Migräne bei Kindern: Geht es ohne Medikamente?

07.09.2017
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Nachdem in mehreren Beiträgen nach der Studie von Powers et al. zur kindlichen Migräneprophylaxe ein Abgesang auf die selbige gefeiert wurde, möchte ich in diesem Beitrag ein Plädoyer für die medikamentöse Migräneprophylaxe halten.

Im November letzten Jahres war die Studie von Powers auch mal Thema bei Doccheck. Kurz zusammengefasst geht es darum: Powers et al. fanden heraus, dass weder Topiramat noch Amitriptylin gegenüber Placebo einen Vorteil in der Migräneprophylaxe bei Kindern haben. Im Gegenteil: Durch die aufgetretenen Nebenwirkungen – darunter ein Suizidversuch unter Topiramat – unterm Strich schlechter abschneiden als Placebo.

Ja oder nein zu Pillen?

Die Schlussfolgerung war wie auch in anderen Medien, dass diese medikamentöse Prophylaxe Kindern eigentlich am besten gar nicht verordnet werden sollte, sondern rein auf nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe, also verhaltenstherapeutische Maßnahmen, Wert gelegt werden sollte.

Wie aber sicher jeder aus Erfahrung weiß, gibt es Lebensphasen- und Ereignisse, in denen es nur schwer möglich ist, verhaltenstherapeutische Maßnahmen umzusetzen. Bei der Migräneprophylaxe zählen dazu unter anderem regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten, Ausdauersport, Entspannungsverfahren. In solchen Fällen denke ich, sollte man nicht unnötig auf Medikamente verzichten. Auch wenn ich ebenfalls im Sinne einer Stufentherapie zuerst auf nicht-medikamentöse Maßnahmen setzen würde, was im Übrigen auch Konsens der Leitlinie ist.

Mängel der Studie

Nicht vorenthalten möchte ich euch zwei Punkte, auf die ich im Beitrag Placebo ebenso wirksam wie die Behandlung mit Amitriptylin oder Topiramat von Prof. Bingel gestoßen bin:

1. Das Randomisierungsverhältnis mit 4:1 von Verum zu Placebo hat die Wahrscheinlichkeit erhöht, ein tatsächliches Medikament zu erhalten und somit auch bei den Probanden die Erwartungshaltung (und dementsprechend auch den Placeboeffekt) vergrößert.

2. Die gewählten Dosierungen waren im Vergleich zur Praxis eher hoch und damit Nebenwirkungen auch wahrscheinlicher.

Gerade der letzte Punkt hätte verhindert werden können. Es gibt einige Studien wie z.B. diese hier, die zeigen, dass die medikamentöse Prophylaxe in „low dose“ auch hervorragend wirken kann. Dies senkt die Rate von Nebenwirkungen und erhöht die Therapieadhärenz.

Medikamente nicht gleich verbannen

Meiner Meinung nach handelt es sich um eine wichtige Studie, die weitere randomisierte Studien erfordert. Insgesamt sollte man, vor allem in schweren Fällen, die medikamentöse Therapie nicht ad acta legen. Kopfschmerzen bei Kindern wie auch Erwachsenen gehören in die Hände eines Neuropädiaters respektive Neurologen.

Bildquelle: Ryan Dickey, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.09.2017.

