Krank durch Diagnose 2

08.04.2010
Teilen

Teil 2 Der Weg zur Diagnose

Im letzten Artikel wurde der Begriff Diagnose und der Weg dorthin erklärt. Der Ablauf im Patienten-Arzt-Verhältnis ist in der Struktur immer gleich:

Ein Mensch wird zum Patient und sucht in aller Regel seinen Hausarzt auf. Der Hausarzt stellt im ersten Schritt allgemeine und gezielte Fragen (Anamnese), dann untersucht er den Patienten. Diese Untersuchung reicht von einem Blick, bis hin zum Schreiben eines EKGs oder Abhorchen der Lunge per Stethoskop. Falls der Hausarzt zu keinem Ergebnis kommt, lässt er untersuchen. In diesem Fall werden Fachärzte und/oder Apparate zu Rate gezogen. Dieser letzte Schritt ist nicht zwingend, die ersten beiden Schritte so gut wie immer.

Detektivarbeit

Das Ermitteln einer Diagnose kann der schwierigste Teil einer Erkrankung sein, manchmal schwieriger als die anschließende Therapie. Zähes Ringen um eine Diagnose ist vergleichsweise selten, geschieht allerdings heutzutage häufiger als es nötig wäre. Dazu komme ich noch.

Genaue Diagnose oft unnötig

Im medizinischen Alltag sind Krankheitsgeschichte und Untersuchung zwar entscheidend zur Beurteilung eines Krankheitsfalles, aber eine genaue Diagnose ist oft von nachrangiger Bedeutung. Das mag überraschend klingen, ist aber medizinischer Alltag. Im Falle einer harmlosen oder leichten Erkrankung ist eine Diagnose von untergeordnetem Interesse. Der Einfachheit halber wird einfach das Symptom zur Diagnose, also die Beschwerde zur Krankheit, und behandelt. Husten, ein Symptom, wird zur Krankheit, ebenso Schnupfen, Kopfschmerz, Schwindel usw.

Ein gutes Beispiel ist der Rückenschmerz. Ein Patient leidet unter Schmerzen in der Lendenwirbelsäule. Dies geht seit drei Tagen und wird immer schlimmer. Er besucht den Arzt, weil er sich kaum mehr bewegen und deswegen nicht zur Arbeit gehen kann. Die ärztliche Untersuchung zeigt zwar eine schmerzbedingte Schonhaltung und ein paar Muskelverhärtungen lassen sich ertasten, aber sonst ergeben sich keine Auffälligkeiten, bis auf den empfundenen Schmerz. Es ist zu vermuten, dass mit körperlicher Schonung und ein paar abschwellenden Schmerzmitteln die Lage innerhalb weniger Tage im Griff zu bekommen ist.  Die Diagnose lautet Lumbago (Schmerz in der Lendenwirbelsäule - im Volksmund Hexenschuss). Genau genommen ist das keine Diagnose, sondern die Beschreibung des Zustandes. Eine Diagnose wäre es erst, wenn man genau ermittelte, woher diese Schmerzen rühren.

Wendepunkt in der Diagnostik

An dieser Stelle wird weiterführende Diagnostik (Untersuchungen) eventuell zur Gefahr. Können sich Patient und/oder Arzt, trotz fehlender schwerwiegender Befunde, nicht damit zufrieden geben, dass einfach die Beschwerden zur Diagnose werden, kann es an dieser Stelle zu einem entscheidenden Wendepunkt in der Krankheitsgeschichte des Patienten kommen.

Der Ablauf in der heutigen Medizin stellt sich in etwa so dar:

Für eine genauere Diagnose wird eine Röntgenaufnahme der Lendenwirbelsäule in die Wege geleitet. Der Befund ist unauffällig. Der Röntgenarzt empfiehlt ein MRT zur präzisen Beurteilung der Bandscheibensituation. Der Hausarzt stimmt zu, entweder weil er die Untersuchung selbst auch für richtig hält, oder weil er vom Patienten überredet bis genötigt wird. Wie so etwas im Praxisalltag aussieht, dazu kommen wir noch.

Leiden durch Wissen

Das MRT (Kernspintomogramm oder auch „Röhre“) zeigt zwei oder drei vorgewölbte Bandscheiben. Der Röntgenarzt schüttelt weise sein Haupt, ob des schwerwiegenden Befundes. Er erwähnt zwar, dass eine Vorwölbung kein Vorfall ist, aber fast. Es handele sich um eine Protrusion, nicht um einen Prolaps. Er würde eine CT-gesteuerte Spritzenserie empfehlen.

Der Patient versteht nur Bandscheibenvorfall und bedeutende Fremdwörter. Der Hausarzt, falls er an dieser Stelle noch etwas zu sagen hat, sitzt in der Falle. Sagt er durch die Blume oder ganz offen, dass der Facharzt übertreibt, dass Krankengymnastik, Schonung und Tabletten reichen, glaubt der Patient möglicherweise, dass er nicht ernst genommen wird. Unterstützt der Hausarzt den Vorschlag leitet er, vielleicht sogar wissentlich, möglicherweise vollkommen sinnlose Therapiemaßnahmen in Gang.

 

An dieser Stelle verweise ich auf meine kleine Artikelreihe Wer fängt an

Dieser Fall ist nur ein kleines Beispiel. Er zeigt aber, wo die Crux in der heutigen Medizin liegt. Jede der beteiligten Parteien spielt ihre Rolle, der Patient, der Hausarzt und der Facharzt. In anderen Fällen kommen noch Apotheker, Krankengymnast, Ergotherapeut, Logopäde, Krankenkasse, Fachliteratur, Laienmedien, Medikamentenhersteller und der gesamte paramedizinische Bereich dazu. Die Liste birgt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Einzelnen beteiligten werden im nächsten Artikel beleuchtet.

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.01.2014.

1 Wertungen (4 ø)
782 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Wie wahr! .... "nach Röntgen oder MRT 5,2 Prozent der Patienten operiert wurden. Beim Verzicht auf die Untersuchungen waren es nur 2,1 Prozent." Rückenschmerzen: Röntgen ist nur selten erforderlich Dtsch Arztebl 108(34-35): A-1770 / 29.08.2011: http://www.aerzteblatt.de/archiv/102934
#1 am 14.01.2014 von Michel Voss (Arzt)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Liebe Leser von www.der-andere-hausarzt.de,wie Leserin Maren ganz richtig festgestellt hat, ist die Seite von mehr...
Operationswut am Beispiel des SchultergelenksDas kranke Schultergelenk ist ein sehr gutes Beispiel für die mehr...
Über die Beantwortung dieser Frage sind sich Deutschlands Mediziner sicher weitgehend einig. Die einen sagen es laut, mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: