Otalgie: Unausgeglichene Fluggäste

03.09.2017
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Die Sommerferien sind beendet. Einige Urlauber konnten die Reise nicht nach Wunsch genießen. Denn wieder einmal kam es beim Fliegen zu Beschwerden: Ohrenschmerzen. Doch wo liegen die Ursachen hierfür? Und wie kann man die Schmerzen beim nächsten Flug verhindern?

Die Grundlagen für dieses ärgerliche Phänomen sind ganz einfach. Hinterm Trommelfell befindet sich ein abgeschlossener luftgefüllter Raum, das Mittelohr. Im Idealfall herrscht dort der gleiche Luftdruck wie im Gehörgang und wie auch in unserer Umgebung. Das sehr dünne Trommelfell steht dann spannungsfrei zwischen Mittelohr und Außenwelt, kann die Schallwellen aufnehmen und auf die Gehörknöchelchen Hammer, Amboß und Steigbügel übertragen.

Wenn es nicht gut läuft

Wenn Luftdruck im Mittelohr und der Außenwelt nicht übereinstimmen, steht das Trommelfell unter Spannung und lenkt sich aus. Das hat zwei Folgen: Man hört gedämpft und außerdem kann die Dehnung des Trommelfells stark schmerzen. Es können sogar kleine Äderchen platzen und in das Trommelfell einbluten. Im Extremfall hält das Trommelfell dem Druck nicht stand und reißt ein.

Wie gerade erwähnt, ist das Mittelohr ein geschlossener Raum. Aber es gibt eine Verbindung, die sich aktiv und passiv öffnen kann. Sie führt vom Mittelohr zum hinteren Bereich der Nase, dem Nasenrachen, und ähnelt einer Trompete. Dementsprechend heißt dieser Gang Ohrtrompete, Tuba auditiva, Tuba pharyngotympanica oder nach dem italienischen Anatom und Arzt Bartolomeo Eustachi, beschrieben in seinen Tabulae anatomicae vor 500 Jahren, die Eustachische Röhre.

So sollte die Tube funktionieren

Die Verbindung zur Nase ist aus akustischen Gründen verschlossen, kann sich aber öffnen. Bei einem Überdruck im Mittelohr kann der Druck passiv entweichen. Deshalb ist der Start mit einem Flugzeug in der Regel weniger problematisch als der Landeanflug. Oder das Auftauchen weniger als auf Tiefe zu gehen. Denn bei einem Unterdruck im Ohr muss ja Luft zum Druckausgleich ins Mittelohr strömen. Für die Öffnung dieses mit Schleimhaut überzogenen Ganges von Nase zum Ohr dienen einige Schluckmuskeln. Bei jedem Schlucken oder Gähnen kann Luft in die eine wie andere Richtung strömen. Hierbei bewegt sich das Trommellfell und wird als Knacken wahrgenommen.

Fehlfunktion der Tube

Die Ursachen für eine Fehlfunktion dieses Systems sind unterschiedlich, haben aber beim Fliegen immer die gleiche Auswirkung. Druck im Ohr, oft schmerzhaft. Häufig ist ein banaler Schnupfen verantwortlich. Selbst wenn die Luft noch beim Atmen durch die Nase strömen kann, ist hinten im Nasenrachen die Mündung zur Ohrtrompete schon entscheidend zugeschwollen. Man muss sich aktiv um eine Öffnung bemühen, einen Überdruck in Nase und Rachen erzeugen, der sich ins Mittelohr fortsetzt. Beim Schnäuzen der Nase gelingt dies oder beim Verschluß der Nase und Mundes mit Aufpusten der Wangen, indem man also das sogenannte Valsalva-Manöver durchführt.

Neben Infektionen können auch Allergien und vor allem bei Kleinkindern die vergrößerte Nasenrachenmandeln für die Schmerzen verantwortlich sein. Letztere nennt man auch adenoide Vegetationen oder kindliche Nasenpolypen. Bei wenigen Menschen besteht eine generelle Tubenfunktionsstörung.

