Wer fängt an Teil 3

28.02.2010
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Der Patient sollte beginnen.

Worum ging es noch? Um Verzicht im Gesundheitswesen. Um Verzicht auf das Maximale? Um Selbstbeschränkung. Um die Einsicht, dass gespart werden muss, dass nicht alles sein muss, was sein kann.

Weswegen der Patient?Patienten sind wir alle, die Politiker, die Ärzte, die Journalisten, die Krankenkassenangestellten, die Pharmabosse, Beamte, Arbeiter, Arbeitslose, Manager, Frauen, Männer und Kinder. Jeder ist mal krank und in der Position des Patienten. Dies ist also die einzige Warte, von der jeder Mal ins Gesundheitswesen blickt.

Ein Arzt ist kein Pharmamanager, ein Krankenkassenmitarbeiter möglicherweise Politiker, aber nicht gleichzeitig Apotheker oder Arzt usw. Aber jeder ist irgendwann einmal Patient oder wird es sein und bekommt in dieser Position vielleicht neue Einsichten. Ein wunderbares Beispiel dafür ist unser ehemaliger Gesundheitsminister Horst Seehofer. Er wurde nach einer schweren Krankheit von der Raupe zum Schmetterling, weil er die Medizin durch eigene Not anders betrachten lernte. Seitdem ist er weicher und verständnisvoller, was Patienten und Ärzte betrifft. Leider wurde er danach Landwirtschaftsminister und ist jetzt Ministerpräsident von Bayern.

Also, der Patient sollte beginnen. Mit ihm der Hausarzt, dazu komme ich noch.

Der Patient ist der einzige, der alle Gruppen repräsentiert?

Nicht nur deswegen sollte er beginnen. Ein weiterer Grund ist, es geht um seine Gesundheit. Deswegen muss er umdenken. Das klingt zunächst paradox, wenn es darum geht, dass Gesundheitssystem sparsamer zu fahren. Aber ich behaupte, einem Gutteil Patienten würde es besser gehen, wenn sie zurückhaltender wären, was die Nutzung des Gesundheitssystems betrifft. Hier ist nicht der Einzelne in der Notsituation gemeint, sondern das große Ganze.

Manchmal mehr Schaden als Nutzen

Meiner Meinung nach bekommt der Patient heutzutage oft zu viel Medizin und verlangt sie andererseits auch. Diese Wahrheit auszusprechen ist eine Gratwanderung, gerade und besonders für einen Arzt. Aber im Geiste setze ich mich häufig auf den Stuhl des Patienten und möchte ihn bewahren, möchte verhüten, was Untersuchungen und Therapien betrifft, weil ich sehe, dass ihm die Medizin nicht nur nichts nützt, sondern immer wieder auch schadet. Ich will das erklären:

Gibt es ein Zuviel? 

Ein Medikament zur Senkung des Cholesterinwertes, ein künstliches Kniegelenk, ein Computertomogramm („Röntgen in der Röhre“), ein Herzkatheter, eine Halslutschtablette, ein Antibiotikum, eine Impfung, eine Schulteroperation, eine Krankenhauseinweisung, ein Muschelextrakt, ein Facharzttermin, all diese Dinge sind nicht nur Segen, sie können auch Fluch sein.

Dieses sind wenige Beispiele von einer Unzahl möglichen, betrachten wir einige näher:

Wer legt die Grenzen eines normalen Cholesterinwertes fest? Wer behauptet 200mg/dl oder 250 oder 180 ist die richtige Obergrenze. Wie stark sind die Nebenwirkungen von medikamentösen Fettsenkern, den sogenannten Statinen? Sind die Nebenwirkungen stärker als der Nachteil des „überhöhten“ Cholesterinwertes? Und vor allem: Wie sehr lenkt die Einnahme von Tabletten in diesem Fall von den eigentlichen Problemen ab, vom Übergewicht, von falscher Ernährung, von Bewegungsarmut?

Ist das Gehen nach Einsetzen eines künstlichen Kniegelenkes besser oder schlechter als vorher? Wie stark ist der Schmerz jetzt, wie stark wird er sein. In welcher Verfassung bin ich, bin ich jung oder alt oder gar ein Greis. Überstehe ich den Eingriff in meinem Alter? Oder geht es möglicherweise um eine Übersanierung, nach dem Motto Machen, was machbar ist? Wie wirkt mein Übergewicht auf das alte und das neue, künstliche Knie? Ist es wirklich richtig, ein künstliches Gelenk einpflanzen zu lassen, ohne ein Pfund Gewicht zu reduzieren. Im Umkehrschluss: Würde eine Gewichtsreduktion meine Kniebeschwerden soweit bessern, dass eine OP vielleicht nicht nötig wäre?

