Jonas, 24, kann nicht ohne Teddy

19.09.2017
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Seit ich in Elternzeit bin, verarbeitet mein Unterbewusstsein anscheinend meine vergangenen Patientenfälle. Natürlich vor allem die Fälle, die eine Überraschung bereit hielten. Fehler, die ich gemacht habe, gut gelungene Operationen, Patienten, die außerordentlich asozial oder übermäßig freundlich waren. Viele Situationen mit Kindern, Jugendlichen und Eltern.

Ich muss auch an den Fall von Jonas denken:

Er sitzt vor mir wie ein Häufchen Elend. Am liebsten würde ich zu ihm gehen und ihn umarmen, wenn das nicht glücklicherweise schon seine Mutter machen würde. Die Distanz zu halten, fällt mir schwerer als bei anderen Patienten. Sein Gesicht ist kindlich, die Augen riesengroß, fragend, die Tränen stehen darin, seit er in der Notaufnahme ist. Er ist mit dem Fahrrad gestürzt und hat sich den rechten Unterarm gebrochen. Er ist Rechtshänder und malt gern.

Und wieder fällt das Trainingslager aus

Jetzt müssen wir den Unterarm operieren. Da sein distales Radioulnargelenk gesprengt ist (DRUG), muss ein zusätzlicher Draht eingebracht werden, der erst nach einigen Wochen entfernt werden kann. Ruhigstellung, Oberarmgips. Es werden wohl Erinnerungen an das letzte Jahr wach. Damals hat er sich im Freibad das linke Sprunggelenk gebrochen. Krankenhaus, OP, sechs Wochen keine Belastung, kein Sport für zwei Monate, mit seinen Fußball-Freunden konnte er nicht trainieren und die Saisonvorbereitung war dahin.

Sein Vater bringt den geliebten Teddybären vorbei. Ich kläre ihn für die Operation auf. Seine Mutter und sein Vater sind anwesend und unterschreiben mit auf dem Aufklärungsbogen. Als ich den Raum verlasse, folgt mir die Mutter. „Bitte kümmern Sie sich um Jonas. Das alles überfordert ihn doch sehr. Jetzt kann er dieses Jahr wieder nicht mit ins Trainingslager. Er ist doch sehr sensibel. Vielleicht ist es ja möglich, dass er ein Einzelzimmer bekommt, damit er wenigstens gut schlafen kann.“ Jonas wird auf meiner Station liegen. Ich verspreche ihr, mich gut um ihn zu kümmern. Dem Wunsch nach einem Einzelzimmer kann ich leider nicht nachkommen.

Der Teddybär wacht jede Nacht über ihn

Als ich dem Anästhesisten Kai anrufe, um die Narkoseaufklärung zu organisieren, suche ich alle Unterlagen und Informationen zusammen. „Hallo Kai. Ich habe hier einen Patienten mit einer Unterarmfraktur in der Notaufnahme, der noch aufgeklärt werden muss. Gesunder Patient, keine Nebenerkrankungen, die Narkose letztes Jahr hat er gut überstanden. Er ist 24 Jahre alt, aber er möchte, dass seine Eltern bei der Aufklärung dabei sind. Gefühlt ist der Patient noch keine 18. Aber das wirst du ja gleich selbst sehen.

In der darauf folgenden Woche erhalte ich jeden Tag mindestens einen Anruf von den Eltern, die sich nach Jonas Gesundheitszustand erkundigen, obwohl meistens einer der Angehörigen bei der Visite anwesend ist. Sein Bett und sein Nachtschrank sind völlig überfüllt: mitgebrachtes Essen, Süßigkeiten, Bücher, Blumen und Fotos stapeln sich darin. Der Teddybär schläft jede Nacht unter seiner Decke. 

