500 Seiten: Autismus ist kompliziert

23.04.2017
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In seinem umfangreichen Buch schildert der Autor packend und detailliert, "warum wir Menschen brauchen, die anders denken".

Steve Silberman hat mit „Geniale Störung“ ein voluminöses Buch über den Autismus geschrieben. In der deutschen Ausgabe (Dumont-Buchverlag) spricht der Untertitel von der „geheimen Geschichte“ des Autismus, auf dem rückseitigen Umschlag erfahren wir gar, dass diese „von Ärzten unter Verschluss gehalten“ wurde.

Solchermaßen eingestimmt auf eine veritable medizinhistorische Verschwörungstheorie habe ich als Psychiater das dicke Werk mit einiger Skepsis aufgeschlagen. Erfreulicherweise bestätigt sich dieser erste Eindruck nicht.

„Ungeheuer viel recherchiert“

Im Vorwort von Oliver Sacks gibt es eine erste Erklärung für den Umfang des Buches. Silberman habe „ungeheuer viel recherchiert und (...) so detailliert beleuchtet wie niemand zuvor“.

Diese beiden Aspekte, eine schier unglaubliche Detailfülle und eine ausgesprochene Schreiblust mit dem Ziel, historische Personen leicht lesbar zum Leben zu erwecken, charakterisieren das Buch.

Streng genommen ist es eine Geschichte der Forscher und Entdecker, die wir heute in den verschiedenen Diagnosen des Autismus-Spektrums wiederfinden. Wir lesen über Kanner und Asperger und staunen, welche Details und geschichtlichen Bezüge Silberman in seinen sehr lebendig erzählten „wahren Geschichten“ aufbietet. Seine Protagonisten sind allesamt sehr „amerikanisch“ geschildert, was das Buch teilweise wie Fiktion erscheinen lässt, ein Umstand, den ich eher als positiv erlebt habe, weil es dadurch leicht lesbar ist.

Impfen und Autismus

Silberman lässt nichts aus, weder „Star Trek“ noch „Dr. Who“, weder Sigmund Freud noch den unsäglichen Andrew Wakefield, der mit seiner gefälschten Studie über den Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus für große Unsicherheit gesorgt hat.

Die Hauptpersonen des Werkes sind natürlich die Autisten. Wie die ganze Aufmachung des Buches und sein Titel schon vermuten lassen, hat Silberman eine überaus wohlwollende Einstellung zu den Menschen, deren „Andersartigkeit“ er beschreibt.

Der Tenor des Buches ist einerseits sympathisch, geht er doch weg von etikettierenden Diagnosen und hin zu einer Sichtweise, die „anders Sein“ nicht von vornherein als krankhaft definiert. Andererseits habe ich mich einige Male gefragt, wie ich die Präsentation der autistischen Menschen in „Geniale Störung“ mit meiner Erfahrung meiner eigenen Patienten mit Asperger-Syndrom zur Deckung bringen soll.

Kein pathologischer Zustand

Auf S. 455 lesen wir über eine Familie, die Oliver Sacks kennen gelernt hatte und in der zwei autistische Söhne lebten. Diese Familie B. war zu der Einsicht gelangt, dass man ihren Autismus „nicht nur als pathologischen Zustand sehen (...), sondern darüber hinaus als ein ganz eigenes Sein, als vollkommen andere Lebensart oder Identität betrachten müsse (...)“. Ähnliche Aussagen kenne ich von Gesprächen mit vielen Menschen, die Diagnosen bekommen haben, allen voran Frauen und Männer mit ADHS.

Es ist faszinierend, (würde Mr. Spock) sagen, wie logisch und stimmig die Aussagen von Patienten mit Asperger-Syndrom oder hochfunktionalem Autismus oft sind und meine Gespräche mit meinen Asperger-Patienten sind in der Tat auch oft sehr wohltuend und klar. Auf der anderen Seite haben alle diese Patienten zum Teil ganz erhebliche Probleme in ihrem privaten und vor allem beruflichen Umfeld.

Ganz abgesehen davon, dass viele Menschen mit schwereren autistischen Störungen nicht im Ansatz in der Lage sind, ein selbstständiges Leben zu führen, so scheitern oft auch die besser funktionierenden und sicherlich im Einzelfall als „genial“ zu bezeichnenden Asperger-Frauen und -Männer nicht selten an einer Welt, die auf sie keine Rücksicht nimmt.

Weder logisch noch gerecht

Ich sehe es wie Silberman, es wäre schön, wenn wir die Einzigartigkeit der Menschen in ihrer Vielfalt mit großer Toleranz und Mitmenschlichkeit annehmen könnten, aber ich sehe auch in meiner täglichen Arbeit, woran das scheitert: Die Welt ist eben nicht das Arztzimmer des aufgeschlossenen Psychiaters mit weitem Horizont, sondern eine auf Funktionieren nach bestimmten sozialen, oft nonverbal vermittelten, Regeln aufgebaute Umgebung, die weder logisch noch gerecht noch leicht durchschaubar ist.

Als Plädoyer für eine „bessere Welt“ habe ich Steve Silbermans „Geniale Störung“ sehr geschätzt, als minutiöse Darstellung der Geschichte des Autismus halte ich das Buch für grandios und als Mensch, der seine Zeit nicht nur zum Lesen zur Verfügung hat, empfinde ich es als gnadenlos zu lang. Insofern kann ich es allen empfehlen, die sich für das Thema Autismus, für medizinische Ethik und Historie interessieren und dabei über viel Zeit und Muße verfügen.

 

 

Bildquelle: Nate Steiner, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.04.2017.

