Bitte nicht reflexartig maximaltherapieren

08.08.2017
Teilen

In der Medizin ist es nicht immer sinnvoll, alles Machbare auch wirklich umzusetzen. In den „Laws of the House of God“ wird dies in einem wichtigen Grundsatz zusammengefasst: Die Ausübung der medizinischen Heilkunst besteht darin, so viel nichts wie möglich zu tun.

Immer wieder treffen wir auf Patienten im fortgeschrittenen Alter, die sich in einem passablen, guten oder sogar sehr guten Allgemeinzustand befinden, aber ernsthaft erkrankt sind. Beispielsweise leiden sie an einer fortgeschrittenen Krebserkrankung. Der erste Reflex ist dann häufig, ihnen die Maximaltherapie anzubieten, angefangen von einer Radikaloperation bis hin zur Polychemotherapie. Aber nicht immer ist dies aus meiner Sicht auch wirklich sinnvoll.

Nicht alle stecken Komplikationen gleich gut weg

Keine Frage, wenn alles glatt verläuft, kann auch ein ansonsten fitter 80-Jähriger zum Beispiel eine medizinisch indizierte Zystektomie gut überstehen und so das bestmögliche onkologische Outcome erwarten. Probleme gibt es meistens erst dann, wenn Komplikationen wie Wundheilungsstörungen, Infektionen oder Blutungen mit einem entsprechend protrahierten Verlauf auftreten. In solchen Fällen habe ich es immer wieder erlebt, dass solche Patienten das Krankenhaus als Pflegefall verlassen haben oder sogar gestorben sind, während sich ein jüngerer Patient in der gleichen Situation letztlich wieder erholt hätte.

The Long and Winding Road

Ein jüngerer Mensch hat meiner klinischen Erfahrung nach einfach bessere Kompensationsmöglichkeiten und körperliche Reserven als ein alter. Ich versuche gerne, meinen PJ-Studenten dies anhand einer Metapher zu verdeutlichen:

Wenn wir jung sind, ist das Leben wie eine breite Straße, in deren Mitte wir gehen. Rechts und links dieser Straße geht es tief bergab, doch der Hang fällt nur sanft ab. Wenn uns etwas umstößt, bleiben wir trotzdem auf der Straße und können wieder aufstehen und weiterlaufen. Und selbst wenn wir den Abhang ein Stück weit oder sogar ganz hinunterfallen, können wir uns aufrappeln und relativ leicht auf die Straße zurückklettern.

Es wird eng und steil

Mit zunehmendem Alter wird die Straße des Lebens jedoch immer schmäler und der Abhang immer steiler, bis wir irgendwann auf einem schmalen Grat wandern, auf dem es an beiden Seiten senkrecht nach unten geht. Stößt uns jetzt etwas um, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir abstürzen und nicht mehr nach oben gelangen, hoch. Solange wir auf der Straße bleiben, ist alles in Ordnung, aber wehe wir fallen herunter.

Weniger ist daher manchmal mehr. Darüber sollte man sich als Arzt im Klaren sein.

 

Leseempfehlung:
Samuel Shem, The House of God (1978).

 

Bildquelle: wonderferret, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.08.2017.

51 Wertungen (4.65 ø)
3899 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Gast
Das gilt im übrigen nicht nur bei diesen schweren Entscheidungen sondern gleichermaßen auch bei der Verschreibungswut so mancher Hausärzte.Wenn es danach gehen würde,würde ich seit vielen Jahren ASS,Protonenpumpenhemmer,Statine,Blutdrucksenker einnehmen.Abgesehen von einigen anderen Medikamenten.Alles parallel und Durcheinander.Übrig geblieben sind die Blutdrucksenker.Ach so,Metformin hab ich vergessen. Blutdrucksenker nehme ich wirklich.Ansonsten sind doch die Nebenwirkungen so gross gewesen,dass ich davon krank wurde.Natürlich habe ich jedesmal mit meinem Arzt gesprochen und nichts eigenmächtig abgebrochen.Weniger ist in vielen Fällen wirklich mehr.
#16 vor 4 Tagen von Gast
  0
Gast
@ #12: Leider sind wir in der Medizin mittlerweile so weit gekommen, dass solche forensischen Überlegungen tatsächlich eine Rolle spielen. Trotzdem ist es ein Unterschied, ob man den Patienten lege artis über die vorhandenen Therapieoptionen informiert/aufklärt (mit einer auf den individuellen Fall angepassten Wichtung, respektive persönlichen Empfehlung) oder ihm die Maximaltherapie aktiv anbietet/empfiehlt. Die meisten Patienten sind über so eine klare Aussage („Es gibt diese Möglichkeiten, aber ich rate Ihnen zu jener.“) dankbar. Leider werden sie zu oft mit dieser Entscheidung allein gelassen, obwohl sie damit überfordert sind.
#15 vor 10 Tagen von Gast
  0
Gast
Es ist schon ein Unterschied ob der Patient über alle Möglichkeiten umfassend und ehrlich informiert wird oder ob er vom Arzt zu einer eher wenig erfolgversprechenden Therapie (OP mit allen Risiken; neues Medikament mit NW-Profil) gedrängt oder überredet wird. Kommt leider viel zu oft vor.
#14 vor 12 Tagen von Gast
  0
Steffi Engel, HP
Ein einprägsammes Bild, diese Straße des Lebens, Danke.
#13 vor 12 Tagen von Steffi Engel, HP (Gast)
  0
Gast
Inhaltlich bin ich ganz Ihrer Meinung. Weniger ist manchmal mehr ... aber nur so lange alle - auch die Angehörigen - damit zufrieden sind bzw. bis die Akte zur Gutachterkommission der Ärztekammer geht. "Der erste Reflex ist dann häufig, ihnen die Maximaltherapie anzubieten ..." ist auch der richtige Reflex, denn zumindest das Angebot sollte aktenkundig dokumentiert werden.
#12 vor 12 Tagen von Gast
  1
Gast
Gerade Medizinstudenten neigen aufgrund des theoretischen Studiums dazu, nicht nur an exotische statt an naheliegende Diagnosen zu denken, kostenintensive Apparatdiagnostik statt simple klinische Untersuchungen in Erwägung zu ziehen und Maximaltherapien vorzuschlagen. Das ist nicht ihre Schuld, sondern der Fluch moderner Medizin und mangelnde klinische Erfahrung. Ich finde die Metapher sehr treffend und einleuchtend:
#11 vor 13 Tagen von Gast
  0
"Aber nicht immer ist dies aus meiner Sicht auch wirklich sinnvoll." - Um zu sagen, ob etwas sinnvoll ist oder nicht, muss man erstmal klären, was denn der Sinn ist: die Pharmaindustrie reich zu machen? Sich selbst mit einem (überraschenderweise doch) guten Outcome Renomee zu verschaffen, "sich zu profilieren"? Einem Menschen noch ein paar gute Monate, Jahre zu verschaffen? Schöne Metahper; wie alt sind Ihre "PJ-Studenten", 12? Liest ja eh keiner hier :-D Ansonsten handelt es sich leider bei dem Beitrag um gut formulierte Binsenweisheiten - Tiefe ist anders.
#10 vor 13 Tagen von Christian Becker (Rettungsassistent)
  16
Gast
Daumen hoch. Auf alle Fälle richtig. Und Arbeitsplätze werden schon nicht verloren gehen, denn auch supportive Therapie und Gespräche brauchen Zeit und Personal.
#9 vor 13 Tagen von Gast
  0
Dankbarer Enkelsohn
