Nicht einschlafen, bleiben Sie wach!

24.08.2017
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Ich habe kein Problem mit dem Schlaf. Er ist immer da, wenn ich ihn brauche. Manchmal taucht er allerdings auch auf, wenn ich ihn gar nicht brauchen kann. Beim Autofahren zum Beispiel. Ich kneife mich dann in die Fingerkuppe und ermahne mich selbst: „Hey, wach bleiben!“ Ich erinnere mich an diesen Satz in der Notaufnahme. Das tausendfache, rhythmisch Wiederholen, manchmal laut, zur Not schreiend.

Das alljährliche Stadtfest. Die Liegen in der Notaufnahme sind in der Nacht überfüllt mit betrunkenen, gestürzten, kotzenden Patienten. Kopfplatzwunden, Schnittverletzungen, Schlägereien, Versorgung der Patienten in Fließbandarbeit. Vor allem die jungen Patienten haben nicht nur in Bier gebadet. Sie stinken nach Marihuana, haben Tabletten mit Smileys in der Tasche.

Die Intensiv- und Überwachungsbetten sind belegt mit überdosierten, kaputten Körpern, die sich selbst und das Pflegepersonal gefährden und sich am nächsten Tag an nichts erinnern können. Die Rettungsdienste karren einen müden Patienten nach dem anderen um 0 Uhr, um 1 oder 2 Uhr nachts an. „Hey, nicht einschlafen! Bleiben Sie wach!“, schreien wir unsere Patienten an – wie die Helden in den TV-Serien. Ich verstehe, dass sie müde sind, bin ich auch.

Betrunkene Schlafende haben keine Schutzreflexe

Aber schlafende betrunkene Patienten, die auf den Kopf gefallen sind, sind nicht zu beurteilen. Sie haben keine Schutzreflexe. Sie kotzen nicht in einen Eimer. Sie kotzen sich selbst an. Ersticken daran oder sterben an der hässlichen Aspirationspneumonie. Sie bluten in ihren Kopf, ohne dass ich es bemerke, weil sie neurologisch nicht beurteilbar sind. Sie können mir nicht sagen, dass ihr Bauch schmerzt, weil sie einen Tritt in den Oberbauch bekommen haben und die Leber jetzt einen Riss hat. So lange sie wach sind, atmen sie. Aber wenn sie einschlafen, hört der mit Opiaten und Beruhigungsmitteln voll gepumpte Körper eventuell auch auf zu atmen – natürlich haben sie mir die Einnahme verschwiegen.

Tritt Bewusstlosigkeit ein, haben Sie ein Problem

Lebensgefährlich für sie und lästig für mich. Bewusstlose Patienten sind verdammt viel Arbeit, die nicht auf später verschoben werden kann. Bebeuteln, Intubation, Intensivstation, eine unnötig hohe Dosis Strahlenbelastung für den jungen Schädel. Wenn man Glück hat. Wenn man aber Pech hat, steckt hinter der Bewusstlosigkeit das Gefürchtete: ein Schock aufgrund der Milzlazeration, eine Subarachnoidalblutung, ein Herzinfarkt, die lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung, eine Intoxikation mit Atemdepression. Also schreien wir die Patienten an, um uns selbst und sie zu beruhigen. Solange sie wach sind und wach bleiben können, ist alles okay.

Sollten Sie also einmal so einen müden Körper irgendwo liegen sehen, schreien Sie ihn einfach an: „Hey, aufwachen! Bleiben Sie wach!“ Sobald er das nämlich nicht mehr ist oder nicht mehr bleiben kann, haben Sie ein Problem. Zumindest die stabile Seitenlage und die Nummer vom Rettungsdienst sollte man dann kennen.

 

Bildquelle: whatleydude, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 29.08.2017.

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Gast
@14 Ich sehe nicht wirklich Abfälligkeit, bestenfalls Resignation? (Und kommen sie schon, sagen sie bloß ihnen blutet das Herz bei jedem der beschriebenen Patienten? Professionalität ist vorraussetzung aber für Gefühle von Frustration und Resignation kann keiner was meinen sie nicht auch?) Weil manchmal ist es so? Außerdem wo haben sie die Idee her dass Marihuana Patienten Monokonsumenten in der Regel sind? Die, die auf dem Notfall landen sind meist die die noch was anderes nebenher hatten... oder halt viel zu viel weil niemand ihnen erklärte dass die Wirkung nicht so schnell kommt wie sie denken. Sonst würden die ja eben gemütlich zuhause chillen anstatt die kollegen im Dienst zu beehren. Und Speichelschnelltests hat nicht jeder zu Verfügung. Schon gar nicht periphere Häuser. Wir waren froh wenn wir Atemalkoholtests machen konnten. Theorie und Praxis halt.
#15 am 31.08.2017 von Gast
  0
Pflegeberuf
Wichtiger Tipp: Das Anschreien/-sprechen. Gefährlich selbstverständlich auch die (Ungewissheit einer) Atemdepression - warum erwähnen Sie die routinemäßig durchgeführten (Speichel-)schnelltests auf gängige Substanzen eigtl. nicht? V.a. jedoch: Die Mehrzahl der "kotzenden [...] in Bier gebadet[en]" Patienten wird 'lediglich' dies getan haben, traurig genug. Die nach Marihuana stinkenden (??) Klienten sind jedoch i.d.R. Monokonsumenten. Klar bezieht sich der Text auf polytoxe/ bzw. Patienten mit Gehirnerschütterung - dennoch würde ich mir eine differenziertere Einteilung bzw. Aussage im Rahmen eines solchen, wichtigen, leider aber eine ordentliche Portion Abfälligkeit diesen erkrankten Menschen gegenüber durchblicken lassenden Artikels wünschen.
#14 am 31.08.2017 von Pflegeberuf (Gast)
  12
Gast
@Dr. Meier: ich denke sie dürfen den Blog-Eintrag hier nicht als Protokoll eines Notfalldienstes sehen sondern als Gedanken über einen ganz speziellen Aspekt: Nämlich warum wir Ärzte Patienten anschreien sie sollen wach bleiben. Dass da Untersuchung, Diagnostik, Algorhythmen, Behandlung und all das parallel dazu verläuft sollte doch klar sein. Es geht hier aber nicht um die korrekte Behandlung eines Bewusstseinseingetrübten Menschens sondern einzig um den Aspekt des WACH bleibens. Und das zeigt der Blogeintrag eigentlich recht schön. Bitte mal vom hohen Ross runter kommen, kurz nachdenken was ein BLOG ist und dann mal drüber nachdenken. Zum Thema selbst: Gott, ich kenn all die Gedanken gut... zumal MEIN "Notfall" eine winzige Klitsche war, 1 Arzt und 1 Notfallpflege als Besetzung und ohne CT, nächstes CT 45 min Fahrt entfernt, keine ITS, keine Beatmungsbetten, keine wirkliche Möglichkeit des Monitorings. "BLEIBEN SIE WACH" hab ich da auch öfters gebrüllt...
#13 am 31.08.2017 von Gast
  0
Gast
@12: na dann verraten Sie uns doch bitte wie wir es nennen sollen... und zwar bitte auf Hochdeutsch, bayrisch, sächsisch, schwäbisch, fränkisch, schweizerdeutsch,.... denn ich will ja was lernen und in meiner Klinik wird gerne Mundart (Jägerlatein...) gesprochen. Wenn ihnen an korrektem Ärztesprech gelegen ist würde ich an Ihrer Stelle keine Blogs lesen...
#12 am 30.08.2017 von Gast
  0
Gast
"Bebeuteln"? Nichts für ungut, aber mir ist dieses Pseudoexpertenmedizinerjägerlatein schon immer zuwider.
#11 am 30.08.2017 von Gast
  21
Gast X
Lieber Herr Dr. Meier, lieber Gast 6. irgendwo haben Sie beide recht... aber Dr. Meier, nicht nur ihr Text impliziert dass dem "Aufwecken" des Patienten eine Untersuchung, Anamnese und gegebenenfalls auch apparative Diagnostik folgt... das impliziert auch der Blogbeitrag dem Sie offenbar nichts abgewinnen können. Ich persönlich finde es weniger "wirr" formuliert als so manche Anamnese die ich von den Patienten zu hören bekomme und trotzdem müssen wir es immer schaffen das wesentliche herauszufiltern. Nebenbei: auch wenn ein vigilanzreduzierter Patient ein unauffälliges cCT hat ist es damit nicht getan, dann muss man ihn trotzdem weiterhin "anschreien", das nennt sich dann Commotioüberwachung... ;-)
#10 am 30.08.2017 von Gast X (Gast)
  1
Gast
