ADHS: Danke für nichts, Fidget Spinner

18.06.2017
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Bringt ein Fidget Spinner irgendetwas? Die Frage stellte ich mir spätestens vor 14 Tagen, als mein nicht-neurotypisches ADHS-Kind unbedingt so einen haben wollte. Nicht etwa, weil es damit ruhiger würde, sondern weil ALLE in der Klasse so ein Ding haben und damit rumspielen.

Eigentlich ist der Trend ja schon wieder vorbei. Oder? Fidget Spinner haben derzeit eine riesige Nachfrage und nerven die Lehrer von der Grundschule bis zum Abitur. Was soll nun so ein Dreh-Ding bewirken? Und hilft es?

Spielzeug mit therapeutischer Wirkung?

Wer sich ein wenig im Bereich von Autismus und ADHS bewegt bzw. sich mit Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsbesonderheiten beschäftigt, kennt die Bewegungsunruhe und das häufige „Spielen“ mit Gegenständen. Was früher das Kauen am Bleistift, Kaugummikauen, das Spielen mit dem Radiergummi oder vielleicht das Zeichnen während der Unterrichtsstunde war, sollen heute die Spielgeräte für den Zappelphilipp erledigen.

Tatsächlich kenne ich zahlreiche Kids, die besser oder klarer „denken“ und aufpassen können, wenn man ihnen Tätigkeiten erlaubt, bei denen sie ihr Gehirn über motorische Aktivitäten beschäftigen. Wir sprechen dann auch davon, dass die Kinder „sich richtig machen“ und möglicherweise eine Form der positiven Selbstaktivierung und auch Dopamin-Freisetzung über Bewegung brauchen.

Alles kann, nichts weiß man

Im weitesten Sinne geht es also in einen Bereich, den man in der Autismus-Forschung auch als Stimming bezeichnet. Also eine Selbststimulation über monotone Tätigkeiten oder Bewegungen (z.B. Schaukeln), die aber gleichzeitig einen beruhigenden Effekt haben. 

In diesem Sinne könnte auch ein Fidget Spinner bei dem ein oder anderen Autisten oder ADHSler einen positiven Effekt haben. Dagegen würde ich nicht davon ausgehen, dass nun eine übermäßige innere Unruhe oder Bewegungsenergie dadurch besser würde. Dazu wären Bewegungspausen bzw. kindgerechte Bewegung sicher günstiger.

Lehrer sagen immer öfter nein

Schließlich gibt es überhaupt keinen Beleg dafür, dass ein Fidget Spinner dem Anwender mehr nützt als dass er ihn (und natürlich auch sein Umfeld) ablenkt. Zumindest kann man es so pauschal eben nicht sagen und schon gar nicht mit wissenchaftlichen Untersuchungen belegen.

So schön das „Spinnen“ auch aussehen mag, so lenkt es aus meiner subjektiven Wahrnehmung doch mehr ab, als es nun die Konzentrationsfähigkeit fördert. Es ist mehr ein Gimmick bzw. Spielzeug und kein therapeutisches Hilfsmittel. Nicht zuletzt deshalb wurden die Dinger in vielen Schulklassen schon wieder verboten.

 

Bildquelle: Robert Couse-Baker, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.06.2017.

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Martin
Hallo, ja ich finde auch das es eher ein Spielzeug ist, obwohl man seine Motorik trainiert. Es macht einfach riesig Spass und mittlerweile gibt es ja tausende Modelle. Jedenfalls tausend mal besser als ständig auf das Handy zu starren.
#9 am 20.07.2017 von Martin (Gast)
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Gast
Nachdem zunächst vor einigen Wochen in unserer Kleinstadt in ALLEN Läden diese Fidget Spinner ausverkauft waren oder es sie noch nie zu kaufen gab, sondern dann nur über "besondere Kontakte" beim hiesigen Cousin von einem Telefonladenbesitzer aus der nächsten Metropole zu beschaffen war, liegen nun die TEURO- und Outlet-Diskounter voll mit dem Müll!!! Der Trend ist wieder vorbei und ein immenser Haufen Plastik wurde verbraucht und um Kugellager gegossen - wer entsorgt den Schrott jetzt sauber wieder?
#8 am 11.07.2017 von Gast
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Ich halte es auch nicht für Therapie, sondern für ein Spielzeug. Trotzdem finde ich es gut, dass die Kinder mit den Spinnern spielen, Wettbewerbe starten und miteinander interagieren, anstatt nur noch auf das Display ihres I-Phones zu starren. Scheint zu hoffen, dass auch DAS eine Moderscheinung war. Wir hatten damals Jojos, Klicklacks, Slimmy und diese Resortdinger, die Treppen runterlaufen können. @Psychohandwerker, wenn Ihr nicht-neurotypisches ADHS- Kind einen haben möchte, weil alle in seiner Klasse einen haben, wird er zwar nicht ruhiger, kann aber mit den anderen Kindern spielen und mithalten. Das ist sozial gesehen positiv. Anmerkung: Ich erlaube das Spinner- Getüddel während des Unterrichts nicht, weil es eben zu wettbewerbähnlichen Situatzionen kommt "Wer kann am längsten" , und es lenkt ab, aber in den Pausen finde ich es in Ordnung. Im Gegensatz zu I-Phones auch nicht verbietenswert, denn mit Spinnern wird weder gemobbt noch verletzt.
#7 am 25.06.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Zu #4: In dieser Formulierung ist das falsch. Es gibt viele Dinge, die ADHSlern helfen, auch schwer betroffenen. Richtig ist, daß manche schwer betroffenen zusätzlich(sic!) Mph brauchen, weil ihnen sonst nicht ausreichend geholfen werden kann. Das ist ein wesentlicher Unterschied.
#6 am 24.06.2017 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Gast
Nicht alle Spinner sind auch für Kinder geeignet“, warnt der TÜV-Rheinland. Viele Geräte gehörten wegen verschluckbarer Kleinteile nicht in die Hände von Kleinkindern, rät Ralf Diekmann, Experte für Produktsicherheit beim TÜV Rheinland. Kleine magnetische Teile oder frei zugängliche Knopf-Batterien für eine LED-Beleuchtung sollten daher tabu für Kinder unter drei Jahre sein. Wenn sie sich lösen und verschluckt werden, könne es zu sehr gefährlichen inneren Verletzungen kommen. Erst kürzlich musste der Zoll deshalb große Mengen unerlaubter Fidget Spinner aus dem Verkehr ziehen und vernichten. Der TÜV rät: Keim Kauf der beliebten Spielzeuge sollte man unbedingt darauf achten, für welches Alter sie freigegeben sind. http://www.handelsblatt.com/panorama/reise-leben/gefaehrliches-spielzeug-eltern-sind-in-der-pflicht/19966060-2.html
#5 am 24.06.2017 von Gast
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Gast
Das einzige, was bei höhergradigem ADHS ausreichend was bringt, ist und bleibt das gute alte Ritalin.
#4 am 24.06.2017 von Gast
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Gast
Der 13-jährige Sohn von Freunden zeigte mir ganz stolz seine nachgewachsenen Fingernägel, die er vorher immer bis zum Anschlag runtergekaut hatte. Durch das dauernde Getüdel mit dem Fidget Spinner kam er nicht mehr dazu. Meine Erfahrung mit den Spinnern (ja, ich habe mir auch einen gekauft, obwohl ich schon groß bin) ist, dass sie tatsächlich meiner Konzentration dienen. Es scheint wie bei ablenkenden Bewegungen bei der Stimmbildung zu sein, die ja dazu dienen, dass sich der Sänger nicht auf ein evtl. Nichtgelingen des Gesangs konzentriert, sondern gerade soviel abgelenkt wird, um entspannt an die Sache heranzugehen. Der Grad der Entspannung hängt dann natürlich von der Art der Beschäftigung ab: starre ich meinen Fidget Spinner mit der Stoppuhr in der Hand an, um zu sehen, wieviel Umdrehungen er schafft (auf den Schulhöfen ein wichtiger Faktor, wird berichtet), wird mein Hirn wenig anderes aufnehmen.
#3 am 24.06.2017 von Gast
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Gast
Ronald Reagan kritzelte mit dem Kulli des Öfteren Zeichnungen auf dem Notizblock, um den langweiligen Meetings mit Margaret Thatcher besser folgen zu können. Adolf Hitler tat genau dasselbe bei diversen Meetings beim Aufstieg des Bösen oder als er am Telefon Befehle zum Massenmord an Juden erteilte. Solche Nebentasks neben dem eigentlichen Task nebenher haben tatsächlich einen die Konzentration fördernden Effekt - zumal bei ADHS . Fidget Spinner hat aber mit Kritzeleien auf dem Notizblock nichts zu tun, weil sie kein Nebentask sondern schon eher ein Haupttask sind und in der Tat vom eigentlichen Haupttask (dem Unterricht in der Schule) ablenken. Aus meiner Erfahrung ist diese die Konzentration auf den Haupttask fördernde Nebenbeschäftigung (nichts anderes ist zum Beispiel auch Kaugummi-Kauen) bei Personen mit ADHS stärker erkennbar als bei neurotypischen Personen, jedoch findet man sie bei Stinos wohl in abgeschwächter Ausprägung ebenfalls.
#2 am 23.06.2017 von Gast
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Wir hatten damals Ninja-Sterne, mit denen in den Klassenzimmern herumgeworfen wurde. Das war nett, um Streß abzubauen, in den Pausen. Wir wären nie auf die Idee gekommen, während des Unterrichtes damit zu spielen. Während des Unterrichtes wirft man nur mit Papierkügelchen - das weiß doch jeder.
#1 am 23.06.2017 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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