Apothekertag: „Unter Naturschutz von Gröhe“

14.09.2017
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Apotheker blicken mit Pessimismus in die Zukunft – das zeigen kürzlich veröffentlichte Befragungen. Anstatt sich mit neuen Konzepten gegen „Holland-Boni“ zu wehren, bleibt es beim Hilferuf an die Politik. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hört die Signale allzu gern.

Only bad news is good news: Kurz vor dem Apothekertag veröffentlichte die ABDA-Pressestelle neue Zahlen. Überraschung: Mit den öffentlichen Apotheken geht es weiter bergab. Einer repräsentativen Befragung zufolge rechnen 40,9 Prozent aller Inhaber mit einer geringfügigen oder deutlichen Verschlechterung in nächster Zeit. Im Vorjahr waren es noch 28,0 Prozent.

Unternehmerisch überraschende Reaktionen

Schön und gut – nur wirkt der Trend aus unternehmerischer Sicht doch etwas befremdlich. 56,3 Prozent gaben zu Protokoll, nach dem umstrittenen EuGH-Urteil ihre Investitionen zu bremsen. Und 33,9 Prozent wollen sogar am Personal sparen. Damit dreht sich die Spirale immer weiter nach unten. 

Anstatt Alleinstellungsmerkmale auszubauen – und die haben öffentliche Apotheken ohne Frage – rufen sie erneut, fast fürbittenartig, die Politik um Hilfe. 80,3 Prozent fordern von einer neuen Bundesregierung als erste Maßnahme nach der Wahl, den Rx-Versandhandel zu stoppen. 

Supermarkt wichtiger als Apotheken 

In Zeiten des Wahlkampfs nutzt Hermann Gröhe (CDU) natürlich die Chance, noch ein paar Stimmen einzufangen. Über Sigmar Gabriels (SPD) damalige Wirtschaftspolitik sagte der Bundesgesundheitsminister: „Ich hätte mir gewünscht, er hätte für die 150.000 Beschäftigten in unseren Apotheken genauso viel getan, wie für die 15.000 Beschäftigten von Kaisers Tengelmann.“ Sozialdemokraten hatten seinen quasi über Nacht vorbereiteten Gesetzesentwurf gegen „Holland-Boni“ gestoppt. Genau hier setzt Gröhe jetzt an: „Wir werden alles, das in unserer Kraft liegt, dafür tun, dass das Rx-Versandverbot kommt.“ 

ABDA-Chef Friedemann Schmidt erwartet deshalb nach der Regierungsbildung umgehend ein Gesetzgebungsverfahren zu einheitlichen Abgabepreisen für verschreibungspflichtige Arzneimittel: „Wenn die Politik den Apothekern solide, berechenbare und nachhaltige Rahmenbedingungen zusichert, garantieren wir unsererseits eine sichere, moderne und menschliche Arzneimittelversorgung für alle Menschen überall in Deutschland.“ 

Soweit – so bekannt. Auf Visionen wartete man bei der politischen Diskussion vergebens. Die Apothekerschaft sucht wie so oft Schutz bei der Politik. 

„Unter Naturschutz von Gröhe“ 

Professor Dr. Gunter Dueck, Querdenker und früherer Chief Technology Officer bei IBM, findet beim herstellerfinanzierten Symposium „Perspectiva 2017“ dafür klare Worte. Zu den anwesenden Apothekern sagt er: „Sie stehen ja unter dem Naturschutz bei Gröhe.“ Er sieht weniger Konkurrenten aus anderen EU-Ländern als Problem. Vielmehr komme es generell zum Verfall ländlicher Infrastrukturen. Das betreffe den Bäcker, den Metzger und den Supermarkt genauso wie die Arztpraxis oder die Apotheke. 

Dueck sieht neue Business-Modelle wie Selbstzahler-Leistungen als Lösung – ein Thema, das nicht nur Mediziner auf ihrem Schirm haben. Sanitätshäuser erkennen die Zeichen der Zeit ebenfalls. Sie produzieren 3D-Orthesen für unterschiedliche Anwendungen – und Patienten greifen willig in ihren Geldbeutel. Nur bei Apothekern hapert es. Viele Kollegen bieten beispielsweise patientenindividuelle Verblisterungen an, ohne ihre zusätzliche Leistung abzurechnen – schließlich würden das ja alle so machen. „Sie dürfen nicht einknicken – das würde auch kein Handwerker machen“, sagt Dueck. 

