Hände weg vom Patienten!

16.08.2017
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Smartphones machen approbierte Ärzte entbehrlich. Zunehmend übernehmen Apps die medizinische Versorgung. Sollte der Patient doch mal mit einem Menschen sprechen wollen, genügt statt eines Arztes ein Ansprechpartner, der für Patientenkommunikation ausgebildetet wurde. Ist das wirklich die Zukunft?

Zumindest ist das der Tenor des Artikels „App auf Rezept“ im Spiegel. Er bespricht, wie künstliche Intelligenz die medizinische Versorgung von morgen gestalten wird. Was passiert mit der Medizin, wenn Smartphones stetig an Funktionen dazugewinnen, Geräte zur medizinischen Diagnostik immer kleiner und günstiger werden und künstliche Intelligenz immer bessere Datenauswertungs-Algorithmen ermöglicht? Was bedeutet das für den Beruf und die Funktion eines Arztes?

Unfassbares ist inzwischen schon möglich – dass das für Ärzte eine Existenzbedrohung sein wird, sehe ich jedoch entschieden anders.

Das Jetzt

Es gibt bereits Unmengen an günstigen Zusatzgeräten für Smartphones, die mit ihren Funktionen der Ausstattung einer Hausarztpraxis Konkurrenz machen. Sie leiten EEGs ab, messen den Augeninnendruck, erfassen und interpretieren EKGs, bestimmen den Blutdruck, überprüfen die Lungenfunktion, analysieren den Atemalkoholgehalt, schallen Organe und sequenzieren sogar das Erbgut.

Zudem kommen immer mehr Anamnese-Apps auf den Markt, die Patienten in ihrem Alltag auf Schritt und Tritt begleiten, aus dem gewonnenen Datenpool lernen und sich laufend selbst verbessern:

Die Liste könnte endlos weitergeführt werden, die Tendenz ist klar: Mobile Applikationen können aushelfen, wo die Anamnese im Arzt-Patient-Gespräch ihre Schwachpunkte hat.

Die Zukunft?

Die Argumente aus dem Spiegel-Artikel gründen ungefähr auf folgendem Zukunfts-Szenario: Patienten lassen sich regelmäßig oder bei Symptomen vom Smartphone durchchecken – wahlweise auch vom Auto, denn das autonome Fahren wird freie Zeit schaffen, die genutzt werden will. Ein System gleicht anschließend Symptome, Untersuchungsergebnisse und Patientengeschichte mit einem riesigen Datenpool ab, stellt Rückfragen und anschließend fehlerfreie Diagnosen. Die erklärt es dem Patienten langsam, verständlich und auf Wunsch auch unendlich oft – einschließlich der verschiedenen Behandlungsoptionen auf Basis aktueller Leitlinien und der neusten evidenzbasierten Studienlage.

So weit so gut! Die erste Frage, die sich mir stellt: Und dann? Für eine Behandlung braucht's doch Hände, die Hand anlegen können, oder? Macht das auch der Patientenkommunikator?

Entlastung durch Technik

Das aktuelle medizinische System ist ohne Frage überlastet. Könnten zertifizierte Apps Entlastung schaffen, indem sie zumindest gesunde Menschen, die keiner Behandlung bedürfen, durchchecken, beruhigen oder einfach unterhalten? Wie würde das rechtlich aussehen? Wer steht grade für eine Ferndiagnose wie „Die Kopfschmerzen sind kein Schlaganfall, sondern Symptom eines Katers. Achten Sie heute auf eine vermehrte Flüssigkeitszufuhr.“? Und würden Patienten eine soziale Betreuung durch Apps annehmen?

Im Artikel steht, über diese Zukunfts-Vision würden Hersteller nicht offen reden – aus Angst, die Ärzteschaft gegen sich aufzubringen. Patienten würden so eigenmächtiger, Ärzte ihrer Machtposition enthoben. Digitale Großkonzerne würden die Medizin auf kurz oder lang so umkrempeln, wie Amazon einst den Einzelhandel.

Was soll diese Panikmache?

Wie viele Ärzte sind denn scharf auf Macht über Patienten? Der Artikel suggeriert, Ärzte würden Patienten gezielt im Unwissen lassen, um die Alleinherrschaft über deren Gesundheit zu behalten. In der Regel ist eher das Gegenteil der Fall, überwiegt doch häufig Ratlosigkeit darüber, wie unwissend manche Patienten bezüglich ihres eigenen Körpers sind. Es mangelt demnach nicht an Bereitschaft, sondern eher an Zeit oder der Fähigkeit, das eigene Wissen verständlich zu teilen.

Das paternalistische Modell der Arzt-Patienten-Beziehung ist überholt, das wird mir als Medizinstudentin an der Uni praktisch täglich gepredigt. Zum neuen Modell des Shared-decision-making gehört ohnehin, dass man den Patienten weit möglichst aufklärt. Umso besser, wenn das bereits von einer App übernommen worden ist!

Das Gleiche gilt für die Diagnosestellung. Sollten Programme realisierbar sein, die verlässliche Diagnosen stellen, sehe ich als angehende Ärztin darin eine massive Bereicherung. Den stressigsten Faktor während meiner Zeit im Rettungsdienst fand ich die ständige Präsenz einer drohenden Fehldiagnose. Ich bezweifle allerdings, dass die Technik hier in absehbarer Zukunft eine verlässliche Alternative sein wird. Glaubt man den Rhythmusanalysen von EKGs im Rettungswagen, hat während der Fahrt über Kopfsteinpflaster jeder Patient plötzliches Kammerflimmern. Ein Mensch guckt den Patienten kurz an („Behandle den Patienten, nicht den Monitor!“ – wie oft hört man das während der Ausbildung?) und weiß Bescheid.

Aber wie entscheide ich, wenn ich eine Maschine ohne Augen bin, die Straßenbeschaffenheit nicht kenne und meine Infos ausschließlich aus Kabeln kommen? Wie kann ein Programm – so intelligent es auch sein mag – jemals Bauchgefühl, Intuition, Menschenkenntnis und den klinischen Blick kompensieren? Wie bringt man ihm bei, Schmerzangaben oder Befindlichkeiten anhand von Mentalitäten in Relation zu setzen?

Mut zur Technik

Ich bezweifle, dass für all das eine Lösung gefunden, der Datenschutz gesichert und der rechtliche Rahmen geklärt werden kann. Aber selbst wenn: mein Fazit bleibt, dass ich die Technologie nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung sehe. Die Technik macht uns nicht überflüssig - sie fordert lediglich unsere Kompetenz als Hightech-Spezialisten.

 

Bildquelle: Gerd Leonhard / flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 31.08.2017.

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Medizin, Studium, Humanmedizin
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