Ärzte IGeLn ihren Ruf zu Grunde

02.05.2010
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Ich habe nichts dagegen, wenn jemand in diesem Land Geld verdient, von mir aus auch viel Geld verdient. Niemals werde ich neidisch sein auf einen Michael Ballack, eine Heidi Klum oder einen Oliver Pocher. Ob sie ihre Millionen wert sind oder nicht, ist mir herzlich egal. Irgendjemand ist so blöd und zahlt sie ihnen, dabei wird niemand übers Ohr gehauen, jedenfalls nicht offensichtlich. Wenn aber meine Arztkollegen ihren Hals nicht voll genug bekommen können und ihren Patienten das sauer verdiente Geld aus der Tasche ziehen, dann macht mich das wütend.

IGeL (= Individuelle Gesundheits-Leistungen) heißt das Zauberwort, das die Portemonnaies der Ärzte füllen soll und füllt. Das sind Leistungen, die von den gesetzlichen Krankenkassen nicht getragen werden, hauptsächlich mit der Begründung, weil deren Wirkung oder deren Nutzen nicht bewiesen sind.

Das deutsche Gesundheitssystem funktioniert bei Weitem nicht optimal, aber ich behaupte: Die Dinge, die wirklich nötig sind für die Patienten, werden auch weitgehend bezahlt. Es gibt Ausnahmen, die dem ein oder anderen wichtig sind, wie der gesamte Bereich der Homöopathie und der Naturheilkunde. Man kann darüber streiten, ob das so richtig ist. Aber darum geht es mir in diesem Artikel nicht. Wenn ich hier von IGeLn rede, dann meine ich die Kollegen Schulmediziner.

Das tägliche Zubrot

Orthopäden verkaufen Knorpelaufbauspritzen an Hochbetagte, Gynäkologen Sonder-Ultraschalluntersuchungen für die gewissenhafte Frau, Augenärzte lassen sich jedes Quartal eine Augeninnendruckmessung quasi als Eintritt in ihre Praxis bezahlen. Mit Beispielen dieser Art könnte ich Seiten füllen.

Mir geht es dabei nicht um die eine oder andere Ausnahme im Praxisalltag, beispielsweise um die selbst zu zahlende Krebsvorsorge eines Mannes unter fünfundvierzig, die gelegentliche Misteltherapie, die gelegentliche Vitaminkur, mal eine Akupunkturbehandlung der schmerzenden Achillessehne, mal einen Leistungscheck auf Wunsch des Patienten.

Mir geht es um die Routine des Abzockens.

Ich kenne Orthopäden und Gynäkologen, da wird fast jeder Kassenpatient zur Kasse gebeten. Jeder Besuch der Praxis bedeutet bei diesen so genannten Ärzten, dass der Patient seine Brieftasche nicht nur für die Versichertenkarte öffnen muss, sondern auch für ein paar Extra-Scheinchen. Nun könnte man sagen, die Patienten sind selbst Schuld, warum sind sie so dumm. Aber so einfach ist das nicht. Da wird angepriesen, da werden Ängste geschürt, da wird als letzte Rettung verkauft, was das Zeug hält. Verzichten Sie mal auf etwas, was Ihnen als die einzige Hilfe verkauft wird.

Ein besonders perfides Beispiel sei an dieser Stelle erwähnt: Ein junger Mann mit schmerzhafter Blockade der Halswirbelsäule will zum Orthopäden. Bis er telefonisch einen Facharzt erreicht hat, der ihn halbwegs zeitnah annimmt, hat er er fünf Telefonate geführt. Bei Nummer fünf darf er zwei Tage später morgens um halb neun erscheinen. (Dies allein ist schon eine Zumutung. Aber sei es drum, vielleicht hat der Patient sich am Telefon falsch ausgedrückt. So ganz clever war seine Vorgehensweise insgesamt nicht)

Drei Tage später meldet sich besagter Patient um halb neun morgens in der orthopädischen Praxis, immer noch mit höllischen (seine eigenen Worte) Schmerzen in der HWS. Ihm wird gesagt, dass er mit bis zu einer Stunde Wartezeit zu rechnen hätte.

Um 12.45 Uhr wird der Patient nach mehreren Interventionen endlich ins Sprechzimmer gebeten. Der Orthopäde untersucht ihn orientierend (Arztkollegen wissen, was das heißt) und stellt mit dem Brustton der Überzeugung fest:

"Ihren Schmerz kann ich Ihnen in relativ kurzer Zeit nehmen. Drei Sitzungen mit jeweils drei Spritzen. Allerdings bezahlt die Kasse derlei Therapien nicht. Eine Behandlung kostet 50 Euro, macht zusammen 150 Euro. Lesen Sie sich diesen Zettel durch und unterschreiben Sie, wenn Sie einverstanden sind."

Das hört sich hanebüchen an, aber glauben Sie mir:

1. ist es wahr und 2. keine Seltenheit.

Der Patient hat es vorgezogen zu verzichten (allein schon mangels Finanzen), kam zu mir, und ließ sich kostenfreie Schmerzmittel und krankengymnastische Behandlungen rezeptieren.

Der Kollege Orthopäde handelt nicht nur im höchsten Maße unärztlich, sein Verhalten erfüllt meines Erachtens den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung und grenzt an Betrug.

Ich sage nicht, dass alle Ärzte so handeln, aber derlei Vorgehen wird gerade unter den Fachärzten immer üblicher. So ruiniert man seinen Ruf und den einer ganzen Berufsgruppe.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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