Das Volk der gesunden Herzen

25.04.2017
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Über 700 Eingeborene einer Region im Amazonasgebiet haben US-Forscher zur Calcium-Score-Messung in einem CT-Scanner untersucht. So gesunde Arterien im höheren Lebensalter wurden noch bei keiner Bevölkerung beschrieben. Die Tsimané leben in einem von der Außenwelt weitgehend abgeschnittenen Teil des Regenwalds im Amazonas-Becken in Bolivien, sind zugleich bio-psycho-sozialer Forschungsschwerpunkt.

Etwa 16.000 Menschen leben im vorindustriellen Lebensstil von der Jagd, dem Fischfang, der Landwirtschaft- und Sammlertätigkeit sesshaft in fast 100 Dörfern. Bei den bolivianischen Tsimané können Angaben zum Alter nur geschätzt werden. Es erstaunt deshalb auch nicht, dass in der umfangreichen Literatur über diese Ethnie detaillierte Angaben zu durchschnittlicher Lebenserwartung, Mutter- und Säuglingssterblichkeit weitgehend fehlen. Meine Recherchen für Bolivien insgesamt ergaben:

Lebenserwartung bei Geburt (Männer):

Lebenserwartung bei Geburt (Frauen):

Geburtenrate

Kindersterblichkeit

Weitere Details zu Genetik-, Epigenetik- und Lebensstil-Faktoren hier.

UNM-UCSB Tsimane Health and Life History Project

Selbst das bereits im Jahr 2001 begonnene „UNM-UCSB Tsimane Health and Life History Project“ fokussiert sich zwar auf Gesundheit, Anthropologie, Ökologie, Evolution, Lebenszyklus, Wachstum und Entwicklung, Alterung, Ökonomie, Biodemografie, biomedizinische und anthropologische Forschung bei der umschriebenen kleinen Population von Jägern, Sammlern, [Fischern], Gartenbauern und Landwirten. Es stellt aber zum o. a. Themenbereich keine harten Daten und Fakten zu Verfügung.

["health and anthropology project aimed at understanding the impacts of ecology and evolution on the shaping of the human life course. We focus on health, growth and development, aging, economics and biodemography of small-scale populations of hunter-gatherers and horticulturalists. We also combine biomedical and anthropological research with medical attention among Tsimane, an indigenous forager-farming group living in central lowland Bolivia in the Beni Department. Research with the Tsimane of Amazonian Bolivia began in 2001 under the joint directorship of Michael Gurven (Anthropology, University of California Santa Barbara) and Hillard Kaplan (Anthropology, University of New Mexico)"].

Technologie-Gesellschaften ermöglichen auch gesunde Blutgefäße

Für hochtechnisierte, global operierende und migrierende Gesellschaften sind gesundheitsfördernde und krankheitsvermeidende Lebensstilinterventionen beim KHK-Risiko ebenfalls beschrieben: „Genetic Risk, Adherence to a Healthy Lifestyle, and Coronary Disease“ von Amit V. Khera et al. schlussfolgern, dass genetische Faktoren und Lebensstilfaktoren unabhängig voneinander mit der Empfänglichkeit für Erkrankungen der Koronararterien assoziiert sind. Selbst bei hohem genetischen Risiko konnte ein günstiger Lebensstil das relative KHK-Risiko um fast 50 Prozent senken

[„Conclusions – Across four studies involving 55,685 participants, genetic and lifestyle factors were independently associated with susceptibility to coronary artery disease. Among participants at high genetic risk, a favorable lifestyle was associated with a nearly 50% lower relative risk of coronary artery disease than was an unfavorable lifestyle“].

Ergebnisse der KHK-Risiken

Weitere Ergebnisse dieser Großstudie: Das relative Risiko eines inzidenten Koronarereignisses war um 91 Prozent (!) höher bei Teilnehmern mit hohen genetischen Risiken als bei denen mit niedrigen genetischen Risiken

[„Results – The relative risk of incident coronary events was 91% higher among participants at high genetic risk (top quintile of polygenic scores) than among those at low genetic risk (bottom quintile of polygenic scores) (hazard ratio, 1.91; 95% confidence interval [CI], 1.75 to 2.09)“].

Meine persönlichen Schlussfolgerungen

Können Lebensweisen von Jägern und Sammlern, Fischern und Gartenbauern den Menschen in (post)industriellen Gesellschaften wirklich weiterhelfen?

Das indigene, isolierte, stammes- und clanmäßig organisierte, naturnahe permanent lebensenergie-, kraft- und arbeit- fordernde Leben der bolivianischen Tsimané mit seinem hohen Unfall-, Krankheits- und Hungerrisiko ist bewundernswert. Detaillierte Daten zu Säuglings-, Kinder- und Erwachsenen-Sterblichkeit, Infektions-epidemiologischer Situation bzw. Lebenserwartung fehlen, weil das Alter nur geschätzt werden kann. 

Dennoch ist der Lebenstil der Tsimané im Vergleich zu einer entwickelten Industriegesellschaft, die eine hohe Lebenserwartung mit ärztlicher Versorgung, ein niedriges (Arbeits-)Unfall- und Sterberisiko, Hygiene, Mobilität, Technisierung, Arbeitsteilung, Freizeit, Urlaub, Kommunikation weitgehend gesicherte Einkommen, Renten und Grundsicherung, medizinisch-soziale, psychologische und epidemiologische Absicherung, informationelle Selbstbestimmung, Altersversorgung, kulturelle, emotionale und psychosoziale Reflexion bietet, meines Erachtens keineswegs alternativlos. 

Dazu auf Twitter 

Das #Volk der gesunden #Herzen: #Ureinwohner im Amazonasgebiet haben im hohen #Alter ungewöhnlich gesunde #Arterien. https://t.co/uaBHyNYgk3 

Antwort auf @DocCheck: Naturnahe, lebenslange Schwerstarbeit bolivianischer Tsimanés riskant und bewundernswert. Lebenserwartung? Hungersnot? Ohne soziale Hängematte!

Bildquelle: Henri Bergius, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.05.2017.

56 Wertungen (3.04 ø)
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Gast
Entschuldigung ich meinte nicht #3 sondern #1.
#9 am 10.05.2017 von Gast
  0
Gast
#3 " sind von mehr als 3 Medikamenten abhängig". Was verstehen Sie unter abhängig - Entzugssymptome beim Absetzten oder abhängig im Sinne der Lebensverlängerung ?
#8 am 10.05.2017 von Gast
  0
es geht doch nicht darum, die traditionelle Lebensweise von Indianern zu imitieren, sondern das zu übernehmen, was sie offensichtlich richtig machen!
#7 am 10.05.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  1
Klar geht das. Die Evos leben den ganzen Tag gesund, weil sie dafür entwickelt wurden. Wir sitzen den ganze Tag und wurden dafür nicht entwickelt. Wir müssen es intensiv machen, weil wir keine Zeit haben, aber auch das war entwickelt, weil in Gefahr oder Kampf eben auch höchste blitzartig angeforderte Leistung abrufbar sein musste. Warmlaufen hilft angesichts des hungrigen Säbelzahntigers wenig. Clevers, intensives, beglückendes, Zeit sparendes Ganzkörpertraining und deine Arterien glänzen von allen Seiten. Sie dürfen meine gerne messen.
#6 am 10.05.2017 von Karl-Heinz Licht (Medizinjournalist)
  3
Gast
Bei aller Zurückhaltung, ich sehe da nur Kraut und Rüben?
#5 am 10.05.2017 von Gast
  7
Ich bin gerade ein wenig verständnislos? - Der arme aufstocker der nicht regelmässig ins Kino kann, steht in genau welchem Verhältnis zum Vorindustriellen Lebensstil bolivianischer Indianer bei dem man, wenn man Krank / schwach / verletzt ist und die Ernte schlecht war hungern muß und dann vermutlich auch nicht mehr ins Kino gehen kann? Ich bin sicher, daß der bolivianische Indianer, den Harz 4 Empfänger ob seiner zum leben nicht ausreichenden nicht vorhandenen Grundsicherung hönischst auslacht. Ratlosigkeit?
#4 am 10.05.2017 von Stephan Engelhardt (Tierarzt)
  2
Gast
dem Gast Nr. 1 kann ich nur empfehlen : ab in den Urwald
#3 am 09.05.2017 von Gast
  8
Schwarz-weiß war noch nie hilfreich. Weiser wäre es, die Lernmöglichkeiten wahrzunehmen. Mehr körperliche Betätigung, weniger hochenergetisches Essen- das ist durchaus möglich und dessen positive Auswirkung auch schon mehrfach aufgezeigt.
#2 am 09.05.2017 von Dr. med. Susanne Bihlmaier (Ärztin)
  4
Gast
Der letzte Absatz ist wohl ironisch gemeint oder von was sprechen Sie hier, Herr Autor? Gerade Worte wie gesichertes Einkommen, Alterversorgung, niedrieges Unfall- und Sterberisiko klingen, deutsche Verhältnisse angewendet wie ein Witz. Sie kennen keine Statistiken von Deutschland, oder? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Hartz IV Empfänger sein Einkommen als ausreichend und gesichert ansieht. Eine nicht kleine Gruppe von Rentnern muss weiter arbeiten gehen um zu überleben oder liegt siechend in Alterheimen rum, ruiniert dabei unbeabsichtigt die Angehörigen finanziell, weil diese die Pflegestellen bezahlen müssen. Ich kenne keine Aufstocker, die regelmäßig ins Kino, Theater oder sonst wohin gehen können um am sozialen Leben teil zu haben - dass nennt man dann soziale Armut. Abgesehen davon, fast 80 % aller über 65 jährigen sind von mehr als 3 Medikamenten pro Tag abhängig... Was soll das also für eine Alternative sein?
#1 am 09.05.2017 von Gast
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