Vernunft in der Medizin - Am Beispiel des künstlichen Kniegelenks 5

28.09.2010
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Früher war nicht alles besser

Aber früher hat mein chirurgischer Chef zum Patienten gesagt, in Ordnung die Hüfte operiere ich, aber nehmen Sie erstmal 15kg ab, dann heilt das künstliche Gelenk besser ein und hält länger.

Früher konnte man so etwas noch sagen, da hatten wir Ärzte kaum Konkurrenz, bezahlt wurde nicht nach Leistung, sondern das, was nötig war. Ärzte hatten noch eine gewisse Macht über den Patienten.

Nun kann man Konkurrenzlosigkeit, fehlendes Leistungsprinzip und göttliches Weiß nicht gerade als erstrebenswerten Leitfaden des modernen Lebens bezeichnen. Trotzdem führten diese Dinge manchmal zu besseren Entscheidungen, weil die Vernunft eine Chance hatte und der Konkurrenzdruck fehlte.

Im Großen wie im Kleinen

Es ist wie in der Politik. Die Demokratie läuft sich tot, wenn vor lauter Mitbestimmung und Marktwirtschaft keine Entscheidungen getroffen werden, die vernünftig sind. Der alte Herberger-Spruch, nach dem Spiel ist vor dem Spiel, gilt für die Politik gleichermaßen: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Und für die Medizin erst recht: Nach der Therapie ist vor der Therapie. Ein künstlich ersetztes Knie bedeutet Arbeit und Arbeit bedeutet Verdienst und nach der KNEPrechts ist vor der KNEP auf der linken Seite.

In der Politik ist vielen inzwischen klar, dass die Demokratie keine optimale Staatsform mehr ist. Das Problem ist nur: Es gibt keinen neuen Gedanken, keine tragbaren neuen Theorien, nur die berechtigte Angst vor der Diktatur. 

In der Medizin ist es ähnlich. Alle wissen, dass es so nicht mehr funktioniert, aber keiner weiß, wie es anders/besser geht. Und wenn es jemand wüsste, müsste er Angst haben, viel zu vielen Leuten, die bald schon wieder Wähler/Patienten sind, auf die Füße zu treten. 

Der Patient ist der König (und der "Untertan")

Sagen Sie heute mal jemanden: Klar, pflanze ich Ihnen ein neues Kniegelenk ein. Wir treffen uns in einem halben Jahr wieder. Sie sind dann 15 kg leichter und haben sechs Monate Muskeltraining hinter sich. 

Von diesem Patienten können Sie sich auch gleich auf Nimmerwiedersehen verabschieden, und das hat nichts mit Diskriminierung von Übergewichtigen zu tun, sondern einfach mit Vernunft. Man muss den künstlichen Gelenken auch eine Chance geben, ordentlich einzuheilen und dauerhaft schmerzfrei zu halten.

Kürzlich sprach ich einen Patienten nach Monaten wieder. Ich glaubte ihn verloren, weil ich ihm reinen Wein hatte. Ich hatte die Geduld verloren. Sein Knie, sein Knie, sein Knie. Medikamente, Krankengymnastik, Arbeitsunfähigkeitszeiten, Injektionen, Kur, Minimal-OP und schließlich der Plan einer Teilprothese des Kniegelenks, alles das lag hinter bzw. noch vor ihm. Ein ordentliches Programm, gänzlich ohne Eigenleistung. Er gab sogar zu, faul zu sein. Muskeltraining und Gewichtsabnahme ständen nicht in seinem Lebensplan, so seine Worte. Dabei kannte ich ihn noch schlank und sportlich. Ich hatte mir meinen ärztlichen Frust von der Seele geredet. Aber ich hatte mich getäuscht. Der Patient hatte nicht seinen Hausarzt gewechselt. Er wollte erst die 20kg Gewicht runter haben, die ich von ihm verlangt hatte, bevor er wieder bei mir erschien. Jetzt saß er Monate später vor mir und stellte erstaunt fest: Ich wusste gar nicht mehr, wie leicht es ist, eine Treppe hinaufzukommen. Auf eine Knie-OP verzichte ich erst einmal. 

Manchmal, ganz selten, ist es so einfach.

Der Zurückhaltende ist nicht der Dumme

Wir können weder in der Politik noch in der Medizin auf politische Heilsbringer warten oder auf die zündende Idee eines Denkers. Das kann dauern. Es bleibt die Möglichkeit, sich selbst um den eigenen Bereich zu kümmern, heißt - selbst anfangen. Sprich: Wem die Pläne um den Stuttgarter Bahnhof nicht passen, der soll auf die Straße gehen. Wem die nonchalante Verlängerung von AKW-Laufzeiten gegen den Strich geht, der muss protestieren. Es ist ja nicht so, dass solche Proteste nichts bewirken, denn wie heißt es weiter oben noch - nach der Wahl ist vor der Wahl. 

Im Falle des Gesundheitswesens bedeutet es meiner Meinung nach, dass der Patient neu denken lernen muss, vielleicht im Duett mit dem Hausarzt. 

Nun kann ein Patient nicht einfach nur Vernunft walten lassen, weil Fachverstand in vielen Fällen unverzichtbar ist. Er kann auch nicht Richard von Weizsäcker oder Helmut Schmidt fragen, was die machen würden. Das sind zwar kluge Köpfe, aber in Sachen Gesundheit wäre Helmut Schmidt die denkbar falscheste Person, die man fragen kann. 

Aber wie wäre es, wenn der Patient, die heutzutage wichtigste Patientenfrage der modernen Medizin, ins Gegenteil verkehrte. 

Die Frage lautet bis heute: 

Was steht mir mir zu?

Die neue Frage sollte lauten: 

Was brauche ich wirklich?

Erst heute sprach ich jemanden in der Sprechstunde, dessen behandelnder Zahnarzt, Teilhaber einer Super-Ober-Bestens-Versorger-Höchstprivat-Zahnklink hat ihm das Einsetzen von 8 künstlichen Wurzelimplantaten empfohlen. Acht! Allein für den Oberkiefer. Ein 65-jähriger Mann. Kostenvoranschlag von 30.000 Euro. Kein Problem, privat versichert mit 100%-iger Zahnversorgung. Ich habe wenig Ahnung von Implantologie, aber das hört sich gar nicht gut an. Dazu die Vollversicherung. Einer Be(Miss)handlung sind damit Tür und Tor geöffnet. 

Aber der Mann besitzt gottlob Vernunft. Obwohl er sich finanziell nicht darum kümmern müsste, lässt er die Angelegenheit gegenchecken. Darin konnte ich ihn nur bestärken.

Lesen Sie weiter im letzten Teil dieser Reihe

Hausarzt Dr. Kunze hört (nicht) auf - Gedanken eines Hausarztes. Hier geht's zum E-Book auf DocCheckLoad  

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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