Hartz IV macht nicht glücklich

05.03.2010
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Viele meiner Artikel beruhen einzig auf der Erfahrung als Hausarzt. Die hausärztliche Sicht ist mir in diesem Fall ganz besonders wichtig. Ich betone das, weil ich kein Interesse daran habe, auf dieser Blogseite parteipolitische Meinungen breitzutreten oder ideologische Sträuße zu fechten. Es geht mir um die ärztliche Sicht zu diesem Thema. Wir Hausärzte haben, im Gegensatz zur Berufsgruppe der Politiker, jeden Tag Gelegenheit zu sehen, wie das Leben derjenigen läuft, die nicht zu den Begünstigten zählen.

Aus zweierlei Gründen:

1. Aus Gründen der Versorgung. Bei älteren, nicht mehr gesunden Arbeitslosen, die keine Aussicht mehr darauf haben, einen Arbeitsplatz zu finden, wird oftmals ausgelotet, welcher Weg in die Existenzsicherung gangbar ist. In diesen Fällen stellt sich die Frage, ob nach Krankengeld und/oder Arbeitslosengeld, Hartz IV die Zukunft ist oder eine Form von Rente. Der Hausarzt spielt in diesen Entscheidungsprozessen eine Rolle.

2. Aus medizinischen Gründen. Weil es Menschen nicht glücklich und zufrieden macht, wenn sie von der letzten Unterstützung, die ihnen der Staat zu bieten hat, leben müssen. Hier geht es nicht in allererste Linie um die Höhe der Bezüge, sondern um die Tatsache, dass man ohne Hilfe des Staates nicht für sich und seine Familie sorgen kann. Wer nicht glücklich und zufrieden ist, wird er leichter krank und geht zum Hausarzt.

Junge Langzeitarbeitslose leiden dabei anders als ältere.

Der ältere, der sein Leben lang gearbeitet hat, aber mit Anfang oder Mitte fünfzig arbeitslos wird und keine neue Stelle mehr bekommt, empfindet Hartz IV als demütigend. Scham und Angst sind Gefühle, die in diesem Zusammenhang sicher eine größere Rolle spielen, als Lebensgenuss auf der faulen Haut.

Beim jungen Hartz-IV-Empfänger stehen eher die Gefühle Perspektivlosigkeit und Desillusion im Vordergrund. Ein Gefühl, das sich verselbstständigen und in Depression oder andere Krankheitsbilder führen kann. Je länger diese Art Perspektivlosigkeit besteht, um so geringer die Chance, Betroffene wieder in ein normales Arbeitsleben zu integrieren.

Ausnahmen sind nicht die Regel

Es ist ein Fehler zu glauben, dass die Mehrheit der Harzt-IV-Empfänger ihr Leben auf der faulen Haut liegend genießen. Wie überall gibt es Ausnahmen, aber die Ausnahmen sind nicht die Regel.

Populistische Forderungen, diese Personengruppe zu einer Art Reservearmee zu formen, helfen gewiss nicht weiter. Schnee schaufeln, Innenstadt fegen, öffentliche Rabatten pflegen  oder Ähnliches zu fordern, ruft zwar ausgiebiges Kopfnicken an Stammtischen hervor, übersieht aber, das so etwas nicht ohne Probleme ist. Gerade Politiker, die sich mit komplizierten Verwaltungsvorgängen bestens auskennen, sollten das wissen. Wer sollte denn bestimmen, wer zum Schneeschaufeln geeignet ist? Wie sähe so ein Bereitschaftsdienst technisch aus? Wer führt die Leute und weist sie ein? Und wird Hartz IV dadurch würdiger, wenn deren Empfänger zu Menschen werden, die als letztes Glied einer Kette, anderen den Schnee (oder Dreck) wegräumen? Womöglich ohne Rechte und ohne Tarife. Mag sein, dass so einer Idee etwas Gutes anhaftet, aber hatte nicht auch der Autobahnbau seinerzeit sein Gutes?

Wie wohl jeder Mensch, ärgere ich mich gelegentlich über Leute, die immer irgendwie ohne zu arbeiten durchkommen. Vielleicht geht es Herrn Westerwelle auch so. Aber ein Mann wie der Außenminister sollte genug Verstand besitzen, zu wissen, dass es nicht nur eine Last ist, zu jeder Zeit angemessen bezahlt, hart arbeiten zu dürfen. Es ist auch und vor allem ein Privileg.

Ein Tipp im Umgang mit der Minderheit der „faulen Socken“ nicht nur für Herrn Westerwelle: Fragen Sie sich, wenn Sie sich ärgern, ob Sie allen Ernstes, mit demjenigen, über den Sie sich gerade ärgern, tauschen möchten. Die Mär der glücklichen Hartz-IV-Empfänger ist und bleibt eine Mär.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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