Hörst du das Licht leuchten?

21.06.2017
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Auch wenn man derzeit den Eindruck haben kann, es drehe sich alles nur noch um Krankenkassen und Homöopathie, gibt es durchaus noch andere Schmankerl.

Legt mir doch neulich eine liebe Patientin ein eigenartiges Teil auf den Schreibtisch. Was ich davon halten würde. Hätte ihr eine Kollegin empfohlen, das Fachgebiet der Kollegin weiß ich leider nicht mehr. Das Ding sah ungefähr so aus wie mein alter iPod, weswegen ich etwas ratlos war und mich fragte, welchen medizinischen Nutzen wohl ein mp3-Player haben könnte. Außer dem Abhören beruhigender Weisen natürlich. Meiner Patientin schien es selbst etwas peinlich zu sein, als sie „Lichttherapie“ murmelte. Das war meine erste Begegnung mit Valkee, auch „Human Charger“ genannt.

Was klingt wie eine Mischung aus Walkman und Walkie-Talkie ist ein Produkt der finnischen Firma Valkee Oy. Und es wird tatsächlich zur Behandlung des „Winter Blues“ verkauft. Unter anderem heißt es: „HumanCharger® can be used to increase energy levels, improve mood, increase mental alertness, reduce the effects of jet lag and keep winter blues at bay.“

Lichttherapie: Augen auf und durch

Nun ist die Studienlage zur Lichttherapie bei den so genannten seasonal affective disorders (kurz SAD) so gut, dass die Behandlung mit Licht bei der vor allem in der dunklen Jahreszeit auftretenden Depression als wirksam gilt. Dabei soll eine Beleuchtungsstärke von 10.000 Lux über eine halbe Stunde bzw. 2.500 Lux über zwei Stunden angewendet werden. Wichtig ist, dass das Licht auf die Netzhaut fällt (Sonnenbrille geht also nicht!) und dass man 50 bis 80 cm von der Lichtquelle entfernt sitzt.

Was Valkee nun will, ist folgendes: Nicht über die Netzhaut soll der Lichtreiz ins Gehirn transportiert werden, sondern über den Gehörgang. Gut, das ist nur der Weg, den das Licht nimmt. Beleuchtet werden sollen aber Proteine, von denen man weiß, dass sie lichtempfindlich sind und im Gehirn vorkommen. Zielort des aus den Ohrstöpseln austretenden Lichts ist also das Gehirn selbst. Laut Argumentation ist die Schädeldecke im Gehörgang sehr dünn und deshalb können die als Encephalopsin bezeichneten Proteine direkt angeleuchtet werden.

Studienleiter mit Firmennähe

Als „Wirksamkeitsnachweis“ werden Studien genannt, die ebenfalls in Finnland durchgeführt wurden. Einige Studien weisen allerdings erhebliche Mängel auf, die im Wiki von Psiram dargestellt werden: keine Kontrollgruppen, nicht placebokontrolliert, nicht doppelblind. Auf der Seite von Valkee sind mittlerweile mehrere Studien aufgeführt. Dabei scheint eine Verflechtung der Studienleiter mit der Firma zu bestehen:

„5. CONFLICTS OF INTEREST


Some of the authors have conflicts of interests with a company, Valkee Ltd., that develops and sells devices for bright light stimulation via ear-canal. Authors’ connections with Valkee Ltd. are: Nissilä and Aunio are company founders. Nissilä, Aunio, Takala and Timonen are share-holders (varying from major to minor). Nissilä, Aunio and live-in partner of Starck are employed by Valkee Ltd. Valkee Ltd. did not have a role in the decision to submit the paper for publication.“

Die Angaben beziehen sich auf diese Studie.

Und was sagt die unabhängige Untersuchung?

Eine unabhängige Untersuchung aus Bern hat das Gerät daraufhin im Jahre 2013 unter die Lupe genommen und untersucht, ob Einflüsse auf den circadianen Rhythmus feststellbar sind. Messparameter waren der Melatoninspiegel im Blut, eine subjetiv empfundene Schläfrigkeit und die Steigerung der Leistungsfähigkeit.
Während bei einer Kontrollgruppe, die sich einer 12-minütigen Lichtexposition über die Augen aussetzte, alle drei Parameter reagierten, tat sich bei den Ohrbeleuchteten nichts.

Über einen antidepressiven Effekt gibt die Studie keinen Aufschluss.

Nachdem der vermutete Wirkmechanismus der traditionellen Lichttherapie aber gerade auf einer Reduktion der Melatoninproduktion beruht, ist unwahrscheinlich, dass ohne diese Hemmung der Melatoninerzeugung ein antidepressiver Effekt eintreten kann. Das in der Lichttherapie für die verminderte Bildung von Melatonin verantwortliche Photopigment Melanopsin findet sich auf unserer Netzhaut. 

Ein Nachweis fehlt – wie erhellend

Was die im Gehirn befindlichen oben erwähnten Opsine angeht, so weiß man fast nichts über sie, außer dass sie auch im Hoden, der Leber, der Niere und anderen Stellen im menschlichen Körper vorkommen. Die Idee, man könne sie durch Anleuchten über die Ohren irgendwie im Sinne einer antidepressiven Wirkung aktivieren, ist eine reine Spekulation ohne Beleg beim Menschen.

Valkee kostet derzeit bei Amazon so um die 140 Euro. Ein Placeboeffekt ist sicher vorhanden, das bestätigte mir auch meine Patientin. Den darf man bei dem Preis aber schließlich auch erwarten.

Aus meiner Sicht ist auch das ein cleveres Geschäftsmodell, das ohne bislang erbrachten Wirknachweis vor allem eines erhellt: Die Miene des Herstellers beim Blick auf sein Bankkonto.

Peter Teuschel

 

Bildquelle: Tibes, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 22.06.2017.

49 Wertungen (3.76 ø)
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Gast
Ja, dass ist doch noch nicht alles. Gehen Sie mal auf den Weltkongress für Transaktionsanalyse in Berlin. Die machen seit 50 Jahren immer das Gleiche und das heißt 101 und damit kann man ein Millionenvermögen machen. Die Unmündigen gibt es eben immer.
#16 am 24.06.2017 von Gast
  3
Gast
#12 Übrigens, die katholische Kirche ist die größte Sekte der Welt
#15 am 24.06.2017 von Gast
  7
Gast
Professor Hüther, Richard David Precht und Dr. Müller die Super Coolsten überhaupt und Richtungsweisenden
#14 am 23.06.2017 von Gast
  4
Gast
#12 Jesus wurde auch ans Kreuz genagelt
#13 am 23.06.2017 von Gast
  6
Gast
Dass Gerald Hüther-Fans auch auf docchecknews unterwegs sind, musste man erwarten. Wenn aber eine renommierte Sektenberatungsstelle bzw. in dem Fall der Sektenberater der Erzdiözese München und Freising vor Gerald Hüther warnt https://www.weltanschauungsfragen.de/informationen/informationen-a-z/informationen-s/sinnstiftung/lange-version/ , dann sollte das doch auch den Hüther-Jüngern zu denken geben.
#12 am 23.06.2017 von Gast
  18
Gast
Der Verlag Elmer press, Inc. wird in einigen Auflistungen als predatory journal bezeichnet. Die Autoren der Studie sind zumindest teilweise mit Valkee Inc. verbandelt, die Studie wird durch Valkee mitfinanziert. Unabhängig davon stellt sich schon folgende Frage: Nehmen wir an, die Ergebnisse sind korrekt zustandegekommen und später reproduzierbar: Was sagen sie uns über den Nutzen der Vorrichtung beim Menschen aus? Und vor allem: Eine Tierstudie n a c h dem Beginn des Produktvertriebes für den Menschen ist schon ein wenig verkehrt herum? Oder: Das Pferd von hinten aufgezäumt (bzw. die Maus in diesem Fall)? Alles etwas eigenartig.
#11 am 23.06.2017 von Gast
  0
Gast
Leider wird die aktuelle Studie nicht erwähnt. http://neurores.org/index.php/neurores/article/view/427/426
#10 am 23.06.2017 von Gast
  0
Gast
Ebenso wie den oben beschriebenen postulierten Wirkmechanismus? In jedem Falle halte ich Ihren Kommentar naiv!
#9 am 23.06.2017 von Gast
  2
Gast
Der Herr Professor ist übrigens noch nicht einmal ein Arzt. Zu Psiram: Ja, mir gefällt die häufige Polemik aufgrund der atheistischen Weltanschauung auch nicht, und nicht immer sind die Artikel ausreichend bequellt. Aber cum grano salis kann man die Seite zur groben Einsortierung benutzen. Aber gerade der Artikel über Hüther ist m.E. vernünftig recherchiert. - Egal, denn das Thema hier ist ja "HumanCharger" (als ob Mensch einen Anschluß für ein Ladekabel hätte...). Peter Teuschel zählt hier exakt auf, woran die "Studienlage" (oder wie immer ich das bezeichnen soll) krankt. Es wäre einfach gewesen, dieses non-invasive Verfahren verblindet zu testen, ja sogar den postulierten Wirkmechanismus in vitro zu untersuchen oder gar an der Leiche herauszufinden, ob das Licht tatsächlich durch den Schädelknochen hindurchscheint. Alles nicht passiert. Dafür aber eine unabhängige Studie, die keinen Effekt aufzeigte. Frau Ilscher, haben sie diese ignoriert?
#8 am 23.06.2017 von Gast
  4
Gast
#2 Der Professor Hüther macht Sinn, habe ich Alles schon am eigenen Leibe erlebt.
#7 am 23.06.2017 von Gast
  4
Gast
Geehrter Autor Die SEite Psiram auf welche sie in diesem Artikel verweisen ist anonym. folgendes steht im Impressum: "Es ist uns klar, dass Anonymität erstmal der Glaubwürdigkeit nicht dienlich ist. Aber sie sollen uns ja nicht glauben. " Ich glaub denen auch nicht.
#6 am 23.06.2017 von Gast
  6
ich wäre mit der Beurteilung etwas vorsichtiger. Um welche Wellenlänge handelt es sich denn? Und was für ein Mechanismus wird vom "Erfinder" vorgeschlagen? Es gibt immer jede Menge Gründe, keine Wirksamkeit zu finden. Vielleicht kann man mit der Idee, wenn auch nicht mit dem eigentlichen Gerät, doch etwas anfangen?
#5 am 23.06.2017 von susanne ilschner (Ärztin)
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Gast
"uninformiert" und "uniformiert" geht halt oft auch Hand in Hand.... uninformiert läßt sich leichter in ein Schema und eine Norm stopfen, da besseres Wissen nicht vorhanden ist...oder?
#4 am 22.06.2017 von Gast
  5
Gast
"uninformierter" Patient natürlich und nicht "uniformierter" Patient
#3 am 22.06.2017 von Gast
  0
Gast
Vor obskurer Esoterik ist aber auch die Ärzteschaft selbst nicht gefeit. Wer durfte denn auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2011 ganz prominent platziert die Eröffnungsrede halten? Der "Hirnforscher" Gerald Hüther war es. https://videogold.de/begeisterung-schluessel-zur-menschlichen-entwicklung-gerald-huether-vortrag-2011/ Wo der Autor Dr. Teuschel hier schon auf die Antiesoterik-Seite psiram.com verlinkt, so verlinken wir hier doch ebenfalls den dortigen Eintrag von psiram zu "Prof. Dr. Gerald Hüther": https://www.psiram.com/de/index.php/Gerald_H%C3%BCther bzw. http://www.zeit.de/2013/36/bildung-schulrevolution-bestsellerautoren Wenn es um Esoterik in der Medizin geht, darf sich die Ärzteschaft daher auch mal an die eigene Nase fassen und muss nicht nur auf den uniformierten Patienten zeigen.
#2 am 22.06.2017 von Gast
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Gast
Jeden Tag steht ein Dummer auf... Mensch Leute,geht halt in den Park!!!
#1 am 22.06.2017 von Gast
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