Neue Schubladen für die Psychiatrie?

07.04.2017
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Die Psychiatrie ist eine sehr traditionelle Geschichte. Aber manchmal ist es auch Zeit, die alten Zöpfe mit neuer Farbe oder anderem Look zu erneuern. Das amerikanische RDoC-Projekt könnte so ein Ansatz sein.

Um das Jahr 2001 habe ich bei meinem damaligen Chef, Prof. Benkert, an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Mainz einen Termin in Sachen ADHS gehabt. Im Verlauf des Gesprächs habe ich mich im Scherz beschwert, dass das bisherige Klassifikationssystem von psychischen Störungen nach ICD bzw. DSM nicht mal ansatzweise beschreibt, was neurobiologisch und neuropsychologisch tatsächlich stattfindet. Außerdem würden die Schubladen der bisherigen Psychiatrie so jegliche Beschreibung von höheren Handlungsfunktionen im ADHS- oder Autismusspektrum, also Besonderheiten wie Emotionale Dysregulation/Affektive Labiität und die Kontextabhängigkeit von Symptomen, unmöglich machen.

Ich wollte eine Klassifikation auf der Grundlage neurobiologischer Funktionsabweichungen und Exekutivfunktionen/Arousal/Belohnungssysteme. Das, so argumentierte ich damals, würde doch viel mehr abbilden, was im Gehirn passiert und so vielleicht auch bessere Behandlungsoptionen ermöglichen.

Die Psychiatrie-Welt auf den Kopf stellen?

Die Antwort von Benkert war ehrlich und entwaffnend: Ich solle erstmal meine 20 Publikationen für meine Habilitation fertig bekommen, dann könne ich die Psychiatrie-Welt auf den Kopf stellen.

Aber die Vorstellung für meine Oberärzte 20 sinnfreie Wiederholungsforschungen zur Psychopharmakotherapie durchzuführen, war für mich damals nicht besonders attraktiv. Es wollte einfach nicht in meinen Kopf, dass ich erst diese Fleißarbeiten machen müsste, um dann kreativ andere Wege suchen zu können – vielleicht sogar eine neue „Psychiatrie-Welt“.

Natürlich hatte Benkert damals recht, obwohl er damals auch zustimmen musste, dass eine solche Klassifikation das bisherige Weltbild unseres Fachbereichs auf neue Beine stellen würde. Oder auf den Kopf.

Und dann doch: Ein neuer Ansatz aus den USA

Umso positiver überrascht war ich, als ich erfuhr, dass es jetzt tatsächlich eine solche Forschungsüberlegung gibt. Nicht aus Mainz, sondern den USA. 

Die Research Domain Criteria Initiative (RDoC) versucht, auf einer dimensionalen Ebene Funktionsbeschreibungen für relevante Bereiche der Psyche zu liefern, die sich sehr stark an neurobiologischen und neuropsychologischen Kenntnissen und Paradigmen orientieren.

Sozialpsychiater werden jetzt völlig berechtigt aufschreien und die Ignoranz dieser biologischen Psychiatrie bemängeln, die die Kontextfaktoren und Funktionalitäten auszuschließen scheint. Gerade für mich als Psychotherapeuten ist der RDoC-Ansatz sicher auch nicht das Gelbe vom Ei, aber dennoch eine neue Ebene der Betrachtung, die ich durchaus interessant finde.

Natürlich könnte man sich hinreichend über die Einteilung und Auswahl dieser Bereiche streiten. Gerade im Bereich von Autismus könnte man beispielsweise hinterfragen, ob es sich denn aus der Wahrnehmung der Betroffenen überhaupt um eine Krankheit handelt. Noch fraglicher wäre dann, ob man die beschriebenen Abweichungen von einer wie auch immer zu definierenden Norm überhaupt behandeln sollte. Aber das ist ein anderes Thema.

Landkarte der mentalen Gesundheit

Erstmal geht es darum, eine Art Landkarte im Bereich der mentalen Gesundheit neu zu entwickeln und daraus völlig neue Beschreibungsebenen und somit auch Forschungsansätze herleiten zu können.

Wichtig ist, dass man nun versucht mehr oder weniger überprüfbare Bereiche auf sehr unterschiedlichen Ebenen – angefangen beim Genom, weiter mit der molekularen Ebene, Zellfunktionen, neuronale Netze, Physiologie, Verhaltensebene bis hin zu Selbstbeobachtung/Symptomlisten – zu liefern. Und nicht allein kategorial versucht, psychische „Störungen“ in eine diagnostische Schublade zu stecken.

Die dabei gewählten Unterbereiche sind derzeit folgende:


Ein neuer Blickwinkel für uns

Das Projekt läuft schon einige Jahre. Es ist keine Neuerfindung der Welt, aber eine andere Art, auf unser Fachgebiet blicken zu können. Nicht vollständig, aber aus einem anderen Bllickwinkel.

Gerade im Bereich der Spektrum-Störungen wie ADHS oder Autismus ist das aus meiner Sicht der bessere Weg als die kategoriale (deskriptive) Diagnostik und Einteilung, beispielsweise dann, wenn man die Begleit- und Folgestörungen und etwaige Verbindungen erkennen und untersuchen möchte. Oder die „Schattensyndrome“, also die nach ICD/DSM nicht vollständig ausgebildeten Störungen, genauer beleuchtet möchte. Die Schattensyndrome bilden bei unserer klinischen Arbeit eher die Masse als die Ausnahmen.

Vielleicht erlebe ich es also noch, dass man nicht mit Mühe und Not eine Diagnose zurechtschneidern muss, sondern dass man sich psychischen Störungen zunächst mit einer Beschreibung auf mehreren Ebenen nähern kann.

 

Bildquelle: Jinho Jung, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.04.2017.

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Medizin, Psychiatrie
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Gast
Diese nennt sich die Soziale Diagnose und es gibt sie in der praktischen Arbeit im Rahmen einer systemischen Therapie. Beschreibend, Komplexität reduzierend, Neubewertungen ermöglichend. Die Ermöglichungsprofession!
#5 am 04.05.2017 von Gast
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Was mir seit ,ängerem duch den Kopf geht, ist eine Betrachtung der Schwierigkeiten von ADHSlern, Aspies & Co. als Teileistungsstörungen. Die neurobio-/-psychologischen Hintergründe sind ja ganz nett und auch relevant für die Weitererentwickung von Theapieansätzen, aber das wird nichts am Grundproblem der Pathologisierung und Stigmatisierung von anders aufmerksamen Menschen ändern. Eine Umklassifizierung als Teilleistungsstörungen würde der Sachlage IMHO besser gerecht und würde die betroffenen entlasten.
#4 am 20.04.2017 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Gast
Und außerdem sind sowohl die ICD als auch die DSM-Klassifikation jeweils durch politische Zwänge beeinflusst...oder meint ernsthaft jemand, dass in den eher anonymen, man kann auch sagen Hinterzimmern der Experten-Kommissionen zu ICD-11 und zuvor DSM-5 alles nach rein objektiven, wissenschaftlichen Kriterien entschieden wird...da geht es dann sehr oft auch darum, was politisch tragbar oder was politisch gewollt ist...
#3 am 12.04.2017 von Gast
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Finde ich merkwürdig, dass ausgerechnet das Beispiel "Autismus" für den psychiatrischen Neuanfang gewählt wird. Autismus ist eine neurobiologische Variante , ob der Krankheitsbegriff überhaupt erfüllt wird, ist zweifelhaft. . Aber was ist mit dem "täglichen Brot" eines Psychiaters? Psychosen, Phobien, PTBS, Depressionen? Sind die auch neurobiologisch oder können psychische Krankheiten auch mal wieder psychisch sein?. Psychisch Kranke haben imho keine biologischen Probleme, sondern konnten aus diesem und jenen Grund gewisse Lernerfahrungen nicht gut in ihre Persönlichkeiten integrieren, beispielsweise Selbstwirksamkeit bei späteren Depressionen. Die beste Intervention ist und bleibt Lernen durch und von Menschen ( Psychotherapie). Dort holt man nach, was versäumt wurde.
#2 am 11.04.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Und wieder hat Amerika mit einer neuen Forschungsrichtung die Nase vorn, weil ein etablierter Professor hierzulande einem Nachwuchsforscher "die Flausen", d.h. die Kreativität ausgeredet/ausgetrieben hat....
#1 am 11.04.2017 von Christoph Tsirigiotis (Arzt)
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Nun haben sie dazu ja auch erstmal jede Berechtigung, schließlich sind viele der Patienten aufgrund von mehr...
Ich gebe zu : Ich bin gefährdet bzw. möglicherweise betroffen. Wenn es denn das "Text neck" überhaupt mehr...
Eigentlich ist der Trend ja schon wieder vorbei. Oder? Fidget Spinner haben derzeit eine riesige Nachfrage und nerven mehr...

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