Die Klinik – ein Antibiotikabuffet

07.07.2017
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Ein neues Modellprojekt mit dem Namen Resist soll den unüberlegten und verschwenderischen Einsatz von Antibiotika verhindern. Mit einem Online-Schulungsprogramm konnten bereits 600 Ärzte sensibilisiert werden. Unverständlich: Kliniken werden bisher nicht berücksichtigt.

Das Versorgungsprogramm RESIST wurde vom Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im Rahmen des Innovationsfonds entwickelt. Seit dem 1.7.2017 können sich nun Ersatzkassen-Versicherte der BARMER, TK, DAK-Gesundheit, KKH, hkk und HEK in verschiedenen KV-Bezirken zum Thema Antibiotika-Versorgung beraten lassen.

Eingebunden sind die KV-Bezirke Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein, Saarland und Westfalen-Lippe, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung von vdek und KBV

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Repro Copyright Praxis Dr. Schätzler 

Wie das RESIST-Modell funktioniert

RESIST sieht vor, dass Patienten mit Verdacht auf einen Atemwegsinfekt von einem Haus-, Kinder-, HNO-Arzt oder einem Facharzt für Innere Medizin speziell beraten werden. Bislang hatten etwa 600 Ärzte ein spezielles Online-Schulungsprogramm absolviert, um das Konzept in den Praxisalltag zu übertragen. Mittlerweile haben die ersten 650 von angestrebten 3000 Ärzten die Schulung als Multiplikatoren durchlaufen. „Wie wir aus den Regionen hören, trifft die Schulung auf gute Akzeptanz“, heißt es von KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister.


Veränderung des Verordnungsverhaltens kostet Zeit und Geld

Doch wenn das Projekt nicht nur auf eine Veränderung des Verordnungsverhaltens zielen soll, „sondern dass wir mit RESIST auch das ausführliche Arzt-Patienten-Gespräch fördern,“ fehlt eine Vergütungsregelung für diesen Mehraufwand völlig. Ein laut KBV richtiger und zielstrebiger Ansatz kann doch nicht schon wieder zum demotivierenden Nulltarif für alle Vertragsärzte erfolgen. Und extra geschulte Kollegen geben ihr Wissen als Multiplikatoren auch an ihre Nachbar- und Vertretungs-Vertragsärzte weiter.

Extra-Schulungen in Kliniken vonnöten

Kliniken und Krankenhausärzte bleiben bei allen weltweiten Bemühungen gegen rund 30.000 stationäre Infekte und 1.000 bis 4.000 Todesfälle allein in Deutschland pro Jahr durch multiresistente Erreger hierzulande offensichtlich außen vor. Gerade dort müssten aber vom PJ-ler über Assistenz-, Abteilungs-, Ober- und Chefarzt gemeinsam mit dem Stationspersonal alle Beteiligten auch ihre Hygiene- und Infektiologie-Hausaufgaben machen.

Schwachpunkt Krankenhausverordnungen

Besonders im Bereich von Atemwegserkrankungen, aber auch bei Harnwegsinfekten, wird in Kliniken mit Antibiotikatherapien nur so um sich geworfen. Aus Angst vor der Entwicklung nosokomialer Infektionen werden den Patienten allzu häufig routinemäßig bei Entlassung überwiegend Reserve-Antibiotika mitgegeben. Und es wird auch noch erwartet, dass der Hausarzt gefälligst eine Folgeverordnung ausstellt!

Praxisbeispiel Chirurgie

Mein heutiges Praxisbeispiel stammt allerdings aus der Chirurgie:
Patient, 53 Jahre alt, sehr sportlich, 186 cm, 92 kg, fit und weitgehend gesund [Doku 4444], hatte sich beim Hinterherziehen eines Mattenwagens in der Turnhalle an einer scharfen Wagenkante in die linke Ferse geschnitten. Befund: quer verlaufende, reizlose Wundnaht, Achillessehne intakt, keine Infiltration, keine Nervenverletzung. Er wurde in der Chirurgie-Ambulanz einer anthroposophisch orientierten Klinik erstversorgt und gegen Tetanus reimmunisiert.

