Tod nach Halbmarathon

30.05.2017

Beim Regensburg-Marathon 2017 letzten Sonntag ist ein 28-jähriger Teilnehmer gestorben. Welche möglichen Ursachen kommen hierfür in Frage?

Die Mittelbayerische Zeitung berichtete, dass der 28-jährige schon während des Laufes auf der Halbmarathon-Distanz Probleme gehabt habe. Nach dem Zieleinlauf sei er zusammengebrochen, vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht worden und dort verstorben. Der Veranstalter bedauere dies zutiefst, habe aber alles getan, um den Lauf trotz der großen Hitze verantwortungsvoll stattfinden zu lassen.


Wie heiß war es zu diesem Zeitpunkt?

Der Halbmarathon startete um 08:30 Uhr. Laut des Rückblicks auf wetter.com war es nach einer typischen Halbmarathonzeit von zwei Stunden, also um 10:30 Uhr etwa 22 Grad warm. Die Höchsttemperatur stieg in Regensburg an diesem Tag bis zum Nachmittag noch bis auf 28 Grad, das war aber lange nach dem Laufereigneis.

Auch der Marathon startete um 08:30 Uhr. Fünf Stunden nach dem Start, um 13:30 Uhr, waren dann 26 Grad erreicht.

Was hat der Veranstalter unternommen, um die Läufer zu schützen?

Der Veranstalter habe allen Läufern die Möglichkeit eingeräumt, sich kurzfristig für eine kürzere Strecke zu melden. Das ist nicht selbstverständlich, normalerweise geht das aus organisatorischen Gründen nicht. In Regensburg hätten am Sonntag tatsächlich aber „etliche Läufer umdisponiert“.

Man habe den Abstand zwischen den Wasserversorgungsstationen von fünf auf vier Kilometer reduziert und kurz vor dem Ziel eine weitere Versorgungsstation eingerichtet.

Welche besondere Gefahr besteht bei heißem Wetter für Marathonläufer?

Es entspricht der allgemeinen Intuition, dass Marathonläufer bei hohen Temperaturen dadurch gefährdet sein könnten, dass sie zu wenig trinken und dann irgendwie überhitzen oder durch das starke Schwitzen einen Flüssigkeitsmangel erleiden.

Tatsächlich führt das aber eher nicht zu den vereinzelt auftretenden Todesfällen bei Marathonläufen. Das natürliche Durstgefühl, die feste Vorstellung der meisten Läufer, man müsse viel trinken und die gute Verfügbarkeit von Wasser bei Marathonläufen verhindern üblicherweise, dass jemand zu wenig trinkt. Denn zu wenig trinken wäre sicher auch gefährlich. Aber wie gesagt, dass passiert praktisch eher nicht.

Die eigentliche Gefahr: Hyperhydratation

Die Gefahr besteht vielmehr darin, dass Läufer zu viel Leitungswasser trinken, das keine Elektrolyte, insbesondere kaum Salz enthält. Der Effekt auf den Körper ist dann, dass viel Wasser mit wenig Salz aufgenommen wird. Ausgeschwitzt wird aber Schweiß mit viel Salz.

Wenn dann noch die Niere aus welchen Gründen auch immer nicht mehr hinterherkommt mit der Aussscheidung des Wassers, entsteht ein relativer Salzmangel und physiologisch gesehen ein Überschuss an Wasser, eine hypotone Hyperhydratation, also zu wenig Salze, zu viel Wasser. Die hypotone Hyperhydratation, auch „Wasservergiftung“ genannt, zeigt sich im Labor an zu niedrigen Blutsalzen, insbesondere zu niedrigem Natrium. Diese Konstellation kann zu Herzrhythmusstörungen und zum plötzlichen Tod führen.

Hyperhydration auch bei Schizophrenie

Psychiater kennen die hypotone Hyperhydratation auch von schizophrenen Patienten, die manchmal phasenweise viel zu viel Wasser trinken. Auch manische Patienten zeigen manchmal eine Polydipsie.

Es gibt eine Reihe von Arbeiten zur hypotonen Hyperhydratation bei Marathonläufern, zum Beispiel hierhierhier oder hier.

Fazit: Vor dem Lauf sollte man abwägen

Wenn man also bei heißem Wetter einen Marathon stattfinden lässt, ist es besonders wichtig, nicht nur Leitungswasser anzubieten, wie es auf den ersten Kilometern eines Marathons üblich ist, sondern isotonische Getränke anzubieten, wie es sonst insbesondere auf den letzten Kilometern üblich ist. Für die Läufer ist wichtig, isotonische Getränke zu trinken, aber auch nicht ungebremst viel, sondern nach Durstgefühl. Wenn es wirklich sehr heiß ist, sollte man überlegen, ob man trotz aller Vorbereitung, Vorfreude und Entschlossenheit nicht einfach zu Hause bleibt oder nur eine wirklich kurze Strecke läuft.

Woran der Läufer in Regensburg tatsächlich gestorben ist, kann ich natürlich nicht wissen. Er soll noch obduziert werden. Die Elektrolytkonzentration wird bei dieser Obduktion sicher gemessen werden. Erst nach der Obduktion wird man es wissen.

Woran auch immer es lag, es ist wirklich schrecklich, wenn ein sonst wahrscheinlich gesunder junger Mensch bei einem Laufereignis stirbt.

Bildquelle: Jan Kraus, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.06.2017.

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Danke für den Beitrag. Ich kann folgende Literatur empfehlen: Uwe Gröber "Metabolic Tuning statt Doping". Dieses Thema aus der Sicht eines Weltklasse Zehnkämpfers und jetzigen Apothekers.
#9 am 02.06.2017 von Matthias Reikowski (Heilpraktiker)
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@#7: Ich stimme Ihnen völlig zu, Herr Dr. Stender. Aus den hier gelieferten Informationen ist jegliche Aussage über die Todesursache Spekulation. Von Dehydrierung über Hirnödem infolge Hyponatriämie bis hin zu einer Vorschädigung des Herzens (rechtsventrikuläre dilative Kardiomyopathie) ist alles möglich.
#8 am 02.06.2017 von Dr. rer.nat. Stefan Graf (Biologe)
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Alle Komentare sind überflüssig. Keiner weiss wirklich etwas. Nach dem Vorliegen des Obduktionsergebnisses sind erst seriöse Stellungnahmen möglich.
#7 am 01.06.2017 von Dr. med. Dirk Stender (Arzt)
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Gast
Es ist tragisch, daß dieser junge Mann sterben musste. Wir haben das zweifelhafte Vergnügen direkt an einer Triathlon Radstrecke zu wohnen, auf der ständig trainiert wird. Wenn man sieht, wie die Radfahrer (selbst bei 36° im Schatten) im dicksten Straßenverkehr und in der prallen Sonne den Berg hochkeuchen, dann fragt man sich doch, warum Menschen sich solch extremen Belastungen freiwillig aussetzen... egal, ob sie nun isotonisch trinken oder nicht...
#6 am 01.06.2017 von Gast
  5
Eigentlich macht man ja Grundausdauertraining nd trinkt im Training Wasser, um wenig bis keine Kohlehydrate zuzuführen (ausser profis, die das nicht mehr brauchen...) , der Körper lernt Salz zu sparen. Ganz dumm ist der nicht. Also ist die Frage, ob sich eine jüngst durchgemachte Viruserkrankung oder Bakteriämie feststellen läßt......
#5 am 01.06.2017 von Dr Stefan Wittmann (Zahnarzt)
  8
Gast
@Gast, mindestens in der Ultraläuferszene (50 km+) und bei den Langstreckenmarschierern (100 km) ist das nicht so. Die Novizen sind noch in der Findungsphase und viele von ihnen enden als DNF (=did not finish; im Verlauf der Veranstaltung abgebrochen). Aber ab dem zweiten Mal weiß man dann, welche Nahrungsmittel/Getränke verträglich sind (und wann ;) ), welche Schuhe, welche Blasenpflaster, welche Vorbereitung. Die Profis haben ihr Versorgungsteam. Da werden individuelle Flaschen gereicht, nicht der "Standard" (Wasser, Bananen, Apfelstücke, Müsliriegel) vom Verpflegungspunkt. Ein DNF kann auch eine Vernunftentscheidung sein, es wird in den Trainingsgruppen nicht unbedingt als Schwäche ausgelegt, sondern als Botschaft, die Strategie zu überdenken. Nina Berger
#4 am 01.06.2017 von Gast
  2
Gast
Ich habe eher den Eindruck, daß es sich im Sport so verhält wie in der Landwirtschaft: die Hobbygärtner belasten unsere Umwelt relativ betrachtet mehr als die Profis mit Spezialdünger, Fungiziden, Herbiziden, Pestiziden. Der Profi hat nicht das Geld dafür.
#3 am 01.06.2017 von Gast
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Im Radrennsport (RTF-Fahrten) waren immer die Vegetarier zuerst von Kreislaufproblemen betroffen. Durch Gabe von Elektrolyttabletten und Salzlakritz (gerade auch bei Übelkeit lutschen lassen), Hinlegen im Schatten, Kühlen und vorsichtig schluckweise Wasser und/oder Tee und/oder Saftmischung (diese werden oft unter Zusatz von etwas Kochsalz von den Sportlern selbst gemixt) erholten sie sich üblicherweise rasch. So wurde mir die Bedeutung des Elektrolythaushalts beim Sport nachhaltig vor Augen geführt.
#2 am 01.06.2017 von Dipl.-Chem. Nina Berger (Chemikerin)
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Marathon-Läuferinnen und -Läufer nehmen als Hochleistungssportler oft Unmengen hypotoner elektrolytarmer Flüssigkeiten zu sich! Übersicht unter: http://www.springermedizin.de/hyponatriaemie-trinken-bis-zum-umfallen--das-klappt-auch-mit-wasser/5842406.html - Die Hyponatriämie ist nicht nur bei Spitzen- und Ausdauer-Sportlern verbreitet, die zu viel natriumarme Flüssigkeiten und Speisen zu sich nehmen. Sie ist pathophysiologisch vergleichbar mit dem seltenen SIADS (Schwartz-Bartter-Syndrom oder Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion), auch SIADH genannt, führt zu unangemessen hohen Ausschüttungen von Antidiuretischem Hormon (ADH, Adiuretin, Vasopressin) und zu einer zu geringen Flüssigkeitsausscheidung über die Nieren mit Entstehung eines unzureichend verdünnten Urins. Laborchemisch durch hypotone Hyperhydratation mit Verdünnungshyponatriämie (Serum-Natrium < 135 mmol/l) und unangemessen hohe Osmolalität des Urins (> 1000 mOsm/kg) charakterisiert. Für Extremsportler hochrelevant.
#1 am 31.05.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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