Ärzte sehen blau

07.06.2017
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Wie beeinflusst ein Schlafanzug die Fremdbeurteilung eines Facharztes? Machen blaue Pyjama Patienten kränker als sie sind?

Im Augenblick bin ich kurz vor dem Wechsel zu einem neuen Arbeitgeber im Bereich der psychosomatischen Rehabilitationsmedizin. Da passt dann schon der erste Eindruck, wenn man in eine Klinik kommt und man bekommt ein Gefühl für die Stimmung vor Ort und letztlich auch für die Patienten.

In diesem Zusammenhang fiel mir dann heute eine Studie auf, die sich auf das „Blue pyjama syndrome“ bezieht. Also dem Phänomen des blauen Schlafanzugs bei der Beurteilung des Schweregrads einer Depression durch Fachleute.

Wer schon einmal ein Krankenhaus oder auch eine Rehabilitationsklinik besucht hat, wird Patienten am Haupteingang (oder der Raucherecke) im Jogginganzug, Pyjama oder Bademantel bestimmt kennen. Sie vermitteln irgendwie schon das Gefühl, dass sie „krank“ sein müssen. Quasi bettlägrig und schonungsbedürftig.

Krankes Outfit

Das mag nun in einem Akutkrankenhaus in den Bereichen Innere oder Chirurgie bzw. den anderen Fachdisziplinen eine gewisse Berechtigung haben. Hier aber frage ich mich – als derzeit täglicher Besucher im Klinikum Lüneburg – schon, ob das so sein muss. Immerhin solte man sich nur in den seltensten Fällen die ganze Zeit im Bett aufhalten, wenn man ein medizinisches Problem hat.

Aber egal.

Ganz sicher ist es im Bereich der Psychiatrie und Psychosomatik nicht sinnvoll, im Schlafanzug oder Jogginganzug regelrecht Krankheit zu demonstrieren.

Ein Stück Stoff mit großer Auswirkung

Die erwähnte Studie ermittelte jetzt, dass sich Psychiater leicht hinter das Licht führen lassen. Sie schätzen Probanden in einem blauen Pyjama als „kränker“ ein als in Straßenkleidung. Die Selbsteinschätzung der Patienten ist davon glücklicherweise nicht betroffen. 

Das finde ich schon krass. Immerhin macht ja nun ein blauer Pyjama nicht depressiver und die Kollegen sollten eigentlich bessere Mittel haben, den Schweregrad einer psychiatrischen Erkrankung individuell einzuschätzen.

Vielleicht muss man es aber auch einmal anders herum sehen: Wir Psychiater sind auch nur Menschen und lassen uns eben hinters Licht führen. Für mich aber noch einmal Anlass, mir Gedanken über die Verfestigung von Krankenrollen bzw. Vorurteilen in der Klinik Gedanken zu machen. 

 

Bildquelle: Pete Markham, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.06.2017.

