Kein Freibad für Ayaz

03.07.2017
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Aus der Reihe „Dinge, die Du als Arzt in der Ambulanz so hörst“ – eine Geschichte, die als sich schon lehrreich ist. Ein wahrlich heißes Thema.



Ganz blass und kaltschweißig sitzt Ayaz auf der Untersuchungsliege im Notfallzimmer. Gerade ist es etwas ruhiger, die obligatorischen fünf Zecken habe ich schon entfernt, ein paar Kinder mussten angesehen werden, weil der Kinderarzt nicht mehr zuhause war (und der – natürlich – keine Vertretung habe) und auch die üblichen „Bauchweh seit zwei Wochen“ habe ich heute bereits gesehen.

Ayaz geht es wirklich nicht gut. Seine Mutter sitzt neben ihm und drückt ihm ein nasses Geschirrhandtuch auf die Stirn. Sie ist viel kleiner als er, der Pubertätswachstumsschub hat ihn schon in die Höhe gezogen. Eigentlich ist er Fußballer, Handballer, Basketballer, man sieht es ihm an, heute abend ist er nur ein armer Kerl mit Sonnenstich.

Ich: „Wie lange warst Du denn im Schwimmbad?“

Ayaz: „So vier oder fünf Stunden?“


Ich: „Aber nicht die ganze Zeit im Wasser, oder?“


Ayaz: „Nee, wir haben auch Pizza gegessen dazwischen. Gekickt. Tischtennis. Sowas.“


Ich: „Und nun?“


Ayaz: „Mir war schlecht. Ich bin nachhause. Hab dann gekotzt. Zweimal.“


Ayazs Mutter: „War ganz übel, ganz blass. Viel Spucken.“ Sie schiebt ihm das Handtuch in den Nacken. Er schiebt sie weg.


Ich: „Genug getrunken hast Du schon?“


Ayaz: „Safe. Ja, klar.“

Ich: „Mütze? Irgendwas auf dem Kopf?“


Ayaz schnalzt. Zu uncool.


Ich: „Du musst Dich immer wieder abkühlen, weißt Du, oder? Schatten gehen. Viel trinken.“


Ayaz: „Weiß ich. Meine Posse wars.“


Ich: „Wie jetzt, wieso?“


Ayaz: „Ahja, Alda, die Honks haben mich krass da liegen gelassen. In der knallen Sonne. Kacke, Alda. Bin eingeschlafen. Voll jenseits.“


Er schüttelt den Kopf über soviel Vertrauensverlust.


Ich: „Na dann, ein oder zwei Tage Pause vom Schwimmbad. Bleibst ein bissel drin. Schön abkühlen, ausreichend trinken, lieber was Warmes...“


Ayaz: „Kein Freibad?“


Ich: „Ja.“ Ich nicke bestätigend.


Ayaz: „Alda...!“
 Jetzt schüttelt er den Kopf über soviel Kontaktsperre, soviel fehlende Integration in seine Posse für zwei Tage.

Ich: „Am besten auch kein Handy. Kein Whatsapp. Den Kopf schonen.“


Ayaz: „ALDA...!“

Seine Mutter nimmt ihn in den Arm und tupft ihm nochmal mit dem Geschirrhandtuch über die Stirn. Sie nickt wissend.
 

Bildquelle: Battle Creek CVB, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.07.2017.