Welche Abweichungen vom Normalen werden mittels Computertomogramm entdeckt, das der Patient verlangt, wegen des „guten“ Rates eines Nachbarn, auf Grund von Infos aus dem Internet oder auf N3 in Visite, vielleicht sogar gegen den Willen des Hausarztes. Weiß er danach plötzlich von Zysten in Leber oder Nieren, von bislang symptomlosen Bandscheibenvorfällen, von harmlosen Anomalitäten im Schädel oder sonst wo. Was mache ich mit der neuen Information? Und vor allem: Was machen die Ärzte damit? Werden dann möglicherweise Veränderungen meines Körpers saniert, die nicht sanierungsbedürftig waren. Ganz abgesehen von der Strahlenbelastung, die so ein CT darstellt.

Das Zuviel ist Alltag in der Medizin

Sie glauben diese Dinge sind selten? Sie geschehen jeden Tag. Dafür gibt es unzählige Beispiele. Nehmen wir nur den Blutcheck. Zwanzig, dreißig, vierzig Werte erhalten wir heutzutage mit einem Routineprofil, die meisten ungefragt, weil ein kostgünstiges Laborprogramm eine bestimmte Ergebnisserie einfach ungefragt ausspuckt. Die entsprechenden Normalwerte nennt uns ein Computer gleich dazu. Kaum jemand verlässt auf diese Weise eine Arztpraxis mit komplett normalen Blutwerten, jedenfalls, wenn man den festgelegten Grenzen zahlengenau folgen würde. Ihr Arzt tut das gottlob nicht und erwähnt unbedeutende Ausreißer nicht. Was aber, wenn Sie einen Ausdruck mit nach Hause nehmen und die vielen Minus und Plus sehen? Reagieren Sie mit Angst oder mit Vertrauen?

Was ist mit der atemberaubend gestiegenen Anzahl von Herzkatheteruntersuchungen? Was bedeutet eine dreißigprozentige Enge im Herzkranzgefäß? Lebe ich auf einem Pulverfass, bilde ich es mir ein oder wollen Ärzte es mir einreden? Ein scherzhafter Rat unter Ärzten lautet: "Schlafe nie auf einer Parkbank ein, du könntest in einem Herzkatheterlabor erwachen."

Was ist mit der Halslutschtablette, die nicht nur nutzlos mein Portemonnaie schröpft, sondern vielleicht auch meine normale Bakterienflora im Rachenraum zerstört? Was ist mit Arnikakügelchen gegen Fieber? Suggerieren sie nicht dem kranken Kind, nimm‘ ein Medikament und alles wird gut? Aber kämpft das Fieber nicht vielleicht wirkungsvoller gegen einen Infekt als das Medikament. Und ist die Medikamenteneinnahme dann nicht vielleicht die Basis für den späteren Umgang mit Medikamenten? Ist ein Antibiotikum ein Segen, eine Impfung, ein Arzt für die Knochen, einer für die Innereien, einer für die Haut, die Nieren, zu jeder Zeit, in jedem Quartal.

Wer sich heutzutage in die Medizin begibt, begibt sich in aller Regel in gute Behandlung, aber er kann sich auch in Gefahr begeben.

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, heißt es. Oder um es etwas milder zu formulieren, er wird möglicherweise kränker statt gesünder

Dass wir oft tatsächlich ein Zuviel an Medizin beanspruchen, erläutern zwei Erkenntnisse eindrucksvoll.

Erstens, eine Befragung unter Ärzten, deren Ergebnis darin bestand, dass die Befragten nicht den Bruchteil der Therapien an sich durchführen lassen würden, die sie ihren Patienten raten, oder die von ihren Patienten verlangt werden. Ich selbst sitze jeden Tag in dieser Zwickmühle, Forderungen meiner Patienten zu erfüllen, die ich für mich persönlich im gleichen Fall nicht an die Medizin hätte. Oder um einen Kollegen zu zitieren, der am Abend eines langen, arbeitsreichen Tages zu mir sagte: „Keiner meiner Patienten, die ich heute krank geschrieben habe, war so krank wie ich.“

Das zweite Beispiel zeigt deutlich, worum es in der Medizin nur allzu oft geht: Um Umsatz. Privatpatienten nämlich, so ist allgemein bekannt, werden durchschnittlich deutlich aufwändiger und gründlicher untersucht und therapiert als gesetzlich versicherte Patienten. Hierbei geht es gewiss nicht nur um medizinische Sorgfalt. Inzwischen gibt es Patientencharaktere, denen ich von einer privaten Versicherung abrate, weil ihr seelischer und körperlicher Zustand der geballten Ärzteschaft nicht standhalten würde.

Also, wer fängt an?

Ich wünschte – der Patient, zusammen mit seinem Hausarzt.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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