22 Wertungen (4.05 ø)
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Gast
Es geht im Artikel nicht um Analgetika bei der akuten Migräne, sondern um Migräneprophylaxe, das sind unterschiedliche Medikamentengruppen. "Heilung ansetzen" impliziert die Annahme, dass Migräne mit einem Mangel an bestimmten Vitaminen in ursächlichem Zusammenhang steht. Meiner Kenntnis nach gibt es dazu keine belastbaren Forschungsergenisse. Ebensowenig zu Veränderungen der Darmflora (wo genau war hier was "signifikant"? - der Begriff ist üblicherweise mit wissenschaftlichen Studien assoziiert). Cannabinoide verbieten sich im Kindes- und Jugendalter, meiner persönlichen Meinung in fast allen Fällen auch darüber hinaus. Trotz der gesetzlichen Erleichterungen sind sie kein Zaubermittel für alle möglichen Erkrankungen und beileibe nicht ungefährlich. Sinnvoll ist ein individuelles Gesamtkonzept, dass an der Symptomatik des einzelnen Patienten orientiert Verhaltensmaßnahmen, Verhaltenstherapie und bei Bedarf Schmerzmittel und/oder Prophylaxe umfasst.
#11 am 25.09.2017 von Gast
  0
Sehr gut. m´Amitriptylin 25 mg reicht, oder Topiramat 25 mg bei Migräne und Adipoitas.
#10 am 23.09.2017 von Marius Miclea (Arzt)
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Gast 12, , ich meinte nicht ACC sondern ASS plus C , habe mich vertan, danke für den Hinweis.
#9 am 17.09.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Gast
Frau Cortes sicher dass es ACC war, ein Hustenlöser?
#8 am 16.09.2017 von Gast
  0
eine meiner Töchter hatte schon als Kind Migräne und hat vom Kinderarzt ACC -Brausetabletten dagegen verschrieben bekommen, giottseidank hat die Stärke ausgereicht, dass sie einschlafen konnte. . Ich selbst bin Migränikerin und das sind Schmerzen, als ob einem mit einem Presslufthammer der Schädel aufgemeißelt wird. Dass es Nebenwirkungen der Medikamente gibt , ist klar, Migräne ist aber auch eine wirkliche Erkrankung und das Kind bei einem akuten Anfall nicht schulfähig. Durch Lebensstiländerungen, Ausdauersport, Aufpassen, dass der Blutzuvckerspiegel nicht in den Keller geht etc. kann man die Häufigkeit der Migräneanfälle eindämmen. Dennoch bleibt es eine neurologische Primärerkrankung, und die Behandlung bei einer Attacke sollte auch bei Kindern nicht suboptimal sein.
#7 am 16.09.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  3
Wer von den Kommentatoren hier hat eigentlich selbst als Kind an Migräne gelitten? Scheinbar keiner. Aber alle glauben zu wissen, was am besten wäre. Wie in vielen anderen Situationen des realen Lebens kann die Antwort nicht einfach schwarz oder weiß sein.
#6 am 16.09.2017 von Gudrun Maydorn (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Gast
Ich bin weder in der Pädiatrie noch in der Neurologie tätig aber meine Erfahrungen im Umgang mit Schmerzpatienten sagen mir dass es bei der Entscheidung ob "es ohne Medikamente geht" nur auf eine einzige Sache ankommt: der Leidensdruck des Patienten. Schmerz ist immer subjektiv, ebenso die Fähigkeit zu tolerieren, vorausgesetzt diese wird nicht durch Dauerschmerz erschöpft.
#5 am 16.09.2017 von Gast
  0
Gast
Cannabinoide haben sich für die Behandlung von Migräne als sehr nützlich erwiesen.
#4 am 15.09.2017 von Gast
  8
J.H., Heilpraktiker
Es ist bekannt, dass Medikamente gegen Kopfschmerzen/Migräne, lange genug eingenommen, Kopfschmerzen verursachen. Die Patienten müssen dann in der Klinik entgiftet werden. Eine wirksame Therapie ist Akupunktur, wissenschaftlich bewiesen und ohne Nebenwirkungen. Warum also "mit Kanonen auf Spatzen" schießen?
#3 am 15.09.2017 von J.H., Heilpraktiker (Gast)
  17
Ein anderer Versuch zu einer Verbesserung der Lebensqualität zu kommen, ist eine Veränderung der Darmflora, hat nach ca. drei Monaten eine signifikante Verbesserung gebracht und durch konsequente Anwendung langfristig, die Migräneanfälle von 2-4x Woche auf alle 2-3 Monate reduziert. Dadurch natürlich auch den Bedarf an Analgetika...
#2 am 15.09.2017 von Margit Pewe (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
  7
Anja
Wird bei kleinen Migränepatienten eigentlich auch mal die Vitaminbalance im Blut getestet und die Heilung dort angesetzt?
#1 am 15.09.2017 von Anja (Gast)
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