Psychopharmaka: Mehr Gewicht, mehr Stoff?

07.06.2017
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Viele denken folgendermaßen: „Psychopharmaka sind immer lipophil, damit sie im Gehirn ankommen und wirken können. Also verteilen sie sich auch im Körperfett. Ein sehr übergewichtiger Patient braucht daher eine höhere Dosis eines Psychopharmakons als ein sehr schlanker Patient.“ Klingt plausibel. Aber stimmt es auch?

Das pharmakologische Konstrukt des Verteilungsvolumens ist wirklich ein komisches Biest. Wenn man sich vornimmt, jemanden durch die Facharztprüfung fallen zu lassen, müsste man eigentlich nur mal nach dem Verteilungsvolumen fragen, dann würden wohl die meisten Kandidaten gleich freiwillig den Prüfungsraum verlassen. Übrigens auf Nachfragen auch die meisten Prüfer.

Wikipedia erklärt das Verteilungsvolumen hier. Auf YouTube findet man kein deutschsprachiges Erklärungsvideo, unter den englischsprachigen gefällt mir dieses hier ganz gut. Tatsächlich verteilen sich lipophile Medikamente auch im Körperfett.

Man kennt das vom Cannabis. Tage und teilweise Wochen nach dem glaubhaft letzten THC-Konsum fallen im Drogenscreening wieder Cannabinoide auf, und die Erklärung kann wirklich sein, dass alte ranzige Cannabinoide vom Trip vor einem Monat, die sich im Körperfett gelöst hatten – aus welchem Grund auch immer – zurück ins Blut gewechselt haben.

Der Weg des THCs

Ich möchte die Frage, was mit einem lipophilen Wirkstoff nach Einnahme passiert, mal sehr vereinfacht am Beispiel des THCs erklären:

Bolle baut sich regelmäßig drei Joints pro Tag. Wir verfolgen den Weg des THCs vom Coffeeshop bis zum Wirkspiegel im Gehirn:

Für den steady-state ist es egal, wie groß das Gefäß ist!

m_1496936589.jpg

steady-state“ by Indoor-Fanatiker (Wikimedia Commons)

Zusammenfassung: Dosierung und Körpergewicht

Was haben wir nun bezüglich der Dosierungen für Patienten mit unterschiedlichem Körpergewicht gelernt?

Bei einem Medikament, dass regelmäßig gegeben wird, kann es bei einem adipösen Patienten etwas länger dauern, bis er den steady-state erreicht hat, weil er mehr vom (lipophilen) Wirkstoff braucht, bis auch das Körperfett mit dem Wirkstoff abgesättigt ist. Üblicherweise dauert es so etwa fünf Halbwertszeiten, also oft so etwa drei Tage, bis der steady-state erreicht ist.

Aber danach spielt die Menge des Körperfettes keine Rolle mehr für das Verhältnis von Dosis und Blutspiegel. Dieses Verhältnis wird bestimmt von den ganz normalen Stoffwechselwegen des Abbaus und der Ausscheidung von Medikamenten, also den metabolisierenden und eliminierenden Prozessen.

Merke: Adipöse Patienten brauchen keine höheren Dosierungen der Psychopharmaka, um auf die gleichen Blutspiegel zu kommen. Sie brauchen allenfalls etwas länger, bis sie den steady-state erreicht haben.

Eure Rückmeldung zu dieser Überlegung

Das war jetzt ein recht komplizierter Gedankengang, und er ist an einigen Stellen vereinfachend. Ich denke jedoch, dass er insgesamt richtig ist und mit der falschen Vorstellung aufräumt, schwerere Patienten bräuchten höhere Dosierungen und leichtere Patienten bräuchten niedrigere Dosierungen. War die Erklärung nachvollziehbar? Ist sie irgendwo doch zu vereinfacht oder gibt es einen Denkfehler in dieser Erklärung, der zu einem anderen Ergebnis führt? Schreibt bitte eure Gedanken und Anregungen in die Kommentare!

 

Bildquelle: Kito32, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.06.2017.

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Gast
Gibt es einen Beleg dafür, dass das Körperfettkompartiment durch niedrige Dosen von lipophilen Substanzen sättigbar ist? Die Fettlöslichkeit sollte so hoch sein, dass es unter normalen Umständen kaum zu einer Sättigung kommt.
#4 am 13.06.2017 von Gast
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Gast
Ich hoffe sehr, dass Sie Recht haben. Ansonsten hätten wir das pharmaindustrielle Perpetuum Mobile: Die Patienten werden durch Psychopharmaka immer adipöser - und brauchen dann auch immer mehr Psychopharmaka.....
#3 am 13.06.2017 von Gast
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Gast
Sie vergessen bei Ihren Ausführungen die unterschiedliche Durchblutung der Kompartimente. Bei mehrwöchiger Einnahme von Medikamenten mit langer Halbwertszeit, wie von Ihnen geschildert, ist das ab einem gewissen Punkt wohl zu vernachlässigen; beim THC-Beispiel hingegen nicht: auch THC dürfte seinen Wirkverlust, wie die meisten Hypnotika, nicht einer Elimination, sondern einer Umverteilung eben in die langsamen Kompartimente verdanken.
#2 am 12.06.2017 von Gast
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Gast
Völlig richtig, aber: weisen Sie die Patienten darauf hin, daß sie bei Gewichtsreduktion veränderte Werte haben können. Und: auch Hormone oder sonstige psychotrope Substanzen sind im Körperfett gelöst. Nehmen diese Leute ab, fangen sie oftmals an zu "spinnen", weil das Gehirn mit allen möglichen Stoffen überschwemmt wird. Also immer dazusagen!
#1 am 12.06.2017 (editiert) von Gast
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