Interview mit einem Ausgebrannten

29.04.2017
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Beim Anblick eines schmerzverzerrten Gesichts empfindet Dr. Trammel nichts. Irgendwann sind seine Hände zu zittrig, um zu operieren. In einer Privatklinik für ausgebrannte Äzte habe ich mit ihm darüber gesprochen, wie er versucht, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Dr. Gerhard Trammel* wirkt erschöpft. Große dunkle Schatten zeichnen sich unter seinen Augen ab. Immer noch kann er nicht begreifen, wieso es gerade ihn getroffen hat. Er, der immer so stark war, der immer ein Späßchen auf Lager hatte, hatte eigentlich alles erreicht. Jahrelang arbeitete Trammel als angesehener Neurochirurg in einer Kölner Klinik. Er hatte eine liebevolle Familie mit Frau und zwei kleinen Kindern, konnte sich teure Autos und ein großes Haus leisten. Er rettete vielen Patienten das Leben. Trammel funktioniert wie ein gut geöltes Rädchen im Getriebe. Doch in seinem Leben läuft nur scheinbar alles wie geschmiert.

Auszeit – Nur wenn der Kopf ab ist

Es ist der zweite Dienst im April, als Dr. Trammel merkt, dass etwas nicht mit ihm stimmt. Als Anfänger war er immer motiviert seinen Patienten bestmöglich zu helfen, er hat sich in die Arbeit gestürzt, die langen 24-Stunden Dienste hat er gut weggesteckt. Er war jung und dynamisch, kompetent, mitfühlend, aufmerksam und sehr belastbar. Ein echter McDreamy wie man ihn aus den bekannten Arztserien à la Grey‘s Anatomy kennt. Dr. Trammel arbeitet viel, trotzdem schafft er es irgendwie auch noch Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Schlaf und Essen kommen häufig zu kurz, oft schiebt er sich nur einen Müsliriegel zwischen den Operationen in den Mund. Mit den Jahren beginnt etwas an ihm zu nagen. Der Job verlangt ihm über die Zeit viel ab, abends ist er zu müde, um mit seinen Kollegen noch ein Bierchen trinken zu gehen. Am Wochenende sagt er immer häufiger seine Verabredungen zum Skifahren oder Mountainbiken mit Freunden ab. Von Trammel unbemerkt zieht er sich immer mehr von seinen Freunden zurück, der Job wird wichtiger. Sein Chef verlangt Anwesenheit auch an freien Tagen, schließlich ist der Kollege krank und unterbesetzt ist die Station ja eh schon lange. „Wenn einer fehlt, bricht das ganze System zusammen. Krank sein kann man einfach nicht, das sieht die Fabrik Krankenhaus nicht vor. Wie mein Chef immer sagte: Nur, wenn der Kopf ab ist, bleibt man daheim“, erklärt Trammel den Teufelskreis.

Es gibt häufiger Streit mit seiner Frau, wenn er es abends nicht zum Essen schafft oder seinen Kindern keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen kann. Trammel ist frustriert, gräbt sich weiter in die Arbeit. Das schlechte Gewissen wird einfach beiseite geschoben. Der nächste Nachtdienst steht an. Es geht um neurologische Untersuchungen, um Überwachung der frisch operierten Patienten, um Auswertung von MRTs. Die Menschen hinter den Gehirnaufnahmen sieht Trammel irgendwann nicht mehr. David, der neue Assistenzarzt, der Dr. Trammel eigentlich entlasten sollte, macht ständig Fehler. Das nervt ihn irgendwann so sehr, dass er den jungen Mediziner vor versammelter Mannschaft anbrüllt. Das kreideweiße Gesicht des jungen Mannes und die herablaufenden Tränen nimmt der Neurochirurg nicht wahr. Auch die anderen Kollegen nerven Trammel. Er beschimpft sie als faul, wenn sie pünktlich von den Diensten gehen möchten. Schließlich kann Trammel selber ja auch nicht einfach gehen. Er hat die Verantwortung für schwerkranke Patienten. Sie lastet schwer auf seinen Schultern, die zwar stark sind, aber viel zu klein für so eine Bürde. Zweiundzwanzig Menschen betreut er auf seiner Station, viele von ihnen mit zahlreichen schlimmen Begleiterkrankungen.