Ich danke heute noch unserem Hausarzt, der meine 97jährige Oma, an Darmkrebs erkrankt, nicht behandelt hat. Er dachte sich, sie würde früher sterben, bevor sie vom Krebs überhaupt etwas bemerkt. Und so war es auch: Sie starb ein Jahr später friedlich im Kreis unserer Familie - ohne Chemo, ohne Bestrahlungen, ohne OP.
#8 vor 13 Tagen von Dankbarer Enkelsohn (Gast)
  0
Ärztin
@Anja: In den Kliniken in denen ich bisher tätig war, sowie auch den umliegenden zuweisenden Haus- und Facharztpraxen gibt/gab es unzählige Patienten für die gemeinsam und in Absprache mit dem Patienten (und/oder Betreuer/Familie) eine angemessene Therapie geplant und umgesetzt werden konnte die nicht der jeweils verfügbaren Maximaltherapie entsprach. Das ist heute keine Seltenheit mehr und es betrifft nicht nur Tumorerkrankungen, sondern auch andere chronische Erkrankungen meistens bei Patienten fortgeschrittenen Alters. Diejenigen an deren schwarzes Brett dieser Artikel auch gehängt werden sollte sind nicht nur Mediziner, sondern auch Angehörige, Patienten und Berufsbetreuer. Wie oft schon musste ich erleben dass Familien, Betreuer oder Patienten selbst ausdrücklich nach weiteren Heilungsversuchen verlangt haben wo es keinerlei medizinische Indikation für einen Heilversuch oder lebenserhaltende Maßnahmen mehr gab und eigentlich die einzig humane Therapie eine Palliative gewesen wäre.
#7 vor 13 Tagen von Ärztin (Gast)
  2
Wir reden doch inzwischen recht gern von partizipativer Entscheidungsfindung neudeutsch auch shared decision making, dann sollte das auch so betrieben werden. Es geht doch nicht nur darum, *was* dem Betroffenen angeboten (oder auch schon mal gern verschwiegen) wird, sondern auch wie, insbesondere wie fundiert und umfassend *alle* Alternativen besprochen werden, welche weiteren Möglichkeiten, sich zu informieren angeboten werden. Sprechende, zuhörende und geduldige Medizin auf Augenhöhe eben. Die Entscheidung trifft letztendlich der Patient, sollte er zumindest, und er muss diese Entscheidung leben, muss mit ihr leben. Er muss diese Entscheidung vor sich selbst rechtfertigen. Und je besser er das, mit Unterstützung durch seine Behandler, kann, desto besser wird der Erfolg sein und desto besser wird seine Compliance sein.
#6 vor 13 Tagen von Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast (Biologe)
  1
The long and winding road ist ein sehr gelungenes Beispiel. Bevor Sie einen Ca-Therapie (versuch) beginnen, werden Sie mit dem / der Patient / in sprechen, nach deren Willen auch mit Angehörigen und eine Aufklärung über Wirkung, Nebenwirkung und Erfolgsaussicht durchführen. Wie sehr sich dann jemand an den letzten Strohhalm klammert ist nicht Entscheidung des Arztes. Im Moment bin ich der Meinung: Weniger ist mehr! aber ich bin nicht in der entsprechenden Situation.
#5 vor 13 Tagen von Dr.med Klaus Schwarzmaier (Arzt)
  1
Aber wer sorgt für all die Arbeitsplätze z.b. in Medizin und Pharmaindustrie. Man kann mit niemandem diskutieren über das von dem er lebt.
#4 vor 13 Tagen von Dr. med. Karl H. Kurz (Arzt)
  12
Ein hervorragender Beitrag und eine evidente Metapher eines erfahrenen, verantwortungsbewußten Arztes.
#3 vor 13 Tagen von Gottfried Lilge (Gesundheits- und Krankenpfleger)
  2
Aber dann schrumpft e.g.Pharma und wergibt all de
#2 vor 13 Tagen von Dr. med. Karl H. Kurz (Arzt)
  4
Anja
Bitte ausdrucken und in allen Krankenhäusern und Arztpraxen ans schwarze Brett nageln.
#1 vor 13 Tagen von Anja (Gast)
  3
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
In den letzten Jahren haben neuartige Therapiemöglichkeiten die Überlebenschancen von Patienten mit mehr...
„Ich möchte Ihnen heute Haengolin vorstellen, unser neues Präparat zur Behandlung der erektilen Dysfunktion“, mehr...
Es ist Ende Mai, draußen hat es bereits 34°C im Schatten, und hier in der Klinik sind die meisten nicht mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: