Ab wie viel Arbeitsstunden wird man krank?

26.07.2017

Übermäßig viele Arbeitsstunden pro Woche sollen sich negativ auf die Gesundheit auswirken, heißt es immer wieder. Doch was ist viel? In einer Studie wurde versucht, einen Richtwert zu finden. Der Versuch ist nett, doch die Studie weist deutliche Lücken auf.

Wann und wie gefährdet eigentlich eine hohe Wochenarbeitszeit unsere Gesundheit? Vor über 30 Jahren lag der Grenzwert bei 48 bis 56 Stunden pro Woche. Die Fünf-Tage-Woche mit 40 Stunden kam erst danach. Jetzt wird die 35-Stunden-Woche zur Zeit wieder verlängert oder mit regelmäßigen Überstunden überfrachtet.

Wie viele Stunden sollte man also maximal pro Woche arbeiten? Dr. Sadie Conway und ihr Team von der University of Texas, Houston, haben in einer Studie versucht, einen realistischen Grenzwert zu ermitteln und stützen sich dabei auf Daten der Panel Study of Income Dynamics (PSID), einer kontinuierlichen Längsschnittstudie in den USA, die 1968 begann und Daten von mehr als 18.000 Menschen dokumentiert. Bei Conways Publikation geht aber bereits aus dem Abstract hervor, dass es sich eher um eine retrospektive Daten-Leserei handelt.

Als Outcome-Parameter wurden ein selbst berichteter generell schlechter Gesundheitszustand (wer soll das bitteschön beurteilen können?), inzidente kardiovaskuläre Krankheiten und inzidente Krebskrankheiten ausgewählt:

„Repeated measures of work hours among approximately 2,000 participants from the Panel Study of Income Dynamics (1986–2011), conducted in the United States, were retrospectively analyzed to derive statistically optimized cutpoints of long work hours that best predicted three health outcomes...poor self-reported general health, incident cardiovascular disease, and incident cancer.“

Die Frage, wie es zu einem Grenzwert von 52 Wochenstunden und mehr kommen konnte, wohingegen der entscheidende Bereich von 35 bis 51 Wochenstunden undifferenziert als offensichtlich völlig unschädlich beurteilt wurde, ist nicht das einzige ungelöste Rätsel dieser Studie. Denn wer deutlich über 52 Wochenstunden arbeitet, hat womöglich gar keine Zeit mehr, für Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen diverse Ärzte zu konsultieren bzw. findet es viel zu zeitaufwändig, sich gesundheits-, ernährungsbewusst und krankheitspräventiv zu verhalten.

Zu Kriterien, ob bei Beobachtungen ein Kausalzusammenhang bestehen könnte oder nicht, hilft die Arbeit des britischen Epidemiologen Sir Austin Bradford Hill weiter, in der er auf das Verhältnis zwischen Zusammenhang und Kausalität hinsichtlich Umwelt und Erkrankungen eingeht. Bei der hier vorgestellten Publikation wurde allerdings die Chance verspielt, mittels differenzierter Wochenarbeitszeiten, detaillierter Stressfaktoren und professionsspezifischer Belastungen Einblick in krankmachende und/oder gesundheitserhaltende Arbeitsverhältnisse zu bekommen. 

 

Bildquelle: Doug Belshaw, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.08.2017.