Doch die größte Verantwortung hat Trammel während der Operationen. Seine Hand muss ruhig operieren, jede falsche Bewegung kann dazu führen, dass sein Patient womöglich nicht mehr laufen oder sprechen kann. Trammel verbringt so viel Zeit mit seiner Arbeit, dass er mehr und mehr in der Klinik zu Hause ist als in seinem eigenen Heim. Dort erwarten ihn nur Streit, Vorwürfe und quengelnde Kinder.  

Zug durch die Dunkelheit

Als er eines Abends von der Arbeit nach Hause kommt, findet der Chirurg ein leeres Haus vor. Die Sachen seiner Frau und Kinder sind weg. Er setzt sich an den Küchentisch und starrt lange ins Leere, doch es fließen keine Tränen. „Ich habe es gar nicht richtig realisiert“, beschreibt Trammel. Der Neurochirurg reißt sich zusammen, schiebt die Gefühle beiseite und macht weiter. Seit diesem Tag fühlt er eine zunehmende Leere und Dunkelheit in sich. Er ist wie ein Zug, der durch den Tunnel rast, doch am Ende ist kein Licht. Trammel stumpft mehr und mehr ab. Die Patienten werden ihm egal. „Irgendwann empfand ich nichts mehr beim Anblick eines schmerzverzerrten Gesichts. Es war mir wurscht, der Patient sollte aufhören zu schreien.“ Wenn sie einem Patienten für die anstehende OP die Haare am Kopf rasieren müssen, sollen sich die Leute nicht so haben. Schließlich wachse ja alles wieder nach. Überhaupt kann Trammel nicht verstehen wieso für seine Patienten so etwas nur wichtig sein kann.                                        

Trammel beginnt die innere Leere durch Zynismus und Aggression zu überspielen. „Ich war immer schlecht gelaunt und habe alle nur angemacht, die mich darauf ansprachen“. Seinen Kollegen erzählt er nicht von der Trennung seiner Frau und seine Freunde hatte er ja schon lange nicht mehr angerufen. Trammel bekam den Spitznamen Miesepeter, aber auf die Idee, dass er Hilfe bräuchte kamen seine Kollegen nicht. Irgendwann fing er an sich selbst Medikamente zu verschreiben. Wenn es ihm schlecht ging, warf er sich Pillen ein. Beruhigungsmittel gegen die Schlafstörungen und Aufputschmittel gegen den Energiemangel. Er musste funktionieren. Trammel bemerkte nicht, dass er bald darauf auch ein Suchtproblem in der Tasche hatte. Trotz der zunehmenden Sinnlosigkeit seines Lebens, arbeitete er weiter. Er machte mehr Überstunden als die Kollegen, war härter im Nehmen und unbeeindruckt von den Schicksalen seiner Patienten. Seine Vorgesetzten lobten ihn als Paradebeispiel eines hart arbeitenden Mitarbeiters. Wochen vergehen so.

Das Skalpell fällt aus der Hand

Bis zu dieser einen Nacht, dem zweiten Dienst im April. Dr. Trammel leitet eine hochkomplizierte Gehirn-OP mit besonders feinen Instrumenten unter einem Operationsmikroskop, doch er kann sich einfach nicht konzentrieren. „Meine Hände begannen mitten im OP so stark zu zittern, dass mir das Skalpell aus der Hand gefallen ist“, erzählt Trammel. „Ich ließ mir ein neues steriles Instrument anreichen, doch wieder zitterten meine Finger so stark. Ich konnte nicht operieren“. Trammel übergab die OP an einen Kollegen, er ist so geschockt, dass er an diesem Tag einfach wie gelähmt nach Hause läuft. Dort angekommen, kommen endlich die lang zurückgehaltenen Tränen. „Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich am Ende bin. Alleine, verlassen von Frau und Kindern und operieren konnte ich auch nicht mehr. Ich hatte nichts.“                               

Gerhard Trammel heult, irgendwann schreit er. Er denkt daran sich das Leben zu nehmen. Die Tabletten sind sowieso schon seine steten Begleiter. Doch aufgeben kommt für den Neurochirurgen zum Glück nicht in Frage. „Mein Vater hat mir auf den Weg gegeben nie aufzugeben und immer weiterzumachen, egal wie dreckig es einem geht.“ Gerhard Trammel nimmt allen Mut zusammen und lässt sich schließlich in eine Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie einweisen. „Ich hatte Angst. Wollte mir nicht eingestehen, dass ich Hilfe brauchte. Aber ich brauchte sie und tief im Inneren wusste ich, dass ich da nicht mehr alleine rauskomme.“

Mediziner sind schwierige Patienten

„Ein Depressionskranker hat Ratschläge und Hilfe von außen bitter nötig, um wieder Distanz zu sich zu bekommen und aus dem Hamsterrad hinauszuklettern“, erklärt Michael Berner, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie am Städtischen Klinikum Karlsruhe. Wir alle kennen Phasen der inneren Erschöpfung, der Wut, der Trauer. Sie können durch viele Ereignisse ausgelöst werden und sind eine normale Reaktion unserer Psyche auf Lebensprobleme. Sobald jedoch der Verlustschmerz oder die Überlastung nachlässt, hellt sich unsere Stimmung wieder auf. Wer an Depressionen leidet, der kann sich aber nicht aus eigener Kraft aus der bedrückten Stimmung befreien.

Berner erklärt: „ Man kann sich nicht selber behandeln, wenn man psychische Probleme hat“. Trotzdem tun genau das viele Ärzte. „Viele doktern nur an ihren Symptomen herum und versuchen, sich mit irgendwelchen Substanzen am Laufen zu halten“, so Berner. Aber genau das ist oft das Fatale. „Das Dumme am Patienten Arzt ist der Arztausweis. Als Mediziner bekommen Sie grundsätzlich fast alles in der Apotheke, wenn Sie es nicht ohnehin schon irgendwo im Medikamentenschrank haben.“

Mediziner leiden im Vergleich zu anderen Berufsgruppen doppelt so häufig unter Suchtproblemen. Experten schätzen, dass 10 bis 15 Prozent aller Ärzte mindestens einmal im Leben abhängig werden, meist von Alkohol, Beruhigungstabletten oder Schmerzmitteln. Sie haben den Zugriff, das Wissen und vor allem haben sie eine enorm hohe Arbeitsbelastung. Ärzte sind täglich mit Krankheit und Leiden, oft auch Tod und Sterben konfrontiert. „In Deutschland und in vielen anderen Ländern ist Selbstmord bei Ärzten auch die häufigste unnatürliche Todesursache“, sagt Berner. Mediziner bringen sich doppelt so häufig um wie Angehörige anderer Berufsgruppen. Bei den Ärztinnen ist die Suizidrate im Vergleich zur weiblichen Allgemeinbevölkerung sogar viermal höher.

Entzug und Motivation

Seit zwölf Wochen bekommt Dr. Gerhard Trammel nun professionelle Hilfe. Die Klinik hat sich auf Fälle wie seinen spezialisiert. Zuerst musste er auf Station sechs in den Entzug. „Das war eine harte Zeit“, berichtet der Neurochirurg. Er bekam Begleitmedikamente, die Entzugssymptome abmildern sollten. Auch konnte er sich in der „Motivationsgruppe“ mit anderen austauschen und lernte in der „suchtmittelfreien Tagesgestaltung“ wie er ohne die Pillen seinen Alltag meistert. Ergotherapie, Bewegungstherapie, Konzentrationstraining und Entspannungstherapie waren Teil seiner täglichen Therapiestunden. „Irgendwie musste man den Tag ja ausfüllen“.

