Wer fängt an Teil 2

25.02.2010
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Teil 2 Gedanken eines Hausarztes zum deutschen Gesundheitswesen

Eines gleich vorweg: Eine wirkliche Wende im Gesundheitswesen ist nicht zu erwarten. Den gern am Stammtisch und anderswo erwarteten Knall wird es nicht geben, keine einschneidende Reform, keinen Zusammenbruch, nach dem Motto: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Diese düstere Vision, seit Jahren herbeigeredet wie die Apokalypse einer tödlichen Grippewelle, wird nicht stattfinden. Jedenfalls wird es diese Katastrophe nicht innerhalb eines denkbaren Zeitraumes geben, sprich in unserem Leben oder dem unserer Kinder und Enkel. Es wird weiter gebastelt am System, Stückwerk betrieben. Am öffentlichen Gesundheitswesen wird weiter herumgewurstelt werden, wie am Steuersystem, am Rentensystem, am System der Demokratie selbst. Es wird weiter hier und da gekürzt werden, gefördert und umstrukturiert, entlastet, belastet und gestritten wie bisher – bis in einen an die Ewigkeit erinnernden Zeitraum. Reformen werden keine Reformen sein, sondern Ausbesserungsarbeiten, mehr oder weniger gut ausgeführt. Niemand wird den Mut und den Sachverstand einer wirklichen Bereinigung, einer Umstrukturierung besitzen. Das wird auf absehbare Zeit so bleiben. Dies ist die einzige Prognose im Gesundheitswesen, die nicht gewagt ist.

Warum ist das so?

Die herrschende Klasse im Bereich des Gesundheitswesens und anderswo ist nicht die Regierung, oder der Bundestag, oder gar das deutsche Volk, die herrschende Klasse besteht aus den verschiedenen Interessengruppen, die von der Gesundheitswirtschaft leben, neudeutsch, sie besteht aus Lobbys und ihren Lobbyisten. Es geht nicht um eine sozial gerechte und sinnvolle Verteilung von Gütern aus der Gesundheitswirtschaft und um die Medizin an sich, sondern es geht darum, Pfründe zu retten und zu mehren. Dies betrifft nicht nur die Wirtschaft selbst (Medikamentenhersteller, Versicherer usw.), sondern auch die Verwalter (Behörde, Krankenkassen, ärztliche Ständevertretungen usw.) und alle anderen organisierten Gruppen, die in dem System arbeiten.

Niemand wird sich selbst wegkürzen

Eine Entschlackung des riesigen, undurchschaubar gewordenen Gesundheitsapparates würde Geld sparen, was aber auf der anderen Seite nicht verdient werden würde. Überdies würde eine Entschlackung tausende Besetzungen von Bürostühlen in Frage stellen. Die Behörde müsste sich in Teilen also selbst auf die Straße setzen. Wenn Sie als Versicherter einen Antrag stellen müssen, um eine bestimmte Leistung zu erlangen, schafft dieser Vorgang Arbeit. Müssen Sie einen Antrag auf einen Antrag stellen (Realität), schafft der Vorgang Mehrarbeit. Lässt man diesen Verwaltungsvorgang wegfallen, fällt auch Arbeit weg, ein entsprechender Arbeitsplatz ist auf diese Weise gefährdet.

Der Wandel wird von den Bestimmenden nicht gewolltAus der Sicht der Wirtschaft und der Verwaltung besteht also keine Notwendigkeit zum großen Wandel.

