Apotheken Umschau: Alle drehen durch

18.05.2017
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Print lebt! Zumindest bei uns. Man kann die Dimensionen des Hypes um die Apotheken Umschau wirklich nicht einmal ansatzweise erahnen, wenn man nicht bereits Zeuge dieses Spektakels wurde. Das findet anstrengenderweise zweimal im Monat statt.

Mich gruselt es schon immer, wenn der Run auf die Umschau beginnt. Es fängt meist schon ein paar Tage vor dem Erscheinen an, dass die Kunden nach der neuen Umschau fragen. Ach nein, sie fragen ja nach der „Rentnerbravo“, der „Rätselzeitung“ oder dem „Fernsehprogramm“. Und immer wieder vertrösten wir sie auf den 1. bzw. den 15., denn wir geben sie erst an diesen Tagen raus – das ist schon immer so und wird sich auch nicht ändern.

Völlig enthemmte Kunden

Und dann ist es so weit. Der Run beginnt. Da gibt es die Kunden, die sich artig in die Schlange stellen und darauf warten, dran zu kommen, um sich die Zeitung mitnehmen zu dürfen. Sie fragen auch ganz nett. Das ist schon okay, so kann ich das ja auch hin nehmen. Aber die, die sich an allen vorbei drängeln. Egal, ob man gerade ein Kundengespräch hat oder nicht. Egal, ob da schon Medikamente auf dem Stapel Zeitungen liegen (bei uns liegt immer nur ein Stapel an einer Kasse und das wissen natürlich schon alle).

„Ich will ja nur mein Fernsehprogramm“

Und ebenso egal, ob man gerade ein Kundengespräch hat – soviel zur Diskretion – das Schild mit dem Hinweis auf Diskretion wird dann auch mal beiseite geschoben. Oder es wird sich daran vorbei gedrängelt – meist mit den Worten: „Ich will ja nur MEINE Zeitung/ Fernsehprogramm/ und und und“.

Ich finde das wie immer unmöglich, aber der Kunde ist ja König. Aber manchmal, da reicht es mir dann doch, nur selten, aber manchmal schon. Da kommt ein Kunde rein und sagt „Ich will ja nur das Fernsehprogramm!“, darauf ich: „Oh, das tut mir leid, das habe ich nicht, aber eine Apotheken Umschau könnte ich Ihnen anbieten.“ Darauf dann der Kunde: „Sie haben wohl einen Clown gefrühstückt, die meine ich doch.“ Dazu ist mir dann auch noch eine Menge eingefallen, was ich dann aber besser für mich behalten habe.

Sinnlose Verhandlungsgespräche

Witzig ist auch, dass es einige Kunden wirklich jeden Monat auf ein Neues versuchen, uns die Zeitung vor dem 1. oder 15. aus dem Kreuz zu leiern. Komischerweise immer die gleichen, die dann auch immer die gleichen Antworten bekommen. Toppen lässt sich das dann noch, wenn die Erscheinung der Zeitung mit dem Quartalswechsel zusammen fällt. Dann wollen sie nicht nur die Zeitung vorher, sondern auch noch ihre ach so plötzlich ausgegangenen Medikamente vorab, weil der böse Doktor ja so plötzlich am Ende des Quartals die Praxis einfach zu macht – bestimmt, damit er sein Budget nicht über die Masse strapaziert, so zum Ende des Quartals – nicht etwa, damit er die Abrechnung machen kann – wäre ja zu simpel, sowas.

„Sie wollen mir also nicht helfen.“

Und dann die immer wieder gleiche Antwort „Es tut mir Leid, aber dafür brauche ich ein Rezept“, um dann die meist auch leicht ausfällige Antwort zu bekommen „Stellen Sie sich doch nicht so an. Sie wissen doch, dass ich das IMMER bekomme und ich reiche das Rezept ja schließlich nach!“.

Daraufhin ich dann: „Ich mache mich aber strafbar, wenn ich Ihnen das so mitgebe!“ Um dann die Antwort zu bekommen „Erzählen Sie mir doch nichts. Sie wollen mir einfach nicht helfen! Aber die Umschau kann ich doch schon haben, oder machen Sie sich damit auch strafbar?“.