Beseitigung der Ursache

Bevor ich in ein Flugzeug steige, teste ich schon Tage vorher diese Tubenfunktion. Falls mein Valsalva-Manöver nicht funktioniert, werde ich aktiv, bevor die Probleme kommen. Bei einem banalen virusbedingten Schnupfen hilft abschwellendes Nasenspray, bei Allergien entsprechende antiallergische Sprays oder Tabletten. Die Erfolgskontrolle kann man dann nach Einwirkzeit anhand des Valsalva-Manövers durchführen oder zunehmend (nicht nur bei Kindern) mithilfe des Nasenballons. Dann übe ich so lange, bis das Knacken in beiden Ohren sicher zu hören ist.

Eventuell wende ich eine halbe Stunde vor Sinkflug Nasenspray an. Einige kauen viel Kaugummi, um durch das vermehrte Schlucken die Öffnung zu bewirken. Kleinkinder sollten im Sinkflug ebenfalls viel schlucken, also Bonbon lutschen, trinken oder essen. Babys kann man zum Stillen anlegen. Das beruhigt zusätzlich.

Mittelohrentzündung

Eine Otitis media kann eine Folge dieser Funktionsstörung sein. Die verklebte Ohrtrompete verhindert nicht nur den Druckausgleich, sondern auch den Abfluß des Schleims, der sich im Mittelohr bildet. So kann aus einem Virusschnupfen eine bakterielle Mittelohrentzündung werden. Von einem Flug würde ich bis zu Heilung abraten.

Generelle Funktionsstörungen sollten einem HNO-Arzt vorgestellt werden. Diese können sich nämlich neben dem Druckproblem auch auf die Strukturen im Mittelohr auswirken, zu chronischen Entzündungen führen und damit nach ausführlicher Diagnostik auch weitere Therapien notwendig machen.

Abschließend möchte ich euch noch an einigen Fragen und Aussagen teilhaben lassen, mit denen ich mich bei diesem Thema häufig auseinandersetze.

Frequently Asked Quesions:

1. Kommt der Schleim hinterm Trommelfell (Erguss) aus der Nase?

Nein. Er wird von der Schleimhaut vor Ort gebildet.

2. Kann ich durch den Druckausgleich Krankheitserreger ins Mittelohr drücken?

Theoretisch ja. Ein schlechte Belüftung bringt aber ein sehr viel größeres Risiko einer Entzündung mit sich

3. Darf ich mit einem Röhrchen im Trommelfell fliegen?

Ja. Diese künstliche Öffnung ist ideal für den Druckausgleich.

4. Warum Nasenspray? Ich bekomme doch gut Luft durch die Nase?

Das Nasenspray hilft beim Abschwellen der Mündung der Ohrtrompete.

5. Ich fliege nur eine Kurzstrecke. Werde ich dann auch Probleme haben?

Die Länge des Fluges ändert nichts an der Flughöhe und dem Druckunterschied.

6. Der Druckausgleich tut mir weh. Ich mache den nicht.

Tatsächlich kann der Druckausgleich Schmerzen im Ohr auslösen. Je häufiger er durchgeführt wird, desto weniger Schmerzen sind zu erwarten. Wenn aber schon der Druckausgleich schmerzt, wird aber der Druckunterschied beim Fliegen bestimmt ähnlich stark peinigen.

7. Können die Ohrstöpsel aus der Werbung helfen?

Theoretisch kann das möglich sein. Eine generelle Empfehlung gibt es jedoch nicht, weil sie zu störanfällig sind. Von Einzelerfolgen haben mir Patienten berichtet.

8. Darf ich nach einem Hörsturz fliegen?

Ja. Bei einem Hörsturz ist das Mittelohr nicht betroffen.

9. Muss ich zum HNO-Arzt gehen, wenn ich selten Schmerzen beim Fliegen habe?

Wenn die Schmerzen nach kurzer Zeit ebenso verschwunden sind wie das dumpfes Hören, wird der HNO-Arzt nichts finden.

