Gast
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Es ist manchmal faszinierend wie unpräzise mancher auf eine vermeintlich einfache und präzise Frage antwortet. Da fragt man sich wie derjenige wohl sonst im Leben zurecht kommt. Mit EINEM Finger auf die schmerzende Stelle zeigen lassen hilft oft ungemein gut...
#1 am 04.10.2017 von Dr. med. Andreas Wolff (Arzt)
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