Anreise, Hüft-OP, Heimfahrt – alles an einem Tag

03.07.2017
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Der neue Service einer Privatklinik macht mich als Physiotherapeut stutzig: Patienten, die eine Hüft-OP vornehmen lassen, können dies in nur einem Tag abwickeln. Anreisen, operieren und nachhause fahren hat man innerhalb von 24 Stunden hinter sich. Ob das gut ist?

Als Physiotherapeut bin ich einige abenteuerliche OP- und Reha-Geschichten meiner Patienten gewohnt. Was mich im ersten Moment aber wirklich innehalten ließ, war ein Bericht aus Seligenstadt. Die Emma Klinik, eine private Einrichtung in der Stadt, bietet Menschen mit einer verordneten Hüft-OP einen ganz besonderen Service. Anreisen, operieren, heimfahren – alles an einem Tag. Da ist als erster Gedanke durchaus die Frage erlaubt: Ist das wirklich ein Service im Patienteninteresse oder schadet das den frisch Operierten?


Operationen an der Hüfte sind heute häufig minimal-invasiv

Wo früher in einer offenen OP große Schnitte gesetzt werden mussten, hat sich inzwischen weitestgehend der minimal-invasive Eingriff durchgesetzt. Meine Patienten sprechen gern von der Schlüsselloch-OP und im Grunde trifft es das sehr gut: Der Chirurg muss nur eine kleine Öffnung schaffen und kann die notwendigen OP-Geräte über Sonden einführen. Mit maximal zwei Zentimetern Durchmesser ist ein Schnitt wirklich kaum größer als ein Schlüsselloch.


Der Fachbegriff „minimal-invasiv“ passt aus medizinischer Sicht besser, denn es muss wenig Gewebe verletzt werden, was das Risiko für operative und post-operative Komplikationen stark verkleinert. Dennoch muss bei der klassischen Hüft-OP Muskelgewebe zerschnitten werden, weswegen der Operierte nicht sofort aus dem Bett springen und nach Hause gehen kann. Was macht die Emma Klinik anders?


Die Idee zur „Same-Day-Operation“ kommt aus den Niederlanden
Die Ärzte aus der deutschen Privatklinik folgen einem Vorbild aus den Niederlanden. Dort praktizieren Mediziner schon länger die sogenannte AMIS-Methode. Das Kürzel steht für „Anterior Minimal Invasive Surgery“ und soll die OP besonders muskelschonend gestalten. Daher können Operierte nach wenigen Stunden bereits wieder laufen und zeitnah die Klinik verlassen. Für eine Same-Day-Operation kommen natürlich nur Patienten infrage, deren Operation ein gut kalkulierbarer Standardeingriff ist und wo das minimal-invasive Vorgehen möglich ist.

Aber – und damit bin ich wieder bei meiner Eingangsfrage – ist das zum Patientenwohl?

Wie funktioniert AMIS?

Normalerweise wird bei einer minimal-invasiven Hüft-OP ein Zugang seitlich vom Hüftgelenk oder hinter dem Gelenk gewählt. AMIS nutzt für die Schlüsselloch-Operation aber das Areal vor dem Hüftgelenk. Dies macht einen großen Unterschied, denn für den Zugang müssen die oberen Muskelschichten am Knie nicht verletzt werden. Normalerweise ist das Einschneiden nicht vermeidbar, doch in dieser Position können die Muskeln nach dem Anschneiden der Muskelhülle einfach zur Seite geschoben werden. Nach der eigentlichen Operation muss der Chirurg daher nur den Schnitt durch die Haut und die Muskelhülle vernähen. Das verkürzt praktischerweise auch die OP-Dauer: 60 Minuten reichen dort, wo früher 180 Minuten die Norm waren.


Eine echte Revolution der Hüft-Operationen

Nachdem ich mich etwas eingehender mit AMIS beschäftigt habe, wundere ich mich ehrlich gesagt, dass noch nicht früher umgedacht wurde. Statt Muskeln zu verletzen, kann man sie sanft beiseite schieben und damit dem Patienten viel ersparen. Für Operierte selbst dürfte es das Schönste sein, sofort wieder in die eigenen vier Wände zu kommen, aber aus medizinischer Sicht kommen noch mehr Pluspunkte dazu:

Physiotherapeuten sind immer vor Ort

Durch AMIS bietet man Patienten also tatsächlich einen nicht zu verkennenden Service. Sowohl aus meinem Patienten- als auch Familienkreis kenne ich viele Menschen, die beim Thema Operation vor allem Angst vor den Übernachtungen im Krankenhaus haben. Sie möchten in Ruhe daheim genesen. Diesem Bedürfnis kommt die neue OP-Methode definitiv entgegen. Gleichzeitig muss niemand Angst haben, dass er „rausgeworfen“ wird und damit auf sich allein gestellt ist.

