Ich bin deine letzte Hoffnung

09.07.2017
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"Sie sind meine letzte Hoffnung!" Diese Eröffnungsworte bei einem Erstkontakt lösen bei mir immer unterschiedliche Gefühle aus. In diesem Fall konnte ich mit einer einfachen Denkweise wirklich helfen.

Vor einigen Monaten stellte sich Herr Schröder erstmals in meiner Sprechstunde vor. Er kam aus einer ca. 50 km entfernten Stadt und breitete mehrere Röntgentüten und einen Ordner mit Befunden auf meinen Schreibtisch aus. Sofort flogen mehrere Gedanken durch meinen Kopf. „Dafür hast Du ja gar keine Zeit“, „Das wird ewig dauern!“, „Die Sprechstunde ist wegen der vielen kleinen Notfälle und dringlichen Fragen an einem typischen Montagmorgen schon in Verzug“, aber auch: „Das kann ein interessanter Fall werden, bei dem ich helfen kann!“.

Ich, zur letzten Hoffnung ernannt

Während Herr Schröder mir anfangs etwas konfus zu vermitteln versuchte, warum ich als wohl achter Arzt (davon die Hälfte HNO-Kollegen) die letzte Hoffnung sein sollte, verschaffte ich mir mit gezielten Nachfragen und raschem Querlesen der Befunde einen Überblick.

Herr Schröder litt seit einigen Monaten an immer häufiger auftretenden Doppelbildern bei Augenbewegungen. Er sei schon bei zwei niedergelassenen HNO- Ärzten in seiner Heimatstadt, einer HNO-Universitätsklinik, beim CT, MRT, einem Neurologen und natürlich bei einem Augenarzt gewesen. Keiner konnte sich die Beschwerden erklären. Immerhin hatte noch kein Kollege behauptet, er würde sich das nur einbilden.

Ich schaute mir die Röntgenbilder an. Im Bereich des Gehirns und der Augentrichter keine Auffälligkeiten. Die knöchernen Begrenzungen intakt.

Das ist doch etwas!

"Diese komplette Verschattung im Bereich der Siebbeinzellen sind doch aber bestimmt gesehen worden, oder?", fragte ich Herrn Schröder. Natürlich, aber die seien wohl nicht dafür verantwortlich, weil ja noch genug unauffällige Gewebeschichten dazwischen lägen.

Und tatsächlich: Die sehr dünne knöcherne Begrenzung zwischen dem Siebbein und des Augentrichters, passenderweise Lamina papyracea (papierdünne Platte) genannt, war in der Computer-Tomographie ebenso intakt, wie das Periost (Knochenhaut) in der MRT reizlos. Ein infiltrativ wachsender Tumor oder eine sich ausbreitende Entzündung (sinugene Orbitaphlegmone) waren also ausgeschlossen worden.

„Ich habe dreimal Antibiotika bekommen, monatelang cortisonhaltiges Nasenspray, Schleimlöser und inhaliert. Keine Besserung. Die Uni-Klinik hat mich wieder weggeschickt, weil eine Operation wohl auch nicht helfen würde.“

Diverse Untersuchungen bei Augenärzten und Neurologen, incl. einer Lumbalpunktion, waren ebenfalls ohne richtungsweisendes Ergebnis gewesen. Eine unklare Parese eines Augenmuskels war die einzige Vermutung.

Alles auf Anfang

Mir kam eine irrwitzige Idee: Ob es vielleicht doch das Naheliegenste wäre.

„Herr Schröder, ich rate Ihnen zu einer Siebbein-Operation. Auch wenn ich Ihnen nicht garantieren kann, dass Ihre Doppelbilder nach dem Eingriff verschwinden, erscheint mit diese Maßnahme sinnvoll. Wenn man Ihre Beschwerden gegen die allgemeinen Risiken der Operation abwägt, ist das aus meiner Sicht die logische Entscheidung.“

Herr Schröder war sehr erleichtert, dass nun jemand wenigstens einen handfesten Versuch unternehmen würde, ihm zu helfen.

Noch doppelsichtig?

Die patho-histologische Aufarbeitung des entnommenen Gewebes hatte ergeben, dass sich ein invertiertes Papillom gebildet hatte. Die Doppelbilder waren gleich am Nachmittag der Operation verschwunden.

Gestern, drei Monate nach der letzten postoperativen Nachbehandlung, kam Herr Schröder erneut zu mir. Routine-Kontrolle. Wir werden jetzt in den kommenden Jahren regelmäßig endoskopisch seine Nasennebenhöhlen untersuchen. Das invertierte Papillom könnte wieder auftreten. Er ist weiterhin beschwerdefrei und nimmt die Fahrzeit in unsere Praxis gerne in Kauf.

„When you have excluded the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth.“, sagte einst Sherlock Holms.

Manchmal sollte man an das denken, was am naheliegensten ist.

Bildquelle: John, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.07.2017.

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Medizin, HNO, Neurologie, Studium
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Gast
ich sehe trotzdem auch das Hauptproblem darin, dass bei "Misserfolg" der Arzt gewechselt wird, und nicht der gleiche Arzt auch das Ergebnis seines (manchmal ja bewussten) Versuchs zumindest mitbekommt!
#12 am 17.07.2017 von Gast
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Ärztin
Vielen Dank für die Erläuterung, lieber 5-Foraminologe, damit es tatsächlich deutlicher. Es ist wirklich schade dass die Kollegen davon wussten und diese Option mit dem Patienten nicht besprochen haben. Wenn wir uns einen mündigen Patienten wünschen müssen wir auch reinen Wein einschenken. Niemand bricht sich etwas ab wenn er sagt dass es noch andere Möglichkeiten gäbe von denen man momentan abrät weil die Erfolgsaussichten gering sind und man erst etwas vielversprechenderes versuchen möchte. Der falsche Eindruck man sei "austherapiert" und es wurden bereits alle Register gezogen entsteht leider allzu schnell, der Patient möchte vielleicht lieber selbst entscheiden ab wann er soviel Leidensdruck verspürt dass er den Weg der ultima Ratio gehen möchte. Wenn man selbst diesen Versuch nicht verantworten möchte kann man das ja auch ehrlich dem Patienten darlegen und ihn dann an einen Kollegen verweisen. Schön, dass es Ihrem Patienten nun besser geht.
#11 am 16.07.2017 von Ärztin (Gast)
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5-Foraminologe
Und natürlich der Mutter des Gast #1 gute Besserung. Dieser geschilderte Einzelfall ist leider nicht auf alle Fälle mit ähnlichen Symptomen übertragbar. Viel Erfolg!
#10 am 15.07.2017 von 5-Foraminologe (Gast)
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5-Foraminologe
Vielen Dank für die Kommentare. @ Ärztin: Besonders Ihnen vielen Dank. Natürlich hätte ich als erster konsultierter Arzt auch nicht primär eine Operation empfohlen. Die anderen Kollegen vor mir waren sich aber ihrer frustranen Therapieversuche bewußt. Sie hatten nur den letzten Schritt (Operation) nicht unternommen, weil ihnen der Erfolg unwahrscheinlich erschien. Das Thema Ärzte- Hopping ist wichtig und auch oft ein Problem, hier aber nicht mein primäres Thema. Ich wollte ausdrücken, dass man ultima ratio diese Operation verantworten kann. Sie ist minimal invasiv. Wichtig: Keinesfalls wollte ich mich hervorheben oder die Kollegen inkompetent aussehen lassen. Sie haben nach Lehrbuch und Leitlinien gehandelt. Selbstkritisch muss ich natürlich auch sein: Wäre meine Operation erfolglos oder gar mit Komplikationen abgelaufen, hatte ich diesen Beitrag nicht geschrieben. Hier gehörte ein langes und faires Aufklärungsgespräch mit dem Patienten unbedingt dazu.
#9 am 15.07.2017 von 5-Foraminologe (Gast)
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Ärztin
Ich halte es für wichtig zu betonen dass Wiedervorstellungen manchmal unumgänglich sind, dass auch gute Ärzte Patienten gelegentlich mehrmals sehen müssen. Dass hier gleich ein Patient den Rückschluß zieht die anderen Ärzte bei denen Herr Schröder war wären allesamt inkompetent kann man so nicht stehen lassen und ich würde mir noch einmal ein Statement des Autors dazu wünschen. Denn Arzthopping ist ein gewaltiges und gefährliches Problem das Wartezimmer unnötig überquellen lässt, Ambulanzen überlastet, Therapien verzögert, den Aufwand, den Papierkram und die Kosten multipliziert.
#8 am 15.07.2017 von Ärztin (Gast)
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Ärztin