Daraufhin ich dann wieder: „Nein strafbar nicht, aber ich habe die Umschau wie immer erst am 1. bzw. 15. und vorher gibt es diese wie jeden Monat auch nicht!“. Dann die Kunden: „Sie wollen mir also nicht helfen. Auch gut, dann gehe ich halt in Zukunft in die andere Apotheke!“ Das tun sie dann aber auch nicht, denn da ist es nicht anders als bei uns – jeden Monat das gleiche!

Am Jahresende eskaliert es dann völlig

Aber auch das lässt sich um den 1. Dezember noch steigern. Denn da gibt es auch noch die Kalender. Wir haben da die Wand- und Taschenkalender. Jeweils in 3 oder 4 Ausführungen. Aber nicht, dass das reichen würde – nein, wir erdreisten uns in jedem Jahr dazu, einfach nicht genug Auswahl zu haben.

Und wie jedes Jahr gibt es auch hier die ganz Unverschämten, die sich an allen „richtigen Kunden“ vorbei drängeln und dann mitten in ein Verkaufgespräch hinein platzen mit den Worten „Ich will ja nur die Fernsehzeitung und wenn Sie so lieb sind, je einen von den Wandkalendern und zwei Taschenkalender – gleich für meinen Mann und die Nachbarin mit!“ Was machen die damit? Zu Weihnachten verschenken? Die Wohnung tapezieren? Ehrlich, soviele Kalender kann sich doch keiner irgendwo hin hängen, oder?

Ob sich das jemals ändern wird? Wir verwöhnen unsere Kunden einfach zu sehr. Ob sie das in der Internet-Apotheke auch so machen? Oder ob der Service auf die niedergelassenen Apotheken beschränkt ist?

 

Bildquelle: thierry ehrmann, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.05.2017.

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algol2008
#14 am 22.05.2017 von Gerhard Patig (Apotheker)
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Gast
Die Apotheker merken leider nicht wie sie vom Wort&Bild Verlag so richtig über den Tischgezogen werden
#13 am 21.05.2017 von Gast
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@ Anonymer Gast #11: Ich arbeite gemeinsam mit einer weiteren Hausarztpraxis in einem Fachärzte-Zentrum. Da kommen viele mit frisch verordneten Medikamenten aus der Apotheke zu uns, um nach Verträglichkeit, Wirkung, Nebenwirkung, Erfolgschancen, Risiken zu fragen. Und, um sich ihre Befunde bzw. Diagnosen erklären zu lassen, wofür die Fachärzte heutzutage keine Zeit mehr verschwenden wollen (Laborkontrollen incl.). So sieht es aus!
#12 am 21.05.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Die meisten Leute gehen halt erst zum Arzt und anschließend in die Apotheke. Dort gibt es oft noch Tüten, deshalb muß die Lektüre nicht unter den Arm geklemmt werden.
#11 am 21.05.2017 von Gast
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Dazu auf Twitter: DocCheck @DocCheck #Apotheken-#Umschau. Alle drehen durch. Man kann die Dimension des Hypes um die Apotheken Umschau nur erahnen.https://t.co/Z5Cf88TxS2 Thomas G. Schätzler @ThomasGSchtzler Antwort an @DocCheck Hype unglaubwürdig: Habe noch keine/n einzige/n Patienten/in in meiner Hausarztpraxis mit einer "Apotheken-Umschau" unterm Arm gesehen!
#10 am 21.05.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  2
D.H.
Bei vielen geht es denke ich wirklich darum das es Kostenlos ist und es vlt auch mal eine Zeit gab wo das was in der Umschau stand wirklich gehalt hat. Doch viele können leider nicht den Unterschied zwischen den Anzeigen und den Fachartikeln erkennen und wollen das in den Anzeigen als ach so tolle Produkt welches oft überteuert ist natürlich haben. Warum die Zeitung so beworben wird? Es ist ein Werbeinstrument das eben genau aus den oben genannten Gründen genutzt wird. Es ist ein Machtinstrument, das den Firmen die darin Werben in den Augen vieler Kunden eine Seriösität gibt.
#9 am 21.05.2017 von D.H. (Gast)
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Gast
Apothekenumschau ist für mich Altpapier. Geistiger Nährwert = Null.
#8 am 21.05.2017 von Gast
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Gast
Seit dem der Kunde bei uns 0,50€ für den Kalender zahlen muss, hat sich die Lage wenigstens im Dezember entspannt. Das Geld wird für das Kinderhospitz gesammelt.
#7 am 21.05.2017 von Gast
  1
Die Umschau gibt es bei uns nur für Stammkunden. ..das klappt besser jetzt. Aber das eine oder andere Mal wird es trotzdem nervig. Die Kalender zum Jahresende gibt's nur gegen einen Obolus von 50 Cent. Das eingenommene Geld wird gespendet. Wir überlegen uns im Team vorher, welchem Verein oder welcher Einrichtung wir das Geld spenden, z.b.Feuerwehr, Spielmannzug....Das wird unseren Patienten über einen Flyer, der neben den Kalendern steht mitgeteilt. Statt 50 Cent spenden viele wesentlich mehr. Manchmal 5 oder 10 Euro. Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht. ...Vesuchen Sie es doch einfach mal. Übrigens. ...alle Apotheken aus dem Notdienst Kreis machen mit. ..Bis auf eine....das negieren wir einfach; -).
#6 am 21.05.2017 von Petra Ballandat (Apothekerin)
  1
Ärztin
Unglaublich! Als glücklicherweise überwiegend gesunde Mittdreißigerin suche ich persönlich ja eher selten Apotheken auf... wenn mir eine Zeitschrift oder ein Päckchen Taschentücher angeboten wird nehme ich dankend an. Aber da es sich bei diesen Kundengeschenken offenbar um sehr begehrte Ware handelt auf die einige Mitmenschen regelrecht angewiesen zu sein scheinen werde ich in Zukunft darauf verzichten. Ich kann mir auch einen Kalender für 3,99€ im Handel kaufen, andere scheinbar nicht. Das ist schon erschreckend. Mir ist allerdings nicht klar warum die Rentnerbravo auch noch im TV so aggressiv beworben wird wenn es so wenig Exemplare gibt dass sich die Rentner darum schlagen müssen. Kann man sich tatsächlich keine Fernsehzeitung leisten oder geht es nur um eine "da-gibts-was-umsonst-schnell-mitnehmen-egal-ob-wirs-überhaupt-brauchen-Geschichte"?
#5 am 20.05.2017 von Ärztin (Gast)
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Gast
Für so ein Käseblatt?
#4 am 20.05.2017 von Gast
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Oh wie ich das kenne... Es wird tatsächlich seltenst nach der Umschau gefragt. Eher nach der "Rundschau" und falls noch eine andere Zeitschrift daneben liegt, wird diese äußerst kritisch beäugt. Und dann wieder weggelegt mit den Worten :" Nein, das ist die Falsche!" --> Wie war das noch mit dem "geschenkten Gaul" ??
#3 am 19.05.2017 von Sonja Solisch (Apothekerin)
  1
Gast
Manchmal bin ich kurz davor die Zeitschriften bzw. Kalender in eine Schütte zu schmeissen und VOR die Apotheke zu stellen....sollen sich die "Kunden" doch drum prügeln.......und drinnen ist herrliche Ruhe!
#2 am 19.05.2017 von Gast
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Gast
Herrlich! Vielen Dank für diesen Schmunzler zum Wochenende. Mir wird übrigens die "Rentnerbravo" immer in unserer dörflichen Apotheke für die betagten Eltern aufgedrängt. Meine Antwort wiederhole ich ebenfalls regelmässig. "Nur die Medizini mit hübschem Poster. Sonst muss ich in den nächsten Tagen sämtliche Fachärzte mit Vaddern abkaspern!".
#1 am 19.05.2017 von Gast
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Also bis lang dachte ich ja immer, es ist total toll, dass wir unsere Patienten schon mit den Versichertendaten mehr...

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