Der berühmte und häufig geforderte Knall ist also nicht zu erwarten, jedenfalls nicht vom Kopf her, von den Machthabern. Schauen wir zum Fuß des Systems, dem Sockel der Demokratie. Das Volk. Das Volk hätte zwar die Mittel, nutzt sie aber nicht. Das gewichtigste Mittel in einer Demokratie ist die Wahl, in diesem Fall die Abwahl der Pfründebewahrer. Da aber die Hauptparteien ähnliche Taktiken und Konzepte bieten, die nur in Nuancen variieren, müsste schon eine spezielle, basisdemokratische Gesundheitspartei her, um der Probleme Herr zu werden. Dazu ist offenbar der Leidensdruck nicht groß genug. Das mag daran liegen, dass wir noch immer auf hohem Niveau jammern. Und bevor die Benachteiligten des Systems auf die Straße gehen, muss in Deutschland mehr passieren als überteuerter Zahnersatz, gewinnorientierte Krankenhausbehandlung, undurchschaubare aut-idem-Regelungen, verweigerte Taxischeine und der gleichen mehr.

Untergang des gesamten politischen Systems nicht wünschenswert

Der berühmte Knall im Gesundheitswesen, der diese ins Ewige abgleitende Taktik der Ausbesserungsarbeiten verhindern würde, kann nach heutigen Praktiken der Wirtschaft, Verwaltung und Politik nicht aus dem Gesundheitswesen selbst kommen. Da er auch nicht aus dem Volk kommt, müsste die Generalsanierung des System aus einem übergeordneten Zusammenbruch resultieren, beispielsweise in Form einer massiven Geldentwertung mit Bankrott der Gesamtwirtschaft, oder in Form eines Zerfalls aller Systeme durch und nach einem Krieg. Beides möge Gott verhüten. Dem wäre das Weiterwursteln deutlich vorzuziehen.

Es gibt kein Wolkenkuckucksheim

Es gäbe nur eine einzige Chance, aus diesem ewigen Kreislauf des Herumwurstelns auszuscheren. Die Gesamtheit aller Teilnehmer am Gesundheitswesen müsste sich an einen Tisch setzen, jeder müsste einsehen und verzichten. Aber daran zu glauben, wäre der Glaube an ein Wolkenkuckucksheim, an ein Shangri-La mitten in der modernen Welt der Gesundheit.

Für die Politik würde das bedeuten, mit Mut eine wirkliche Reform anzupacken, gegen alle Lobbyisten und mit dem Risiko eines schlechten Wahlausganges am Ende der Legislaturperiode. Glauben Sie daran?

Die Pharmaindustrie müsste auf utopische Gewinne verzichten, die Krankenkassen auf überhöhte Managementbezüge, auf Prunkbauten mit Luxusausstattung; die Ärzte auf teils überhöhte Honorare und unrechtmäßige Praktiken, die Medien auf Sensationslust und Angstmache.

Glauben Sie daran?

Bleibt der Patient!

Was ist mit dem Patienten?Soll er verzichten? Oder muss der moderne Patient alles haben, was ihm zusteht und gar Dinge darüber hinaus? Falls der Leser glaubt, überzogene Anspruchshaltung gibt es heutzutage nicht mehr, so lebt er bereits im Wolkenkuckucksheim.

Kuren, die einfach mal dran sind, vorzeitige Berentungen, weil man schon dreißig Jahre gearbeitet hat und der Nachbar noch gar nicht, Arztbesuche wegen seit zwei Stunden andauernden Schnupfens, ein Rezeptwunsch für medizinische Bäder, nicht wegen entsprechender Beschwerden, sondern weil die letzten schon zwei Jahre zurückliegen, all das gibt es und noch viel mehr.

Keine der beteiligten Interessengruppen im Gesundheitswesen ist frei von Schuld.

Jeder der Beteiligten würde dieser These zustimmen, aber jeder denkt, die anderen tragen mehr Schuld. Sollen die doch anfangen. Und wie viel Schuld trägt der Schreiber dieses Artikels?

Wer fängt also an?

Der Patient bleibt die entscheidende Person in der Arena. Ohne ihn gäbe es das ganze Gesundheitssystem nicht (das wird gern vergessen). Ich glaube, er sollte beginnen. Ich sage Ihnen auch warum. Im nächsten Teil!

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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