Der Koffein-Tod: Fakt oder Fiktion?

18.05.2017
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Vor wenigen Tagen titelte Spiegel Online „16-Jähriger stirbt an Überdosis Koffein“. Er nahm innerhalb von nur zwei Stunden mehrere koffeinhaltige Getränke zu sich und war kurze Zeit später tot. Angeblich war der Junge zuvor weder den Drogen noch Alkohol besonders zugewandt gewesen, ebensowenig hatte er Vorerkrankungen. Was ist also dran an diesem Fall?

Mehrere US-Medien zitierten den zuständigen Gerichtsmediziner, Gary Watts, laut dessen Aussage der Junge am 26. April innerhalb von zwei Stunden eine große Flasche Mountain Dew, einen Café Latte und einen Energydrink getrunken hatte. Mountain Dew ist dabei ein sehr stark koffeinhaltiges Zitronengetränk auf Limonadenbasis. Wenig später brach der Jugendliche im Klassenzimmer zusammen und erlag einem Herzstillstand – ausgelöst durch das Koffein in den Erfrischungsgetränken?

Fakt ist, dass koffeinhaltige Softdrinks häufig ebenso viel Koffein enthalten wie Kaffee, teilweise auch mehr. Sie werden aber, anders als der Kaffee, sehr viel schneller, in größeren Mengen und sehr oft in Kombination mit Alkohol konsumiert, woraus sich gewisse Risiken ergeben, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 2014 in einer großangelegten Studie aufdeckte. Eine Überdosis Koffein, so heißt es im Bericht der WHO, könne zu Herzrasen, Hypertonie, Übelkeit, Erbrechen, Krämpfen und im schlimmsten Fall auch zum Tode führen.

Die Studienlage ist dünn

Magnus Baumhäkel, Kardiologe aus Saarbrücken, merkt hierzu an: „Es liegen nur wenige Studien bezüglich der Assoziation von Koffein und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Wir wissen aber, dass ein moderater Koffeingenuss das Risiko für einen kardiovaskulären Tod sogar reduzieren kann.“

 „Die heutzutage gebräuchlichen Energydrinks beinhalten teilweise sehr hohe Koffeinkonzentrationen und werden darüber hinaus häufig zusammen mit Alkohol eingenommen. Ausreichende Daten bezüglich möglicher Herz-Kreislauf-Komplikationen liegen hierzu bislang nicht vor. Es gibt jedoch Hinweise auf beispielsweise eine erhöhte Gerinnbarkeit des Blutes bei exzessivem Genuss von Energy Drinks“, so Baumhäkel weiter.

Das Vorkommnis aus den USA bewertet Baumhäkel wie folgt: „In dem vorliegenden Fall ist eine Einschätzung sehr schwierig. Wir wissen nicht, ob vielleicht doch eine bislang unentdeckte Herzerkrankung vorgelegen hat. Vor allem genetische Störungen des Reizleitungssystems des Herzens bleiben oftmals lange unentdeckt, können aber bei Belastungen wie kompetetivem Sport, aber auch bei erhöhtem Koffeingenuss zu Herzrhythmusstörungen bis hin zu einem Herzstillstand führen.“

Das Fazit des Experten: Ein moderater Koffeingenuss ist sicherlich nicht schädlich. Exzessiver Genuss sollte jedoch vermieden werden.

Süße Verlockungen durch Energydrinks

Die vermeintlichen „Energiebomben“ bergen neben dem Koffein durchaus noch weiteres Ungemach, wie die WHO ebenfalls in den vergangenen Jahren wiederholt erklärte. So ist etwa der süße und anziehend fruchtige Geschmack vieler solcher Erfrischungsgestränke gerade für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen sehr attraktiv. Dies ist ebenfalls ein Grund, weshalb die Kombination aus Energydrink und Alkohol so gefährlich ist. Der süße Geschmack verdeckt vielfach den Alkoholgeschmack deutlich, wodurch größere Mengen des Getränke-Mixes in kürzerer Zeit konsumiert werden.

Wenn auch der Zusammenhang zwischen Energydrink mit oder ohne Alkohol und dem Herztod weiterhin nicht sicher geklärt ist, lassen die folgenden Konsumdaten doch zumindest aufhorchen: Einer Studie der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nach, konsumieren hauptsächliche junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 29 Jahren Energydrinks in Kombination mit Alkohol; immerhin taten dies 71 % der Befragten in der zitierten Studie.

Einer Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) aus dem Jahr 2014 zufolge nimmt der durchschnittliche Diskothekenbesucher etwa einen Liter Energydrinks gemischt mit Alkohol zu sich. In Einzelfällen waren es sogar bis zu fünf Liter innerhalb von 24 Stunden!

Bereits Kinder greifen zum Energieschub aus der Flasche

Die bereits zuvor zitierte EFSA-Studie aus dem Jahr 2013 belegte ferner, dass jedes fünfte Kind in Europa im Alter zwischen sechs und zehn Jahren Energydrinks konsumierte. Unter diesen Kindern gab es zudem bereits Vielverzehrer, welche wöchentlich etwa vier bis fünf Mal einen knappen Liter koffeinhaltige Erfrischungsgetränke zu sich nahmen.

In einem Bericht der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2014 wird dazu ein Kinderkardiologe zitiert, der ein erhöhtes Risiko für solche Kinder sah, die längerfristig und wiederholt hohe Mengen Energydrinks zu sich nahmen. Die Folgen können Herzrhythmusstörungen, Hypertonie und Kardiomyopathie sein.

Fazit

Bisher gibt es zu wenige Studien, um zweifelsfrei zu klären, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen koffeinhaltigen Energydrinks und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt.

Dennoch kann ein Gesundheitsrisiko bei regelmäßigem und hohem Konsum koffeinhaltiger Erfrischungsgetränke gerade für Kinder, Schwangere, Stillende und koffeinempfindliche Personen nicht generell ausgeschlossen werden, was sowohl die WHO als auch das BfR einstimmig feststellen.

Inwieweit der Konsum koffeinhaltiger Drinks beim vorliegenden Fall eines 16-jährigen Jungen aus den USA ursächlich mit dessen plötzlichem Herztod zusammenhängt, kann derzeit nicht abschließend geklärt werden. Aus Expertensicht ist jedoch ein moderater Koffeingenuss per se sicher nicht schädlich. Der exzessive Konsum allerdings ist zu vermeiden.

 

Bildquelle: Daniel Novta, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 18.05.2017.

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Gast
Damit Assistenzärzte ihre Bereitschaftsdienste besser vertragen, wurde Modafinil aus der BTM-Pflicht herausgenommen. Sind die noch fit genug, wenn sie nach Dienst ein KFZ nach Hause lenken?
#9 am 21.06.2017 von Gast
  0
Plötzlicher Herztod und Koffein-Intoxikation? Die Originalmeldung lautet: "At a press conference held today at 1:00 p.m. at the Richland County Coroner’s Office at 6300 Shakespeare Road, Columbia, SC, Richland County Coroner Gary Watts released the cause of death of Davis Allen Cripe. Mr. Cripe was the 16 year-old Spring Hill High School student that died on April 26, 2017. The final cause of death was determined to be due to a caffeine-induced cardiac event causing a probable arrhythmia." Quelle http://rccosc.com/news-2015-archive/ Daraus geht eine vage Vermutung einer wahrscheinlichen Arrhythmie als Koffein-induziertes Herz-Ereignis und damit einer "bestimmten" Todesursache hervor. Eine möglicherweise kausale Ursache-Wirkungsbeziehung bleibt damit völlig offen und ermöglicht der interessierten Öffentlichkeit die wildesten Spekulationen.
#8 am 19.05.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
Koffein, Zucker und Aspartam - keine gute Mischung. Nicht wenige Kinder trinken sich mal einen Cola-Rausch an. Leider gibt es immer noch zu viele dumme Erwachsene, die ihren Kindern zur "Belohnung" mit Süßigkeiten und koffeinhaltigen Getränken etwas "Gutes" tun wollen. Es wird in Deutschland von staatlicher Seite zu wenig getan um auf die Gefahren und Folgen von erhöhtem Konsum hinzuweisen!
#7 am 19.05.2017 von Catherina Wallrabenstein (Mitarbeiterin Industrie)
  6
Gast
Etwas, was wie das strahlende Abwasser eines AKW aussieht, kann einfach nicht gesund sein :D
#6 am 18.05.2017 von Gast
  6
Gast
Laut Wikipedia gibt es den Begriff "Mountain Dew mouth": Karies durch den enormen Zuckergehalt. Noch ein guter Grund, von dem Zeugs die Finger zu lassen. Was allerdings die Aspartamschelte angeht - nun ja.
#5 am 18.05.2017 von Gast
  2
Long-QT-Syndrome könnnen bis ins Erwachsenenalter asymptomatisch oder oligosymptomatisch bleiben, insbesondere wenn der Betroffene sich körperlich nie ausbelastet. Bei einer Obduktion sind sie -ohne molekulargenetische Gewebsuntersuchungen- regelhaft nicht nachweisbar. Insofern ist eine solche oder ähnliche Erkrankung nicht ausgeschlossen. Evtl. gibt die Familienanamnese Hinweise. Dass viel Koffein, vielleicht verbunden mit Stress, dann einmal ein Kammerflimmern auslösen kann, ist nicht undenkbar. Dann liegt es aber an der - unerkannten- Vorschädigung.
#4 am 18.05.2017 von Dr. med. Christof von Gliszczynski (Arzt)
  1
Gianni Bec
Hallo, zu obigem Thema finde ich leider nicht gut, daß es nur von der Substanz - Kaffee - ausschließlich und nur eigentlich nicht von den Anderen Substanzen gesprochen wird, wie z.B. von Ersatz - Zucker jeglicher Art wie z.B. dem tötlichen Ersatzzucker als Zucker - Ersatz sei erwähnt - ASPARTAM -. Ein Vorprodukthersteller von einem - als kriminell zu bezeichnenden Unternehmen und welches heißt,,? ... wer nochmal ... Monsanto .... und so heißt. Ich selbst bin gegen Diesen Chemiecocktail hochgradig Allergisch und prost kann ich dazu nur noch sagen.
#3 am 18.05.2017 von Gianni Bec (Gast)
  30
Gast
#1 : Ich habe nicht den Eindruck, daß Sie früher leistungsfähig waren bzw. jetzt sind. Da ist es mal wieder die rundum gesunde und auch noch ausgewogene Ernährung, aber wer macht denn sowas, abgesehen von Widersprüchen, worin diese genau besteht, schon ? Ach die obligatorische Bewegung fehlt mir. Dennoch ist es kein Pädoyer für Energie-Drinks, die halt modisch sind. Früher war vieles ( nicht alles ) besser..
#2 am 18.05.2017 von Gast
  23
Energydrinks? Wofür sollen die gut sein? Die gab es früher gar nicht und wir waren doch alle leistungsfähig. Einfach mal mit gesunder Ernährung probieren und für ausreichenden Schlaf sorgen - dann brauchen die Kids auch keinen Koffeeinkick.
#1 am 18.05.2017 von Martin Bökenkamp (Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent)
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