Nach vier Wochen war er dann soweit, auf Station zwei verlegt zu werden. Hier werden unter anderem Patienten mit Depressionen behandelt. In Einzel- und Gruppentherapien lernt Trammel über seine Gefühle zu sprechen. Das fällt ihm besonders schwer, denn Gefühle hat er schon lange nicht mehr zugelassen. Er bekommt auch „kognitive Verhaltenstherapie“, die Psychologen helfen ihm durch Handlungsanweisungen für den Alltag. In Gesprächen lernt der Chirurg, sich selbst in seiner Schwermut besser zu verstehen und sorgsam mit sich umzugehen. Stressmanagement, progressive Muskelentspannung, Körpertherapien, Musik- und Bewegungstherapien bringen ihn außerdem dazu die innere Balance wiederzufinden, den Körper zu spüren, sich wieder auf ihn zu verlassen. „Bei der Behandlung der Depression ist es wichtig ein umfassendes Behandlungskonzept zu erarbeiten und dazu zählen nicht nur Medikamente“, erklärt Martin E. Keck, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und ehemaliger Leiter des Fachbereichs „Depression und Angst“ am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

Nicht mit dem Problem allein

Wichtig ist für Trammels Therapie auch die besondere Berücksichtigung der Belastung am Arbeitsplatz. Stichwort „Burn-Out“. Hier sind aber nicht nur die Therapeuten, sondern vor allem die Arbeitgeber gefragt. „Das „Burn-Out“-Problem darf nicht nur auf das Gesundheitssystem abgeschoben werden, sondern muss in Zusammenarbeit mit Betriebsärzten, Krankenkassen und Politikern angegangen werden“, heißt es im Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Man müsse auch die Arbeitsbedingungen so gestalten, dass sie der Entstehung eines „Burn-Outs“ entgegenwirken. Gerade im ärztlichen Alltag, der durch starke berufliche und emotionale Belastungen geprägt ist, ist das eine große Herausforderung. Da ist auch der Einzelne verpflichtet Stressfaktoren entgegenzuwirken.

Hier in der Klinik merkt Trammel, dass er mit seinen Problemen nicht alleine ist. Es geht auch anderen so. Viele hier werden wegen psychischen Erkrankungen behandelt, weil sie im richtigen Leben irgendwann nicht mehr zurechtkamen. Abgeschottet vom normalen Berufs- und Privatleben soll man lernen mit seinen Ängsten und Sorgen umzugehen. „Wir sind eine Insel der Gestrandeten“, bemerkt Trammel trocken. Eine Insel voller Menschen, die so schwere Krisen erlitten haben, dass sie sich in professionelle Hilfe begeben mussten. Nicht nur Ärzte sind dabei, auch Krankenpfleger, Lehrer, Schriftsteller, Juristen, Bäcker und Banker.

Was ist „Burn-Out“?

Der Begriff „Burn-Out“ wurde durch den New-Yorker Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger Anfang der 1970er Jahre geprägt. Er stellte fest, dass ihn sein Beruf, der ihm bisher Freude bereitet hatte, irgendwann nur noch ermüdete und frustrierte. Ihm fiel auf, dass es auch vielen seiner gestressten Kollegen so ging. Sie wurden mit der Zeit missmutiger und behandelten ihre Patienten zunehmend lieblos und abweisend. Freudenberger definierte das „Burn-Out-Syndrom“ als „einen Zustand erschöpfter psychischer und mentaler Ressourcen, der mit dem Arbeitsleben in ursächlichem Zusammenhang steht“. Heutzutage gibt es viele verschiedene Definitionen, denen gemeinsam ist, dass Betroffene selbst ihr Beschwerdebild als Folge der Arbeitsbelastung sehen. Vor allem betroffen sind dabei Menschen, die in ihrem Beruf viel mit anderen Menschen zu tun haben, pflegende Angehörige und Personen aus dem Managementbereich.

Prinzipiell kann aber jeder Mensch, der durch berufliche und private Situationen extrem belastet ist, ein „Burn-Out“-Syndrom entwickeln. Ursache sind dauerhafter Stress ohne Möglichkeiten zur  körperlichen und seelischen Erholung, was letztlich zu einem Zustand des Ausgebranntseins führt. Dazu zählen beispielsweise Zeit- und Leistungsdruck, Angst um den Arbeitsplatz, hohe Verantwortung bei schlechter Bezahlung, mangelndes Lob, Überforderung im Job oder auch Mobbing. Bestimmte Persönlichkeitseigenschaften scheinen die Entwicklung eines Burn-Out-Syndroms zu begünstigen. So sind besonders häufig stark engagierte und ehrgeizige Personen davon betroffen, die sich selbst unter einen hohen Erfolgsdruck setzten und einen Hang zum Perfektionismus haben. Doch auch der umgekehrte Fall kann zutreffen.

Herbert Freudenberger hat das „Burn-Out“ in zwölf Phasen eingeteilt, die so jedoch nicht wissenschaftlich haltbar sind und außerdem auch nicht den Diagnosekriterien psychischer Erkrankungen entsprechen. „Burn-Out“-Beschwerden werden heutzutage häufig in drei Aspekte unterteilt. Der erste stellt die emotionale Erschöpfung des Betroffenen dar. Man fühlt sich überfordert und ausgelaugt. Energiemangel, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit sowie Anspannungszustände kennzeichnen den Alltag und die Patienten sind häufig unfähig sich in der Freizeit zu entspannen. Auch körperliche Symptome wie Magen-Darm-Beschweren, Kopf- und Rückenschmerzen sowie eine vermehrte Infektanfälligkeit können Anzeichen dafür sein. Für die zweite Dimension kennzeichnend ist, dass man anfangs motiviert an die Arbeit gegangen ist und sich nun zunehmend Frustration und Verbitterung breit macht. Man wertet die Arbeit ab und häufig kommt es zu einem Zynismus, der sich nicht nur gegen Arbeitskollegen, sondern auch gegen die eigenen Kunden bzw. Patienten richtet. Das wiederum führt häufig zu Schuldgefühlen bzw. einem Gefühlsverlust (die sogenannte Depersonalisation) bei den Betroffenen. Der dritte Aspekt umschließt schließlich eine verringerte Arbeitsleistung. Man hat den Eindruck nicht gut zu arbeiten, nicht kompetent oder kreativ genug zu sein und leidet unter Konzentrationsstörungen und Arbeitsunzufriedenheit.

„Burn-Out“ oder Depression?

Obwohl man immer häufiger vom „Burn-Out“ hört, ist es keine medizinische Diagnose. In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen durch die Weltgesundheitsorganisation zählt das Ausgebranntsein nur zur „Z-Kategorie“, die Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung zählt. Auch im aktuellen Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, dem diagnostischen und statistischen Handbuch psychischer Störungen (DSM-5), wird „Burn-Out“ nicht als eigenständige Diagnose aufgeführt. Im Unterschied zur Depression zählt „Burn-Out“ nicht als Behandlungsdiagnose, sondern ist lediglich eine Rahmen- bzw. Zusatzdiagnose. Viele Experten sprechen beim „Burn-Out“ deswegen auch von einer Modediagnose. Trotzdem müssen „Burn-Out“-Symptome sehr ernst genommen werden.

Die dem „Burn-Out“ zugeschriebenen Anzeichen können auch auf andere psychische Erkrankungen hinweisen und letztlich erhält nur der Betroffene die Diagnose, bei dem andere schwerwiegende Krankheiten wie beispielsweise Neurasthenie (Nervenschwäche), Panikattacken, Depressionen oder allgemeine Ermüdung ausgeschlossen wurde. Bei oben genannten Anzeichen sollte immer eine gründliche medizinische Untersuchung durchgeführt werden, um die richtige gesicherte Therapie für die Erkrankung zu erhalten. Wichtig ist vor allem eine Abgrenzung zur Depression, da diese unter Umständen lebensbedrohlich sein kann, besonders wenn hier eine Unter- oder Fehlversorgung erfolgt.

Empfinden Betroffene Niedergeschlagenheit, Interessen- und Freudlosigkeit, Antriebsmangel, starke Konzentrationsstörungen, Schuldgefühle/Gefühle der Wertlosigkeit oder vermindertes Selbstbewusstsein, leiden an Schlaflosigkeit oder einem zu hohen Schlafbedürfnis, Appetitlosigkeit und einer pessimistischen Zukunftsvorstellung oder äußern sie womöglich sogar Suizidgedanken, sollte man hellhörig werden und sich nicht mit der Diagnose „Burn-Out“ abstempeln lassen. Dabei sind die Übergänge oft fließend. Ein anfängliches „Burn-Out“ kann Auslöser psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Substanzmissbrauch oder einem chronischen Schmerzsyndrom sein. Umgekehrt kann auch eine Depression, Psychose oder beispielsweise eine Krebserkrankung zum „Burn-Out“ führen. Wichtig ist hier die genaue medizinische Diagnostik, um die notwendige gezielte Behandlung so früh wie möglich beginnen zu können.

* Namen geändert

 

Weiterführende  Links:

http://www.deutsche-depressionshilfe.de/

http://www.depressionen-verstehen.de/angehoerige/

http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/WI-Angehoerige-Depression-BAEK.pdf

https://www.hilfe-bei-burnout.de

http://trotzallem-jazumleben.de

https://www.burn-out-syndrom.org/

Bildquelle: wumastawu, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 03.05.2017.

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Gast
Demut schadet beiden Seiten nicht.
#16 am 10.05.2017 von Gast
  0
Gast
Und wir Patienten sollten unser Anspruchsdenken erheblich herunterfahren und demütiger werden.
#15 am 10.05.2017 von Gast
  4
Das ist doch nicht in Ordnung, dass junge Mediziner so ausgebeutet und ausgepresst werden! ( von der Selbstausbeutung gewissenhafter Ärzte ganz zu schweigen.) Die Engagierten brennen aus - und währenddessen suchen sie den Fehler bei sich, nicht genug Distanz, nicht genug Abschaltenkönnen . Dabei liegt der Fehler in der Arbeitswelt - die Arbeitswelt wird durch Menschen gestaltet, ergo können Menschen sie auch wieder ändern.
#14 am 10.05.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Gast
Hierzu kann man nur hinzufügen, dass die meinerseits Personalschlüssel in der Chirurgie vom Konzept her sofort in den Personalmangel und Überbelastung der anderen Kollegen stürzen, sobald eine Schwangerschaft, bzw. längere Erkrankung auftritt. Das gehört gesetzlich eingeschränkt.
#13 am 10.05.2017 von Gast
  0
Gast
Als Arzt ist man nicht krank. Wie oft habe ich das schon von meinen Chefs gehört. Kranke Arztkollegen werden häufig vor der versammelten Mannschaft bloß gestellt. Wenn die Patienten wüssten wie oft sie von Ärzten behandelt werden die bis an die Haarspitzen gedopt und eigentlich nicht arbeitsfähig sind würden sie nie wieder ein Krankenhaus betreten. Es muss sich dringend die Erkenntnis in der Gesellschaft durchsetzen dass Ärzte auch nur Menschen sind.
#12 am 10.05.2017 von Gast
  0
Gast
Wir müssen wohl im Eigeninteresse mehr für die Gesunderhaltung der Ärzte tun Und diese sollten uns dies nicht teilweise so sehr schwer machen, etwa durch arrogantes Verhalten, fehlendes aktualisiertes Wissen und Engagement. Also los dann mal
#11 am 09.05.2017 von Gast
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Medizinischer Laie
Man kann nicht immer nur im Kampf-und-Flucht-Modus sein. Ohne ausreichende Entspannung verweigert Körper und Psyche irgendwann den Dienst. Die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft sollten langsam einsehen, dass der Raubbau an den Mitarbeitern langfristig allen zum Nachteil gereicht.
#10 am 09.05.2017 von Medizinischer Laie (Gast)
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Wichtiger Beitrag, wird aber sicher nicht von den Pinzettenschmeißern und Brüllern Chefarztposition gelesen. Psychohygiene ist m.W. noch kein Fach, und Betriebsärzte mit ps,chologisch-psychiatrischem Blick die durch die Abteilungen laufen habe ich auch noch nicht gesehen.
#9 am 09.05.2017 von Rainer Kumm (Arzt)
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#8 am 05.05.2017 von Nadezhda Syrkina (Studentin der Humanmedizin)
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Gast
#7 am 05.05.2017 von Gast
  1
Weniger zu arbeiten könnte helfen, z. B. wenn man die gesetzliche Vollzeitarbeit auf 30 Stunden begrenzt, unter Erhaltung des monatlichen Einkommens sowie aller Freizeitregelungen und arbeitsfreien Tage: https://www.openpetition.de/petition/online/bundesweit-einheitliche-und-branchenübergreifende-30-stunden-woche-als-vollzeitarbeit Dann hat man mehr Zeit auch für Weiterbildungen, Hobby, evtl. zweiten Hochschulabschluss (etwas feines, was nicht unbedingt als ein "Brotberuf" gelten kann, bspw. Philosophie, Kunst...) Generation Y braucht auf der Suche nach work-life-balance eine Unterstützung :-)
#6 am 05.05.2017 von Nadezhda Syrkina (Studentin der Humanmedizin)
  8
Gast
Zentrales Element am Arztberuf ist die Verleugnung und Verdrängung eigener Bedürfnisse. Als Arzt dient man. Die eigene Opferung für den Dienst am Patienten (bzw. an diesem Gesundheitssystem?) ist auch im progressiven Deutschland oft noch immer so ausgeprägt, dass es an japanische Kamikaze-Piloten, Bushido-Kodex und Samurai erinnert. Man hat nur dieses eine Leben - nur dieses eine. So viele Ärzte kapieren das nicht. Was für eine Verschwendung. Ab in den Süden wo es warm ist und die Sonne scheint. Generation Y lässt grüßen.
#5 am 03.05.2017 von Gast
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Gast
Schuld an solchen Fällen und auch an Suiziden unter Ärzten sind oft auch schäbige Menschenschinder unter den Chefärzten. Man kann auch Chefarzt mit Führungsstärke sein, ohne gleichzeitig ein Arschloch zu sein. Und herumbrüllen, Leute runter machen und zusammenstauchen, nur weil man gerade dazu Lust hat, das hat mit Führungsstärke nichts zu tun.
#4 am 03.05.2017 von Gast
  0
Anonym
Vielen Dank für den wichtigen Artikel. Das Thema verdient mehr Aufmerksamkeit.
#3 am 03.05.2017 von Anonym (Gast)
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Ausgezeichnete Darstellung!
#2 am 03.05.2017 von Dr. rer. medic. Martin Peveling (Arzt)
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Dr. Schulten
Sehr interessanter, ausführlicher und besonders wichtiger Beitrag. Ich hatte in meiner Karriere auch schon mehr als einmal das Gefühl "nicht mehr zu können" und hatte zum Glück eine sehr unterstützende Partnerin, die mir durch diese Zeit geholfen hat. Für uns Ärzte ist es wichtig eine Depression nicht als Stigmatisierung zu sehen, selbst wenn sie uns betrifft.
#1 am 29.04.2017 von Dr. Schulten (Gast)
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