Vom Verabreichen von Medikamenten

05.07.2017

Madame P., die Patientin, die ich diese Woche betreue, ist sehr gut über ihre Krankheit informiert. Sie ist 37 Jahre alt und hat einen Master in Biologie. Wenn sie nicht gerade im Krankenhaus ist, forscht sie im Labor.

Viele Patienten mit chronischen Erkrankungen lesen sich mit der Zeit ausgesprochen gut in einschlägige medizinische Literatur ein. Madame P. verfügt dazu noch über die passende wissenschaftlichen Ausbildung, so dass sie besonders gut mitreden kann. Patienten wie sie sind nicht immer einfach für die behandelnden Ärzte, sie haben viele Fragen und teilweise eigene Therapievorstellungen. Doch Docteur Monceau betreut seine Patientin schon länger und hat ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis zu ihr aufgebaut. Madame P. sitzt während der Visite kerzengerade in ihrem Bett und teilweise scheint es, als würde sie die Gesprächsführung übernehmen. Aufmerksam lauscht sie jedoch auch den Argumenten des Arztes, der aus seiner Erfahrung mit anderen Patienten berichtet und das neue therapeutische Vorgehen plant.

Medikamente und ihre Nebenwirkungen

Madame P. leidet an Pemphigus vulgaris, einer seltenen Hauterkrankung, bei der es zu der Ausbildung von Blasen auf Haut und Schleimhäuten kommt. Verursacht wird sie durch eine überschießende Immunreaktion, bei der der Körper Proteine angreift, die Teil der Epidermis (der Oberhaut) sind. Um das Immunsystem in Schach zu halten, wird systemisch mit Glukokortikoiden therapiert. Bei Madame P. kam es unter der Behandlung allerdings zu depressiven Phasen, sogar einen Suizidversuch hat sie unternommen. Daher muss für sie ein anderes Medikament gefunden werden. Gegen Azathioprin, das das Immunsystem bremst und das oft mit Glukokortikoiden kombiniert wird, um deren Dosierung zu reduzieren, ist sie allergisch... Insgesamt nicht einfach. Zum Glück sind ihre Beschwerden momentan nur sehr gering ausgeprägt. Heute wird besprochen, dass erst einmal mit der Gabe von humanen Immunglobulinen begonnen wird, um das durch die Therapie geschwächte Immunsystem der Patientin zu unterstützen. Vorstellen kann man sich das wie eine Transfusion von Antikörpern, die Madame P. dann vor Infekten schützen können. Denn ihr Immunsystem hat in letzter Zeit nicht genügend eigene schützende Immunglobuline gebildet. 'Wer betreut Madame P.? Ah sehr gut, unsere Erasmus-Studentin. Geh du eben zur Pharmazie und hol das Medikament ab, in Ordnung? Das muss schnell gehen und gut dokumentiert werden. Weißt du, wo die ist?' Nein. Aber der Weg ist schnell beschrieben und schon habe ich eine Aufgabe für die nächste halbe Stunde.

Gesagt, getan

Eigentlich keine spannende. Aber das erste Mal irgendwie doch. Einen neuen Weg gehen im Krankenhaus. Die Pharmazie finde ich auf Anhieb. Nur die Tür geht nicht auf. Eigentlich ist da doch immer ein Schalter neben der Tür, wenn nicht sowieso ein Sensor installiert ist, der meine Anwesenheit wahrnimmt und mir die Tür automatisch öffnet. Suchend schaue ich mich um. Und werde schließlich von einem grinsenden Apotheker in den besten Jahren reingelassen: Die Türklinke fehlt, mit dem Ellenbogen drückt er die Tür auf. Ganz einfach mechanisch. Drinnen ist es angenehm ruhig, nur etwas zu dunkel für meinen Geschmack, die Fenster fehlen. Die Pharmazeutin kramt gerade in einem großen braunen Karton, in dem scheinbar Akten archiviert werden. Ich frage mich, wie lange es noch dauert und die Franzosen die Krankenhausprozesse vollständig digitalisieren. Als sie sich umdreht, zuckt sie zusammen; sie hat mich nicht eintreten hören. Lächelnd nimmt sie mein Rezept entgegen, verschwindet in einem Raum, der wie eine Mischung aus Labor und Lager wirkt - und kommt fünf Minuten später mit einer Rückfrage zurück: Die Dosierung erscheine ihr zu hoch, ob man sich da vielleicht geirrt habe? Hilflos zucke ich mit den Schultern; dazu hat man mir nichts gesagt und das Ganze ist sehr speziell, so dass ich vollkommen ahnungslos dastehe. Vorsichtshalber ruft sie meinen Oberarzt an. Ja, er hat die Gesamtdosis notiert, verabreicht wird sie aber in sechs Sitzungen. Also nur ein Sechstel. Mit beiden Händen überreicht sie mir schließlich ein kleines Päckchen. Auf keinen Fall darf dieses Medikament für einen anderen Patienten verwendet werden, wenn wir es doch nicht verabreichen sollten, muss es wieder zurück. Mir meiner Verantwortung bewusst nehme ich die wertvolle Fracht entgegen und trage sie besonders sorgfältig auf die Derma. Entgegen kommt mir Assistenzärztin Céline. 'Perfekt, gib das einer der Krankenschwestern und sag ihr, es sei sehr dringend, sie soll die Infusion direkt anhängen!'.

Wenn das so einfach wäre...

Krankenschwester Amélie stellt gerade Medikamente für andere Patienten bereit. Vorsichtig übergebe ich ihr die Humanen Antikörper und richte ihr Célines Botschaft aus. So etwas finde ich schwierig: Ich als Studentin sage einer Krankenschwester, was sie zu tun hat. Des Öfteren gibt es dabei Spannungen, denn irgendwie ist es ja nachvollziehbar, dass sich die Pfleger von Studenten, die gerade mal seit einer Woche auf der Station sind, ungern Anweisungen geben lassen. Andererseits übermittle ich ja nur und die Dringlichkeit ist noch nicht mal aus Willkür der Ärzte erwachsen, sondern ergibt sich aus dem zu verabreichenden Produkt.

Die Visite geht weiter. Eine Viertelstunde später werfe ich noch einmal einen Blick in das Schwesternzimmer und sehe die Infusion nach wie vor ungeöffnet stehen. Nervös mache ich die Assistenzärztin darauf aufmerksam - nicht, dass die Therapie und letztendlich die Patientin darunter leidet, dass die Abläufe im Krankenhaus etwas holprig sind. Céline pustet sich etwas genervt eine Strähne aus der Stirn. 'Ich weiß. Amélie nervt mich heute...', und spricht selbst noch einmal mit der Krankenschwester, die sich nun endlich zu meiner Patientin begibt. Puh. Mission erfüllt.

 

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Artikel letztmalig aktualisiert am 05.07.2017.

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Obgleich ich kritisch anmerken muss, dass der Lebensstil, der in unserer Gesellschaft geführt wird, über kurz oder mehr...
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