Eine Krise ist viel Arbeit

23.06.2017
Teilen

Muss erst eine Krise kommen, damit wir die wichtigen Dinge in unserem Leben erkennen?

Gestern habe ich ihn wieder einmal gehört, diesen einen Satz. Ausgesprochen hat ihn ein Patient, der wie viele andere erfahren musste, dass eine einseitige Orientierung an beruflichen Erfolgen Gefahren birgt. Auch wenn man sich sicher wähnt, der Wind kann sich schnell drehen.

Gerade wenn man wie ich viel mit arbeitsplatzbedingten psychischen Störungen zu tun hat, sieht man, wie schnell eine erfolgreiche Karriere ins Stocken geraten oder gar enden kann. Ein neuer Chef, dem meine Nase nicht passt, der sich durch mich bedroht fühlt, der den Auftrag hat, mich abzusägen oder, oder, oder. Dann gerät das bisher so stabile Lebensgerüst schnell ins Wanken.

Mich trifft es ja sowieso nicht

Ich schreibe das nicht, um jemandem Angst zu machen. Nach meiner Erfahrung gehen die meisten ohnehin davon aus, dass es immer „die anderen“ trifft, deshalb wird die Option des Scheiterns im eigenen Fall ausgeblendet. Das ist vielleicht auch gut so, wenn es um die eigenen Leistungen geht. Da sind Selbstvertrauen und Selbstsicherheit durchaus ein besseres Fundament als Selbstzweifel. Dass aber der beruflicher Weg durch schädigende Einflüsse von außen behindert oder gar zerstört werden könnte, davon geht kaum einer aus.

So ist es auch bei meinem gestrigen Patienten gewesen. Er hat gute, sehr gute Arbeit geleistet. Das hat jemandem nicht gefallen und er wurde demontiert.

Wie so oft waren auch hier die langen Monate der Krise eine Phase der Neuorientierung. Die alten Werte wie Erfolg, berufliche Position, Anerkennung von außen erwiesen sich als wenig brauchbar in der neuen Situation. An ihre Stelle traten neue Wichtigkeiten: Körperliche Gesundheit, Sport, Ruhe, Beziehungen, Interessen abseits des Berufes.

Braucht es immer erst eine Krise?

Und aus dieser Erfahrung heraus sagte mein Patient dann sinngemäß: „Vielleicht hätte ich schon viel früher mein Leben in eine andere Richtung lenken sollen. Nicht so viel an den Beruf denken, sondern mehr an mein Leben.“

Diesen Satz – es wäre sinnvoll, mehr ans Leben und weniger an den Beruf zu denken – habe ich in den letzten 20 Jahren in meiner Praxis sehr oft von Menschen in Krisen gehört.

Wie wäre es, wenn man damit nicht bis zur Krise warten würde?

Peter Teuschel

Zuerst veröffentlicht auf Schräglage.

 

Bildquelle: eflon, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.06.2017.