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Gast aus Bayreuth
#10 Lieber Gast, bremsen Sie runter, es lohnt sich nicht! Die wenigsten danken es Ihnen. Auch ich habe einen Burnout hinter mir und will das nicht noch einmal erleben. Seitdem achte ich mehr auf meine eigene Gesundheit, behandle mich nicht mehr selbst, sondern frage Kollegen um Rat, habe meine Wochenstundenzahl deutlich heruntergefahren (sind immer noch mit 60 h genug) und kann immer noch von meinem Einkommen leben. Habe meine alte Elektrogitarre reparieren lassen und genieße den Feierabend. Und meine Familie genießt mein neues Ich.
#15 am 18.08.2017 von Gast aus Bayreuth (Gast)
  0
Gast
#11 : Metzger als Traumberuf, na ja. Vielleicht führt er aber zu einer gewissen Verrohung, die sich wie ein Panzer um Psyche und tiefere Gefühle legt.
#14 am 15.08.2017 von Gast
  7
Gast
Zu Hause fallen ja fast immer irgendwelche Arbeiten an. Wenn man darüberhinaus, sagen wir einmal, 2 Std. pro Woche verteilt arbeitet, freut man sich vielleicht sogar darauf.
#13 am 15.08.2017 von Gast
  1
Gast
Was ist das hier, Beweihräucherung der Arbeitgeber? Das ist doch lachhaft! Letztlich hat der Arbeitnehmer immer die A-Karte
#12 am 15.08.2017 von Gast
  9
Es gibt keine allgemein gültige Arbeitszeithöchstbelastungsgrenze. Mein Schwiegervater, ein selbständiger Metzger, hat fast sein ganzes Leben lang, solange er konnte, 80-100 Stunden pro Woche gearbeitet. Mit ca. 80 Jahren musste er aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten. Er hatte seinen Traumberuf gefunden und nie über Überbeslastung geklagt. Burnout kannte er nicht. Auch bei uns Tierärzten gibt es viele, die deutlich mehr als 50 Stunden pro Woche arbeiten (ich gehöre nicht dazu!). Wenn der Beruf Freude macht, warum nicht?
#11 am 15.08.2017 von Dr Christoph Molz (Tierarzt)
  0
Gast
Ja genau, das mit dem Klo putzen und allem was die Tätigkeit einer Putzfrau beinhaltet, hatte ich nicht bedacht. Es stimmt. Kleinunternehmer machen sogar diese Tätigkeiten, weil das Geld für eine Putzfrau oft nicht übrig ist. Die Philosophie, dass der AG, wenn er noch die Kraft hat am Ende des Tages die Putzarbeiten zu erledigen, diese Zeit lieber in bezahlte Arbeit investieren sollte, da der Lohn für die Putzfrau niedriger ist als das Einkommen, das er selbst erwirtschaften könnte in der verwendeten Zeit, geht nicht wirklich auf. Die Putzarbeiten erledige ich in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden und beute meinen Körper damit aus. In der Summe gibt es wieder die gesundheitliche Gefährdung für mich. Einen Burn-out habe ich hinter mir. Danach ganz langsam und selbstfürsorglich wieder angefangen, jetzt ist die Mühle wieder wie früher. Ich hoffe, bis zur Rente durchhalten zu können. Nehme mir immer wieder vor, nicht zu viel am Patienten zu arbeiten, es klappt nicht.
#10 am 15.08.2017 von Gast
  3
Da haben Sie natürlich Recht! Kann Ihren Kommentar nur vollstens unterstützen - bis auf die Anmerkung, daß die AG die Arbeit der (nicht bezahlbaren) AN nicht selbst verrichteten - im Gegenteil, denn notfalls muß der AG sogar das Klo putzen. Hilft ja nichts, denn es muß gemacht werden, wobei wir wieder beim Thema sind: keine Begrenzung der AZ für AG - und das geschieht in unserer Gesellschaft ohne jeglichen Aufschrei und ohne erhöhte "Krankmeldungen".
#9 am 15.08.2017 von Sylvia Sotter (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  5
Gast
