Grenzerfahrungen der anderen Art

03.05.2017
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Mein Bäuchlein wächst. Mir und dem kleinen Wesen da drin geht es gut. Mein Chef und meine Abteilung wissen Bescheid. Keine Dienste mehr. Mein Arbeitsalltag wird entspannter, der regelmäßige Schlaf und der Tagesrhythmus in meinem neuen Leben tun mir gut. Ich bekomme Abstand von den vernebelten 80-Stunden-Wochen.

Die Gelassenheit wächst. Mein Verantwortungsgefühl mir und dem kleinen Wesen gegenüber steigt. Immer öfter rutscht mir ein „Nein“ aus dem Mund.

Nein, ich kann nicht mit kommen und dir auf Station helfen.

Nein, ich gehe Mittagspause machen, der Herr mit den Schulterschmerzen seit 12 Wochen muss noch 20 Minuten länger warten.

Nein, häng bitte die Blutkonserven selbst an.

Nein, den Patienten im Isolationszimmer mit MRSA und Clostridien behandle ich nicht.

Nein, ich kann nicht noch eine Stunde länger bleiben, ich bin durch jeden anderen Arzt hier ersetzbar. Das tut gut.

Man versucht, meine Freiheit wieder einzufordern

Mir fallen die vielen erhitzten, wutschnaubenden Gesichter auf den übergewichtigen Körpern und die vielen müden, blassen Gesichter auf den untergewichtigen Körpern meiner Kollegen auf. Die verdammt kurzen Nerven, die jederzeit bereit sind, zu explodieren. Immer öfter muss ich schmunzeln über diese einzig- und eigenartige Welt, in der ich da lebe.

Meine Kollegen und mein Chef runzeln die Stirn, verdrehen die Augen, versuchen jeden Tag, ein Stück meiner neu gewonnenen Freiheit einzufordern. Jetzt sei doch endlich Zeit für die Forschung, die Vorbereitung der nächsten Fortbildung, das Übernehmen aller 40 Patienten auf Station oder die Aufarbeitung aller liegen gebliebenen Akten und Briefe inklusive der Gutachten. Grenzen setzen schafft Abstand.

Grenzüberschreitungen verschiedener Art

Leider halten meine Mitmenschen keinen Abstand. In der Morgenbesprechung fasst mir Kollege Oberfeldwebel auf das Bäuchlein – ungefragt. Und Kollege McSexy greift mir, ebenfalls ungefragt, von hinten an meinen unter den Scrubs hervor schauenden BH-Träger und grinst amüsiert (JA, die Brüste wachsen, was für eine eigenartig neue Erkenntnis bei Schwangeren). Da schlage ich kurzerhand um mich, sodass der Radiologe Beifall klatscht.

In der Notaufnahme wartet ein junger Mann mit kaltschweißigem Gesicht. Er liegt auf der Trage und hat bereits Schmerzmittel und Flüssigkeit erhalten. Gestern beim Fußball hat ihm der Gegner in die Leiste und den Oberschenkel getreten. Sein Oberschenkel ist nun prall gespannt, rot und verursacht höllische Schmerzen.

Intime Momente mit Patienten

Durchblutung und Sensibilität ist vorhanden, Motorik schmerzbedingt aufgehoben. Der Ultraschall zeigt massiv freie Flüssigkeit. Auf die Leiste muss ich noch schauen, Unterhose also runter bitte. Er wird rot und schafft es in seinem Zustand noch einen Scherz zu machen: „Das würde ich mir wirklich häufiger wünschen. Dass mich junge, hübsche Frauen bitten, mich untenrum frei zu machen.“

Ich lache und entschuldige mich. Das mit der Intimität ist eben so eine Sache. Wenn er wolle, könne ich auch einen Kollegen holen. Er schüttelt den Kopf. Wir bereiten ihn für die OP vor, das Hämatom muss ausgeräumt werden. Bevor er in den OP fährt, fragt er mich: „Da sie ja jetzt schon alles von mir wissen und alles von mir gesehen haben, kann ich Ihre Telefonnummer haben?“ Ich kriege einen Lachanfall. Abstand bitte!

 

Bildquelle: 7854, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.05.2017.

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Schätze Ihr Alter über 70... ;-)
#11 am 10.05.2017 von Dr. med. Wiltrud Rimpl (Ärztin)
  4
Anscheinend ist etwas ganz besonderes, wenn eine Unfallchirurgin schwanger wird. Jede berufstätige Frau, die schwanger wird, hat die mehr oder weniger leichte oder schwierige Aufgabe, Ihr berufliches Umfeld so zu strukturieren, dass es zu der neuen Situation passt. Bei Medizinerinnen ist das nicht anders. Hier kann es aber sein, dass zuvor die Tendenz bestand, sich für besonders wichtig und unersetzlich zu halten; dann ist natürlich die Kehrtwende etwas schwieriger. Die Beiträge von Lieschen Müller sind aber wahrscheinlich für Lieschen Müller gedacht und gar nicht ernst zu nehmen .....
#10 am 10.05.2017 von Dr. med. Matthias Wagner (Arzt)
  14
Lese mit Schmunzeln, dass sich die Situation in den letzten 15 Jahren nicht verändert hat. Habe eher das Gefühl, dass es sogar noch schlimmer geworde ist. Habe immer gern im KH gearbeitet, bin aber jetzt froh, nicht mehr in diesem Hamsterrad mitmachen zu müssen. Bitte so mutig und frei bleiben! Alles Gute!!!
#9 am 09.05.2017 von Dr. med. Wiltrud Rimpl (Ärztin)
  1
Ärztin
Schön zu hören, dass es Ihnen gut geht. Das freut mich wirklich sehr. Ihre Kollegen werden sich schon daran gewöhnen dass Sie jetzt nicht mehr für alle möglichen Extrarbeiten und Überstunden zur Verfügung stehen, Sie arbeiten schließlich immer noch Vollzeit, das ist in diesem Zustand mehr als genug. Lassen Sie sich bloß von niemandem ein schlechtes Gewissen einreden. Wir müssen in einer Klinik immer dankbar sein für jede Kollegin die überhaupt noch weiterarbeiten kann und nicht ins Beschäftigungsverbot geschickt wird. Meine Kollegen wussten das zu schätzen und Ihre werden es auch schätzen lernen. Wäre die Situation anders herum wären Sie diejenige die ihre schwangeren Kolleginnen entlastet oder für einen männlichen Kollegen einspringt der seine wohlverdiente Elternzeit nehmen möchte und eines Tages werden Sie das auch wieder sein. Ich wünsche Ihnen und dem Nachwuchs alles Gute.
#8 am 09.05.2017 von Ärztin (Gast)
  0
Gast
An #5: Gerade wurde hier toll vom Thema Nähe und Distanz gesprochen und Sie fragen nach einer Hausgeburt? Häh!? Da kann man nur den Kopf schütteln und Ihnen, Lieschen Müller, weiterhin starke Nerven wünschen! Wegen solcher Mitbürger auf Arbeit und in Kommentaren...
#7 am 09.05.2017 von Gast
  0
Sehr gut!!! Zeit wurde es! Alles Gute und weiterhin gute Nerven, um die "kleinen Anfragen" durch zu stehen!
#6 am 08.05.2017 von Katja Bartsch (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  1
Gast
Jeder Streß, den Sie haben, teilt sich dem Kind ungehemmt in seine Epigenetik mit und beeinflußt sein zukünftiges Leben, ich halte Ihnen die Daumen, daß Sie es schaffen entspannt zu bleiben - schon mal an eine Hausgeburt gedacht?
#5 am 08.05.2017 von Gast
  29
Gast
Kommt mir sehr bekannt vor. Ich habe damals kategorisch auf meiner Abgrenzung beharrt. Wenn dem Baby was passiert wäre, hätte es exakt 5 Minuten betretenes Bedauern gegeben und fertig. Ich habe meine Entscheidung nicht bereut.
#4 am 08.05.2017 von Gast
  1
Gast
Richtig so! Gönnen Sie sich ihre verdiente Pause bitte :-) Und Kollege McSexy gehört angezeigt!
#3 am 08.05.2017 von Gast
  1
Alles Gute für Sie beide Die kollegInnen lernen, mit dem Nein zu leben
#2 am 08.05.2017 von Lydia Wolf (Ärztin)
  2
Gut gemacht! Weiterhin ein gutes standing!!!
#1 am 08.05.2017 von Frauke Lippens (Hebamme)
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