Vernunft in der Medizin - Am Beispiel des künstlichen Kniegelenks 3

19.09.2010
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Das Beispiel

Das Thema Gelenkersatz wird zur Zeit heftig in den deutschen Medien diskutiert. Experten befürchten neuerdings öffentlich, dass in Deutschland zu viele Patienten mit künstlichen Gelenkimplantaten versorgt werden. Eine Vermutung, die Hausärzte, so wie ich es erlebe, seit Jahren äußern, wenn sie miteinander diskutieren. Allerdings tun sie das eher im stillen Kämmerlein, unter sich. So ist es meistens, wenn Hausärzte eine Meinung zur Medizin oder zur Gesundheitspolitik haben. Für Engagement, gar für Standes- oder Gesellschaftspolitik meinen sie keine Zeit zu haben. Sie müssen ihre Patienten versorgen. Dem Verfasser geht es seit Jahren ähnlich. Dieser Blog ist auch dazu da, das ein wenig zu ändern.

Gefühl gegen Verstand?

Andererseits: Wer interessiert sich in diesem Zusammenhang mit der modernen, vielleicht sogar großen Medizin, schon für die Meinung von Hausärzten? Eine hausärztliche Meinung ist eine Meinung und nichts Fundiertes, eher ein Gefühl, zwar durch tägliche Arbeit gewonnen, aber nicht durch statistische Erhebung belegt. Es ist das alte Problem: Gefühl, intuitive Wahrnehmung und letzten Endes Beurteilung mit Augenmaß sind Dinge, die heute wenig zählen. Fakten sind gefragt, nicht das Gefühl oder die Meinung von Quasi-Laien, als die Hausärzte beim Thema Implantologie zugegebenermaßen zu betrachten sind.

200.000 künstliche Hüftgelenke und fast ebenso viele künstliche Kniegelenke wurden im Jahr 2009 in Deutschland eingesetzt. Im gesamten Rest-Europa wurden im selben Zeitraum 300.000 künstliche Hüftgelenke implantiert. Ich kenne die Zahlen für das künstliche Kniegelenk nicht, vermute aber, dass hier die Unterschiede zwischen Deutschland und dem restlichen Europa noch deutlicher werden.

Wer bestimmt, ob ein künstliches Kniegelenk implantiert werden muss?

Die Frage ist ganz einfach beantwortet: In der Regel die, die es einsetzen, also die Fachärzte, die Operateure. Denken Sie beim Lesen dieser Artikelreihe daran, dass es im Falle des künstlichen Kniegelenks nur um ein Beispiel geht. Wenn Sie einen Akupunkteur fragen, ob Akupunktur notwendig ist, welche Antwort werden Sie in der Regel bekommen? Wenn Sie einen Apotheker fragen, ob man auch ohne Medikamente durchs Leben kommen kann, fragen Sie einfach den falschen.

Bei der Entscheidung Implantat ja oder nein, helfen am Rande Bekannte, Leidensgenossen, Funk und Fernsehen, die Presse, neuerdings das Internet, der Hausarzt und Fachärzte nicht-operativer Bereiche. Treffen Sie beispielsweise bei der Frage nach einer OP auf einen nicht-operierenden Orthopäden, wird dieser eventuell eine Injektionstherapie mit Präparaten für den Knorpelaufbau vorziehen. Ob er glaubt, dass es hilft? Eindeutig ja! Fragt sich nur wem.

Das klingt zynisch, aber so sieht die Realität aus. Der Patient muss wissen, was er tut. Deswegen schreibe ich solche Artikel.

Patient und Hausarzt

Ein Patient musste bereits in der Vergangenheit wissen, was er tut und muss es in der Gegenwart. Für die Zukunft wird dieses Wissen lebenswichtig.

Dass Patienten an ihre Ärzte glauben, davon lebt die Medizin, aber auch die Ärzte und ihre Familien. Auch wir Hausärzte leben von unseren Patienten, andererseits sind wir diejenigen, die als einzige die Chance haben, das gesamte Gesundheits- und Krankheitsmanagement unserer Patienten zu überblicken. Wer sonst?

Das Hausarzt ein aussterbender Berufszweig zu werden scheint, ist für die Politik und die Ärzte selbst kein Problem. Politik wird weiterhin Politik machen, wie die Politiker und die entsprechende Lobby es für richtig halten. Ärzte werden das Problem lösen, indem sie in andere Fachbereiche streben oder ins Ausland. Aber was macht der Patient, wenn er am Ende dieser Entwicklung ohne Gesundheits- und Krankheitsberater dasteht?

Falls jemand egoistische Motive hinter dieser Schlussfolgerung zu erkennen glaubt, weil sie ausgerechnet ein Hausarzt zieht, kann ich sie entkräften: Meine Zeit als Hausarzt neigt sich dem Ende zu. Die verbleibenden acht bis zehn Jahre Berufstätigkeit werden nicht reichen, mir den Broterwerb streitig zu machen. Im Gegenteil, zur Zeit gehöre ich einer seltenen Rasse an, die eher zuviel zu tun hat als zu wenig. Es geht nicht um meine Zeit, es geht um die Zukunft der Patienten.

Lesen Sie weiter im nächsten Artikel dieser Reihe

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Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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