50 Wertungen (4.6 ø)
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Medizin, Psychiatrie
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Gast
Das Buch habe ich mir in der Uni-Bib bestellt. Ich finde die beschreibende Form der Darstellung sehr gut. Meiner Auffassung nach benötigen wir neben der medizinischen Diagnose unbedingt eine soziale Diagnose, sonst geht der Mensch komplett unter. Schauen sie doch mal rein in die Fachliteratur: Psychotherapie im Dialog, Schwerpunkt Persönlichkeitsstörungen: "Geben wir es doch zu, wir sehen sie alle nicht gerne, wenn sie denn in unseren Sprechzimmer sitzen: Menschen mit Persönlichkeitsstörungen."Für mich ist das ein Armutszeugnis, gleichzeitig nur eines von vielen. Was soll jemand mit der Aussage "Sie erinnern mich an ein Alien!" anfangen, außer Zurückweisung zu empfinden und Schmerz. Mensch mit PS, auch ASS, leiden eben auch, daneben, dass sie diese strukturelle Störung haben. Liest man die Website manch einer Psych-Praxis, so muss man sich wie ein Strafgefanger vorkommen, sollte man dort vorsprechen wollen. PS sind so: dann folgt Etikett auf Etikett
#14 am 02.05.2017 von Gast
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Gast
Dass dieser ehemalige EU-Minister aus Griechenland kommt, dürfte natürlich klar sein.
#13 am 28.04.2017 von Gast
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Gast
...und ein gewisser sehr unkonventioneller, charismatischer ehemaliger Minister in einem EU-Land, den die einen für den Messias und die anderen für den Antichrist hielten, der war auch so grenzenlos von sich selbst überzeugt, dass genau diese Inkongruenz den anderen EU-Ministern sehr übel aufgestoßen ist und diese dann auch partout nicht mehr mit ihm zusammen arbeiten wollten...heute gilt er zu 80% als politisch gescheitert, auch wenn er zuvor die EU-Politik ziemlich aufgemischt hat...das bedeutet nicht, dass dieser ehemalige Minister nicht tatsächlich in einigen Punkten Recht hatte und nicht gewisse positive Eigenschaften tatsächlich mit sich brachte...aber Politik ist eben ganz viel Diplomatie und das Gegenüber nicht vor den Kopf stoßen...nicht unbedingt Stärken bei ADHS...
#12 am 27.04.2017 von Gast
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Gast
Viele Personen mit ADHS provozieren aber regelrecht negative Emotionen, Dislikes und Antipathie...das hat auch mit dem inkongruenten Verhältnis zwischen objektiv Erreichtem und Selbstbild zu tun...man ist durch ADHS zwar tendenziell sehr charismatisch und mit diversen positiven Eigenschaften ausgestattet, aber durch diverse negative Aspekte und Schwächen bei ADHS eben nach 0815-Kriterien in > 50% der Fälle dann doch nicht so erfolgreich...Und wenn der charismatische Uni-Loser und Semester-Depp mit ADHS sich für so toll und was Besseres hält, dann stößt das dem objektiv tüchtigen und erfolgreichen Normalo-Kommilitonen dann oft übel auf, weil letzterer dadurch seine eigene Leistung von jemandem in seinen Augen Geringeren herabgewürdigt fühlt...Personen mit ADHS halten sich sehr oft für toll und was Besseres (und sind es in vielen Aspekten auch), und sowohl ADHSler als auch die "Normalos" spüren das auch..das ist wie bei Hochbegabten..man darf es gegenüber den anderen eben niemals zeigen.
#11 am 27.04.2017 von Gast
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Gast
um an Frau Cortes anzuknüpfen:und bei den Millionen nicht-diagnostizierten oder fehldiagnostizierten ADHSlern in Deutschland war´s und ist´s noch schlimmer..die wurden früher als dumm und schlecht erzogen abgestempelt (die Eltern andere Kinder haben ihre Kinder im Sandkasten von mir ferngehalten und in der ersten Klasse wollte man mich bei später festgestelltem IQ von fast 160 in die Sonderschule stecken)...eine lange Reihe von sukzessive ca. 10 Kinderpsychiatern gab Anfang der 90er Jahre immer meiner Mutter latent die Schuld...Keiner hat an ADHS gedacht...und auch heute darf man von allzu vielen ignoranten Psychiatern leider nur hören: " ADHS gibt es nicht!" ...wir wollen doch mal abwarten, welche gigantische Menge an Personen mit ADHS in Deutschland und anderswo in der Welt da unter der Oberfläche noch schlummert und sich unter Borderline, Depression, Persönlichkeitsstörungen, Hikikomori-Dasein etc. (dort als Begleit- und Folgestörungen auch tatsächlich häufig verbreitet) verbirgt...
#10 am 26.04.2017 von Gast
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Bei "geheimer Geschichte" erwarte ich auch, dass darüber geschrieben wird, wie viele andere , nicht zutreffende Diagnosen Autisten über sich ergehen lassen mussten, durchaus nicht nur im psychiatrischen Bereich. Autistischen Kindern wurden teilweise Hörgeräte verschrieben. Die Diagnose selbst setzte sich erst anfang der Neunziger in Deutschland durch.
