Vernunft in der Medizin - Am Beispiel der Unterzuckerung IV

09.12.2010
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Zusammenfassung und Interpretation

Eine Unterzuckerung ist eine ernste Angelegenheit, besonders für einen nicht mehr ganz Gesunden. In unserem besonderen Fall des 82-jährigen Patienten ist die Stoffwechselentgleisung ausreichend mit der besonderen Situation erklärt. Andere Umgebung, anderes Essen, vor allem im Rahmen einer Feier, weniger Bewegung, mehr Alkoholkonsum als üblich, andere Tagesabläufe, deswegen nicht exakte Medikamenteneinnahme.

Die kurze Untersuchung des Notarztes hat sicher ergeben, dass das Wahrscheinliche wahrscheinlich ist, also tatsächlich eine Hypoglykämie vorliegt, Symptome für einen Schlaganfall oder eine Herzattacke lagen nicht vor.

Die Krankheitsgeschichte (Anamnese) eines Patienten ist eine wichtige Sache. In diesem Fall enthält die Anamnese einen Schlaganfall. Diese, zugegeben, nicht unwichtige Nebensache wird zum Leitmotiv für die Krankenhauseinweisung und den Krankenhausaufenthalt.

Falsche Gewichtung.

Der Patient will nicht ins Krankenhaus, er will frühstücken, was eine adäquate Therapie der Unterzuckerung gewesen wäre.

Der Patient ist 82 Jahre alt. Was spräche dagegen, nach spontaner Besserung des Zustandes eine abwartende Haltung einzunehmen?

Muss der ganze medizinische Apparat laufen? Wäre die hausärztliche Kontrolle der Zuckerwerte inklusive Hinweis nicht ausreichend gewesen? Dazu ein Hinweis, mit kurzfristigen Ernährungsumstellungen in Zukunft vorsichtiger zu sein?

Wie weit müssen Diagnose und Therapie in hohem Alter getrieben werden, zumal wenn sie vom Patienten nicht erwünscht sind?

Krank durch Diagnose

Was in diesem Fall auf die Unterzuckerung folgte, ist ein überzogener, verunsichernder und teuerer medizinischer Einsatz. Dieser hätte noch weitaus überzogener, verunsichernder und teurer ausfallen können, hätte der Patient sich nicht gesträubt. Meistens lassen Patienten alles über sich ergehen. Man stelle sich vor, mein Patient mit der Hypoglykämie wäre ergeben geblieben und man hätte bei der kardiologischen Untersuchung mittels Herzkatheter eine leichte Verengung der Herzkranzgefäße festgestellt und einen Vorfall der Mitralklappe I. Grades und, weil man ein modernes Krankenhaus ist, hätte man es dem Patienten auch genau so mitgeteilt. Wir wissen alle, wie sich die Sache mit Sender und Empfänger verhält, besonders in der Medizin. Sprache ist gerade zwischen Arzt und Patient ein schlechtes Kommunikationsmittel. Möglicherweise wäre Folgendes beim Patienten hängengeblieben:

Sie haben eine Durchblutungsstörung am Herzen und einen Herzklappenfehler, das muss behandelt werden, ist aber nicht so schlimm.

Muss man als 82-jähriger jeden Grad und jede Prozentzahl der Fehlfunktion wissen? Und wenn man es nicht wissen muss, muss man es dann untersuchen?

Warum läuft die modernen Medizin so? Hier ein paar Antworten:

- einfache Medizin mit klarem Menschenverstand ist zu einfach

- hohes Sicherheitsdenken mit zunehmendem Absicherungsverhalten der Ärzte

- es heißt zunehmend, Alter sei kein Grund für unzureichende Behandlung. Das mag stimmen, aber es kann doch sein, dass sich die Verhältnismäßigkeit mit zunehmendem Alter verändert

- der Patientenwunsch, der mit klarem Bewusstsein geäußert wird, wird nicht akzeptiert

Fazit

Wir werden die moderne Medizin in ihrem Fortgang nicht ändern können. Der Patient ist mehr denn je gefragt, wenn es um ihn geht. Deswegen meine immer wieder gleiche Antwort auf die Frage Wer fängt an?: Es kann nur der Patient sein. Nur er profitiert möglicherweise von weniger Medizin! Alle anderen Beteiligten, ob Ärzte, Krankenhäuser, Medikamentenhersteller, Apotheken, Physiotherapeuten und, und, und - verlieren mit weniger Medizin.

Neue Art der Patientenverfügung!

Um eine Entscheidung auf reduzierte Medizin, nicht auf minderwertige Medizin, treffen zu können, muss der Patient sich ausführlich Gedanken machen. Er muss sozusagen eine Art Verfügung mit sich selbst ausmachen, die nicht dann gilt, wenn er nicht mehr entscheiden kann, sondern besonders dann gilt, wenn er noch entscheiden kann.

Im Übrigen können wir Ärzte selbstverständlich auch zur Vernunft in der Medizin beitragen, gerade wir Hausärzte, aber die Patienten sollten sich nicht darauf verlassen.

Ende

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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