Ruhm, Ehre und Schulden

11.04.2017
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Niemand will Hausarzt werden. Ist es heutzutage noch zeitgemäß, von einem jungen Arzt zu erwarten, sich hoch zu verschulden und für den Rest seines Arbeitslebens auf einen Ort festzulegen?


Uwe grüßt lässig zurück. Ein Unbekannter hat ihm gerade freundlich zugenickt und fünf Minuten zuvor war ein älterer Mann mit Rollator vorbeigeschluft und hat sogar seinen Hut gezogen.

Ich kann nur den Kopf schütteln. „Sag mal, bist du zufällig der Papst?‟

Uwe lächelt und nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas. Wir sitzen auf dem Marktplatz vor Gepettos Restaurant und lassen das Leben an uns vorbeiziehen. Es ist ein herrlich-milder Frühlingsabend, alles blüht, die Sonne scheint, Vögel zwitschern und ein Kleinkind wackelt über das Pflaster, die Mama im Kinderwagen hinterher.


„Ich habe nun einmal den schönsten Job der Welt!‟

Zwei etwas größere Kinder rollern vorbei und auf der Bank vor dem Rathaus sitzt eine Gang von Jugendlichen und ist hauptsächlich damit beschäftigt, cool auszusehen. Und Uwe wird schon wieder gegrüßt.

„Hey, wenn es da etwas gibt, was ich nicht weiß, dann sag’s mir einfach!‟

Uwe lächelt immer noch und trinkt einen weiteren Schluck Bier.

„Ich habe nun einmal den schönsten Job der Welt!‟, sagt er.

Uwe ist Hausarzt. Offenbar mit Leib und Seele.

„Kannst du auch machen!‟, fügt er hinzu.

„Warum sollte ich?‟

„Kaiser Wilhelm sucht einen Nachfolger!‟

Der Kaiser unter den Hausärzten

Das ist nichts Neues. Dr. Wilhelm Kaiser – in der ganzen Stadt bekannt als Kaiser Wilhelm – hat mittlerweile längst sein siebzigstes Lebensjahr überschritten. Oder so ähnlich, ganz genau weiß das keiner. Weil er bislang keinen Nachfolger gefunden hat, steht er weiterhin jeden Tag von früh bis spät in der Praxis und ich habe ihn jede Woche mehrmals am Telefon, weil es für ihn eine Ehrensache ist, sich regelmäßig nach seinen Patienten zu erkundigen, wenn die stationär bei uns liegen.

Er will seine Patienten ja schließlich nicht im Stich lassen! Wenn er einen von ihnen ins Krankenhaus einweisen musste, hat er ihn persönlich begleitet. Das schafft er nun gesundheitlich nicht mehr, aber immerhin schickt er jedes Mal eine seiner Helferinnen mit. Kein anderer Hausarzt tut das, auch Uwe nicht.

Hausarzt zu werden hat seinen Preis

Er setzt das Bierglas ab und schaut mich an. „Du könntest seinen Laden übernehmen!‟

„Will ich aber nicht.‟

„Warum nicht?‟

Ich zucke mit den Schultern. Kalle hat es vor ein paar Monaten versucht. Unzählige Male hat er sich mit Dr. Kaiser getroffen, hat viele Gespräche geführt und sogar in der Praxis hospitiert, aber letzendlich sind sie sich nicht einig geworden.

Kaiser Wilhelm verlangt einen ziemlich stolzen Preis!

Uwe lacht. „Ich weiß. Über 100.000 Euro will er haben. Und dazu muss man nochmal mindestens ebensoviel hineinstecken. Die Ausstattung ist total veraltet, man braucht eine komplett neue EDV, neue Geräte und dann dann muss man die Räumlichkeiten gründlich renovieren. Außerdem erwartet Dr. Kaiser, dass man sein Team komplett übernimmt, und wer weiß, ob die Damen so einfach mit einem neuen Arzt zurechtkommen werden. Und was den Patientenstamm betrifft ...‟

„Du bist ja gut informiert!‟

So viel Schulden, so viel Gebundenheit

„Normalerweise werden diese Informationen so vertraulich behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Aber hin und wieder erfährt man ja das eine oder andere!‟

Gepetto serviert unsere Pizzen. Ich bestelle mir noch ein zweites Bier. Das kann ich mir leisten. Letzte Woche ist das Gehalt gekommen, mein Konto ist satt im Plus.

„Ich hätte kein gutes Gefühl dabei, 200.000 Euro Schulden an der Backe zu haben!‟, sage ich zwischen zwei Bissen.

Uwe lacht wieder. „Bei mir sind es sogar 250.000!‟

Um Himmelswillen! Fast wäre mir die Gabel aus der Hand gefallen. „Wirst Du die jemals wieder hereinbekommen?‟

Uwe antwortet nicht. Er lächelt. Auf der anderen Seite des Marktplatzes hat er schon wieder einen Bekannten entdeckt.

„Du bist doch auf Ewigkeiten an diesen Ort gebunden!‟, füge ich hinzu. „Was ist, wenn deine Frau Dich verlässt unddDu die Liebe deines Lebens in Timbuktu kennenlernst? Oder wenn du nach der Midlife-Crisis auf die Idee kommst, in Neuseeland Schafe züchten zu wollen?‟

Uwe schüttelt den Kopf. „Manchmal muss man halt Entscheidungen treffen!‟, sagt er.
 

Bildquelle: Prayitno, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.04.2017.

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Gast
Als ich mich in den 80-er Jahren als Internist niedergelassen habe, wurden einem die Kredite von der Bank fatal leicht gemacht. Auch ich habe damals schon sehr viel Geld in der genannten Höhe aufnehmen müssen. Es hat dann zu einem passablen Leben gereicht, Reichtümer waren aber nicht zu generieren, da mit jeder sogenannten Gesundheitsreform die Verdienstbedingungen nicht reformiert, sondern erheblich deformiert wurden. Die Arbeit hat mir ein Leben lang viel Spass gemacht, meine Praxis war immer voll, meine Patienten dankbar, ich bin zufrieden. Mittlerweile bin ich glücklicher Rentner, konnte meine Praxis zwar noch verkaufen, allerdings zu einem Spottpreis im Vergleich zu dem damaligen Übernahmepreis. Ich würe jedem raten, sich auf keinen Fall so hoch zu verschulden, zumal die Entwicklung in unserer politischen und standespolitischen Landschaft absolut nicht überschaubar ist. Auch als angestellter Arzt kann man gute Medizin machen und Lebenszufriedenheit gewinnen.
#15 am 14.04.2017 von Gast
  0
wer auf dem Land wohnt und dieses vielleicht ganz einsam in der Altmark liegt, weiss jeden Allgemeinmediziner zu schätzen, der den Mut hat, eine Hausarztpraxis zu übernehmen. Mitunter wird man als Zugezogener überhaupt nicht im Wohngebiet angenommen und muss viele km in die nächste Kreisstadt fahren, von den Facharztterminen ganz zu schweigen. Achja, ich vergaß zu erwähnen, dass das natürlich nur den Kassenpatienten so geht, aber die können am allerwenigsten was an dieser Misere ausrichten...
#14 am 13.04.2017 von marina geyer (Heilpraktikerin)
  2
Gast
Ich bin kein Arzt, aber Vermieter: Wir hatten eine Arztpraxis vermietet, der Arzt hat vor einiger Zeit altershalber aufgehört. Eine jüngere Kollegin übernahm die Praxis, hat aber noch eine andere Praxis und sucht daher einen Partner/-in. Es ist eine Facharztpraxis, also abends nicht bis ultimo und mit den Sprechzeiten könnte man sich abwechseln. Was soll ich sagen, sie findet nur Kollegen, die ins Angestelltenverhältnis wollen. Wir vermieten außerdem noch mehrere Ladenlokale. Falls mal eines frei wird, sind die einzigen Interessenten Türken oder Asiaten.Die deutschen Ladeninhaber können wir an einem Finger abzählen. Die Deutschen möchten ein sicheres Angestelltenverhältnis und andererseits aber jederzeit flexibel sein... Es ist kein Arztproblem, es ist inzwischen ein Mentalitätsproblem.
#13 am 13.04.2017 von Gast
  2
Medizinstudentin
Was bisher noch nicht aufkam: Auch ohne eigene Praxis kann der idealisierte Arzt sich aufopferungsvoll, menschlich und gewissenhaft um seine Patienten kümmern. Die Frage ist eben ob man a u c h n o c h bereit ist ein großes finanzielles Risiko einzugehen und sich massiver Bürokratie zu unterwerfen. Wer kann es da der Privatperson überl nehmen wenn sie unter mehreren Alternativen nicht die mit den größten Nachteilen wählt?
#12 am 13.04.2017 von Medizinstudentin (Gast)
  0
Ärztin
Es ist schon witzig wie diese Diskussionen darauf hinauslaufen dass Ärzte gefälligst selbstlos, aufopfernd, pflichtbewusst und patientenorientiert sein sollen wenn es um Entscheidungen der persönlichen, sozialen, familiären und finanziellen Zukunftsplanung geht... um heute noch ein "guter Arzt" zu sein muss er ja ein Heiliger sein (ebenso seine Familie). Gleichzeitig wird angeführt dass ein gut ausgestatteter Handwerksbetrieb mit höherem finanziellen Aufwand behaftet ist... aus meiner ehemaligen Schulklasse haben sich einige selbstständig gemacht -raten Sie mal- die haben auch seit ihrem 17. Lebensjahr gearbeitet und Geld verdient... in dem Jahr als ich mein erstes Assistenzarztgehalt bekommen habe, hatten die z.T. schon einen Meisterbrief an der Wand, hatten ein Haus gebaut und haben dann später von der Bank natürlich jederzeit mit Handkuss einen Kredit für ihre Unternehmensgründung bekommen... von denen erwartet keiner ihre Zukunftsplanung nach ethischen Aspekten zu gestalten.
#11 am 13.04.2017 von Ärztin (Gast)
  0
200000€ , und normale Arbeitnehmer bekommen für das Geld heute nicht mal eine Immobilie. Und verschulden sich bei weniger Einkommen trotzdem, weil sie an etwas glauben. an was glaubt denn ein Arzt? an Geld oder an den Eid. Mal provokativ gefragt. Gottseidank ist meinem Arzt der Patient wichtig und man glaubt es kaum, dass hat ihn auch finanziell erfolgreich gemacht. PS. Er ist ein Gegner der IGEL
#10 am 13.04.2017 von Rainer Weers (Nichtmedizinische Berufe)
  9
Gast
Die armen Ärzte können einem wirklich leid tun.
#9 am 13.04.2017 von Gast
  16
Gast
Das Thema ist immer hochaktuell, besonders bei KV Ärzten. Man merkt, dass die meisten Komments von Leuten kommen, die nichts mit KV zu tun haben. Ich habe mich geweigert 200000€ Schulden zu machen und meine Gesundheit für KV zu ruinieren. Es ist so wie so ein Unding wie mafiös KV Strukturen sind und es sich anmaßen mir vorzuschreiben, in der freien Marktwirtschaft, wo ich meine Praxis aufzumachen habe. Aber solange es immer noch genügend junge Ärzte gibt, die diese Struktur unterstützen, wird die KV sich weiterhin auf Kosten der Patienten und unserer Gesundheit bereichern. Die Banken machen ja auch jedes mal ein fettes Geschäft, also wäscht die eine hand schön die andere. Ich kann nur an alle Kollegen appelieren! Lasst Euch nicht ausnutzen und über den Tisch ziehen! Immerhin gehen auf die Facharztausbildung die besten Jahre drauf!
#8 am 13.04.2017 von Gast
  1
geneigter Leser, Arzt
In diesem sehr schönen Beitrag (vielen Dank) sind ja zwei Aspekte interessant: Geld und Bindung. 200 T€ ist nicht viel Geld? Kommt auf Umsatz und Gewinn an. Wollen wir mal eine Diskussion über ein angemessenes Einkommen eines KV- Arztes beginnen? Gerne, aber dann werden wohl viele desillusioniert sein, die immer noch glauben, dass sich jeder niedergelassene Arzt Vermögen aufhäufen kann. Und dann die Bindung an einen bestimmten Ort und Berufsausübung. Mit einem KV- Sitz auch nur in den nächsten Ort umzuziehen, ist schwer geworden. Flexibilität am Arbeitsplatz, Gleitzeit etc. sind meist eine Illusion. Und jemand, der den Versorgungsauftrag ernst nimmt, ist schnell frustriert. Warum denken eigentlich immer alle, dass niedergelassener Arzt ein "Hallo, Onkel Doc- Job" mit wenig Patienten, viel Geld und viel Zeit ist?
#7 am 12.04.2017 von geneigter Leser, Arzt (Gast)
  1
Uwe hat gut lachen , denn er ist in der Stadt sehr gut angekommen , er muss zwar sehr viel arbeiten , aber dafür ist er mittlerweile sehr anerkannt , sehr beliebt und hat sicherlich solche Umsatzzahlen , dass er sich keinerlei Sorgen um seine finanzielle Zukunft machen muss !!! Außerdem .....und auch das kann passieren , gefällt ihm seine Situation als erfolgreicher Allgemeinarzt ohne ernsthafte Konkurrenz
#6 am 12.04.2017 von dr. med.vet Axel Linhart (Tierarzt)
  2
Gast
Viel Geld für eine magere Rendite. Mehr als einen Jahresumsatz sollte man keinesfalls ausgeben.
#5 am 12.04.2017 von Gast
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200.000 als Investition in so ein Geschäft ist doch nicht viel. Ein gut ausgestatteter Zimmermannsbetrieb, eine Dachdeckerei oder Landtechnische Schmiede sind weitaus teurer und werden nicht von den besten Abi-Abschlüsslern betrieben - wo hakt es denn?
#4 am 12.04.2017 von Jens Lau (Heilpraktiker)
  10
Gast
@ 1: Höflicher Dissens: Ein Fall aus dem Familienkreis: Engagierter FA für Allgemeinmedizin, hat eine Praxis übernommen, 10 Jahre hart gearbeitet, dann wieder die Zulassung zurückgegeben. Wirtschaftlich zwar plus minus null aus der Sache rausgekommen, aber eben kein sonderliches Plusgeschäft, wie man es ihm gegönnt hätte. Geld ist halt nicht alles, aber schön, wenn man's hat.
#3 am 12.04.2017 von Gast
  0
Gast
Ich denke 200.000 euro ist übertrieben. Meine gutgehende Hausarztpraxis hat vor 7 jahren in Hamburg mit Renovierungskosten ca. 70.000 euro gekostet (inkl neuer computer etc)
#2 am 12.04.2017 von Gast
  5
Gast
Nun, es gibt Leute, die werden aus Freude an der Aufgabe Maler oder Bäcker oder Atomphysiker oder Arzt. Andere werden irgendwas der Aussicht auf Kohle wegen oder ihrer Faulheit wegen. Die, die aus Freude an der Aufgabe einen Beruf ergreifen, sind meist die besten. Das sind dann eben die Hausärzte, die sich verschulden etc. - und im Grunde genommen wissen, dass diese Schulden gut verzinst und abgetragen werden können, wenn alles einigermaßen normal läuft.
#1 am 12.04.2017 von Gast
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