aut idem und kein Ende

04.05.2010
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Das von mir weidlich behandelte Thema aut idem ist ein Dauerbrenner und bringt immer neue Stilblüten hervor. Den Begriffs-Wirrwarr kennen mittlerweile alle, verstanden wird er trotzdem nicht hundertprozentig. Kein Wunder!

Hier eine kurze Zusammenfassung:

Wird auf einem Rezept das Kästchen aut idem vom Arzt mit einem Kreuz versehen, hieße das gemäß der lateinischen Sprache eigentlich, der Apotheker kann auch ein Präparat mit gleichem Wirkstoff herausgeben (aut idem heißt übersetzt oder etwas Ähnliches).

Mein Konjunktiv weist darauf hin, dass dem nicht so ist. Der Gesetzgeber hat nämlich die Bedeutung der lateinischen Sprache per Beschluss verändert, aut idem heißt jetzt ausschließlich dasselbe. Damit wurde die Bedeutung des Begriffs ins Gegenteil verkehrt. Würde, sagen wir mal, Italien etwas Vergleichbares mit der deutschen Sprache anstellen, könnte die Bedeutung von Auf Wiedersehen per Dekret von Berlusconi an italienischen Schulen im Deutschunterricht als Guten Morgen gelehrt werden. Nun, von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, ist es ein Segen, dass das Römerreich untergegangen ist. Auf diese Weise merken die Römer nicht mehr, wie an ihrer Sprache herumgewurstelt wird.

Also aut idem heißt jetzt strikt dasselbe, merken wir uns das, erwähnen es aber nie im Lateinunterricht, falls wir noch auf das Gymnasium oder zur Volkshochschule gehen.

Mehr Verwirrung als die Begriffsänderung bewirkt tagtäglich die Veränderung der Präparate, die ausgehändigt werden. Da kann es Ihnen als Patient passieren, dass Ihre Dauermedikation im Verlauf eines Jahres etliche Male die Farbe, Beschaffenheit und Verpackung wechselt. Jeder niedergelassene Arzt weiß um die Schwierigkeiten in diesem Zusammenhang,viele Patienten ebenfalls.

Relativ neu ist die Kombination von aut idem mit der Note Rabattvertrag. War bislang der Apotheker (bei fehlendem Kreuz) verpflichtet, eines der drei preisgünstigsten Präparate mit identischem Wirkstoff herauszugeben, ist dies nicht mehr so, wenn die Krankenkasse einen Rabattvertrag mit einem oder mehreren Medikamentenherstellern abgeschlossen hat. (Was ich von derlei Kungeleien halte, habe ich bereits geschrieben. Wie heißt noch der neueste Grundlagenbegriff aus Griechenland für solche Geschäfte? Ach, ja: Fakelaki).

Grundzüge des Rabattvertrags

Besteht ein solcher Rabattvertrag, ist der Apotheker verpflichtet das rabattierte Medikament herauszugeben, egal wie teuer. Apropos teuer. Was das rabattierte Medikament kostet, weiß kein Mensch, außer der Krankenkasse und der entsprechenden Pharmafirma. Weil es erlaubt ist, dass Rabattverträge geheim bleiben.

Ein Beispiel aus dem Alltag. Atmen Sie tief durch, es wird nicht einfach:

Ich rezeptiere einem Patienten ein Ibuprofen, nennen wir es IbuA. IbuA hat sich bewährt und rangiert konstant unter den preisgünstigsten Ibuprofen-Präparaten. Inzwischen sind IbuB,C und D aber die billigeren, also will der Apotheker IbuC herausgeben, weil er das auf Lager hat. Im letzten Moment bemerkt er, dass der Kunde mit dem Rezept bei der ELK versichert ist, die haben ein Vertrag mit Blitzpharma, also muss er IbuE herausrücken und verlangt 5 Euro Zuzahlung. Der Patient ist entrüstet, der Apotheker auch, ob der nicht ganz stubenreinen Wortwahl des Kunden. Der Kunde weiß nämlich, dass es zuzahlungsfreie Ibuprofen-Präparate gibt. Richtig! Die Rede ist von IbuF, bislang noch gar nicht erwähnt. Es ist eines der günstigsten Ibuprofen-Präparate (soweit man das bei den Rabattverträgen überhaupt weiß). Der Apotheker sagt zum Kunden: "Das kann ich Ihnen aber nur geben, wenn ein Kreuz auf dem Rezept steht. Da müssen Sie zu Ihrem Arzt."

Der Kunde verwandelt sich also kurzfristig wieder in einen Patienten und erscheint bei mir. Meine Lieblingsbeschäftigung wartet auf mich, Rezepte ändern wegen der aut-idem-Regelung.

Der Patient: „Hier muss ein Kreuz drauf!“

Was sollen auch all die Füllwörter.

Ich: “Muss nicht!“

Patient: „Doch, sonst muss ich zuzahlen!“

Ich: „Ist nicht mein Problem, sondern das Ihrer Krankenkasse. Angekreuzte Medikamente fallen in mein Budget, nicht angekreuzte nicht. Es existiert ein Rabattvertrag zwischen Ihrer Krankenkasse und dem Medikament.“

Patient: "Davon weiß ich nichts."

Um die Sache abzukürzen: Als behandelnder Hausarzt hätte ich also ein Kreuz setzen müssen, damit der Patient ein zuzahlungsfreies Medikament bekommt. Mit Kreuz belastet ein Medikament mein Budget, ohne nicht, egal wie teuer. Andererseits ohne Kreuz hätte der Patient zuzahlen müssen, mit Kreuz nicht, wenn ich IbuF, das Nicht-Rabattierte rezeptiert hätte. Fünf Euro Zuzahlung sind für manchen Menschen keine Kleinigkeit, darüber hinaus deutlich mehr als die Kosten für das Medikament, denn IbuE (das Rabattierte) kostet 4,60, IbuF (das nicht-rabattierte) 2,80, IbuB,C und D liegen dazwischen.

Verstehen Sie noch was?

Letztlich wäre es das Beste gewesen, wenn ich dem Patienten IbuG auf ein Privat-Rezept verordnet hätte. Das ist gut und kostet nur 1.90. Die Sache hat allerdings einen Haken: Etwas auf einem Privat-Rezept zu verordnen, wenn es erstattungsfähig ist, ist verboten.

Ein PS:

Falls Sie glauben, wir reden bei diesen Preisen von peanuts, so irren Sie. Ibuprofen rangiert fast in jeder Hausarztpraxis auf den Plätzen 1-3, was den Kostenanteil im Medikamenten-Budget betrifft. Ibuprofen ist zwar preiswert, aber durch die Häufigkeit der Verordnung nicht billig.

Falls Sie jetzt Kopfschmerzen haben, nehmen Sie ein Aspirin oder besser ASS von Blitzpharma, das ist billiger. ASS, das König der Pillen.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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