 

Bildquelle: Robert Couse-Baker, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 05.09.2017.

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Gast aus Bayreuth
ASS ist immer gut, auch im Hinblick auf Reisethrombosen.
#16 am 09.10.2017 von Gast aus Bayreuth (Gast)
  0
TG
zu 3 : Mag sein, dass weder das von mir verabscheute Pracetamol noch das von mir sehr geschätzte Novamin antiphlogistisch wirken: Dann greife ich halt mal wieder auf ASS einfach zurück.Aber Novamin ist wenigstens nicht nur gut analgetisch, sondern ebeno antipyretisch.Wenn eine Schmerzquelle zudem auf eine Entzündung zurückzuführen ist:Da muß ich dann halt doch mal nachgucken, ob Novamin nicht auch antiphlogistische Wirkungen aufweist.Ich bin jetzten etwas verunsichert.
#15 am 22.09.2017 von TG (Gast)
  1
TG
Ich rede aus meiner Erfahrung: Also wirklich, wenn man da fliegt, und aus den Höhen runtersteigt: Da war meinOhr durch die Druckänderungen zu.Manchmal kam es mir so vor, dass auch dann, wenn ich mit der Eisenbahn einen Tunnel durchfuhr, das gleiche Phänomen auftrat.Ohren [ziemlich nur]völlig zu eben.Ich machte mir nie viel daraus, nahm das immer nur gelassen hin.Kam Druck ins Hirn sogar, nicht nur ins Ohr: Oder irgendso.Das ertrug ich immer gelassen. Gefährlich war das nie. Sogar als ich mit dem Omnibus mitfuhr und nur einen Höhenunterschied von ca. 50, höchstens 80 oder 100 Metern runter zu überwinden hatte und die Ohren den Druckunterschied deutlich mir im Selbst als im Hirn spürbar machten, :da machte ich mir wenig daraus.Eben Druck im Ohr: Nicht gefährlich, gut aushaltbar.
#14 am 22.09.2017 von TG (Gast)
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Gast
Hervorragender Artikel. Mehr davon und doccheck wird wieder lesbar und macht mal Freude. Danke
#13 am 06.09.2017 von Gast
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Gast
Also, ich war Vielflieger und brauchte keine Medikamente! Entweder verteilten die Flugbegleiter Bonbons, oder bei Start bzw Landung Nase zuhalten und Schnaupen, macht knacks! ...fertig
#12 am 06.09.2017 von Gast
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Gast
Vor Start und Landung sollten die Flugbegleiter Kaugummi oder Bonbons verteilen, während sie den Sitz der Gurte kontrollieren. Und nebenbei: auch vor Konzerten, im Theater und in der Oper wünschte ich mir das auch.
#11 am 06.09.2017 von Gast
  0
Gastarzt
Es tut mir fast leid, dass sich ausgerechnet nach der gestrigen Diskussion ein HP so grandios mit seinem Beitrag blamiert. Ob Belladonna hilft oder das vermehrte Schlucken dabei: geschenkt! Wahrscheinlich hätte es jedes Zuckerkügelchen getan. Aber die Textpassage mit den Flugphasen und den Drücken ist erschreckend falsch. Oberhalb von 2000 Metern (800 hPa) wird der Kabinendruck konstant gehalten. Also sind nur Start mit Steigflug bis 2000 Meter und Sink- bzw. Landeflug von 2000 Meter bis Landebahn für die Passagiere druckrelevant. Ich hoffe sehr, dass der Pilot eine langsamere Annäherung an die Erde wagt als er nach dem Start in den Himmel prescht. Also echt Unsinn von Ihnen, lieber Herr Wagner. Und aus technischen Gründen kann eine Kabine bei 1000 Meter Höhe keine 800 hPa haben. In diesem Fall ist wichtig: Druckzunahme von außen! Schneller oder langsamer ist egal. Interessant: Sie haben weder die Physiologie und Physik dahinter verstanden, aber die richtige Prophylaxe empfohlen.
#10 am 05.09.2017 von Gastarzt (Gast)
