PsychCast: Die Kollusion von Patient und Arzt

24.04.2017

Psychosomatische Beschwerden: Warum Patienten zu Praxis-Hoppern werden und Ärzte manchmal daran verzweifeln, können Erkenntnisse aus der Paartherapie erklären.

Im dreiundvierzigsten PsychCast sprechen wir über die Paar-Kollusion, wie sie der vielleicht weltbeste Paartherapeut Jürg Willi beschrieben hat. Dieses Konzept hat nichts mit der Kollision (mit i statt u) im Straßenverkehr zu tun!

Es geht dabei um problematische Rollenverteilungen in Beziehungen, die unbewusst erfolgen und die mit den jeweiligen Prägungen und Vorerfahrungen der Beteiligten zu tun haben.


Die Theorie besagt, dass sich bereits vor der Beziehung bestehende Persönlichkeitsmerkmale im Laufe einer Partnerschaft häufig zu einer festen Rollenverteilung verhärten und eine solche Konstellation mit der Zeit völlig starr werden kann: Der starke Part wird immer stärker, der Schwache und Anlehnungsbedürftige immer passiver und hilfloser. So ergänzen sich zunächst einmal ein Bewunderter und ein Bewunderer, ein Hilfloser und ein Helfer oder ein Mächtiger und ein Ohnmächtiger. Willi sagt weiter, dass man in dem anderen immer auch einen abgespaltenen Teil seiner Selbst sucht.

Diese verteilten Rollen führen dann jedoch dazu, dass eben jener Teil der eigenen Persönlichkeit immer weniger wahrgenommen und zunehmend verleugnet wird. Das führt über kurz oder lang zu Unzufriedenheit beider Beziehungspartner.

Die psychosomatische Arzt-Patient-Kollusion

In der Podcast-Folge sprechen wir auch darüber, wie Jürg Willi diese Erkenntnisse auf die Arzt-Patient-Beziehung bezieht, insbesondere beim Vorliegen psychosomatischer Beschwerden, er nennt dies „die psychosomatische Arzt-Patient-Kollusion“:

Durch die psychosomatische Symptombildungnormalisiert sich häufig das Sozialverhalten betroffener Patienten, beschreibt der Autor. Dies passiert, da es durch die Symptome plötzlich besser gelingt, andere Menschen an sich zu binden und unbewusst dafür zu sorgen, gesehen und in einer Notsituation wahrgenommen zu werden. Da die Krankheit im Vordergrund steht, treten die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten erst einmal in den Hintergrund – das entlastet! In ihren offensichtlichen Interessen und Phantasien sind die Patienten somatisch fixiert und können alles Mögliche über ihre Körpervorgänge beschreiben, was sie zunächst zu einem idealen Patienten mache. Sie sind autoritätsgläubig und unterziehen sich bereitwillig vielerlei Untersuchungen. Sie idealisieren und mystifizieren sie den Arzt.

Selber blieben sie jedoch passiv und neigten dazu, die Verantwortung an den mächtig erlebten Mediziner zu delegieren. Dieser genieße seine starke Rolle und sehe davon ab, auf die psychische Seite, die bei psychosomatischen Beschwerden natürlich eine große Rolle spielt, einzugehen. Er nimmt so das Rollenangebot des „Halbgotts in Weiß“ seines Patienten an, beide verleugnen zusammen die Bedeutung der seelischen Seite der gesamten Symptomatik.

Wie kann es also weitergehen?

Weitergehen kann es auf zweierlei Weisen: der Arzt entdeckt einen Bagatell-Befund und hat einen Grund ein „unnötiges“ Medikament zu verordnen oder eine OP zu veranlassen – dann wird die gemeinsame Abwehr fortgesetzt, die Kollusion besteht fort. Oder der Arzt beginnt den Patienten zur Mitarbeit aufzufordern: „Sie müssen aktiv werden, wenn Sie gesünder sein möchten“ und der Patient ist enttäuscht von seinem Ideal-Arzt, fühlt sich gekränkt und wendet sich an den nächsten Super-Doc.

Zusammengefasst ist die volle Ausprägung einer psychosomatischen Arzt-Patient-Kollusion bei unerkannten seelischen Ursachen:

 

Hört doch mal rein, zur Podcast-Folge geht es hier entlang.

Zum Buch, über das wir sprechen, geht es hier: Jürg Willi – Die Zweierbeziehung: Das unbewusste Zusammenspiel von Partnern als Kollusion

Dank unserer Hörerin S. noch folgender Hinweis: das Zitat „Der Mensch wird am Du zum Ich“ ist nicht von Jürg Willi sondern von Martin Buber. Jürg Willi hat es im Jahr 2012 in einem Interview zu seinem Lieblingszitat erklärt, Link dazu folgt noch. Dieser Aspekt wurde in der Sendung falsch rübergebracht und soll hiermit korrigiert werden.
 

Bildquelle: Alan Levine, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.04.2017.