Doch trotz sauberer Wunde und schneller, adäquater Wundversorgung stellte ihm der Assistenzarzt ein Antibiotika-Rezept aus: CEC 500 (Cefaclor-)Tabletten 10 Stück, 2x1 über 5 Tage sollte der Patient einnehmen. Nur dem Umstand, dass die Apotheke das Präparat nicht vorrätig hatte, ist zu verdanken, dass ich den Patienten noch davon abhalten konnte, diese völlig unnötige Antibiose anzuwenden.
 

Bildquelle: águahotels, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.07.2017.

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Lieber Kollege Schätzer, ich komme gerade von einem Antibiotic Stewardship Kurs, eine Zusatzausbildung der Ärztekammer (hier Baden-Württemberg), es waren bis auf 1 Kollegen nur Klinikärzte dabei. Wie sie vielleicht wissen hat dieser Kurs genau den Inhalt Antibiotika bewußt anzuwenden und unter anderem auch noch das Ziel Programme, Organisationsstrukturen im Krankenhaus zu gründen, um dies auch umzusetzen und junge Nachwuchsärzte zu schulen. Der Hauptantibiotikaverbrauch fällt in der ambulanten Behandlung an, natürlich auch bei bakteriellen Infekten, aber leider auch bei viralen Infekten und zu lange und oft auch unterdosiert (Entsprechende Zahlen dürften Ihnen auch bekannt sein.
#14 am 22.07.2017 von Dr. Frank Weißer (Arzt)
  0
Man hat nicht nur die Krankenhäuser vergessen, sondern vor allem die Hauptquelle von Resistenzen: Die Massentierhaltung und der dortige Umgang mit Antibiotika. Inzwischen ist nachgewiesen, dass in der Umgebung solcher Ställe fast nur noch resistente Keime vorkommen. Vielleicht ein bisschen Gesetzgebung notwendig ?
#13 am 20.07.2017 von Dipl.-Phys. Reinhard Müller (Nichtmedizinische Berufe)
  1
@ Gast #7: Bitte erst nachdenken! Auch die RAI-Studienautorin [Modellprojekt "Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation"] und Charité-Hygienikerin Dr. Elisabeth Meyer argumentiert unredlich: "85 Prozent der Antibiotika in der Humanmedizin werden ... von niedergelassenen Ärzten verordnet." Sie verschweigt aber dabei, dass Patienten im statistischen Mittel nur alle 5-10 Jahre selbst ein Krankenhaus aufsuchen müssen, in derselben Zeitspanne aber viel häufiger schwere bakterielle Infekte medizinisch-ärztlich indiziert ambulant erfolgreich behandeln lassen mussten. http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/mre/article/887539/tun-zeitbombe-antibiotika-resistenz.html
#12 am 20.07.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  6
Na ich bin ja auf den Fall bezogen schon überrascht dass "nur" ein Gruppe 1 Cephalosporin verschrieben wurde und nicht gleich das (weitgehend wirkungslose) orale Cefuroximaxetil oder gleich noch mehr (Cefixim, Moxi etc)..
#11 am 20.07.2017 von Johannes Häuser (Arzt)
  0
@ Kollege Thomas Braun #9 und #8: "Das auf zwei Jahre angelegte und mit rund 14 Millionen Euro aus Mitteln des Innovationsfonds geförderte Modellvorhaben" kostet demnach pro Jahr 7 Millionen €. Sie können sicher sein, dass davon nur ein Bruchteil an die tatsächlich Antibiotika-einsparenden Ärztinnen und Ärzte geht. Den Löwenanteil kassieren Kassenbürokratie, Gesundheits- und Evaluations-Verwaltungen. Ihre "gut aufbereiteten Artikel, verschickt an jeden Niedergelassenen und Krankenhausarzt", waren schon mehrfach ohne Resonanz. Das Gespräch nach GOP 03230 EBM wird in beratungsintensiven Praxen mit max. 4,74 € Praxis-Umsatz vergütet: Vgl. mein Kommentar zu http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/aerztliche_verguetung/article/938844/hausaerztliches-gespraech-trotz-budgetierung-gute-chancen-mehrumsatz.html#comment
#10 am 20.07.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  3