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Na, da hatten Sie ja Glück, dass Sie männlich warren und das "alda" wahrscheinlich Respekt ausdrücken sollte... Toleranz ?
#26 am 20.08.2017 von Lydia Wolf (Ärztin)
  0
Der Patient und seine Mutter waren übrigens nicht in der Notaufnahme, sondern in einer Kinderarztpraxis. Der Autor (Kinderdoc) erzählt auf seinem Blog bei Wordpress und auch hier Geschichten aus der eigenen Praxis. Nichtsdestotrotz landen sicher einige Zecken in der NA, in dem Fall wars dann aber mal nicht so ;)
#25 am 17.07.2017 von Lisa Frech (Student der Humanmedizin)
  0
Gast 21: Das Problem von Jugendlichen aus der Unterschicht ist, dass ihnen der Switch ihres Sprachcodes nicht gelingt. Die Akademikerkinder benutzen Kiez-Deutsch untereinander, oft auch leicht ironisierend - und sie können jederzeit zur Hochsprache wechseln, wenn sie etwa mit Lehrern, Ärzten oder ihrem zukünftigen Chef reden müssen.
#24 am 13.07.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  4
Gast
#22: diese langhaarigen Rock'n'Roller haben unseren lieben Eltern bestimmt auch nachhaltig geschadet ;-)
#23 am 12.07.2017 von Gast
  3
Gast
Hip Hop hat der Intelligenz unserer Nachkommen nachhaltig geschadet.
#22 am 12.07.2017 von Gast
  10
Gast
@19: in der Tat darf man heutzutage auch bei Akademikerkindern ohne Migrationshintergrund auf dem Pausenhof eines katholischen Gymnasiums solche Worte vernehmen... mag sein dass der Gesamtwortschatz um einiges umfangreicher ist als der den sich Ayaz bisher aneignen durfte aber ein Teenager wählt im Zweifelsfall nun einmal die coolere Ausdrucksweise... wenn auch nicht als Anrede für einen Fremden. Ich persönlich bin froh um jeden Teenie der überhaupt noch mit Freunden ins Freibad geht und nicht allein vor seiner Spielekonsole verrottet.
#21 am 12.07.2017 von Gast
  3
Gast
#4 und #9: Die Entscheidung, lieber zum Arzt zu gehen, um eine Zecke entfernen zu lassen, ist durchaus nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass die Betroffenen bzw. deren Eltern Angst vor gefährlichen Infektionen haben, die u.U. möglichst schnell behandelt werden sollten, und davor, ungeübt evtl. fatale Fehler beim Entfernen der Zecke zu machen.
#20 am 12.07.2017 von Gast
  7
Gast
Ich wusste bis eben, als ich danach im Netz gesucht habe, noch nicht was "Posse" heißt. Was ich aber immer noch nicht weiß, ist, woher das Wort kommt. Aber das weiß man wohl auch nicht hinsichtlich "Alda" oder "Alter". Damit komme ich dazu, was man außerdem auch nicht weiß, nämlich, wie intelligent eine Person ist, die solche Wörter gebraucht. Aber dass diese respektlose Art der Anrede hier zumindest teilweise einfach so akzeptiert wird, weil man ja ach so tolerant und bloß nicht konservativ sein möchte, zusammen mit der Unterstellung, dass es herkunfts- und bildungsunabhängig sei, ist grotesk.
#19 am 12.07.2017 von Gast
  2
Ich finde die Geschichte nicht nur nett, sondern auch lehrreich: Wenn Freibadverbot und Handyverbot drohen , wird Ayaz das nächste Mal vorsichtiger sein. Übrigens hatten Kinder früher öfters mal einen Sonnenstich. Die heißen, langen Sommer und die Eltern waren nicht so präsent wie heutzutage, wir den ganzen Tag draußen.
#18 am 12.07.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Gast
@ Gast16: wirklich tragisch, dabei gehören Babys und Kleinkinder eigentlich GAR NICHT in die Sonne, aber ein Hut wäre doch das Mindeste... denn die Haut hat ein Gedächtnis und in diesem Alter entscheidet sich wie hoch später das Hautkrebsrisiko sein wird.
#17 am 12.07.2017 von Gast
  1
Gast
Bedauererlicherweise beobachte ich seit einigen Jahren häufiger Sonnenstiche bei Kleinkindern. Für mich schon nahe an grober Fahrlässigkeit, denn zur Begründung heißt es: "Emma will doch keine Mütze tragen!".
#16 am 12.07.2017 von Gast
  0
Alter Arzt
#7: Das ist Altersstarrsinn verbunden mit einer schwachen Blase: Ich erkenne mich wieder! ;-)
#15 am 12.07.2017 von Alter Arzt (Gast)
  0
Gast X