Das halte ich durchaus für einen Aspekt. Allerdings ist es sicher nicht so, dass die AG die Arbeit ihrer duch Erfolge der Gewerkschaften entlasteten AN übernommen hätten. Hoher Leistungsdruck, Konkurrenz und ausufernde staatlich verordnete Bürokratie setzen die AG unter Druck, sodass diese, um auf dem Markt bestehen zu können, so hohes Pensum fahren müssen. Und von "Scheintoten" würde ich nicht sprechen. Der AG ist voll fit bis zum Zusammenbruch.
#8 am 15.08.2017 von Gast
  0
Dieses Thema ist hochinteressant bezüglich der Differenzierung von AG und AN. Während die AZ bei AN von diversen Verbänden und Lobbies immer weiter gesenkt wurde, fragt Keiner danach, welche Arbeitszeiten viele Selbständige ableisten (müssen), um die Firma überhaupt am Leben zu erhalten. Wenn es wahr ist, daß eine dauerhafte Wochenarbeitsleistung jenseits von 60 -70 Stunden zu Krankheit oder sogar zu vorzeitigem Tode führen, dann arbeiten in unserer Gesellschaft jede Menge selbständige Scheintote. M. E. wird hier mit zweierlei Maß gemessen und die Argumente für kürzere Arbeitszeiten sind nicht realistisch.
#7 am 15.08.2017 von Sylvia Sotter (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  0
Gast
#2: Ja 30 Stunden wären schon toll! Für Selbständige ohne ordentliches finanzielles Polster kaum zu machen. Ich bin allein stehende Logopädin im Osten und komme mit im Schnitt 40 reinen Therapiestunden in der Woche (40 Therapien á 45 min, 10 Therapien á 60 min, Fahrtzeiten zu täglichen Hausbesuchen nicht eingerechnet) finanziell gerade so zurecht. Sehr viel zusätzliche unbezahlte Bürokratie raubt Kraft, was auf Dauer zermürbt. #5 Genau meine Meinung. Wir arbeiten mit Menschen, müssen die gesamten 45 oder auch 60 min hellwach, planvoll, patientenorientiert, reflektierend, Hilfen anbietend, niveauangepasst, freundlich, geduldig, zielorientiert, kontrolliert, nicht zu knapp lobend: befunden, behandeln, beraten. Wir arbeiten im Akkord. Der eine Patient geht aus dem Raum, sofort kommt ein anderer mit meist völlig anderem Störungsbild. Pausen zwischen den Therapien kann ich mir nicht leisten (Mittag ja). Ja, ich habe mir den Beruf ausgesucht.
#6 am 14.08.2017 von Gast
  0
Gast X
Ich denke das kommt vor allem darauf an um welche Art von Arbeit es sich handelt... die körperliche Belastung spielt ebenso eine Rolle wie das Stresslevel, Tagdienst oder Schichtarbeit, das Einhalten der Pausen, die persönliche Befriedigung und das kollegiale Miteinander, sitzende Tätigkeit oder ausreichend Bewegung, Verletzungsgefahr ... es gibt so viele andere wichtige Faktoren zu berücksichtigen.
#5 am 14.08.2017 von Gast X (Gast)
  0
Gast
Ich habe eine sinnvolle und erfüllende Beschäftigung, obwohl ich damit keine Reichtümer anhäufen kann. Darum geht es auch nicht ,sondern ich habe eine Tätigkeit gefunden, die ich Liebe
#4 am 14.08.2017 von Gast
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Gast
Das ist individuell Absolut unterschiedlich, jeder Mensch ist anders belastbar. Positiver oder aber auch negativer Stress spielt dabei eine erhebliche Rolle
#3 am 14.08.2017 von Gast
  0
Gast
30 Stunden sollte das absolute Maximum sein, darüber leidet aus eigener Erfahrung die Kraft und vor allem das wichtigste: Das Privatleben. Work life Balance ist das Zauberwort.
#2 am 14.08.2017 von Gast
  14
Ich gehe nicht davon aus, dass es EINEN allgemein gültigen Wert gibt. Aber es ist wichtig, dass der Arbeitnehmer/Selbständige einschätzen kann, wie viel er in seiner aktuellen Situation und Lebensphase bereit ist zu arbeiten, und dass er das umsetzen kann, ohne seine wirtschaftliche Existenz aufs Spiel zu setzen. Die Varianz dürfte auf diesem Sektor zu groß sein, um von "man" sprechen zu können.
#1 am 14.08.2017 von Dipl.-Chem. Nina Berger (Naturwissenschaftlerin)
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