Fortsetzung: dieses Risiko konnte er verantworten weil die Kollegen bereits die anderen Möglichkeiten ausgeschlossen hatten. Aber sie haben nie die Chance bekommen zu erfahren dass ihr erstes Vorgehen nicht erfolgreich war und dann den nächsten logischen Schritt zu gehen. Keiner weiß ob sie nicht auch zur OP geraten und das das Problem gelöst hätten wenn Sie erfahren hätten dass die Antibiotika nichts gebracht haben und auch der Neurologe nichts finden konnte. Der Patient ging einfach woanders hin und hat sich letztlich mit diesem Arzthopping auch selbst geschadet. Natürlich rechtfertigt das das Vorgehen der Uniklinik nicht Wegschicken ist ein No-Go. Ich finde es etwas unglücklich die Sachlage so darzustellen als wäre es eine Selbstverständlichkeit dass nur ein guter Arzt gleich beim ersten Versuch ein Problem löst und jeder andere entweder gleichgültig oder inkompetent ist (siehe Kommentar Nr 10 bei "Fake-Ärzte sind unter uns"). Auch gute Ärzte brauchen mal eine Wiedervorstellung.
#7 am 15.07.2017 von Ärztin (Gast)
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Ärztin
Wieder einmal ein sehr lehrreicher Beitrag und ein Beispiel dafür wie wichtig es ist am Ball zu bleiben und nachzuhaken. Ich kann die anderen behandelnden Ärzte allerdings teilweise verstehen: Wenn es für ein Symptom mehrere mögliche Ursachen und Erklärungen (gutartiger Tumor oder Infektion) gibt und die Untersuchungsbefunde hier nicht eine eindeutige Antwort liefern dann ist man manchmal gezwungen es auf einen Therapieversuch ankommen zu lassen. Hat man mehrere Therapiemöglichkeiten zur Wahl ist es für mich nachvollziehbar zuerst mit derjenigen zu beginnen welche am wenigsten invasiv ist (Antibiotika) und dann später bei ausbleibendem Erfolg ein invasiveres Vorgehen zu empfehlen, (ausser es handelt sich um einen Notfall). Die hier vom Foraminologen gewählte Methode "einfach Aufmachen und Reinschauen" hätte er bestimmt nicht gleich zu Beginn gewählt wenn er der erstbehandelnde Arzt gewesen wäre. Denn eine OP birgt immer Risiken, .... Fortsetzung folgt
#6 am 15.07.2017 von Ärztin (Gast)
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Schön, wenn sich jemand Zeit nimmt um den "Fall" nochmal aufzurollen. Leider machen viele immer nur ihr Schema. Dankbare Patienten beflügeln einen dann doch im Alltag und das Arbeiten macht wieder Spass. Danke für die nette Falldarstellung.
#5 am 14.07.2017 von Frauke Schmidt (Heilpraktikerin)
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Gast
Nächstliegende
#4 am 13.07.2017 von Gast
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Wer macht nur bei #1 einen "Daumen runter"-Klick? Ergibt das nur in irgendeiner Weise einen Sinn? Nein. Trolls in allen Foren - leider auch hier. Sehr schade. So, und jetzt bitte: Klicken! :-b
#3 am 13.07.2017 von M.Sc. Christoph Mauder (Heilpraktiker)
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Diesen Satz höre ich auch immer wieder, so auch heute und der lautete: Sie sind meine letzte Rettung. Eine fortgeschrittene Gonarthrose links, rechts bereits mit einem Knie-TEP ausgestattet. Da dieses problemlos ist, erster Gang zum selben operierenden Orthopäden, Antwort, sie sei jetzt chon zu alt für eine solche OP (Jahrgang 1935) und damit weggeschickt. Ich verspreche nie eine Heilung, aber eine Linderung der Beschwerden erreiche ich eigentlich immer und ich denke, jeder hat einen Anspruch darauf, unabhängig vom Alter. Natürlich geht das nicht in 5 Minuten-Medizin, es braucht schon etwas mehr Aufwand, aber es lohnt sich immer, vielleicht nicht immer finanziell, aber der ehrliche Dank eines Patienten ist mir auch viel wert.
#2 am 13.07.2017 von Robert Wagner (Heilpraktiker)
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Gast
Interessant, fast wie ein Deja-vu. Meine Mutter sieht seit kurzem auch Doppelbilder und hat eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung. Dieses Jahr schon dreimal Antibiotika deswegen, ohne Besserung. CT auch unauffällig. Vielleicht ist das ein Tipp für die Ärzte.
#1 am 13.07.2017 von Gast
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