#9 ganz meine Meinung!!! Es sind "Tagebuch"-Beiträge, keine wissenschaftlichen Exkurse. Niemand wird gezwungen, sie zu lesen.
#9 am 30.08.2017 von Gast
  1
Gibt es eigentlich nicht einmal die Option, dass hier jemand einen Beitrag schreibt, zu dem nicht irgendjemand etwas besserwisserisches zu vermelden hat? Wir alle wissen, dass ein Grossteil der hier Mitlesenden über medizinisches Fachwissen verfügt. Bei den meisten, in Mitteleuropa ausgebildeten Ärzten dürfte die Notaufnahme Bestandteil der Ausbildung gewesen sein. In fast allen Notaufnahmen dürfte es an manchen Tagen oder eben in manchen Nächten mal so oder so ähnlich zugehen wie oben beschrieben. Wieso können wir Blogbeiträge nicht gelegentlich mal einfach als das nehmen, was sie am ehesten sind: persönliche Erfahrungen und unterhaltsam. Man mag sich davon mehr oder weniger abgeholt fühlen. Aber nur weil man selbst nicht die gleiche Ansicht teilt, muss man doch nicht den Verfasser fachlich in Frage stellen... ist ja keine Facharztprüfung sondern eben ein Blogbeitrag. Nur mal so...
#8 am 29.08.2017 von Dr. med. Stefanie Peggy Kühnel (Ärztin)
  1
Lieber Gast#6,ich kann sie trösten:24 Jahre zuständig für eine interdisziplinäre Notfallambulanz im KH der Maximalversorgung ... und wenn sie genau lesen, dann impliziert mein Text vor der apperativen Diagnostik eine sorgfältige vorausgegangene körperliche Untersuchung. Ich wünsche keinem jungen Kollegen der nur das Anschreien der Patienten praktiziert, anschließend bei einem mit Hirnblutung oder Leberriss verstorbenen Patienten sich vor Gericht wegen fehlerhafter Erstbehandlung mit Todesfolge (Unterlassene Hilfeleistung ?, Fahrlässige Tötung?) verantworten zu müssen! Und da hilft auch nicht das Argument: Die Patienten kamen im Minutentakt!
#7 am 29.08.2017 von Dr. med. Richard Meiers (Arzt)
  5
Gast
Lieber Dr. Meiers, wann hatten Sie zuletzt Dienst in der Notfall ambulanz? Wenn die Patienten, so wie oben beschrieben, fast im Minutentkt kommen, begleitet von Sanitätern, manchmal Notärzten und zu allem Überfluß auch noch der Polizei, interessiert akademisches Gewichse nicht mehr. Hier gilt es nur noch zu sortieren, Fließband arbeit zu leisten und aufgebrachte meist ebenfalls angetrunkene Angehörigen raus zu bitten. Algorithmen laufen dann selbstverständlich automatisch - wie denn wohl sonst?
#6 am 29.08.2017 von Gast
  0
Gast
... und woanders fehlen die Ärzte und das Geld.
#5 am 29.08.2017 von Gast
  1
Bericht liest sich so wirr wie die Zustände in der Wochenend-Notfallambulanz sich präsentieren. Dabei sollte doch der Algorithmus klar sein. Eingetrübt mit Kopfverletzung: CCT...Verletzungen am Stamm: Sono und ggf. KM-CT Und kommt mir jetzt nicht mit Strahlenbelastung!
#4 am 29.08.2017 von Dr. med. Richard Meiers (Arzt)
  27
Komisch etwas! Man begreift in diesem Text oben, es geht um Betrunkene; Vergessen wird: Unzählige Menschen leiden an Einschlafzwang (Sekundenschlaf- attacken)! Dieses, weil sich die Blutsauerstoffsättigung auf Werte <50% absenkt. Dieses, weil der Schlafende mit ständigen Atemaussetzern zu kämpfen hat. Dieses, weil sich nicht abgeatmetes Kohlendioxidgas, das sich im Blut in Kohlensäure löst, sie sich nur im gesunden Apnoe freien Schlaf unmittelbar abbaut. Grunderkrankung; Schlafapnoe Syndrom (OSAS/ZSA) wird besonders gefährlich für den Betroffenen, wenn Blutdrucksenkende Medikamente verabreicht sind. In Kombination mit z.B.: Alkohol (Trunkenheit) Schlafmittel (Narkotika), Opiaten (Schmerzmittel) verzögert sich die Hirn-Rechenoperation erheblich (Denken Sie an den Betrunkenen der im Gehen wackelt). Es führt zu erheblicher Verzögerung des Not-Wecken (Arousel) aus dem Tiefschlaf! Blutsauerstoffsättigung = 53% noch nach 5 Std. Wach-Atmung. Mehr: flc@live.de;
#3 am 29.08.2017 von franz laudenbach (Nichtmedizinische Berufe)
  22
Gast
Nur wenn man jeden schlafenden Obdachlosen anbrüllt?! Und soll jeder schlafende Obdachlose, der nur schlafen will, in die Notaufnahme gebracht werden?
#2 am 29.08.2017 von Gast
  9
Gast
Wer von uns ist noch nicht an einem schlafenden Obdachlosen vorbei gegangen? Da überlge ich jedesmal...
#1 am 29.08.2017 von Gast
  1
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