CANTOS: Das Pippi-Langstrumpf-Projekt

30.08.2017
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Es ist schon ein perfides CANTOS-Studiendesign. Es scheint, als wären die Studienteilnehmer ganz nach dem Prinzip „Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“ ausgewählt worden. Und so redet nun alle Welt über angeblich revolutionäre Studiengebnisse. Ich bleibe skeptisch.

Ich kann dagegen die allgemeine Emphase und Euphorie bei den CANTOS-Studienergebnissen und den damit verbundenen Hype einer angeblich allgemeingültigen Entzündungstheorie bei der Koronaren Herzkrankheit (KHK) nicht teilen. Die CANTOS-Studie (The Canakinumab Anti-inflammatory Thrombosis Outcomes Study) belegt in keinster Weise einen KHK-Präventionsansatz durch systematische Entzündungshemmung.

Keine Prävention, ausschließlich Therapie nach Herzinfarkt

Mit der Publikation Antiinflammatory Therapy with Canakinumab for Atherosclerotic Disease von Paul M. Ridker et al. ist im Titel zutreffender Weise auch nicht von Prävention, sondern ausschließlich von einer wie auch immer gearteten Therapie die Rede. Der Titel suggeriert, es handle sich um Arteriosklerose. In der Publikation selbst geht es aber ausschließlich um Patienten mit Zustand nach akutem Koronarsyndrom (ACS), Myokardinfarkt (MI), PCI-/Bypass-Intervention und damit um eine schwere, klinisch manifeste, organspezifische koronare Herzkrankheit und allenfalls um eine Sekundärprävention derselben.

Hintergrund und Schlussfolgerungen passen nicht zusammen

Ich möchte dies verdeutlichen mit der Gegenüberstellung von Hintergrund und Schlussfolgerungen der CANTOS-Studie:

„Background - Experimental and clinical data suggest that reducing inflammation without affecting lipid levels may reduce the risk of cardiovascular disease. Yet, the inflammatory hypothesis of atherothrombosis has remained unproved [...].“

versus

„Conclusions - Antiinflammatory therapy targeting the interleukin-1β innate immunity pathway with canakinumab at a dose of 150 mg every 3 months led to a significantly lower rate of recurrent cardiovascular events than placebo, independent of lipid-level lowering. (Funded by Novartis; CANTOS ClinicalTrials.gov number, NCT01327846.)“

Präjudizierendes Studiendesign

Geradezu perfide ist das Studiendesign: Um die Cholesterin/LDL-Hypothese oder die Endothel-Schädigung und Plaque-Bildung bzw. die Wirksamkeit von Statinen, Ezetemibe, PCSK-9-Hemmung, Lipid-Apherese etc. zu entkräften, wurden die Studienteilnehmer nach dem Hornbach-Prinzip – was nicht passt, wird passend gemacht – hochselektioniert ausgewählt.

So heißt es: „10.061 patients with previous myocardial infarction and a high-sensitivity C-reactive protein level of 2 mg or more per liter. The trial compared three doses of canakinumab (50 mg, 150 mg, and 300 mg, administered subcutaneously every 3 months) with placebo. The primary efficacy end point was nonfatal myocardial infarction, nonfatal stroke, or cardiovascular death.“

Damit wurden ausschließlich Patienten in die Studie eingeschleust, die mit der von der Autorenschaft präjudizierten Entzündungshypothese übereinstimmten. Es ging also gar nicht mehr darum, die Hypothese zu belegen, dass neben dem Alter, der hormonellen Konstitution, LDL-Hypercholesterinämie, Rauchen, Bewegungsarmut, Fehl- und Überernährung, Diabetes mellitus, hoher Alkoholkonsum und eventuell andere zusätzliche Entzündungsfaktoren eine Rolle spielen könnten.

Verum vs Placebo: Doch nur marginal?

Bei 14 Prozent der Studienteilnehmer wurden unter Canakinumab Ereignisse der primären Endpunkte wie kardiovaskulärer Tod, Infarkt und Schlaganfall gemessen, wohingegen in der Placebo-Gruppe bei 16 Prozent der Studienteilnehmern Ereignisse auftraten: Ein allenfalls marginaler Unterschied. Und alle Patienten hatten bereits vorher einen Myokardinfarkt erlitten.

