Jedes Klischee erfüllt

29.04.2010
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Vor einiger Zeit habe ich an einer Fortbildungsveranstaltung für Ärzte teilgenommen, die jedes Vorurteil bedient hat, angefangen beim Gastgeber und dem passenden Thema:

Wie vermeide ich einen Arzneimittelregress?Eingeladen wurde von einem Pharmaunternehmen. Der Medikamentenhersteller, der zu einer solchen Veranstaltung einlädt, kann sich eines vollen Hauses sicher sein, und so war es auch. Das Geschäft mit der Angst funktioniert auch bei Ärzten (zeitweise auch bei mir).

Ich fuhr also auf den Parkplatz des Super-Golfhotels mit fünf Sternen. Bis zum Haupteingang hatte ich ein Stück zu gehen und passierte zwei Q7 von Audi, einen M-Klasse Mercedes, zwei 5er Limousinen von BMW, einen Jaguar, einen X5 von BMW, einen unvermeidlichen Porsche (dem vorzugsweise ein auf jung getrimmter älterer Kollege entsteigt) und so weiter und so fort. 

Nur ein paar Kleinigkeiten

An der Rezeption wurde ich in die Kaminstube gebeten, zu der ein Foyer gehörte, in dem ein neckisches Buffet auf die Damen und Herren Ärzte wartete, nichts Großes, nichts Besonderes: mit Käse überbackene Auberginen-Scheibchen, mit Gorgonzola-Spinat gefüllte Tomatenscheiben, die unverzichtbaren Morzarella-Sticks, Croissants, Baguette, unterschiedliche Salate mit verschieden Dressings, Schinkenscheibchen, ein Süppchen unklarer Geschmacksrichtung (ich habe es nicht probiert), dazu ein paar Meeresfrüchtchen und anderes mehr. Es war lecker und ziemlich viel Andrang.

Der Vortragssaal füllte sich dann nur schleppend. Das Buffet war bei weitem noch nicht geplündert. Schließlich saßen sie, meine Damen und Herren Arztkollegen in ihren Markenklamotten auf den zugewiesenen Stühlen. Erkennen konnte ich Joop-Jackets, selbstverständlich Lacoste-Hemden, Calvin-Klein-Hosen, noch etwas zerknittert vom Ledersitz des Phaeton (die Kleidermarken der Damen sagten mir nichts). Alle Versammelten waren von der Sorge umgetrieben, dass ihnen ihr Honorar gekürzt werden könnte, weil sie ihren Patienten vielleicht zu viele und zu teuere Medikamente verschrieben.

Irgendwie ein skurriles Bild, das nun wirklich jedes Klischee erfüllte und mich belustigte.

Der Vortrag begann. Ich zückte mein iPhone, machte mir eifrig Notizen, glitt mit meinen Gedanken ab, entdeckte ein kleines Kamel auf meinen Schuhen, mein Blick wanderte höher Richtung Hilfiger-Jeans, hin zum Timberland-Shirt, meine Silhouette-Brille auf der Nase wurde mir bewusst. War ich den anderen um mich herum so ähnlich?

Seltsam, am Ende war ich irgendwie froh, dass ein Golf Plus mit fröhlichem Blinken auf den Knopfdruck an meinem Autoschlüssel antwortete.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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