#9 am 26.04.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
...das Thema Evolution und ADHS fassen folgende Sätze des deutschlandweit führenden Genetikers zu ADHS Klaus-Peter Lesch zusammen:"..."...Früher vermuteten die Forscher, einige wenige Gene würden ADHS auslösen; doch das trifft, wenn überhaupt, nur auf ganz wenige Familien zu. Für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung gilt: Vermutlich sind es 500 bis 1000 Gene, die einen - jeweils minimalen - Einfluss auf das Temperament und die Konzentrationsfähigkeit des Menschen haben. Diese sind mithin auch keine Krankheitsgene, vielmehr gehören sie zur natürlichen Ausstattung des Menschen. "ADHS ist ein Extrem einer Persönlichkeitsvariante, das zunächst einmal gar keinen Krankheitswert besitzt", bestätigt auch Klaus-Peter Lesch. Diese milden Ausprägungsformen von ADHS seien in einem Fünftel der Bevölkerung vorhanden und hätten sich im Laufe der Evolution des Homo sapiens immer wieder als vorteilhaft durchgesetzt. Lesch: "Der hohe Energiepegel, der Enthusiasmus, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen, die große Kreativität, die Fähigkeit zum Querdenken und der Gerechtigkeitssinn - all das sind Ressourcen, die für unsere Gesellschaft wichtig sind." zu finden in dem Artikel des ADHS-Gegners Jörg Blech im Spiegel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-99311928.html
#8 am 26.04.2017 von Gast
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Bea
Danke für diese Buchempfehlung, als Partnerin eines "genialen Asperger Vertreters" habe ich mir das Buch soeben bestellt. Auch die Rezensionen des "Online-Buchhandels..." sind durchweg vielversprechend positiv. Ich kann nur sagen: Nur Mut im Kontakt mit den Andersartigen. Wenn man sie zu nehmen weiß, kann man mit ihrer absoluten Zuneigung rechnen, die sie nur nicht so recht zeigen können.
#7 am 25.04.2017 von Bea (Gast)
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Gast
...und das ist nämlich auch der Grund, weshalb man mit Stärken, Ressourcen und positiven Aspekten bei bestimmten neurobiologischen Varietäten und dabei ganz vorne dran ADHS (und nachrangig auch Autismus) von neurotypischen Personen so viel negative Emotionen und Dislikes im Internet bekommt: Neid !!!!! ...der Normalo wird es niemals akzeptieren, dass ganz viele bahnbrechende Einzelleistungen in der Menschheitsgeschichte nur möglich gewesen sind durch ADHS ... da Vinci , Edison, Einstein , Ford , Steve Jobs , Bill Gates , die Google-Boys , Elon Musk etc , alles Personen mit ADHS ... und mindestens 50% der Sportlegenden , so etwa Zidane , Maradona , Phelps etc. ebenfalls... da sind der Neid und die Anti-Haltung und gesellschaftliche Tabuisierung gegen ADHS mehr als nachvollziehbar...
#6 am 25.04.2017 von Gast
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Gast 42
#1 <> Das sehe ich als Asperger genauso, denn für mich sind die "normalen" Menschen, die "Emo's" die "gestörten", weil sie sich nicht von den Tatsachen leiten lassen, sondern von ihren unzähligen nicht nachvollziehbaren Emotionen und Schwankungen. Danke für die Rezension. Ich werde mir das Buch auf jeden Fall zulegen.
#5 am 25.04.2017 von Gast 42 (Gast)
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@#2: Absolut! Harald Stadler und Barbara Schaden stehen übrigens in dieser Reihenfolge im Buch. Also nix Ladies first ... :)
#4 am 25.04.2017 von Dr. med. Peter Teuschel (Arzt)
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Für mich sind es einzigartige Menschen die nur leider nicht in diese Art von Leistungsgesellschaft passen aber in vielerlei Hinsicht immer wieder durch ihre ganz besondere"Art" angenehm überraschen wenn man mit Ihnen ehrlich und freundlich umgeht.
#3 am 25.04.2017 von Annette Brillat (Arzthelferin)
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Oh, schön, eine Rezension und dann zu einem so lesenswerten Buch. Danke! Allerdings: Dass die deutsche Version"sehr lebendig erzählt" und "gut lesbar" ist, ist natürlich auch der große Verdienst des Übersetzerteams, Harald Stadler und Barbara Schaden, die diese 500 Seiten für das deutsche Publikum übertragen haben. Auch Sachbuchübersetzer sollten genannt werden.
#2 am 25.04.2017 von Imke Brodersen (Medizinjournalistin)
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Vielen Dank für diesen Blogbeitrag! Ich sehe es wie Sie: " ...es wäre schön, wenn wir die Einzigartigkeit der Menschen in ihrer Vielfalt mit großer Toleranz und Mitmenschlichkeit annehmen könnten." Ich gebe mir Mühe.
#1 am 25.04.2017 von Maja Wiens (Medizinjournalistin)
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