Der (über-)informierte Patient?

19.01.2011
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Unser aus ethischen und nicht zuletzt auch aus medizinrechtlichen Gründen erklärtes Ziel ist der über seine Erkrankung, die geplante Therapie, mögliche Behandlungsalternativen und Komplikationen ausführlich aufgeklärte Patient, der dies durch seine Unterschrift auf der Einverständniserklärung dokumentiert. Im Englisch sprachigen Raum spricht man vom informed consent, der informierten Zustimmung. Die juristische Bedeutung dieser Prinzipien wird ersichtlich, wenn man bedenkt, dass Aufklärungsfehler und/oder eine mangelhafte Dokumentation auf diesem Gebiet bei Kunstfehlerprozessen nicht selten über den Ausgang entscheiden.

Herrschte noch vor 40 Jahren das paternalistsche Modell vor, bei dem der Arzt mehr oder weniger allein über die Therapie entschied (etwa so: "Sie haben eine Blinddarmentzündung. Das Ding muss raus. Wir werden Sie gleich operieren. Da machen wir einen kleinen Schnitt, ungefähr an dieser Stelle. Ein Routineeingriff. Unterschreiben Sie hier."), so folgt man heute eher dem Prinzip der partizipativen Entscheidungsfindung, bei dem Arzt und Patient gemeinsam eine Entscheidung treffen, der Arzt alle dafür relevanten Informationen liefert, aber gegebenenfalls auch eine klare Empfehlung ausspricht (etwa so: "Sie haben eine akute Blinddarmentzündung und sollten operiert werden. Wir können das mit einer Schnittoperation oder endoskopisch machen, aber in Ihrem Fall empfehle ich Ihnen ein offenes Vorgehen, da der Blinddarm wahrscheinlich perforiert ist. Das ist eine Standartoperation. Es können zwar folgende Komplikationen auftreten...."). Es gibt aber auch das Informationsmodell, bei dem der Patient nach der Aufklärung allein die Entscheidung trifft (etwa so: "Sie haben eine akute Blinddarmentzündung und sollten operiert werden. Man kann das mit einer Schnittoperaion oder endoskopisch machen. Beides sind Standardverfahren und haben folgende Vor- und Nachteile... Was sollen wir tun?).

Aber der vollkommen uninformierte Paient ist heutzutage eher die Ausnahme. 

War es früher für den Laien relativ aufwendig an medizinische Fachinformationen heranzukommen, so ist es inzwischen über das Internet ein Leichtes sich ausführlich zu informieren. Geben Sie einen beliebigen medizinischen Fachbegrff oder eine Diagnose in eine Suchmaschine ein und Sie werden tausende, wenn nicht sogar millionen Webseiten zu dem Thema finden. Das Problem ist, dass das moderne Google-Orakel manchmal genauso kryptische Aussagen liefert wie vor 2.000 Jahren das Orakel von Delphi. Denn die Informationen sind natürlich ungefiltert, unbewertet, teils subjektiv und für den medizinischen Laien nicht immer verständlich, wenn nicht sogar irreführend und mitunter kommerziell gefärbt. Selbst viele Ärzte können die Qualität einer publizierten Studie nicht immer auf Anhieb beurteilen. Kaum eine Behandlungsmethode, die nicht auf irgendeiner Seite scharf kritisiert oder in den höchsten Tönen gepriesen wird, egal wie dubios die Quelle sein mag.

Immer wieder und immer öfter begegnen uns daher beim Aufklärungsgespräch Patienten, die einen dicken Stapel Ausdrucke aus dem Internet zum Aufklärungsgespräch mitbringen und uns teils mit fundiertem Fachwissen, teils aber auch mit dem Wunsch oder Fragen zu haarsträubenden alternativen Behandlungsmethoden konfrontieren, die es dann im Gespräch zu sichten gilt. Das kann mitunter anstrengend und zeitaufwendig sein.

Man sollte als chirurgisch tätiger Arzt nie vergessen, dass sich der Patient vor einem operativen Eingriff fast immer in einer emotionalen Ausnahmesituation befindet. Für den Betroffenen ist eine Operation in der Regel keine Routine, sondern etwas potentiell Bedrohliches, verbunden mit einem Kontrollverlust. Er begibt sich in unsere Hände. Man sollte daher seine Ängste und sein Gesprächsbedürfnis ernst nehmen und darauf eingehen, wobei das Informationsmodell aus meiner Sicht den Patienten im Zweifelsfall mit einer Entscheidung allein lässt, die er nicht wirklich alleine fällen kann. Als Arzt sollte man sich nicht scheuen eine klare Empfehlung auszusprechen, was man begründet für das beste Vorgehen in dem betreffenden Fall hält, und auch bereit sein, dem Patienten die Möglichkeit zu bieten, eine Zweitmeinung einzuholen.

Das auch in unserer Klinik praktizierte Prinzip der Stufenaufkärung, bei dem der Patient zunächst einen Aufklärungsbogen erhält, den er durchlesen kann und der in einem zweiten Schritt mit ihm mündlich besprochen wird, ist wahrscheinlich der Standart und eine der besten Methoden der Aufklärung, auch aus forensischen Gründen. Man sollte sich jedoch keine Illusionen darüber machen, wie viele Informationen dabei tatsächlich ankommen. In einer Studie hat man Patienten, die so aufgeklärt wurden, zwei Tage nach dem Eingriff befragt, was bei ihnen gemacht wurde. Ein nicht unerheblicher Anteil konnte darüber keine genaue Auskunft geben. Sie hatten es schlicht (möglicherweise durch die psychische Belastung in der Aufklärungssituation) vergessen. Wer dies weiß, der kann auch im Streitfall getroffenen Patientenaussagen besser verstehen, dass zum Beispiel bestimmte Komplikationen nie besprochen wurden, obwohl dies klar dokumentiert wurde. Die Patienten wissen es tatsächlich nicht mehr!

Letztlich glaube ich, die meisten Patienten wollen bei allem Aufklärungsbedarf von ihrem Arzt am liebsten hören, dass am Ende alles gut wird, dass sie ihm vertrauen können und dass er sie heilen wird. Gar nicht so selten kommt es daher auch vor, dass Patienten im Aufklärungsgespräch sagen, dass sie gar nicht so ausführlich über mögliche Komplikationen informiert werden wollen. Zuviel Informationen können auch beunruhigend sein.

 

Titelbild: © Rainer Sturm / PIXELIO

Artikel letztmalig aktualisiert am 04.12.2013.

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