Irgendwann muss man loslassen können

Anscheinend gibt es bei Jonas keine diagnostizierten psychologischen Auffälligkeiten. Er hat einfach zwei Eltern, die sich rührend um ihn kümmern. Für meinen Geschmack etwas zu rührend. Ich hoffe doch sehr, dass sich mein Kind mit 24 Jahren mit mehr Selbstvertrauen durch das Leben bewegen wird. Und ich das Kind soweit loslassen kann, dass ich nicht mehr auf der schriftlichen Aufklärung unterschreibe. Aber wer weiß?

 

Bildquelle: carrotmadman6, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.09.2017.

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Ärztin
@8: An sich auch keine üble Idee. Denn Klinikbetten lassen durchaus einige Wünsche offen was den Komfort angeht, je nach Grund für den Aufenthalt kann es schwierig sein eine bequeme Schlafposition zu finden. Und je nach Größe und Füllungszustand lassen sich Kuscheltiere hervorragend zu Nackenrollen und Lagerungskissen umfunktionieren.
#7 vor 25 Tagen von Ärztin (Gast)
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bei dieser Gelegenheit fällt mir eine Geschichte von Martin Sutter aus der sehr zu empfehlenden "Business Class"-Reihe ein, wo der Branchengewaltige einen untergebenen Mitarbeiter mit Gattin bei sich zu Hause zum Essen einläd und dieser sich auf dem Weg ins Bad in der Türe irrt und versehentlich im Schlafzimmer des Chefs landet. Dort erblickt er zu seiner Überraschung und Belustigung einen schönen, dicken Plüsch-Teddy auf dem Bett des gefürchteten Hausherren. Über dieses neue, pikante Exklusivwissen frohlockend will er das Zimmer gerade verlassen als sein Chef in der Türe steht und ihm freundlich den richtigen Weg weist. Dumm gelaufen, er wird sein neues Wissen wohl nicht mit den Kolleginnen und Kollegen teilen können....
#6 vor 32 Tagen von Dipl.Ing. Winfried Duven (Biochemiker)
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Gast
Ich bekenne mich auch: Bin 27 und habe auch noch einen Teddy. Warum auch nicht? Besser als saufen und rauchen ist der allemal, denke ich. Vielleicht ist es nicht verkehrt, sich auch als erwachsener Mann ein kleines bisschen Kindheit zu erhalten. Solange man es nicht übertreibt natürlich.
#5 vor 32 Tagen von Gast
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Gast
So manch einer in dem Alter kann nicht mehr ohne Kippen und Alk. Dann besser so. Aber so langsam sollte Mama ihm trotzdem mal sagen, daß er schon groß ist und mal was alleine probieren soll. Es muß ja nicht gleich eine recht frakturaffine Sportart sein...
#4 vor 32 Tagen von Gast
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Gast
Ich habe eine ganze Armada von Stofftieren mit auf auf die chirurgische Station geschleppt und ich bin weit jenseits von 24. Jeder einzelne StoffkamerAd hat eine Bedeutung und ist einer Person zuzuordnen
#3 vor 33 Tagen von Gast
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Ärztin
Erster Gedanke: höchste Zeit abzustillen! Zweiter Gedanke: was ist eigentlich so schlimm: ein bisschen weinen und ein Teddy... wäre es eine 24jährige Frau hätte sich vielleicht keiner was dabei gedacht...geht uns eigentlich nichts an, solange die Entwicklungsabweichungen des jungen Mannes keinen Krankheitswert haben haben wir nicht zu urteilen und müssen jeden nehmen wie er ist... auch die Ängstlichen.
#2 vor 33 Tagen von Ärztin (Gast)
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Auch wenn der junge Mann schon 24 ist wird doch oft extremes erwachsen sein abverlangt.ich kann es doch verstehen und für den Patienten ist Krankenhaus einfach auch ein extremer Ausnahmezustand!zumal seine Zukunftspläne mehrmals zerrüttet wurde
#1 vor 33 Tagen von Svenja Höse (Kinderkrankenschwester)
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