Neben kurzfristig umsetzbaren „Apotheken-IGeL-Leistungen“ bleibt langfristig noch die Möglichkeit, Honorare an Beratungsleistungen statt an Packungszahlen zu orientieren. Erweiterte Kompetenzen im Bereich Prävention wären ebenfalls interessant. Und in Großbritannien gibt es „Pharmacist independent prescriber“, also Apotheker, die gewisse Rx-Präparate verordnen dürfen. Beim Nachbarn Schottland arbeiten Hausärzte und Apotheker enger zusammen, um die Versorgung zu verbessern. Ideen, wie sich die Zukunft gestalten lässt, gibt es viele. Der „Naturschutz“ (Dueck) gehört mit Sicherheit nicht dazu.  

Bildquelle: ianpreston, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 22.09.2017.

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Gast
#18, heul! Ich weine mit ihnen und kann endlich mal die doofen Werbe-Papiertaschentücher verwenden.
#19 am 26.09.2017 von Gast
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Gast
An #17: Apotheker bleiben weiterhin sehr wohlhabend?? Warum ist dann der Apothekenschwund seit vielen Jahren? Warum finden Apotheken keinen Nachfolger, wenn sie Goldgruben sind. Nun mal den Ball flach halten. Ich habe selber 1 Apotheke und kann davon leben und brauche kein Hartz IV. Nur leider ist der Porsche seit 9 Jahren Utopie und mein alter Ford Focus steht seitdem immer noch vor meiner Wohnung. Apotheken können von dem Geld was sie erhalten derzeit noch (über)leben. Nur wenn sich die wirtschaftliche und gesetzliche Grundlage weiter verschlechtert, sieht es auch bei mir schwierig aus. Supermärkte können leider nicht die Apotheken ersetzen. Manchmal ist es doch besser, wenn ein Fachmann/-frau sich die ganze Situation ansieht und nicht nur eine Abgabe erfolgt. Auch wenn diese billiger ist.
#18 am 26.09.2017 von Gast
  1
Gast
Wahl! Meine Interpretation, Apotheker bleiben weiterhin sehr wohlhabend. Rx-Versand sorgt aber für gelebte Freiheit des Marktes.
#17 am 25.09.2017 von Gast
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Gast
BTW 17: Das Ergebnis hilft auch nicht weiter. Die Anliegen der Apotheker werden in den sicher sehr schwierigen Kolaitionsverhandlungen untergehen. Außerdem ist die FDP gegen ein Versandverbot.
#16 am 25.09.2017 von Gast
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Michael Sonnenbrener
Wegen der Innenstädte, Herr Steiner?
#15 am 23.09.2017 von Michael Sonnenbrener (Gast)
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Gernot Steiner
Ach, Herr Sonnenbrenner: Fragen Sie doch einfach mal nach, warum die Franzosen den Versand verbieten...
#14 am 23.09.2017 von Gernot Steiner (Gast)
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Michael Sonnenbrener
Beitrag 12: Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Die Innensstädte sind dann von Menschen bevölkert, die in die Apotheke gehen. Dem könnte man dann einen Namen geben, so, wie Riester-Rente z.B. den Gröhe Effekt. Da bleibt man dem Volk stets in Erinnerung. Auch, für den größten Mist.
#13 am 23.09.2017 von Michael Sonnenbrener (Gast)
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Gast
Ich glaube langfristig werden ganz generell nur wenige Einzelhändler in Städten unter 30.000 Einwohnern überleben. Apotheken werden weniger werden. Bei mir in der Kleinstadt dann vlt nur noch eine statt bisher vier Apothekeb. Dann am Ende werden wegen des RX Versandverbotes Apotheken diejenigen Einzelhändler sein, für die man sich IMMER auf den Weg (Auto, Fahrrad etc) machen muss. Was für ein Anachronismus.
#12 am 23.09.2017 von Gast
  2
Gast
Mögliche Koalitionspartner der CDU also FDP oder SPD sind gegen ein Versandverbot von RX. Damit ist die Sache vom Tisch. Und Friedemann S. wird das Ruder auch nicht rumziehen.
#11 am 23.09.2017 von Gast
  0
Gast
