Draußen ist anders

27.06.2017
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Meine Pläne für heute haben zum ersten Mal absolut nichts mit Medizin zu tun. Ich möchte einfach nur ein Buch lesen, zur Ruhe kommen und mich auf mein Leben als Mutter vorbereiten. Das beschließe ich, während ich im Auto auf dem Weg nachhause sitze. Und dann passiert alles in Zeitlupe.

Heute denke ich keine einzige Sekunde an meine Arbeit. Das erste Mal. Die letzten Wochen vor der Entbindung stehen ganz im Sinne der Entspannung und Vorbereitung. Kinderzimmer, Hosen, Bodys, Mützen, Babyschale, Babybett, Kliniktasche etc. Die Liste ist lang. Das Vorbereiten kostet Zeit.

Einfach nur ein Buch lesen

So langsam ist alles mühsam und der dicke Bauch ist im Weg. Die Beine sind schwer. Lange wird es nicht mehr dauern, bis ich keine Lust mehr habe. Das ist sicherlich gut so. Reichlich Motivation für die Geburt. Aber heute Mittag darf ich tatsächlich die Beine hoch legen und einfach nur ein Buch lesen. Kein Artikel, kein Journal, keine wissenschaftliche Arbeit, kein Buch der Zugangswege oder OP-Methode. Einen ganz normalen Roman. Ich weiß nicht, wie lange das her ist. Eine Ewigkeit. Ich freue mich darauf.

Alles in Zeitlupe

Noch aber stehe ich mit meinem Auto an der roten Ampel und warte auf Grün. Ich sinniere über die Entdeckung der Langeweile und Kreativität, als der Kleinwagen zwei Autos vor mir über Rot fährt. Zeitlupe. Der Lastwagen von links rammt das Auto platt. 

Klick. Mein Kopf schaltet um. Adrenalin. Telefon, Rettungsdienst, Polizei. Bis auf die obligatorische Auto-Verbandtasche habe ich nichts dabei. Ich nehme die Handschuhe.

Die Beifahrerin kann sprechen, sich abschnallen und aussteigen. A,B,C ist ok. Naja, sie spricht, atmet und ist bei Bewusstsein. Der Kopf hat Schrammen, die Nase blutet, die Unterarme sind geschürft. Kann Gehen. Das reicht fürs Erste. Ich lege sie ins Gras. Zwei weitere Ersthelfer bleiben bei ihr.

Eingeklemmt

Der Fahrer ist bei Bewusstsein. Er ist eingeklemmt, das Auto ist ein Blechhaufen, überall Scherben. Über die Beifahrertür gelangt man ein kleines Stück zu ihm. Der Rest ist nicht zugänglich. Airbags. Angeschnallt. Er sieht mich, er atmet. Der linke Unterarm und die linke Hand ist mehrfach offen frakturiert. Nase kaputt. Schürfwunden, Glassplitter im Gesicht. Die Beine sehe ich nicht. Er kann seinen Namen sagen.

Er stöhnt, Schmerzen. Raus kommt er da nicht. Ich möchte so viel tun. In meinem Kopf läuft der Hamster das komplette Diagnostik- und Therapierad ab, immer wieder. Bringt nichts. Was mir bleibt, ist, ihn zu beruhigen. „Wir holen Sie hier raus. Wie heißen Sie?“

Die nächsten 20 Minuten sind eine gefühlte Ewigkeit. Immer wieder scheint er kurz abzudriften, dann antwortet er wieder. „Tochter ok?“ „Ja. Wo haben Sie Schmerzen?“ „Kopf. Arm. Brust.“ „Tochter ok?“ „Ja. Können Sie gut atmen?“ „Ich … Tochter ok?“ „Ja. Wie heißen Sie?“ „Ich … Tochter? Wo ist meine Tochter?“

Ich verlasse die Unfallstelle, als der Notarzt die Infusionsnadel in der Vene hat. Die Feuerwehr sägt einen Wagen verdammt schnell auf. 

Draußen ist nicht drinnen. Draußen ist anders. Danke an alle, die den Job da draußen machen!

 

Bildquelle: fo.ol, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 30.06.2017.

