„Kein Alkohol ist auch keine Lösung“?

26.08.2017
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Im Mittel 1 bis max. 4 Gläser Wein à 0,1 L oder 1 bis max. 4 kleine Flaschen Bier à 0,33 L täglich dürfe man trinken, sonst werden die gesundheitlichen Vorteile moderaten Alkoholkonsums gegenüber völliger Abstinenz aufgehoben. Doch wann beginnt z.B. das Risiko, an Magenkrebs zu erkranken? Oder ist doch ein kompletter Verzicht ratsam? Wissenschaftliche Fragestellungen, die Kopfzerbrechen machen:

Weil Alkoholkonsum wie auch Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen, Diabetes bzw. andere Umwelteinflüsse zu den wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren für zahlreiche Krebserkrankungen gehören, wurde gezielt untersucht, ob auch das Magenkarzinom zu diesen Krebsarten gehören könnte? 

Stellungnahmen der IARC
Noch im Jahr 2009 stellte die in Lyon/F ansässige International Agency for Research on Cancer (IARC) fest, dass es keine ausreichende Evidenz für eine Rolle von Alkohol bei der Genese von Magenkarzinomen gebe. 2016 kam der World Cancer Research Fund International zu dem Schluss, dass ab einem Alkoholkonsum von mehr als drei Drinks pro Tag wahrscheinlich ein erhöhtes Magenkrebsrisiko bestünde. Vgl. im Gegensatz dazu auch „Carcinogenicity of consumption of red and processed meat." Das "war der plakative Titel einer vorläufigen Publikation, die 22 internationale Experten aus 10 Ländern gemeinsam mit der International Agency for Research on Cancer (IARC) in Lyon/F im Lancet veröffentlicht haben. Verarbeitetes, gepökeltes oder geräuchertes Fleisch (‚processed meat‘), insbesondere gebraten, gegrillt und nitrosamin-/acrylamid-haltig wurde mit unbehandeltem Schlachtfleisch (rotem Fleisch) in einen Topf geworfen…“ http://news.doccheck.com/de/blog/post/3153-haxe-des-boesen-3-0

Gepoolte Analyse genauer? 
Nach der jetzt veröffentlichten gepoolten Analyse des "Stomach cancer Pooling (StoP)"-Projekts im International Journal of Cancer (2017; online 8. August) mit dem Titel “Alcohol consumption and gastric cancer risk—A pooled analysis within the StoP project consortium” von Matteo Rota et al. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ijc.30891/full  ist erst ab einer täglichen Menge von mehr als vier kleinen alkoholischen Getränken eine signifikant erhöhte Magenkrebsrate festzustellen. Doch liegt hier wirklich ein angemessener Beitrag zur Krebs-Epidemiologie unter Alkohol-Einfluss vor? Dem Autorenteam ist offensichtlich nicht einmal bewusst, dass Alkohol-bedingte Gesundheitsschädigungen bzw. Tumorrisiken eben n i c h t monokausal und schon gar nicht mono-lokulär auf isolierte Zielorgane heruntergebrochen werden können. 

Schon gar nicht adäquat ist eine Kategorienbildung zwischen:
Abstinenzlern ("abstainers"), Trinkern bis 4 Drinks/Tag ("drinkers"), starken Trinkern ("heavy drinkers") mit 4-6 Drinks/Tag und sehr starken Trinkern ("very heavy drinkers") mit mehr als 6 Drinks/Tag. Auf retrospektiven Beobachtungen fußende Metaanalysen führen gerade beim Alkoholkonsum systematisch in die Irre, weil die Übergänge zwischen den Verbrauchs-Kategorien nicht nur substanzbedingt zumeist fließend sind. Dem Autorenteam sind aber auch keine weiteren Widersprüche aufgefallen, die in seinem Abstract und in seiner Publikation selbst stecken: 

Weitere Widersprüche 

["Compared with abstainers, drinkers of up to 4 drinks/day of alcohol had no increase in gastric cancer risk, while the ORs were 1.26 (95% CI, 1.08–1.48) for heavy (>4 to 6 drinks/day) and 1.48 (95% CI 1.29–1.70) for very heavy (>6 drinks/day) drinkers. The risk for drinkers of >4 drinks/day was higher in never smokers (OR 1.87, 95% CI 1.35–2.58) as compared with current smokers (OR 1.14, 95% CI 0.93–1.40). Somewhat stronger associations emerged with heavy drinking in cardia (OR 1.61, 95% CI 1.11–2.34) than in non-cardia (OR 1.28, 95% CI 1.13–1.45) gastric cancers, and in intestinal-type (OR 1.54, 95% CI 1.20–1.97) than in diffuse-type (OR 1.29, 95% CI 1.05–1.58) cancers."] 

Von daher ist die Quintessenz der beschriebenen Metaanalyse: Wer täglich nicht mehr als drei kleine Gläser Wein à 0,1 Liter oder drei kleine Flaschen Bier à 0,33 Liter trinkt, hat k e i n messbar erhöhtes Risiko, an Magenkrebs zu erkranken. Wer das, egal in welcher Richtung, deutlich unter- oder übertreibt, schon! Allgemeine, multimorbiditäts- und unfall- bezogene Risiken des Alkoholkonsums waren bei dieser Studienanalyse, wie es Österreicher so elegant formulieren können, nicht inkludiert! 

Bildquelle: Rotwein im Glas Copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 29.08.2017.

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