Wie sollen denn dann solche Beratungsleistungen aussehen? Verpflichtende Beratung beim Kauf eines Medikaments, die dann kostet? Oder keine Beratung mehr beim Kauf, wenn man sie nicht zahlen will? Wäre interessant, was damit gemeint ist...
#10 am 23.09.2017 von Gast
  0
#8 Gepflegte Kunden wandern vielleicht nicht ab - aber Stammkunden ziehen irgendwann mal weg, sterben, gehen ins Altenheim und ander entscheiden über den Medikamentenbezug. Die nicht gepflegten Kunden (weil die nie Kunden waren, sondern schon immer beim Versender bestellt haben - also die jetzt jüngere und noch gesunde Generation) bleiben aber weg; die Stammkundschaft wächst also weniger stark nach - auch wenn man sich vielleicht noch so sehr um sie bemüht hätt. Selbstzahler-Leistungen sind nun meiner Meinung nach auch irgendwie nicht der Weisheit letzter Schluss - zumal in Apotheken die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln im Vordergrund stehen muss. Die IGeL der Mediziner werden ja (meiner Meinung nach zurecht) auch kritisch gesehen. Jetzt sollen Apotheker auch noch IGeLn und den Leuten Geld aus der Tasche ziehen, das sie durch die Rabatte evtl. gespart haben? Dann könnte man doch gleich die Rabatte lassen (da das laut EuGH nicht geht also RX-Versandverbot)
#9 am 23.09.2017 von Christian Becker (Apotheker)
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Gast
Meine Erfahrung ist, gepflegte Kunden wandern nicht ab. Insoweit halte ich ein RX-VV für obsolet.
#8 am 23.09.2017 von Gast
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Michael Sonnenbrener
Ich meine, Deutschland ist ja zusammen mit Frankreich Kerneuropa. Da gibt es Freizügigkeiten aller Art. Ein Versandverbot passt nicht in dieses Europa.
#7 am 23.09.2017 von Michael Sonnenbrener (Gast)
  9
Gast
Mir schwant übles, denn die "Modernisierung" der Honorierung von Apotheken wird bestimmt genutzt werden, um die Packungspauschale zu kürzen. Ganz im Sinne der GKV und der Politik. Stattdessen will man die Apotheker mit der Honorierung von Beratungsleistungen an der Nase herumführen. Es bleibt also alles wie es ist.
#6 am 22.09.2017 von Gast
  0
Gast
Es mag tatsächlich ein Schnellschuss gewesen sein, trotzdem finde ich den Ansatz nicht falsch. Arzneimittelversorgung mit notwendigen Medikamenten (OTC jetzt mal ausgenommen) sollte nicht Ziel von Dumping-Wettbewerb werden können, auf Kosten von Beratung und damit Sicherheit. Das ist über Wettbewerb aber nicht umzusetzen, weil die Menschen erstmal wie immer nur auf den niedrigsten Preis schauen. Um die Analogie aus dem Artikel aufzugreifen: z.B. Metzger sind bei uns vor 10-15 Jahren fast restlos ausgestorben, weil's die Sachen eingeschweißt im Supermarkt viel billiger gibt. Dass der Metzger aber vielleicht doch den besseren Service bietet und das doch etwas wert ist, merkte man dann erst als es fast keine Metzger mehr gab, und ärgerte sich, dass man jetzt so weit fahren muss bis zum nächsten... Ich hoffe, das uns derartiges mit Apotheken erspart bleibt...
#5 am 22.09.2017 von Gast
  0
Gast
Die Groko wird kommen und alles bleibt, wie es ist. Eigentlich wunderbar.
#4 am 22.09.2017 von Gast
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Wenn der Gesetzgeber klare Fordeungen an den Berufsstand stellt - zu Recht - , dann muß er auf der anderen Seite auch für die entsprechenden Bedingungen sorgen. „Gute Ratschläge“ von Außen höre ich schon seit mehreren Jahrzehnten.
#3 am 22.09.2017 von Apotheker Hans-Joachim Kippe (Apotheker)
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Gast
Wenn die Kunden Beratungsleistungen zahlen sollen, wird es bitter.
#2 am 22.09.2017 von Gast
  2
Thorstein Wagner
Stimmt ja, UK ist ein "tolles" Vorbild... *facepalm* https://www.theguardian.com/news/2016/apr/13/how-boots-went-rogue
#1 am 22.09.2017 von Thorstein Wagner (Gast)
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