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Medizin
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Gast
#11 und das ist der springende Punkt. Um in einem psychischen Ausnahmezustand nicht allein gelassen zu werden (hier angspr. Sachlage) bedarf es einer inneren Bereitschaft. Und die beginnt mit der berühmten Motivation und Einsicht in die Notwendigkeit. Darüber hinaus sollte sich so mancher kritischer und ev. unverstandene Leser ( bitte im intern. Ranking für Not-und nachbarschaftliches Handeln (Asphyxie bis GCS/ ILCOR etwas zu Gemüte führen. Auch die medial bekannt gewordenen unkoordinierten Einsätze in „Krisensituationen“ zeigen wie begrenzt und unzureichend unser Gesundheitssystem aufgestellt ist. Das gehört auf den aktuellen Propaganda Tisch!
#12 am 02.07.2017 von Gast
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Gast
Ergänzung: Mit "schlicht nur den Notruf absetzen" meinte ich den konkreten Fall, denn wenn die Verletzten nicht eingeklemmt sind, dann muß es natürlich neben dem ABC-Check noch etwas mehr sein (ggfs. Seitenlage, Herzdruckmassage usw.).
#11 am 01.07.2017 von Gast
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Gast
#9: Die Debatte über die gleichgeschlechtliche Ehe oder den § 218 StGB (welche nun schon ein wenig her ist), schließt ja eine gleichzeitige Diskussion über unser Bildungswesen zum Glück nicht aus (wenn wir uns die Tagesordnungen vom Gemeinderat bis zum Bundestag anschauen, dann sehen wir jede Menge Multitasking und nicht Monothematik). Nichtsdestotrotz: Was hat das jetzt genau mit dem beschriebenen Fall zu tun, abegesehen davon, daß der NA und die Feuerwehr auch gerne schon ein paar Minuten früher hätten da sein können? Gerade das beschriebene Beispiel zeigt, daß der Laienersthelfer schlicht nur den Notruf absetzen und seelisch beistehen kann (das in einem Ersthelferkurs zu vermitteln, ist allerdings m.E. doch etwas viel verlangt).
#10 am 01.07.2017 von Gast
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Gast
#6 Guten Tag, manchmal hilft es ein wenig um die Ecke oder über den berühmten Tellerhand hinaus zu schauen. Die Tagespolitischen Themen innerhalb der letzten drei/vier Jahre schießen doch mehr als am Ziel vorbei. Statt sich um Pisa und Bildungsmaßnahmen zu bemühen, debattiert man im Parlament um eine gleichgeschlechtliche Ehe. Haben wir nun ein Bildungsdefizit oder nicht? Welchen gesellschaftlichen Status erreichen wir mittelfristig in unserer normierten Gesellschaft. Um im aktuellen thematischen Kontext zu bleiben, nicht nur der notfallmedizinische Versorgungsbereich, alias Breitenausbildung, Berufsförderung etc. . kränkelt unnötiger Weise sehr. Es erinnert mich indirekt an § 218. Haben wir nicht wirklich wichtigere Themen auf dem Tisch. PS es tut mir leid, sollte ich einen parallel orientiertes Gedankenmuster angesprochen zu haben. Er/es war nur mittel zum Zweck.
#9 am 01.07.2017 von Gast
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Gast
Das frage ich mich auch, was #6 soll. Sind die Sparmaßnahmen in der Bildung dafür verantwortlich, dass er oder sie wahllos Themen aneinanderreiht, die nichts miteinander zu tun haben und es noch in diesem gänzlich unpolitischen Kontext schafft über die "Ehe für alle" zu wettern?
#8 am 01.07.2017 von Gast
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Gast
Was wollen Sie uns mit ihrem Kommentar sagen, liebe(r) Verfasser(in) #6?
#7 am 30.06.2017 von Gast
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Gast
' Ja Fr Dr. Weiske, es klinkt sehr krass. Der gesellschaftliche Wandel, eine misratene Politik und sparmassnahmen ( BILDUNG) bringen einen alten/neuen Primaten ans Licht. Themen wichtigkeit und Tagespolitik ehefüralle. Je öfter eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein von Klugheit. François-Marie Arouet (1694-1778, bekannt durch sein Pseudonym Voltaire, einflussreicher Autor der europäischen Aufklärung) Grüße #4
#6 am 30.06.2017 von Gast
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Aber gerade das Sprechen, beruhigen, fragen hilft einem Verletzten unendlich viel. Wie heißt du, wo wolltest du hin, wen soll ich benachrichtigen-das hilft und entlastet. Ich kenne beide Seiten als Verletzte, eingeklemmt im Auto habe ich gerade eine Person, die sich einfach um mich kümmert-unendlich vermisst. Schmerzen hast du da keine, Schock, du spürst nur warme Flüssigkeit im Gesicht, am Körper. Du kannst vielleicht in Öffnungen greifen, die einfach nicht da sein sollten: z.B. die Zähne anfassen bei geschlossenem Mund, weil dein Gesicht zerschnitten ist. Vielleicht zerren sie dich raus und legen dich an den Straßenrand (in meinem Fall), lassen dich aber da allein. Du versuchst aufzustehen, geht nicht, du taumelst rum, fällst wieder hin. Das genau ist die Situation, in der ein Mensch an deiner Seite unglaubliches leisten kann. Mein Aufruf an alle daher: wenn Sie kein Mediziner sind: Notruf absetzen und solange mit dem/den Verletzten sprechen, bis professionelle Hilfe da ist.
#5 am 30.06.2017 von Dr. rer.nat. Annelie Weiske (Biologin)
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Gast
Schöner Beitrag, ausgesprochen schöner Titel wie ich meine "draussen ist anders" sehr viele Mediziner hier sind auch gute Rhetoriker im Sinne einer Erzählung/Prosa, stelle ich häufig fest. Ich denke es liegt an der Realität des Ganzen. Ein abgespulter Film - ganz ohne Drehbuch.. Notfallmediziner haben es echt nicht leicht, sind einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt. Ich liebe diesen Beruf und deren Intention über alles! Danke an Alle Mediziner draussen und drinnen! DozNotfM firstaideducation.de
#4 am 30.06.2017 von Gast
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Wenn man ein komplettes Krankenhaus im Hintergrund gewohnt ist, scheint das tatsächlich wenig. Neben dem "da sein" und Beruhigen (was dem Patienten schon sehr viel bringt) kann man aber noch einen Notruf absetzen, bei dem die Leitstelle weiß, was los ist und gleich die richtigen Kräfte schicken kann, man kann dem Rettungsdienst schon eine Menge übergeben, was diesem dann Zeit spart. Und auch das spart Zeit, die dem Patienten zugute kommt.
#3 am 30.06.2017 von Helmut A. Bender (Rettungsassistent)
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Gast
Dabei ist gerade dann Ansprache, Mitgefühl, Beruhigung und Trost unendlich wertvoll.
#2 am 30.06.2017 von Gast
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Ja,es ist doch erschreckend,wie wenig man als Ersthelfer trotz perfekter Fachkenntnisse an der Unfallstelle tun kann.da bleibt es oft nur beim beruhigen und trösten und abwarten...
#1 am 30.06.2017 von Svenja Höse (Kinderkrankenschwester)
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