22 Wertungen (4.36 ø)
5454 Aufrufe
Um zu kommentieren, musst du dich einloggen. Einloggen
Gast
Sowie man als Frau die 40 überschritten hat, werden Beschwerden deren Ursache nicht problemlos diagnostiziert werden können, auf die Psyche bzw. den Sexualhormonstatus geschoben, auch von Zahnärzten z.b. nach Behandlung absterbender Zahn wird nicht erkannt und der Patientin " einfühlsam" erklärt, die Schmerzen lägen nicht am Zahn, sondern an ihrer Psyche. Da fühlt man sich dann sehr wohl " in die Ecke geschoben".
#8 am 29.04.2017 von Gast
  1
Gast
Die Psychoschiene ist gerade in den Reha-Einrichtungen sehr beliebt. Als Patientin mit objektiven Befunden wurde ständig und stetig versucht, mir eine psychologische Abklärung aufzudrängen. Nur 2 Beispiele: Ihr Sohn studiert, wollen Sie darüber nicht einmal mit unserem Psychologen reden? Ihr Vater hatte einen Tumor, ...? Da wundere ich mich jetzt auch nicht mehr, wenn's heißt, es gäbe immer mehr Frühverrentungen durch psychische Belastungen.
#7 am 29.04.2017 von Gast
  1
Gast
In der Tat hat es nichts mit "in die Ecke schieben" zu tun, eine psychosomatische Ursache in Betracht zu ziehen und ein guter Arzt sollte diese Möglichkeit natürlich immer im Hinterkopf haben, aber dennoch verstehen, dass ein Patient (und nun kommen tatsächlich eigene Erfahrungen) es erst recht nach einer bösartigen Tumorerkrankung etwas unangemessen findet, angesichts stechender Schmerzen als ersten Therapievorschlag ohne weitere Diagnostik Psychotherapie und "manchmal ist der Körper eben ehrlicher als der Geist" zu hören zu bekommen. ;-)
#6 am 29.04.2017 von Gast
  0
Gast 3: "Körper und Psyche sind nicht zu trennen", wenn diese Erkenntnis Allgemeingut wäre, würde man gar nicht von psycho- somatischen Erkrankungen sprechen. Ich glaube gar nicht so sehr, dass es den Patienten stört, wenn man ihm sagt, seine Erkrankung ist psychisch. Was mich hingegen so fertig macht, ist dass auf die Frage, was dann der nächste Behandlungsschritt ist, ein Schulterzucken kommt. Wobei: Durch die Diagnose "psychosomatisch" oder "Ich kann bei Ihnen nichts finden." sind die Schmerzen oder Beschwerden ja nicht weg. Man wird nach Hause geschickt und mit dem Problem alleine gelassen.
#5 am 29.04.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Kassenpatient
Mein Rat an die Ärzteschaft dazu: Patient einfach mal ausreden lassen und wirklich interessiert nachfragen. Meine Erfahrung dazu: Nach zwei Sätzen von mir kommt eine geschlossene Frage und mit der Antwort steht die Diagnose.
#4 am 28.04.2017 von Kassenpatient (Gast)
  7
Gast
Er könnte ihn doch auch zum Psycho-Therapeuten überweisen. Diagnose: Somatisierungsstörung. Widerstand des Patienten ev zu erwarten. Den Kommentar weiter unten "Psycho-Ecke"empfinde ich als 1.) altmodisch und wenig integral. Körper und Psyche sind nicht zu trennen. Und manchmal gibt es einen Befund und manchmal eben nicht. Der Patient hat ev auch einen sekundären Krankheitsgewinn. Ärzte und Therapeuten sollten viel mehr zusammenarbeiten.
#3 am 28.04.2017 von Gast
  0
Gast
Austherapieren? Wohl eher ausdiagnostizieren. Die Therapie folgt doch hoffentlich der Diagnose und nicht umgekehrt. Bei manchen Patienten manifestiert sich zum Beispiel eine Depression eben körperlich als (Rücken-)Schmerzen oder Schlafstörung. Das Behandeln der somatischen Beschwerden beseitigt demzufolge nicht die eigentliche Erkrankung, verhindert also ein Austherapieren. Wieso das ein "in die Ecke schieben" ist, erschließt sich nicht.
#2 am 28.04.2017 von Gast
  1
Gast
Das lässt sich auch einfach dadurch lösen, in dem man den Patienten gescheit austherapiert und nicht immer gleich psychosomatische Beschwerden unterstellt. Kein Mensch, der an Schmerzen und Müdigkeit leidet, möchte in die Psycho-Ecke geschoben werden.
#1 am 28.04.2017 von Gast
  30
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Im 54. PsychCast sprechen wir über Zwanghaftigkeit im Allgemeinen und Zwangserkrankungen im Speziellen. Stichwort mehr...
Deutschland hat ein bewährtes und preiswertes Gesundheitssystem, das weltweit seines Gleichen sucht. Während mehr...
Besuch vom Kinderdok In der Podcast-Folge mit dem Kinderdok stellen wir, Jan und Alex, zunächst fest, dass eine mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: