Tote Menschen frieren nicht

11.05.2017
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Eine meiner Patientinnen betreut alte Menschen. Sie pflegt sie zu Hause, kümmert sich um ihr körperliches und seelisches Wohlergehen. Diese Beziehungen enden immer mit dem Tod der betreuten Personen. Das hat meine Patientin schon viele Male miterlebt.

Vor einigen Tagen hat sie mir von der alten Dame erzählt, um die sie sich zuletzt gekümmert hat. Es gab eine Verfügung, dass sie zu Hause sterben wollte und als der Zeitpunkt gekommen war, saß meine Patientin am Sterbebett. Sie nahm die alte Dame in die Arme und erzählte ihr Geschichten, von denen sie wusste, dass sie die Sterbende beruhigen würden. Als es vorbei war, holte sie den Arzt, der den Tod bescheinigte. Danach saß sie wieder am Bett der alten Dame und wartete auf die Männer vom Bestattungsdienst.

Als diese schließlich eingetroffen waren, breiteten sie den Leichensack auf dem Boden aus und legten eine Folie hinein, auf die sie den leblosen Körper der alten Dame betteten.

Da platzte es aus meiner Patientin heraus: „Aber das ist doch viel zu kalt!“

Die Blicke der Bediensteten vom Bestattungsdienst seien überrascht gewesen, auch mitleidig, aber verständnisvoll.

So sind wir Menschen. Wir wissen über die Endlichkeit des Lebens, akzeptieren notgedrungen den Tod, aber wenn er im Zimmer steht, bleibt uns nur das Vokabular der Lebenden.

 

Bildquelle: Tim Green, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.05.2017.

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Gast
Vielen Dank für den Beitrag. Über die letzten Ferien habe ich eine Ferienjob bei einem Bestatter gehabt. Es war außergewöhnlich, da man eine komplett neue Welt kennen lernt. Leider macht man sich kaum Gedanken über den Tod, wobei man ihn nie vorhersehen kann.
#24 am 03.08.2017 von Gast
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Elle Vaude
Der Bruch, dass da ein Mensch nicht mehr lebt und atmet, der vorher - wenn auch krank - noch gelebt und geatmet hat, ist groß. Den Gedanken, dass jemand frieren könnte, obwohl er es nicht mehr fühlen kann, kann ich nachvollziehen. Dieser Übergang und das Verstehen, was da passiert ist, dass da ein Leben geendet hat, braucht Zeit und den Impuls, jemanden wärmen zu wollen und schützen, finde ich natürlich. Meine Oma ist bis nachmittags daheim bei offenem Fenster in ihrem Zimmer geblieben, wir waren bei ihr abwechselnd, haben erfahren, dass sich nichts mehr regt und sie "ausgeflogen" ist. Als der Bestatter sie dann für die Einäscherung abgeholt hat, war sie schon kalt und wirkte gar nicht mehr wie von dieser Welt. Das hat zumindest mir geholfen, diesen Schritt aus dem Leben heraus zu begreifen.
#23 am 15.05.2017 von Elle Vaude (Gast)
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Respekt vor dem Menschen, auch nach dem Tod sollte selbstverständlich sein. Sonst kann man die Lebenden auch nicht respektieren.
#22 am 14.05.2017 von Katja Bartsch (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Danke für diese Geschichte. Ich glaube, diese liebevollen Gesten gehören zum Menschsein - schon immer gab man Verstorbenen Wegzehrung mit, zog sie schön an, sorgte sich um ihr Wohlergehen auch nach ihrem Tod . Auch Tiere hat man schon bei Ähnlichem beobachtet, beispielsweise Elefanten. Der Tod ist etwas Natürliches, jedoch unfassbar, und auch Vulkanausbrüche und Tsunamis sind natürlich; trotzdem will man sie nicht haben.
#21 am 13.05.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
@#1 Der Tod ist etwas natürliches! er ist von der Natur/ Gott (wie auch immer man verstehen will) vorgesehen. Das Problem ist unser Verhältnis zur Natur. Wir entfenen uns immer wieder von dem natürlichen unseres Seins. Oft weil wir nicht annehmen wollen, dass wir nicht immer selbst bestimmen können. Also versuchen wir die Umstände so zu formen, dass wir weitestgehend die Herren über das Wie und Wann sind. Das ist beim Thema Tod aber trotz aller Bemühungen nicht möglich. Daher ist unser Verhältnis zun Sterben so distanziert. Wie sind nicht die Herren in diesem Prozess, sondern müssen hinnehmen das der Weg nicht von uns steuerbar ist. Auch wenn wir mit diversen Dingen die Wegstrecke verändern könne, bleibt das "Ziel" gleich - dagibt es keine Varianten. Das hinzunehmen und sich auf den Weg zu konzentrieren ist schwer, aber macht den Weg einfacher.
#20 am 13.05.2017 von Gast
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ivory
"So sind wir Menschen......" Danke für diese Geschichte!
#19 am 13.05.2017 von ivory (Gast)
  2
Gast
Nachtrag: Bereits im Studium im Präpkurs habe ich mich jedesmal bei der Person still bedankt, dass sie mir hilft das Wunderwerk Mensch zu verstehen und an ihr lernen zu dürfen. Demut vor dem Tod scheint mir angebracht zu sein. Unser Leben ist zu kurz für Nichtigkeiten. Grüße, ein Wicca-Arzt
#18 am 12.05.2017 von Gast
  3
Gast
Hallo Herr Petri! Meist bin ich ja bei der Leichenschau alleine. Dann spreche ich auch ein Gebet, denn ich bin Pagan/Wicca. Meist ist es spontan, sie können aber auch bei Google Wiccan Prayer eingeben oder selber eines verfassen. Sind die Angehörigen mit dabei, bete ich still, ohne Worte. Das ist auch in Ordnung, denn Vater Gott und Mutter Göttin brauchen kein gesprochenes Wort. Das Licht ist ewig und hat viele Namen. Blessed be )o(
#17 am 12.05.2017 von Gast
  5
Gast
Finde ich schade, dass die Angehörigen nicht häufiger beim Sterbenden dabei sein können. Für mich als Stationsarzt bleibt die Leichenschau nach Auftritt der sicheren Todeszeichen eine Amtshandlung und bin längst im Gedanken beim Ausfüllen der Todesbescheinigung. Es macht mich immer demütig zu sehen, wie sich auf einmal plötzlich alle Toten ähneln- tote Hülle, der Charakter, das Leben/ Licht ist weg. Daher - bemühen wir uns lieber richtig vorher, danach..
#16 am 12.05.2017 von Gast
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@14 Mich würde das Gebet an Mutter / Vater - Gott / Göttin interessieren. Wie formulieren sie das, auch vor den Angehörigen? Auf jeden Fall eine würdevolle Geste!
#15 am 12.05.2017 von Michael Petri (Heilpraktiker)
  2
Gast
Ehrlicherweise ignoriere ich manchmal das Verbot von offenem Feuer in Alten- oder Pflegeheimen und zünde nach dem Ausstellen des Scheines eine Kerze an und spreche ein Gebet an Mutter und Vater Gott/Göttin. Hat sich bisher noch keiner beschwert.
#14 am 12.05.2017 von Gast
  2
Als mein Opa im Winter verstarb war auch mein erster Gedanke,hoffentlich friert er nicht.erst als er im Grab bei seinen Eltern lag hatte ich wieder ein "warmes" beruhigendes Gefühl.
#13 am 12.05.2017 von Svenja Höse (Kinderkrankenschwester)
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Bis heute bin ich Herrn Diakon Kühleis dankbar für seine Veranstaltung im Altersheim über 'Die letzten Dinge regeln', zu der ich als Hausarzt einen Beitrag leisten durfte. Er fiel mir schwer, darüber zu sprechen, war ich doch auch oft bis zur letzten Stunde für meine Patienten da. Die Angst vor der Kälte kann ich gut nachvollziehen. Danke Herrn Kollegen Teuschel für den einfühlsamen Artikel.
#12 am 12.05.2017 von Dr. med. Michael Traub (Arzt)
  1
Gast
Ein normales Verhalten! Wer hat denn nicht als Kind, die tote Maus, den toten Vogel, mit Blätter und Gras warm eingepackt und zugedeckt? Nur mit dem Unterschiedt: als Kind bekamen wir nie / selten einen Verstorbenen zu sehen.
#11 am 12.05.2017 von Gast
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Im Pflegeheim wurde eine verstorbene Bewohnerin richtig warm angezogen, "weil sie im Leben immer so gefroren hat, konnten wir sie doch nicht im Hemd gehen lassen".
#10 am 12.05.2017 von Karin Rohloff (Heilpraktikerin)
  1
Gast
Wie sehr fehlt uns doch eine Sterbekultur. Waschen, kleiden, aufbahren, meinetwwegen auch Klagelieder. Statt dessen kommt bei Nacht und Nebel der Bestatter und holt den Vertorbenen ab, damit der Tod schnell aus dem Haus ist.
#9 am 12.05.2017 von Gast
  2
@#2 Weil es ein Mensch ist? Wenn auch ein toter Mensch, um den man sich aber eben noch gekümmert hat, den man eben noch nach Möglichkeit warm, weich und bequem gebettet hat. Der Unterschied ist doch hauptsächlich nur, dass er nun keinen Kreislauf und keine Hirnströme mehr hat. Warum sollte man ihn deshalb nicht - wenigstens für eine Weile - auch weiter so behandeln. Der Übergang vom einen in den anderen Zustand ist oft genug fließend, warum nicht auch der Übergang bei Umgang mit dem toten Menschen? Nur für die Angehörigen greift zu kurz.
#8 am 12.05.2017 von Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast (Biologe)
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@#4 Wieso wird dieser Kommentar geschrieben, wozu?
#7 am 12.05.2017 von Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast (Biologe)
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zu #5 sehr schön, sehr berührend und sehr nachvollziehbar
#6 am 12.05.2017 von Dominik Ewald (Arzt)
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Gast
Ich finde es rührend. Wie schön, wenn das Mitmensch sein die Oberhand behält. Ich habe nach der Leichenschau oft zum Abschied den Verstorbenen übers Haar und das Gesicht gestreichelt. Einfach, weil mir danach war. Weil ich das Sterben als etwas Ehrfurcht gebietendes erlebt habe, so wie Geburten.
#5 am 12.05.2017 von Gast
  0
Gast
Wieso wird dieser Beitrag veröffentlicht? Wozu?
#4 am 12.05.2017 von Gast
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Ein wunderbarer, berührender philosophischer Artikel... Danke dafür!
#3 am 12.05.2017 von Dr. Marion Friedrich (Geisteswissenschaftlerin)
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Warum gäbe es sonst Kissen und Decke im Sarg, wenn nicht für die Angehörigen...
#2 am 12.05.2017 von Alexandra Arnold (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  2
Gast
Daran sieht man, dass der Tod des Menschen als natürlich angesehen wird. Es aber im Endeffekt nicht ist. Sonst hätte man ein anderes Verhältnis dazu.
#1 am 12.05.2017 von Gast
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