Appendicitis acuta - das alltägliche Rätsel

12.03.2010
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Wer löst den Fall?

Mitten in einer Serie grassierender Magen-Darm-Grippe wach zu bleiben für andere Erkrankungen des Bauchraumes, ist nicht immer ganz einfach. Magen-Darm-Infekte gehen einher mit Darmkoliken, Durchfall und Erbrechen. Nicht alle Symptome müssen gleichzeitig vorhanden sein. Jede Kombination bis hin zu Einzelsymptomen ist möglich. Als Hausarzt ist man erste Anlaufstelle für derartige Beschwerden. Begegnen einem solche Patienten hundertfach innerhalb von wenigen Wochen, sind Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall und verwandte Symptome schnell eingeordnet. Manchmal auch voreilig. Hier ist es wichtig für den behandelnden Arzt, die Sinne immer wieder zu schärfen, und sich zur Untersuchung aufzuraffen, obwohl man meint, bereits zu wissen, was mit dem Patienten los ist.

Hier ein schönes medizinisches Rätsel aus dem Alltag eines Hausarztes, in diesem Fall mit glücklichem Ausgang.

Kurze Vorgeschichte

Eine Frau ruft mich gegen Ende des Praxisvormittags an, ihrem sechzigjährigen Mann ginge es schlecht. Er leide unter Bauchschmerzen, in der Nacht hatte er einmal Durchfall und am Morgen hätte er schon zweimal erbrochen. Er fühle sich schwach und könne nicht in die Praxis kommen. Ungezählte Fälle von Magen-Darmgrippe in den letzten Wochen verführen zum schnellen Urteil. Ein Hausbesuch zusätzlich zwischen zwei Sprechstunden ist lästig. Statt Mittagspause muss man sich ins Auto setzen und auf den Weg machen.  Aber es gilt die Regel: Einen kranken Bauch erst nach Untersuchung als unproblematisch einzustufen. Also fahre ich in der Mittagspause zum Patienten.

Auf Hausbesuch

Als ich an seinem Bett sitze, erzählt mir der Kranke noch einmal die Einzelheiten, die ich schon von seiner Frau kenne. Seine Bauchschmerzen kann er nicht genau orten. Eigentlich schmerze es überall im Bauch. Es gibt auch schmerzfreie Phasen, aber insgesamt fühle er sich schlapp und schwitzig.

Ich taste den Bauch ab. Diffuse Druckschmerzhaftigkeit, ohne Auffälligkeiten in einem bestimmten Abschnitt. Kein Loslass-Schmerz auf der linken Bauchseite, Rovsing-Test negativ, soll heißen, keine besonderen Hinweise auf eine Appendizitis („Blinddarmentzündung“).  Auffällig sind die spärlichen Darmgeräusche. Im Zuge eines Magen-Darm-Infektes erwartet man das Gegenteil. Bei einer Virusinfektion ist der Darm häufig so aktiv, dass kaum ein Stethoskop nötig ist, um die Geräusche zu hören. Die weitere Untersuchung zeigt ein gereiztes Bauchfell. Schon leichtes Abklopfen löst schmerzverzerrte Mimik aus. Die Stille im Bauch und die Empfindlichkeit der Bauchdecke, sprechen überraschenderweise für eine Appendizitis. Weil man das immer im Hinterkopf hat, hatte ich die Ehefrau gebeten, die Körpertemperatur zu messen, rektal versteht sich. Ergebnis: unauffällig.

Eine Entscheidung ist fällig

So ist die Situation auf einem Hausbesuch: Was ist zu tun? Keine Blutuntersuchung möglich, keine schnelle Ultraschalluntersuchung, selbstverständlich keine Röntgenaufnahme und kein CT. Man hat nur seinen Koffer und seine Sinne. Wie geht‘s jetzt weiter? Mein Gefühl sagt mir, da stimmt etwas nicht. Meine Entscheidung ist damit längst gefallen, weil ich nach über 20 Jahren Hausarztleben nicht mehr gegen mein Gefühl handle. Ich werde den Mann auf jeden Fall einweisen, und zwar wegen des Verdachts auf eine Appendicits acuta. Andererseits schickt man jemanden nicht gern unnötig ins Krankenhaus. Das ist für den Patienten nicht schön und was die Kollegen im Krankenhaus denken, wenn man eine simple Magen-Darm-Grippe einweist, erinnere ich noch aus meinen Zeiten in der Chirurgie.

Detektivarbeit

Eine letzte Untersuchung bleibt mir noch. Deren Ergebnis ist allerdings eindeutig und bestätigt meinen Entschluss. Der Verdacht wird zur Gewissheit. Ich füge auf meinem Einweisungsformular nicht einmal mehr das Wort „Verdacht“ hinzu, sondern schreibe Appendicitis acuta. Punkt. Sollen sie mich zum Hornochsen erklären, wenn es nicht stimmt.

Am nächsten Tag erfahre ich, dass dem Patienten noch am Nachmittag ein eitrig entzündeter „Blinddarm“ entfernt wurde.

Welche Untersuchungsmethode war entscheidend?

Wie gesagt, man steht im Schlafzimmer des Patienten - ohne moderne Technik. Nur, was in einen Arztkoffer passt, steht zur Verfügung. Aber wie sagte mein alter Oberarzt immer? Benutzen Sie Ihre Sinne, Herr Kollege!

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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