Schlussfolgerungen vorherbestimmt

Wenn man dann nur gezielt diejenigen mit sowieso schon vorhandenen Entzündungsparametern aufgreift, hat man damit systematisch eine angemessene Kontrollgruppe ohne Entzündungszeichen nach Myokardinfarkt ausgegrenzt. Man könnte von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung sprechen.

Ich zitiere die entsprechende Textpassage: „Patients were eligible for enrollment if they had a history of myocardial infarction and had a blood level of high-sensitivity C-reactive protein of 2 mg or more per liter despite the use of aggressive secondary prevention strategies.“

Mein persönliches Fazit

Diese Studienergebnisse reichen nicht aus, um Aussagen über Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention von Entzündungsparametern nach Herzinfarkten zu treffen. Und auch nicht für klinisch relevante Feststellungen bezüglich Prophylaxe, Ätiologie und Pathogenese der Koronaren Herzkrankheit mit daraus resultierendem akuten Koronarsyndrom.

 

Bildquelle: Lisa Stevens, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 21.09.2017.

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Immerhin: es wird gezeigt, dass die alte Hypothese von Virchow bestätigt wird, dass chronische Entzündungen mit Endothelschädigung Arteriosklerose verursachen können. Dafür spricht z. B., dass eine chronische Paradontitis ein Risiko für herzinfarkt ist. Doch warum soll man einen Zwischenschritt der Pathogenese von Entzündungen angehen, anstatt den Entzündungsherd selbst zu suchen und zu behandeln?
#5 vor 28 Tagen von Dr. Helmut Fender (Arzt)
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Ja die Ergebnisse sind genau wie Helicobactor Pylori. Nein es ist keine Entzündung durch Viren. Jahrzehnte lang wurde das verleugnet. Statt über den Kommerz zu meckern. Eigene Studien machen. weiß man doch mittlerweile, dass viele Krankheiten durch chronische Entzündungen ausgelöst oder gefördert werden
#4 vor 28 Tagen von Rainer Weers (Nichtmedizinische Berufe)
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Blog-Meister Schätzler ist wie immer brillant. Teil 1 Es geht ums Geschäft. Derartige Verkündigungen sollen Patienten anlocken und damit Produzenten und eigentlich geht es wie immer um Geld. In einer so übertechnisierten und überforschten Welt muss man sich was einfallen lassen - und man muss zwingend der erste sein, Rechtsschutz tut Not. Der Antrieb dazu ist nicht medizinisch, die Medizin ist nur der Laster, der die Kohle zu den Herstellern von Heilmitteln transportiert. Lebewesen sind alle kompliziert. Aber nur von dem oberkompliziertesten, dem Menschen, kriegt man Geld für Mittelchen und neu war schon immer beste Werbung, siehe Spinatblätter - 1 Artikel weiter oben aus dem Newsletter von heute.
#3 vor 28 Tagen von Karl-Heinz Licht (Medizinjournalist)
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Blog-Meister Schätzler ist wie immer brillant. Teil 2 Menschenmassen herunterkonditionieren durch allerhand Gifte und unzählbare Venusfliegenfallen der Bequemlichkeit und dazu gehöriger, der Ablenkung dienender, Führung durch nutzenorientierte Unterhaltung schaffen das absolut größte Marktsegment aller Zeiten. Die Menschen sind nur das Aas, das die Fliegen anzieht. Klar wollen sie alle leben, aber wie, ist die eigentliche Frage. Die Identität zwischen körperlicher Verfassung und der psychischen Übersetzung ins Selbstwertgefühl habe ich in doccheck noch nie thematisiert gesehen, jedenfalls nicht so umfangreich und tiefschürfend wie technische und chemische Verfahren zur Bekämpfung von Krankheiten.
#2 vor 28 Tagen von Karl-Heinz Licht (Medizinjournalist)
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Es handelt sich hierbei sogar um einen Cardiologen, und auch noch ein renommierter Leiter einer Abteilung eines staatlichen Forschungsinstitut .... also sehr sehr suspekt ! ;)))
#1 vor 45 Tagen von Bernhard Karsch (Arzt)
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