@12: Niemand zwingt Sie hier böse, elitäre Ärzte anzutreffen. Das hier ist ein Medizinerportal. Trotzdem tauchen hier ständig Leute auf die offensichtlich keine Ahnung haben aber gerne herumpoltern und hier medizinischem Personal ans Bein pinkeln, dafür gibt es genug Ärztehasserplattformen. Die meisten von uns schätzen hier den Austausch mit unseren Patienten und Nicht-Medizinern, ich besonders, weil ich der Meinung bin ich kann dadurch mich und meine Arbeit verbessern. Aber einfach hierher zu kommen und nur herumzustänkern und mit beleidigenden Anschuldigungen um sich werfen ist als würde man seinem Gastgeber auf den Teppich kacken (OMG ruft einen Philologen, da hat jemand "kacken" gesagt). Wer dann nicht einmal seine Vorwürfe begründen kann braucht mir auch nichts über den Sinn und Zweck meines Berufes zu erzählen.
#14 am 12.07.2017 von Gast X (Gast)
  0
Gast X
Frust am Patienten auslassen? Können Sie bitte diesen Vorwürf konkretisieren? Hier wurde ein junger Patient und zusammen mit seiner Mutter fachgerecht anamnestiziert und verständlich beraten. Wo hat hier bitte jemand Frust an ihm ausgelassen? Ist das schon Bezugsverlust zur Realität? Die Lehre die wir hier daraus ziehen ist die Beratung eines Patienten mit Sonnenstich. Und die Sprechweise entspricht nunmal dem heutigen Durchschnittsteenager ungeachtet von Herkunft, Bildungsniveau oder Einkommen der Eltern. (Zu unserer Zeit haben die Philologen auch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und über allgemeine Verblödung geklagt wenn wir "uncool", "voll daneben" oder "alter Schwede" gesagt haben. Und trotzdem ist aus uns etwas geworden... dass sich jeder für die Krone der Schöpfung hält und nachfolgende Generationen für einen Haufen ungezogener Idioten mit unflätigem Sprachgebrauch ist völlig normal... keine Sorge dass war schon in der Antike so)
#13 am 12.07.2017 von Gast X (Gast)
  1
Gast
Bei allem Verständnis für manchen Ärger und Stress auf Grund vieler Überstunden und sinnfreier Verwaltungsarbeiten. Sollte es doch ein absolutes No go sein, Ärzte (m/w) anzutreffen die hier ihren Frust am Patienten auslassen. Ist das schon der Bezugsverlust zum Patienten? Eine Folge muss ja das Elitedenken und der Numerus clausus auf Dauer haben. Schade nur, dass dadurch der Sinn und Zweck des Arztberufes vergessen wird.
#12 am 12.07.2017 von Gast
  30
Gast
#8 Die Bildung des jungen Mannes kann ich nicht beurteilen, da Pubertierende sich eben oft so ausdrücken. Wenn Sie darüber urteilen und selbst grammatikalisch falsch liegen .... ?
#11 am 12.07.2017 von Gast
  5
Gast
Einfach ein netter Bericht aus dem sommerlichen Alltag in der Notaufnahme...macht Bock auf mehr , .)
#10 am 11.07.2017 von Gast
  2
Gast
#4 Noch eine 0 an die 20
#9 am 11.07.2017 von Gast
  5
Ich hätte ja Probleme mit dem Dialekt. Kein Wunder daß die Bildung im keller ist. Danke für diesen Einblick in Ihren Alltag.
#8 am 11.07.2017 von Nicole Josan (Heilpraktikerin)
  7
Gast X
Leider nicht nur ein Problem der dummen jungen Wilden... auch unsere lieben alten Wilden, die Senioren, gehen leider nicht immer mit gutem Beispiel voran. Regelmäßig Vorstellungen via Notarzt in der Notaufnahme wegen Hitzschlag, Sonnenstich, Kollaps... den ganzen Tag in der größten Hitze ohne Sonnenschutz wandern, gärtnern, Rasenmähen, holzhacken usw. und dabei natürlich nichts trinken ("sonst muss ich so oft auf die Toilette...").
#7 am 11.07.2017 von Gast X (Gast)
  0
Gast
Sehr geehrter Herr Kollege Dr. Hopmann, mit "Alda" dürfte es sich wohl um die umgangssprachliche Anrede "Alter" handeln. Sehr geehrter Herr Kollege Dr. Uhlmann: Möglicherweise lebt der Junge schon sein Leben lang in Deutschland (2. Generation). Wo lebt ihr eigentlich in der Wirklichkeit, wenn Ihr Euren Krankenhäusern entschwunden seid?
#6 am 11.07.2017 von Gast
  19
Da, wo Ayaz seine Wurzeln hat, dürfte es kaum Schwimmbäder geben. Mehr möchte ich mir ersparen.
#5 am 11.07.2017 von Dr. med. Christoph Uhlmann (Arzt)
  16
Ärztin
Eine Schande womit sich ein Klinikarzt in der Notaufnahme alles beschäftigen muss. 20 Euro Notfallgebühr und die Leute kaufen sich lieber eine Zeckenzange und besinnen sich wieder auf ihre medizinische Grundintelligenz und kurieren ihre Befindlichkeiten erstmal zu Hause
#4 am 11.07.2017 von Ärztin (Gast)
  14
Ey, kommt nich so geil rüber wenn man die Verblödung der Gesellschaft beklagt und selbst nicht richtig buchstabiert. Alda, das müsste "unserer" heißen ;-)
#3 am 11.07.2017 von Dr. Dominik Hopmann (Arzt)
  13
Gast
Und welche Lehren soll ich jetzt aus diesem Artikel ziehen? Nur ein weiteres Beispiel für die Verblödung unsere Gesellschaft...
#2 am 11.07.2017 von Gast
  17
konkret - voll krass ...
#1 am 11.07.2017 von Bernhard Kiefer (Arzt)
  2
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