46 Wertungen (4.72 ø)
8593 Aufrufe
Medizin, Psychiatrie
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Gast
Tja, wie geht das mit der Orientierung an das Leben? Wer Karriere macht, schleppt meistens irgendwelche Beziehung von vor der Karrierezeit mit, ungeachtet inwiefern alles zusammen passt. Oder hat vergessen, wie man herausfindet, was man wirklich mag.
#11 am 03.07.2017 von Gast
  0
Gast
@6:Wenn dann auffliegt, dass das Hamsterrad nicht wie zuvor gemeint die Karriereleiter ist....
#10 am 30.06.2017 von Gast
  0
Gast
#7 trifft es auf den Punkt: Man muß es sich leisten können beruflich, und damit beim Einkommen, kürzer zu treten, sonst tauscht man nur die eine Belastung gegen eine andere aus.
#9 am 29.06.2017 von Gast
  0
Gästin Z
Prävention statt Kuration, gesund bleiben anstatt gesund werden... ja, das wäre wirklich schön, wenn dies einen höheren Stellenwert hätte in unserer Gesellschaft! Auch und vor allem auf psychischer/emotionaler/psychosomatischer Ebene.
#8 am 29.06.2017 von Gästin Z (Gast)
  0
Gast
Wenn man in einer auch nur halbwegs wirtschaftlich komfortablen Situation ist und beim Lebensstandard nach unten noch erträglich Luft ist, dann geht das. Wenn man in einer sowieso bereits prekären Situation ist, und letztlich nur der Sprung ins reichlich löcherige soziale Netz bliebe mit all seinen Konsequenzen, auch das soziale Umfeld betreffend, der auch nicht unbedingt den Abschied von der Überforderung bedeutet, ist schon schwieriger neue Prioritäten zu setzen und "mehr an das Leben zu denken" als an den stressigen Beruf bzw. den stressigen Erwerb des knappen Lebensunterhaltes.
#7 am 29.06.2017 von Gast
  0
Simone Baldhoff
#5: Es mangelt an Gesundheit, wenn man sich mit "solchen Themen", abseits des reinen Funktionierens beschäftigt...? Niemals, im Gegenteil! Ich finde es eher krank, 24/7 im Hamsterrad zu verbringen, der eh unzureichenden Rente entgegen, anstatt hie und da zu reflektieren, auch ohne, dass erst der Hammer kommen muss. Viele sehen das allerdings als Luxusproblem oder bescheuert an... Wer hat da eigentlich das Problem?
#6 am 29.06.2017 von Simone Baldhoff (Gast)
  0
Gast
So lange alle Kompensationsmechanismen (auf körperlicher und auf seelischer Ebene) funktionieren, wird uns nichts "weh tun". Schmerz aber ist der Indikator, dass "etwas nicht stimmt". Weshalb sollten wir hinsehen, bevor es "wehtut"? Das tun doch die allerwenigsten. Ein Kollege hat mir mal gesagt, allein dass man sich mit bestimmten Themen beschäftigt, weist darauf hin, dass es einem an "Gesundheit" bereits mangelt... Und wer würde sich (und anderen) schon gerne eingestehen wollen, dass er nicht "gesund" ist! Hauptsache, man funktioniert. Krisen sind bedrohlich, beinhalten aber eine Menge Chancen. Und: hat man sich innerlich neu ausgerichtet (und sich um sich selbst gekümmert), zeigen sich auch neue Wege.
#5 am 29.06.2017 von Gast
  1
Gast
Ärzte die andere Ärzte fertig machen- wegen wg Teilzeit oder wenig arbeiten sowas sollte man offen machen - u. ansprechen - - u. die Teilzeitmitarbeiter hatten mehr Elan u Schwung
#4 am 29.06.2017 von Gast
  8
Gast
Herr Dr. Teuschel, Sie sprechen mir aus der Seele. "Vielleicht hätte ich schon viel früher mein Leben in eine andere Richtung lenken sollen. Nicht so viel an den Beruf denken, sondern mehr an mein Leben." Nachdem ich als Arzt in einer Klinik von verschiedenen Ärzten fertig gemacht wurde, habe ich genau diesen Satz berücksichtigt, den Arztberuf aufgegeben und begonnen, das Leben zu genießen. http://www.zeit.de/karriere/beruf/2011-06/interview-sinnsuche-karriere Wieso kommt eigentlich, wenn man bei google.de "arztberuf" eingibt und dann einmal auf die Leertaste drückt, als erster Suchvorschlag "arztberuf aufgeben" ? Mir schwant, dass Krankenhäuser dazu prädestiniert sind, die dort Arbeitenden in kleinere und größere Krisen zu stürzen. Und wenn sich da nicht einiges ändert, dann bricht sich die Sogwirkung der omipräsenten Generation Y ihre Bahnen und der Exodus weg von der Medizin hin zum Leben wird in einer enttabuiisierten und geistig immer freieren Gesellschaft erst richtig beginnen.
#3 am 27.06.2017 von Gast
  2
Gast
Da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Das Problem ist nur, dass man schnell ausgegrenzt wird, im privaten Umfeld, wenn man nicht mehr so viel arbeitet. Auch die soziale Situation gerät in eine Schieflage. Am besten ist es, nach innen zu gehen und dort Wohlbehagen zu finden. Meditation. Atmen.Singen.Wandern - all das stärkt und darf nicht unterschätzt werden.
#2 am 27.06.2017 von Gast
  3
Gast
Wenn es denn so einfach währe.
#1 am 27.06.2017 von Gast
  13
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
In meinem Fall habe ich über eine neue Selbsthilfegruppe berichtet, die sich mit dem Thema „Ahnen-Faktor“ mehr...
„Bibliotherapie“ – wenn das mal keine klangvolle Sache ist. Wir erfahren im Artikel, dass der Berliner mehr...
Eine aktuelle Studie, die im Journal Cancer Research veröffentlicht wurde, hat die Zusammenhänge von Übergewicht mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: