„Ich finde dich wirklich sehr nett“

18.05.2017
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Du bist die neue Praktikantin? Herzlich Willkommen! Aber du bist zu früh, die Morgenbesprechung fängt erst um neun an. Setz dich sonst solange einfach dort in den Raum und warte auf uns.’

Vor lauter Aufregung und Angst, den Weg auf die richtige Station doch nicht zu finden, bin ich zehn Minuten zu früh. Alles war viel einfacher als gedacht, dank der CityMapper-App und einem freundlichen Wärter an der Einfahrt zum Krankenhausgelände. Nun sitze ich in dem karg eingerichteten Raum, zwei Tische in der Mitte, ein paar Klappstühle, in der Ecke ein Computer von Anfang der 2000er. Nach und nach trudeln Ärzte ein, der Frauenanteil überwiegt. Alle haben ein Lächeln für mich übrig – immerhin sind wir auf der Pädiatrie.

Wie man es sich in der Pädiatrie vorstellt

An den Stereotypen der verschiedenen Fachrichtungen in der Medizin ist so einiges dran. Pädiater sind ausgesprochen sozial und achten sehr aufmerksam auf das Wohl ihrer Mitmenschen; das werde ich im Laufe der Zeit noch genauer mitbekommen. Ich schaue mich um. Langsam trudeln auch ein paar Studenten ein.

Mädels, die ihre langen offenen Haare gekonnt von rechts nach links zerwuscheln. Einige tragen Lippenstift. Statt Turnschuhen sehe ich Absätze, zum Teil sogar gewagt kurze Röcke. So gehen also Pariserinnen zum Dienst ins Krankenhaus. Die Besprechung beginnt. Ich verstehe kein Wort. Ob es wirklich die richtige Entscheidung war, meine erste Famulatur in Paris zu machen? Immerhin liegt mein Schulunterricht schon einige Jahre zurück.


Auslandserfahrungen: Ja oder nein?

Rückblickend kann ich, was meine Auslandserfahrungen angeht, aus tiefstem Herzen sagen: Es lohnt sich. Von vorne bis hinten. Sicherlich ist es anfangs etwas schwieriger, dafür bekommt man aber Einblicke in ein anderes Land, die weit über die Unterschiede in der medizinischen Versorgung hinausgehen.

Praxisorientiertes Frankreich

Frankreich ist zudem ausgesprochen gut geeignet für Mediziner, denn hier ist das Studium sehr praktisch organisiert: Ab dem dritten Studienjahr verbringen die Studenten fast 50% ihrer Zeit in der Klinik.

Sie sind schon weitaus intensiver in den Klinikalltag eingebunden als wir in Deutschland, was ich ausgesprochen positiv erlebt habe. Und die Suche nach einem Praktikumsplatz hatte sich im Vorhinein sehr einfach und unkompliziert gestaltet: Telefonisch habe ich mich unter der allgemeinen Nummer des Krankenhauses Trousseau, das ich mir ausgesucht hatte, nach dem richtigen Ansprechpartner für den Bereich meiner Wahl erkundigt – die Kindernotaufnahme.

Zugegeben kostet das in einer Fremdsprache etwas Überwindung; aber nun ja, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und dann einfach eine Mail versendet mit kurzem Vorstellungsschreiben und Lebenslauf. Die Zusage kam noch am gleichen Tag. Wohnung suchen (die Plattform airbnb ist für ein paar Wochen gut geeignet) und los.

Gute Betreuung und positives Feedback

Am Ende der vier Wochen kommt die beste Rückmeldung von einem kleinen Patienten. Der Achtjährige ist mit seiner Mutter da, seit einigen Tagen plagen ihn immer wieder Bauchschmerzen. Ich bin in den letzten Wochen gut eingearbeitet worden in die Abläufe und habe gelernt, ein Anamnesegespräch zu führen und die Kinder zu untersuchen. Irgendwie ging das mit dem Französisch dann doch, zumal ich viele Patienten bzw. Patienteneltern hatte, die in anderen Ländern aufgewachsen sind und daher mit einer langsamen und einfachen Sprache sehr zufrieden sind.

Anschließend übergebe ich meine kleinen Patienten an eine der Assistenzärztinnen (inklusive vorsichtiger Diagnosestellung oder -vermutung) und gemeinsam mit ihr untersuche ich das Kind erneut. Schließlich muss meine Arbeit noch überprüft werden, als Praktikantin werde ich nicht allein gelassen, sondern bin dort, um zu lernen. Als ich also beginne, den Jungen zu untersuchen, erkundigt sich seine Mutter nach dem Weg zu den Toiletten; sie könne sich doch kurz zurückziehen? Fragend schaue ich ihren Sohn an.

„Je te trouve vraiment très gentille“

Ist es für ihn in Ordnung, wenn wir zwei kurz allein sind? Er nickt lässig und lässt sich brav weiterhin von mir untersuchen. Wir verstehen uns ausgesprochen gut und reden über die bevorstehende Sonnenfinsternis. Ich kann seine Begeisterung nachvollziehen. Kurz bevor seine Mutter zurückkommt dann der ernste direkte Blick aus Kinderaugen: „Je te trouve vraiment très gentille“, zu Deutsch „Ich finde dich wirklich sehr nett.“ Ich schmelze dahin. Was für schöne Momente und Erfahrungen, die ich hier machen durfte.
 

Bildquelle: Jonas Bengtsson, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.05.2017.

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