Die Privatklinik hat Physiotherapeuten vor Ort, die nach der Operation die sprichwörtlich ersten Schritte gemeinsam mit den frisch Operierten gehen. Das Gelenk erfährt also eine Belastung unter fachlicher Aufsicht. Das Entlassungsziel der Klinik: 300 Schritte flüssiges Gehen inklusive kurzes Treppensteigen. Nur wenn das funktioniert, wird der Patient entlassen.

Wichtig: Nach der Entlassung sollten Patienten unbedingt weiter an der Mobilisierung arbeiten. Auch wenn das von den Klinikärzten vor Ort geprägte Motto „Hip in a day“ prinzipiell funktioniert, werden alle Patienten darauf hingewiesen, dass sie in den kommenden Wochen eine klassische Physiotherapie benötigen. Nach der OP will das flüssige und selbstsichere Gehen trainiert werden. Diese Reha-Maßnahme gilt bei AMIS ebenso wie bei der klassischen minimal-invasiven Hüft-OP.


 

Quellen:

http://www.emma-klinik.de/fileadmin/content/Aktuelles/OP_16-04_Krieger_Dr.pdf



http://www.orthopaedicsurgeon.co.za/Anterior%20Minimal%20Invasive%20Surgery%20and%20Hip%20Replacement.html


http://www.drcakic.co.za/types-of-surgery/types-of-prosedures-amis/

 

Bildquelle: jaqian, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.07.2017.