Der Artikel ist wenig informativ und in manchen Punkten provokativ überzogen. Außerdem 14 Millionen Euro für das Restist-Modell für 3000 geschulte Ärzte. Wer hat da wieder die Gießkanne des überschüssigen Geldes (was eigentlich gar nciht vorhanden ist) rausgeholt und meint "wir machen wieder mal ein Model" ohne richtig nachzudenken. Wer saugt sich das Geld ein? Das sind über 4600 Euro Kosten für jeden geschulten Arzt! Das sind auch nur 2% der niedergelassenen Ärzte. Viel mehr könnte man durch einen gut aufbereiteten Artikel, verschickt an jeden Niedergelassenen und Krankenhausarzt (auch da gehen mal einige in die Niederlassung) erreichen. Evtl auch als Pflichtlektüre verordent. Gesprächsvergütung gibt es mittlerweile über die 03230 EBM
#9 am 20.07.2017 von Thomas Braun (Arzt)
  8
@1 Das ist wahrscheinlich der 5-Minuten-Medizin geschuldet. Verordnung ist schneller als Aufklärung. Wer zum Arzt kommt "braucht" ein Rezept. Und was soll man bei einem Virusinfekt (z.B. Bronchitis zu 98%, Rachenentzündung fast immer, asymptome Harnwegsinfekte brauchen selten Antibioose, usw.) schon verordnen. Junge gesunde Leute kommen auch mit leichteren bakteriellen Infekten gut zurecht. Sehr viele Patienten fordern sehr früh eine Antibiose (auch bei Virusinfekten). Dann steckt die Verordnung auch in der Routine, ohne großes Nachdenken oder Zuhören. "Man" schreibt nach 3 Tagen ein Antibiotikum auf und nach weiteren 2-3 Tagen wirde es besser. Das hätte in den meisten Fällen auch die Zeit gebracht. Aber ich merke auch in der Diskussion mit den Kollegen z.B. auf Fortbildungen jeglicher Art, dass sich das Verordnungsverhalten so langsam zum Besseren verändert aufgrund der zunehmenden öffentlichen Diskussion. Es ist eben schwer das eigene routinemäßige Verhalten schnell zu ändern!
#8 am 20.07.2017 von Thomas Braun (Arzt)
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Gast
80 % der Antibiotika in der Humanmedizin in Deutschland werden im ambulanten Bereich verordnet, 20 % stationär. Vielleicht ist das der Grund, dass das Projekt im ambulanten Sektor verortet ist?
#7 am 20.07.2017 von Gast
  5
Gast
Wie kommen Sie darauf, dass es keine Vergütung gibt? Bitte besser recherchieren, bevor etwas in die Welt posaunt wird.
#6 am 20.07.2017 von Gast
  5
Gast
Auch über mögliche gravierende Nebenwirkungen von Antibiotika, z.B. Fluorchinolonen, gibt es in Teilen der Ärzteschaft noch Wissenslücken. https://www.aerzteblatt.de/treffer?mode=s&wo=17&typ=1&nid=74550&s=fluorchinolone
#5 am 20.07.2017 von Gast
  6
Gast
Ärzte sind leider nicht so schlau und lernfähig, wie viele Menschen glauben. Antibiotika werden oft und gerne gegen besseres Wissen verordnet. Auch heute noch.
#4 am 19.07.2017 von Gast
  8
Gast
Danke Herr Braun, für den Hinweis, das habe ich zu Anfang versucht. Irgendwann gab ich auf.
#3 am 19.07.2017 von Gast
  2
@1 Schön, dass Sie abwarten und meist kein Antibiotikum einnehmen. Nur sollten Sie vor der Verordnung Ihrem Arzt signalisieren, dass Sie es ohne Antibiotikum versuchen wollen. Oder zumindest hinterher Ihrem Arzt sagen, dass Sie das verordnete antibiotikum nicht gebraucht haben. Nur so kann Ihr behandelnder Arzt den Verlauf beurteilen und daraus für zukünftige Fälle lernen (ob bei Ihnen oder anderen Patienten). Ich verordne generell wenig Antibiotika, auch wenn die Patienten es oft fordern. Ich versuche es ihnen zu erklären. Gegenüber anderen hausärztlich tätigen Kollegen liege ich bei unter 50% der Verordnungsmenge in der Statistik.
#2 am 18.07.2017 von Thomas Braun (Arzt)
  0
Gast
Schade, dass Ihr Artikel nur so wenig Beachtung findet. Wenn ich Antibiotika verschrieben bekomme und das Gefühl habe, es geht auch so (insbesondere bei Atemwegsinfekten) warte ich erst mal ab. 70 % meiner Rezepte landen im Papierkorb!
#1 am 16.07.2017 von Gast
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