Ich turfe nicht

28.05.2017
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Ich werde manchmal für mein Interesse an den Patienten auf den Arm genommen. „Lieschen, lass das doch. Du hast bei der Patientin nichts gefunden, das in den orthopädisch-unfallchirurgischen Bereich gehört. Also ab mit ihr auf die Innnere, Gynäkologie, Urologie oder Psychosomatik. Turfen, turfen, turfen. Das dauert doch alles viel zu lange.“

Ja, manchmal. Meistens allerdings nicht. Ein Blutwert mehr, eine Frage mehr oder doch noch ein U-Status. So schwer ist das nicht. Es spart den Patienten sehr viel Zeit. Schicke ich die Patientin mit den unteren Rückenschmerzen noch mal extra zur Inneren, Urologie oder Gyn, wenn ich davon ausgehe, dass es „bloß“ eine Blasenentzündung ist? Sicherlich nicht. Ein U-Status und das passende Antibiotikum finde ich auch als Unfallchirurgin. Zur Not frage ich bei den daneben sitzenden Kollegen einfach kurz nach.

Allerdings kann ich recht hartnäckig sein und gebe tatsächlich nicht allzu schnell auf. Ein Beispiel dafür: Frau Kuhn. Kommt mit „Beckenschmerzen“. Was soll denn das sein? Wo, am Becken? Sie weiß auch nicht. Ich sehe in der Krankenakte nach. Zehn ambulante Aufenthalte in unserer Notaufnahme. Diagnose: „ISG-Arthrose, Bursa trochanterica, Ansatztendinose, Hüftgelenksarthrose, Lumboischialgie, etc.“

Aha. Ein paar Briefe sind einfach nur „kopiert“ und mit neuem Datum versehen. Anamnestisch komme ich bei ihr nicht weiter. Die Untersuchung zeigt nichts Auffälliges. Das Röntgen zeigt nichts Besonderes. Der Unterbauch ist etwas hart und prall. „Probleme beim Wasserlassen?“

„Oh, keine Ahnung. Da unten ist alles etwas komisch.“

Äh, was? – „Ja, eine Urinprobe konnte ich auch noch nicht abgeben. Das funktioniert nicht immer.“ Sonographisch ist die Blase gefüllt, aber nicht prall.

Ich bitte die Notaufnahmeschwester einen Urin abzunehmen. Sie rollt mit den Augen. „Och, Lieschen, nicht schon wieder.“

Sie kommt nach wenigen Minuten zurück. „Das musst du dir mal anschauen, aber da kriege ich keinen Katheter rein.“ Nach einem Blick weiß ich, warum. Karzinom. Gynäkologie. Ziemlich eindeutig.

Heute turfe ich tatsächlich.

 

Bildquelle: franchise opportunities, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 30.05.2017.

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Gast
Ein großes Klinikum, ich war WB-Assistenzärztin in der Urologie und hatte Dienst. Eine diensthabende Kollegin der Inneren wollte von mir ein urologisches Konsil zu einer Patientin, die sich notfallmäßig mit rechtsseitigen Unterbauchschmerzen vorstellte. Das Labor war noch blande, die klinische Untersuchung deutete auf Appendizitis, das sagte ich der Kollegin, dafür sind die Chirurgen zuständig. Das denke sie auch, aber die wollen sie nicht wegen den unauffälligen Laborwerten. Nö, die Patientin wurde von den Chirurgen nach Hause geschickt und kam -wie zu erwarten- am nächsten Tag mit verstärkter Symptomatik und auffälligem Labor wieder, wurde entsprechend appendektomiert. Sind die Chirurgen blöd oder böse oder spekulieren sie auf eine höhere DRG-Abrechnung? Wenn ich Oberärztin der Urologie gewesen wäre und davon erfahren hätte, hätte ich vielleicht direkt aufgenommen und aufgelegt: Sowas kann ein großes Hallo geben und zu atmosphärischen Störungen führen...
#16 am 21.06.2017 von Gast
  0
Gast
Respekt unfallchirurginundmutter und Danke #14. Eine Notaufnahme ist nunmal eine Notaufnahme. Idealerweise sollte man - wenn einem etwas nicht passend erscheint - aufmerksam werden. Wenn aber wirkliche Notfälle vorhanden sind, ist das oft einfach nicht möglich. Die "Wiedervorstellung beim Haus- oder Facharzt bei anhaltenden Beschwerden" ist meist standardmäßig mündliche und schriftliche Empfehlung.
#15 am 01.06.2017 von Gast
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Ärztin
Die Patientin tut mir unglaublich leid. Aber genau wie viele Gäste hier hat sie offenbar den Sinn einer Notaufnahme völlig verkannt. So ein Mist kommt dabei heraus wenn Notaufnahmen zweckentfremdet und als Ersatz für einen Hausarzt missbraucht werden. Das war kein Notfall. Chronische Beschwerden müssen von einem erfahrenen Facharzt abgeklärt werden und nicht vom diensthabenden Assistenzarzt der eigentlich nur für Notfälle zuständig ist. Da muss ein klares Konzept her und keine zig Spontanbesuche. Eine weiterführende Diagnostik beim niedergelassenen Facharzt oder Wiedervorstellung zur stationären Diagnostik hätte spätestens im Brief der zweiten ambulanten Vorstellung empfohlen und von der Patientin auch wahrgenommen werden müssen. Es bringt nichts allein den Assistenzärzten oder den Pat. die Schuld zu geben. Klare Kommunikation kann Abhilfe schaffen: im Zweifelsfall aufnehmen oder eine Vorstellung beim Hausarzt empfehlen. Schriftlich. Gut, dass wenigstens eine gründlich gearbeitet hat.
#14 am 31.05.2017 von Ärztin (Gast)
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Gast
Und nun stelle man sich vor, die Patientin wäre nicht 10 x in der Notaufnahme sondern 10 x beim Heilpraktiker gewesen und der hätte sowas nicht bemerkt. Das wäre in den Medien wieder bis zum Erbrechen ausgeschlachtet worden. Hier scheint es sich jedoch bedauerlicherweise um den Normalfall zu handeln.
#13 am 31.05.2017 von Gast
  19
Gast
Manchmal hilft es offenbar immer noch, Patienten einfach mit allen Sinnen zu untersuchen. Beispiel: älterer Herr, zugewisen mit sklettszinitigraphisch multiplen Knochenfiliae, Primärtumor unbekannt. "Strahlemann guck mal ob das was zum bestrahlen ist." Habe dann an mein Chirurgielehrbuch gedacht (häufige Krankheiten sind häufig), wollte die Lunge abhören (Bronchialca?) und digital-rektal untersuchen (Prostata?). Pat. gebeten, den Oberkörper freizumachen zum abhören. Mamille eingezogen, darunter steinharter Knoten tastbar. Mammakarzinom. Auch Wolpertinger lassen sich so manchmal identifizieren.
#12 am 31.05.2017 von Gast
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ZNA Pfleger
Nr 10 Ja das erlebe ich auch.
#11 am 31.05.2017 von ZNA Pfleger (Gast)
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Onkomaus
Super! Ich erlebe leider auch oft das Patienten entlassen werden ohne ausreichende Abklärung. Sie gehen mit den Beschwerden mit denen sie gekommen sind.
#10 am 31.05.2017 von Onkomaus (Gast)
  2
10 Notaufnahmeärzte haben diese Frau " untersucht " + evtl. X-mal der Hausarzt. Finde den Fehler ! ja sogar der eigenmächtige Gang der Patientin in die Notaufnahme hat ihr leider nichts genutzt .Ich nehme mal an Frau Kuhn ist eine ältere Patientin und diese sind meiner Erfahrung nach eher nicht so schnell bereit in eine Notaufnahme zu gehen. ( Ausnahmen bestätigen die Regel) Bei Frau Kuhn muss die Not daher sehr groß gewesen sein.
#9 am 31.05.2017 von Brigitte Lauterbach-Schade (Altenpflegerin)
  3
Gast
So ist die Medizin... immer paranoid bleiben! Wenn es quakt wie eine Ente... watschelt wie eine Ente...ist es meistens eine Ente... aber es kann auch mal ein Wolpertinger sein!
#8 am 30.05.2017 von Gast
  5
Gast
Eigentlich wäre es auch vor allem die Aufgabe des Hausarztes gewesen welchen obige Patientin sicher desöfteren aufgrund ihrer Beschwerden aufgesucht hat mal etwas genauer hinzusehen und hinzuhören. Leider nehmen sich nicht alle Kollegen im stressigen Praxisalltag hierfür die Zeit. Bin selbst Hausärztin und kenne das Problem. Mit etwas mehr Zeit und genauerer Anamnese und Untersuchung könnte so manche Facharztüberweisung oder eigenmächtiger Gang des Patienten in die Notaufnahme vermieden werden
#7 am 30.05.2017 von Gast
  1
Gast
respekt! gut gearbeitet, dem bauchgefühl vertraut, und sich nicht von zeitdruck oder blöden bemerkungen irritiert gelassen, hört sich nach einer richtigen ärztin an
#6 am 30.05.2017 von Gast
  0
Real
@#4 bitte was?
#5 am 30.05.2017 von Real (Gast)
  4
Gast
Möglicherweise eine Ansammlung ärztlicher Kunstfehler bei dieser Patientin, bei der das wohl nix mehr werden wird.
#4 am 30.05.2017 von Gast
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Danke für's Vergessen des Tunnelblicks!
#3 am 30.05.2017 von Alexandra Arnold (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Unfallchirurg
Ja, es ist dieses Bauchgefühl, gekoppelt mit Fantasie und gesundem Menschenverstand das sorgfältige Anamnese und fachspezifische Diagnostik ergänzen sollte.. schön, dass sie darauf hören!
#2 am 30.05.2017 von Unfallchirurg (Gast)
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Gast
Schön, daß es auch noch Kollegen gibt, die über den Tellerrand hinausblicken!
#1 am 30.05.2017 von Gast
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