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Gelenkersatzchirurg
Wer hat denn diesen Unsinn geschrieben? Die Problematik der minimalinvasiven zur Prothesenimplantation an Knie- und Hüftgelenk ist hinreichend wissenschaftlich untersucht und abgehandelt. Außer, wie in Kommentaren bereits dargestellt, einem Mobilisationsvorteil innerhalb der ersten 6 Wochen, der inkonstant nachgewiesen wurde und teilweise gering ist, ergeben sich keine Vorteile. Zudem ist die Implantation einer Hüfttotalendoprothese durch einen im Durchmesser "maximal" 2cm messenden Schritt unmöglich. Allein das Pfannenimplantat hat durchschnitlich einen minimalen Durchmesser von 48mm. Regelhaft sind größere Implantate erforderlich. Der Prothesenkopf besitzt heute eine Durchmesser von 32mm. Wer eine OP-Zeit von 180min für diesen Standardeingriff benötigt, sollte von diesen Operationen Abstand nehmen. Der Beitrag ist unseriös, der Verfasser inkompetent. Der Physiotherapeut sollte sich in seinem Kompetenzbereich betätigen. Bislang fehlt nämlich der wissenschaftliche Nachweis, dass die in Deutschland mit viel finanziellem Aufwand durchgeführte Rehablitation- in der Regel stationäre Rehabilitation- einen signifikanten Einfluß auf das postoperative Ergebnis nach HTEP- bzw. KTEP-Implantation hat.
#12 vor 32 Tagen von Gelenkersatzchirurg (Gast)
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Gast
Es gibt schon viele Studien zu besagtem Thema, mittlerweile auch mit belastbarer Evidenz. Es gibt lediglich zwei signifikante Vorteile des minimalinvasiven Vorgangs: der kleinere Hautschnitt (der jedoch sicherlich größer als 2cm ist!!) und ein minimal geringerer Blutverlust während der OP. Alle anderen Parameter, wie Komplikationsrate, subjektive Zufriedenheit, Muskelkraft etc. unterscheiden sich nicht! (Der minimalinvasive Hüftersatz - eine Metaanalyse Minimally Invasive Hip Replacement - A Meta-Analysis P. Vavken1 , R. Kotz1 , R. Dorotka1 DOI: 10.1055/s-2007-965170)
#11 am 16.07.2017 von Gast
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Gast
Autsch.... wird da durch das Knie in die Brust geschossen? Zitat: :...Normalerweise wird bei einer minimal-invasiven Hüft-OP ein Zugang seitlich vom Hüftgelenk oder hinter dem Gelenk gewählt. AMIS nutzt für die Schlüsselloch-Operation aber das Areal vor dem Hüftgelenk. Dies macht einen großen Unterschied, denn für den Zugang müssen die oberen Muskelschichten am Knie nicht verletzt werden....."
#10 am 13.07.2017 von Gast
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P.S. Wer 180 Min. für den Einbau einer Standard Hüft TEP braucht sollte seine OP-Technik überprüfen (:-)))
#9 am 11.07.2017 von Peter Pointner (Arzt)
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Absatz unter der Artikelliste von Knochenrenker, keine weiteren Fragen... : 'PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.'
#8 am 11.07.2017 von Sascha Brinkmann (Arzt)
  0
Hab schon besere Werbung für eine Privatklinik gesehen. Wie soll man eine Hüftpfanne mit 42 - 54 mm Durchmesser durch einen 2 cm Hautschnitt bekommen. Empfehle dem Autor einer solchen OP bei zu wohnen. Da wird Muskulatur nicht sanft beiseite geschoben, sondern gezerrt was das Zeug hält. Weiß wovon ich rede, habe genug Hüft-TEPs eingebaut
#7 am 11.07.2017 von Peter Pointner (Arzt)
  0
Ärztin
Wieder einmal werden Dinge aneinander gekettet die nicht zwingend zueinander gehören. Natürlich sind in vielen Fällen die Vorteile minimal-invasiver Verfahren unbestreitbar, allerdings die Kombination mit Drive-Trough-Abfertigung und reduzierter bzw. keiner Nachsorge halte ich für äußerst bedenklich. Welches Verfahren angewendet wird sollte immer anhand medizinischer und nicht wirtschaftlicher Aspekte getroffen werden. Wenn ein vorzeitig entlassener Patient dann nachts mit Blaulicht und Sirene in der Notaufnahme aufschlägt und dort möglicherweise Tage- oder Wochenalte Komplikationen vom unerfahrenen Assistenzarzt behandelt werden müssen ist das weder billiger noch besser als eine zusätzliche postoperative Übernachtung und reguläre Visite durch den erfahrenen Facharzt, ungeachtet der ursprünglichen OP-Methode.
#6 am 11.07.2017 von Ärztin (Gast)
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Ich stehe dieser neuen Methode skeptisch gegenüber.Als Betroffene habe ich mich für die konventionelle OP methode entschieden und es nicht bereut.Nach 10 Tagen konnte ich das Krankenhaus verlassen.Ich war froh über meinen stationären Aufenthalt,man ist schon sehr eingeschränkt nach der OP.Sogen.Schlüsselloch OP`s sind nicht unbedingt schonender,da mangelnde Sicht und kleines Arbeitsfeld Muskelquetschungen und Nervenverletzungen nach sich ziehen.Im übrigen sollte man seinem Körper die notwendige Zeit zur Regeneration doch geben
#5 am 11.07.2017 von dr.med eva-susanne koitschka-maus (Ärztin)
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So einfach ist das mit dem AmIS alles nicht. Bei diesem Zugang kann es sehr lästige Neuropathien und Schmerzen aufgrund Läsionen des N. femoralis geben. Man kann auch z.B. eine 60'er Pfanne bei einem grossen Mann mit einer schweren Protrusionscoxarthrose nicht über einen 2 cm Hautschnitt stabil verankern. Insoweit ist das alles " Marketing " mit dem " hip in a day". Eine TEP in konventioneller Technik dauert meist nicht länger, als 60 min.
#4 am 11.07.2017 von Dr. Cornelius Würtenberger (Arzt)
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Operateur
Gefährlich ist es im wesentlichen nur ,wenn nicht geschulte und erfahrene die Nachbehandlung durchführen z.B.übersehene beginnende Defekte und vieles mehr
#3 am 10.07.2017 von Operateur (Gast)
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Operateur
Es gibt auch schon länger Studien die zeigten ,dass das outcome 2jahre nach Op mit oder ohne Physiotherapie leider gleich sind Also wieso Physiotherapie (eine gute Anleitung würdegenügen
#2 am 10.07.2017 von Operateur (Gast)
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"Das verkürzt praktischerweise auch die OP-Dauer: 60 Minuten reichen dort, wo früher 180 Minuten die Norm waren" Das man für eine HTEP konventionell 3 Stunden braucht stimmt doch so nicht. Auch über den herkömmlichen Zugang sind 60 min machbar, insbesondere, wenn es sich um Routine-Coxarthrosen handelt.
#1 am 10.07.2017 von Dr. med. Uwe Neumann (Arzt)
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