Wenn Assistent und Oberarzt still Plätze wechseln

15.05.2017
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„Jetzt seien Sie bitte ruhig und bewegen Sie sich nicht, wir müssen uns konzentrieren.“ Die Worte der Ärztin sind klar und deutlich. Sie ist angespannt. Das spürt auch der Patient, der zum dritten Mal angemerkt hat, dass die OP seines linken Auges länger dauere als die des rechten (das vor zwei Wochen dran war) und sich erkundigt, ob alles seine Ordnung habe.

Bis eben hat die Ärztin ihn noch selbstbewusst beruhigen können und die Assistenzärztin, die noch lernt und daher tatsächlich etwas langsamer ist als erfahrene Chirurgen, ihre Arbeit machen lassen. Nun ist leider wirklich etwas schief gegangen und sie fährt dem Patienten über den Mund.

Die Oberärztin ist mittlerweile selbst am Werk und versucht, wieder gut zu machen was noch gut zu machen ist. Da ist kein Platz für ein Gespräch mit dem Patienten; genaues kann sie ihm ohnehin erst sagen, wenn der Eingriff vorbei ist und selbst dann wird man noch nicht absehen können, wie sich sein Auge erholen wird.


Learning by doing (it wrong)

In der Medizin ist es wie in jedem anderen Job: Ein Teil ist „training on the job“. Aber wie in einem echten Handwerk bedeutet das auch, dass Fehler ihre Folgen haben und nur zu einem gewissen Grad ausgebessert werden können. Sarah, Assistenzärztin im dritten von fünf Ausbildungsjahren, ist eigentlich schon recht erfahren. Sie hat bereits so manche Katarakt-OP hinter sich.

Dabei wird die trübe Linse, durch die der Patient die Welt nur noch unscharf und teils wie durch einen gelben Schleier verhangen sieht, durch ein Implantat ausgetauscht. Der Eingriff dauert – von geübter Hand ausgeführt – oft noch nicht einmal eine Viertelstunde.

Es geht schief, es wird improvisiert

Doch Sarah hatte heute beim Setzen des Implantats Schwierigkeiten: Dank moderner Technik wird das Auge nur durch einen sehr kleinen Schnitt eröffnet, 2,2 mm ist er lang. Je kleiner der Schnitt, desto schneller der Heilungsprozess. Die Linse hat einen Durchmesser von etwa 1 cm, wird eingerollt eingesetzt und entfaltet sich erst im Auge. Dafür wird ein spezielles Instrument eingesetzt, eine Art Spritze. Und deren Handhabung erfordert Übung.

Eben hat sie etwas geklemmt, die Oberärztin hat noch warnende Worte ausgesprochen, doch schon war es zu spät und Sarah hatte etwas zu kräftig gedrückt: Die Linse war unkontrolliert und mit zu viel Wucht in das Auge geschossen.

Dabei ist die Rückseite des kleinen Säckchens, das natürlicherweise die Linse hält und in das eigentlich auch das Implantat hätte gesetzt werden sollen, gerissen. Nun muss die Kunstlinse wieder entnommen und die Operationstechnik geändert werden. Der Eingriff wird insgesamt deutlich invasiver. Still und heimlich haben Assistenz- und Oberärztin die Plätze gewechselt.

Präventionstechniken

Es ist insgesamt sch**** gelaufen, ein Fehler im besonders riskanten Moment der Operation ist nun mal der Worst Case. Ich denke darüber nach, was anders hätte laufen können oder sollen, um dieses Missgeschick mit Folgen zu verhindern.

Die Liste ist mit Sicherheit nicht vollständig. Und gleichzeitig wird es immer Restrisiken geben; Menschen sind nun mal nicht perfekt. Unser Patient wird in drei Tagen zur Kontrolle erscheinen. Das Risiko einer Infektion ist leider sehr hoch.

Intensive Nachsorge

Direkt nach der Operation spritzt ihm die Ärztin antientzündliche Medikamente und Antibiotika ins Auge, in den nächsten Tagen wird das Auge in Form von Tropfen weiterhin damit versorgt. Ob durch intensive Nachsorge das Schlimmste verhindert werden kann, wird sich zeigen. Bei einer Infektion wäre das Risiko einer Netzhautablösung ziemlich hoch. Und für den Patienten könnte das bedeuten, dass er einen bleibenden Gesichtsfeldausfall erhalten könnte, das heißt einen partiellen Verlust seines Augenlichts.

Am besten ist: Weitermachen

Sarah operiert an diesem Vormittag noch den Katarakt von drei weiteren Patienten. Erfolgreich und gekonnt. Ein bisschen fühle ich mich daran erinnert, was man mir als Kind über einen Sturz vom Pferd gesagt hat: direkt wieder aufsteigen. Ansonsten könnte es sein, dass die Hemmung und Angst zu groß wird und man es ganz aufgibt.

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Bildquelle: Teri Tynes, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 17.05.2017.

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Gast
in quasi jeder Abteilung kann man im dritten Jahr operieren. In der Augenheilkunde ist das immerhin schon mehr als die Hälfte der Facharztausbildung. Und auch wenn man erst im 10. Jahr anfangen würde bleiben die ersten Eingriffe die ersten Eingriffe.
#3 am 18.05.2017 von Gast
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Ärztin
Die Geschichte kommt mir sehr bekannt vor... ich meine das vor einiger Zeit hier schon einmal gelesen zu haben... und meine auch mich an eine sehr sehr unschöne Diskussion zu erinnern.
#2 am 17.05.2017 von Ärztin (Gast)
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Gast
Die Kararakt heißt es richtig. Wo bitte kann man denn im dritten Jahr operieren?
#1 am 17.05.2017 von Gast
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