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Apothekerin
Und jetzt noch die Erklärung: Paracetamol kann die Cox-Enzyme in Gegenwart von Radikalen wie Peroxid nicht hemmen. Hohe Peroxidkonzentrationen finden sich in Entzündungszellen,aber nicht in Nervenzellen, was die Analgesie bei fehlender antiphlogistischer Wirkung erklärt.
#9 am 05.09.2017 von Apothekerin (Gast)
  0
Apothekerin
@6 Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie von Thomas Herdegen S 352 Tabelle 18.7 Paracetamol und Metamizol Nachteile: NICHT ANTIPHLOGISTISCH !
#8 am 05.09.2017 von Apothekerin (Gast)
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Möppelfant
@#4: Das ist Unsinn. Bei einer Flughöhe von 1.000m liegt der Außendruck noch bei ca. 890 mbar (hPa) und sinkt erst ab ca. 2,000m unter die genannten 800mbar. Ein Flugzeug besitzt überhaupt keine technischen Vorrichtungen, um einen Unterdruck gegenüber der Außenluft in der Kabine zu erzugen. Nur bei einem sehr starken Sinkflug kann es daher kurzzeitig zu einem Unterdruck kommen, der allerdings sehr schädlich für die Stabilität der Kabine wäre. Daher gibt es bei Flugzeugen mit Druckkabine sogar spezielle Klappen (negative pressure relief valve), die sich in solch einem Fall automatisch öffnen. Mir ist aber durchaus klar, dass derartige technisch-wissenschaftliche Argumente bei einem Homöapathen nicht fruchten werden bzw. ins Gegenteil verkehrt werden.
#7 am 05.09.2017 von Möppelfant (Gast)
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@isabella-stavenhagen-neumann: Bei Ihnen möchte ich nichts kaufen, denn Sie wissen offensichtlich nicht, dass beide Arzneien sowohl antiphlogistisch als auch analgetisch wirken! Lesen Sie vielleicht einmal in der Wikipädia, wenn Sie gerade kein gutes Pharmabüchlein zur Hand haben!
#6 am 05.09.2017 von Ulf D. Meyer (Nichtmedizinische Berufe)
  22
Gast
Danke, sehr informativ und nützlich
#5 am 05.09.2017 von Gast
  1
Ein Tip aus der hier doch öfters geschmähten Homöopathie hilft meinen Patienten seit 30 Jahren erfolgreich, nämlich Belladonna D12 Vor dem Start und dann wieder 15 Min. bevor der Sinkflug beginnt. Der Sinkflug macht deswegen mehr Probleme, weil die Höhendifferenz dabei deutlich rascher überwunden wird als beim Steigflug. Hängt jedoch auch vom Maschinentyp ab, den der Kabinendruck wird üblicherweise auf 0,8 bar eingestellt, egal, ob der Flug in 1000 oder 8000 m Höhe stattfindet.
#4 am 05.09.2017 von Robert Wagner (Heilpraktiker)
  27
Weder Paracetamol noch Novaminsulfon wirken antiphlogistisch, analgetisch schon.
#3 am 05.09.2017 von Isabella Stavenhagen-Neumann (Selbstst. Apothekerin)
  3
Was bei mir recht gut hilft, sind spezielle Ohrenstöpsel mit Druckausgleich (FlyFit u.Ä.), idR in Kombination mit Otriven. Dies Stöpsel verlangsamen den Druckausgleich bei der Landung und ermöglichen eine langsame Anpassung, ohne dass es zu massiven Druckunterschieden kommt. Rechtzeitig, noch vor Beginn des Sinkflugs einsetzen.
#2 am 05.09.2017 von Dr Holger Fehr (Biochemiker)
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1 bis 2 Stunden vor der hoffentlich zu erwartenden, sicheren Landung 2x500 mg Paracetamol oder Novaminsulfon wirken durch die antiphlogistischen bzw. analgetischen Effekte bei schmerzhaften Problemen mit dem Druckausgleich ebenso zuverlässig wie perfekt.
#1 am 05.09.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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