30 Wertungen (4.23 ø)
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Medizin, Psychiatrie
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Gast
Jaja und wenn ich als Grufti zum Arzt gehe wird mir erstmal versucht zu erklären wie dringend hilfsbedürftig ich doch wäre. Mal abgesehen davon was die Leute sagen, wenn sie mich in Gewandung auf dem Mittelaltermarkt sehen. Die Augen werden noch größer wenn sie meinen Arztausweis sehen.
#20 am 12.06.2017 von Gast
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Gast
Ist ein Grund erkennbar, daß Psychiater nicht " auch nur Menschen " sind ? Aber hinter das Licht führen sollte sich vielleicht doch begrenzen oder ?
#19 am 11.06.2017 von Gast
  0
Gast
#18 Wenn dann Alle Stinken dann ist die Sache nicht ganz so tragisch. Schließlich sind wir auch nichts anderes als Raubtiere, die riechen manchmal auch bestialisch
#18 am 10.06.2017 von Gast
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Ivor
Trotz Verständnis für psych. Erkrankungen , falls nicht kataton o. sonst schwerstbeh., ist es respektlos im Schlafanzug o. Jogginganzug, in dem auch geschlafen wurde, ungewaschenen, ev. stinkigem Zustand dem Arzt oder Pfleger/etc. diesen Zustand aufzudrücken. Wenn ich es nicht alleine schaffe, muss ich um Hilfe bitten.( gerade bei depres. Störungen wird die Körperpflege vernachlässigt, nicht mehr gekonnt, viele schaffen es nicht mehr. Aber es gibt darunter auch viele Menschen, die noch nie etwas von Körperpflege und sauberer Kleidung hielten und dann greift wieder der Gruppenzwang . Präsentation im Schlafanzug wird als Normalität gesehen!) Es greift heute ja leider in die Persönlichkeitsrechte des Menschen ein, wenn er sich gegen seinen Willen sauber präsentieren soll, aber, man sollte ihn dazu motivieren. U.A. ist es eine positive Beeinflussung gegen Depressionen, ein Stückchen Normalität. Auch der Behandler hat Rechte, obwohl er anscheinend verlernt hat, etwas einzufordern
#17 am 10.06.2017 von Ivor (Gast)
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Kann auch umgekehrt laufen - das nämlich ein tadellos gekleideter Herr mit Bügelfalte und Krawatte als Schmerzpatient NICHT ernst genommen wurde - selbst im Bekanntenkreis erlebt. Um krank zu wirken, kann man nur zu bequemer Kleidung raten und bei den Frauen: keinesfalls schminken!
#16 am 09.06.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
Schubladen-Denken und danach ver-urteilen...ist immer bequemer als über den eigenen Horizont hinaus zu sehen und achtsam mit dem Gegenüber und so mit dem Patienten respektvoller umzugehen. Oder kann der Psychologe/Psychiater/Therapeut nicht mehr mit offenen Augen den individuellen diagnostischen Blick umsetzen? Ich kenne schwer depressive Menschen, die sich gerade außerhalb des eigenen Zuhauses gepflegt anziehen. Und leicht depressive Menschen, die im Krankenhaus lieber leger und bequem herumlaufen. Pauschalisieren in der Diagnostik ist ziemlich riskant, nicht wahr?
#15 am 09.06.2017 von Gast
  0
Gast
Im 18. Jahrhundert trugen Ärzte schwarze Kleidung um Respekt einzuflößen, mich hätte das eher erschreckt und mich an den Tod erinnert. Halbgötter in Weiß ,finde ich auch nicht gerade prickelnd sondern eher langweilig
#14 am 09.06.2017 von Gast
  0
Gast
Ich fürchte, dass ein todkranker Patient im grellroten Pyjama keinen Mehrnutzen haben kann. Nichtsdestotrotz finde ich helle Bademäntel oder Pyjamas für mich angenehmer. Egal wo.
#13 am 09.06.2017 von Gast
  0
Gast
#7 Ja, ja, Alles mehr Schein als Sein
#12 am 09.06.2017 von Gast
  0
Gast
Aus welchem Grund soll ich mich schön kleiden, wenn ich halbtod und keine Lebensenergie mehr habe, dass hebt meine Stimmung auch nicht. Habe ich Alles schon ausprobiert
#11 am 09.06.2017 von Gast
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Gast
Wie gut das ich nicht mit nem Pygiama zum Arzt gehe...
#10 am 09.06.2017 von Gast
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Gast
Was wuerde helfen? Zweite Untersuchung durch einen anderen Arzt, an einem anderen Tag, mit anderem Outfit, in anderer Umgebung und dann wird gemeinsam ein Diagnose gestellt. Zu teuer? Das Vier- Augen-Prinzip wird bei weitaus weniger wichtigen Sachen genutzt, damit kein gravierenden Fehler passieren koennen. Immerhin kann ein Fehler in der Medizin zum Tod eines Menschen fuehren.
#9 am 08.06.2017 von Gast
  0
Gast
#6 Da unsere gesamte Gesellschaft nur aus Manipulation und Verarscherei besteht, wäre es durchaus erfrischend, einen ChefArzt im pinkfarbenen Pyjama zu sehen.
#8 am 08.06.2017 von Gast
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Gast
Dies trifft nicht nur in der Psychiatrie, o. Reha zu, schon wenn Sie zum Arzt gehen, o. dieser zum Patienten kommt, verhält sich der Arzt bei Personen, die elegant angezogen sind anders, als wenn sie in abgewetzten, o. nicht so edlen Kleidern daher kommen. Habe dies selber schon im Pflegeheim u. in Arztpraxen miterlebt!Dazu werden Personen mit akad. Titel, gehobener Bildung nicht so schnell abgewertet als ohne! Es wird Zeit, dass dies endlich aufhört u. der Mensch als Mensch betrachtet wird u. weder Kleidung, noch Titel/ Schulbildung zählen.
#7 am 08.06.2017 von Gast
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Gast
Wie wirkt denn der Klinikdirektor im rosa Pyjama? Bestimmt kompetent!
#6 am 08.06.2017 von Gast
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Die Patienten machen nichts anders, als sich in die ihnen zugedachte Rolle zu fügen. Ich war selber einige Male als Patient in Kliniken und jedesmal habe ich normale, straßentaugliche Alltagskleidung getragen und tagsüber auch nicht im Bett gelegen, sofern das irgend möglich war. Dafür wurde ich mehrfach von den Ärzten gescholten, weil ich als Patient einen Jogginganzug tragen müsse und mich überwiegend im Bett aufzuhalten habe. Auf meine Frage nach dem "Warum" hieß es nur, das sei eben so üblich, da müsse ich mich anpassen. Die meisten Patienten werden diesem Konformitästdruck ohne groß nachzudenken nachgeben und sich anpassen.
#5 am 08.06.2017 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Gast
Psychiater schätzen den Krankheitszustand GENERELL falsch ein
#4 am 08.06.2017 von Gast
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Gast
Ganz ehrlich. Ich würde jemanden den ich tagsüber im Pyjama antreffe auch eher als antriebsreduziert einschätzen. Wobei mir natürlich klar ist dass man deswegen nicht depressiv ist... Ich selbst trage tags Haus- oder Schlafanzug wenn ich krank bin oder als Ritual wenn ich einen wohlverdienten Faulenzertag genieße. Wie sagt man doch: Kleider machen Leute.
#3 am 08.06.2017 von Gast
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Gast
#1 Ich stehe kurz davor, selber eine Chefarztposition in der Psychosomatik zu übernehmen. Das schlechte Image der Reha ist teilweise hausgemacht in der Klinik, aber auch dem Auftrag der Rentenversicherung geschuldet. Aber genau ihre Überlegungen teile ich eben auch. Zumindest sollte die Selbstwirksamkeit in der Reha gestärkt werden. Das geht nur über Beteiligung (und hier mangelt es auch bei einigen Patienten gehörig), Aufklärung und eben modernen Wegen der Veränderung. Ideen dazu habe ich genug. Patient Reha ? Vielleicht, muss man da eben auch mal ein wenig kurieren...
#2 am 08.06.2017 (editiert) von Gast
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Gast
Sehr interessante Beobachtungen und ... Forschungsergebnisse. Aber, einige Personen, die an unserem Gesundheitstammtisch teilnehmen und vorher in Reha waren sind zunehmend bestürzt. So wenig hat das Ganze gebracht. Auch über die Diagnose gab es keine Aufklärung...Die Dienstleistung Reha ist dringend reformbedürftig. Wenn man dann auch noch seinen Hausarzt verlassen muß, weil der Abschlußbericht, über den man ebenfalls nicht informiert wurd, zum Himmel schreit und einen nur beschämt. Ja, dann fragt man sich schon, wieweit es mit dem Fach Psychosomatik eigentlich gekommen ist? Keine angeandte Wissenschaften, nur Theorie, und natürlich Entwertung.
#1 am 07.06.2017 von Gast
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Nun haben sie dazu ja auch erstmal jede Berechtigung, schließlich sind viele der Patienten aufgrund von mehr...
Ich gebe zu : Ich bin gefährdet bzw. möglicherweise betroffen. Wenn es denn das "Text neck" überhaupt mehr...
Eigentlich ist der Trend ja schon wieder vorbei. Oder? Fidget Spinner haben derzeit eine riesige Nachfrage und nerven mehr...

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